Titel: Neue Constructionen von Schienen, Drehscheiben, Rädern und Bremsen für Eisenbahnen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1845, Band 98, Nr. CXXIII./Miszelle 1 (S. 485–458)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj098/mi098123_1

Neue Constructionen von Schienen, Drehscheiben, Rädern und Bremsen für Eisenbahnen.

Mit sorgsamer Benuzung meiner während acht Jahren im Eisenbahnbetriebe gesammelten Erfahrungen, und nach vielfachen Versuchen und Beobachtungen ist es mir gelungen neue Constructionen von Schienen, Drehscheiben, Achsen, Rädern, Achsenbüchsen mit Achsenpfannen und Bremsen oder Hemmzeugen zu erfinden, welche nach den zum Theil davon schon vorliegenden Resultaten und den Ansichten von andern Sachverständigen zu urtheilen, mancherlei bedeutende Vortheile versprechen.

1. Schienen.

Die Construction der Schienen, namentlich aber deren Befestigung auf einer Eisenbahn äußert einen großen Einfluß auf die Unterhaltungskosten nicht nur der Bahn selbst, sondern auch auf die der Locomotiven und Wagen, so wie auch auf die Bequemlichkeit und die Sicherheit der Reisenden.

Die beständigen Klagen der bei den Eisenbahnen zur Erhaltung der Fahrgeleise angestellten Beamten über die Schwierigkeit, die Schienen, namentlich an den Stellen, wo solche zusammentreten (die Schienenstöße) im richtigen Niveau zu erhalten, veranlaßten mich. diesen Gegenstand seit längerer Zeit schon mit besonderer Aufmerksamkeit zu beachten und mancherlei Versuche zur Verbesserung anzustellen. Ich darf glauben, daß es mir jezt vollkommen gelungen ist, durch eine von mir erfundene, von den bisher befolgten Systemen ganz abweichende Construction der Schienen nicht nur diesen großen Uebelstand zu beseitigen, sondern auch zugleich andere wesentliche Vortheile zu erreichen.

Meine Erfindung gewährt unter anderm Folgendes:

1) Mein System ist der Art, daß die Verbindung der Schienen so vollkommen hergestellt werden kann, als ob die ganze Länge eines Schienenstranges aus einer einzigen Schiene bestände, ohne jedoch die Ausdehnung oder Zusammenziehung des Eisens bei Temperaturwechsel im mindesten zu hindern.

2) Die Stühlchen (chairs) oder die Verbindungsplatten können gänzlich in Wegfall kommen.

3) Eine Senkung der Schienenstöße kann gar nicht stattfinden.

4) Die Wagenräder werden ruhiger, ohne den jetzt so fühlbaren Schlag, über diese Schienen gehen und die Sicherheit und Bequemlichkeit der Reisenden wird gewinnen.

5) Es werden weniger Unterstüzungspunkte gebraucht, überhaupt wird der Oberbau eher wohlfeiler als theurer zu stehen kommen und die Schienen besser gerichtet und in die Curven gebogen werden können.

6) Die Unterhaltung der Bahn und der Fahrzeuge wird weit weniger kosten als bisher.

7) Dieses System ist nicht nur für neu zu erbauende, sondern auch für die

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Unterhaltung und Ergänzung der schon bestehenden Eisenbahnen in Anwendung zu bringen.

Andere Sachverständige, denen ich meine Erfindung zu vertraulicher Begutachtung vorlegte, erklärten sich mit den obigen Angaben vollkommen einverstanden.

2. Drehscheiben.

Die Drehscheibe ist eines der nothwendigsten und unentbehrlichsten Hülfsmittel beim Eisenbahnbetriebe. Man kann deren an den Stationen nie zu viel haben, da mit jeder mehr die Bewegung des Verkehrs erleichtert wird.

Die bisher gebräuchlichen Constructionen lassen viel zu wünschen. Hauptsächlich sind solche zu theuer, verursachen viel Unterhal ungskosten und Störungen bei den öftern Reparaturen.

Die Drehscheiben nach meiner Erfindung, welche von den bisher bekannten Constructionen ganz abweichen, können beliebig von 10 bis zu 40 Fuß Durchmesser in jeder gewöhnlichen Schmiede binnen wenig Tagen erbaut werden und gewähren unter anderm folgende Vortheile:

1) Die Anlagekosten sind weit geringer als andere.

2) Diese Drehscheiben werden keine oder doch nur äußerst wenig Reparaturkosten erfordern, da weder Räder noch Rollen, weder Achsen noch Achsenpfannen, noch sonst ein Theil an denselben vorhanden ist, welcher einer Schmierung bedarf.

3) Die darauf gebrachte Last läßt sich mit größter Leichtigkeit bewegen, gleichviel ob solche in der Mitte oder auf dem äußersten Rande liegt.

3. Achsen.

Die Achse, der wichtigste und deßhalb auch der gefährlichste Theil an einem Eisenbahnfuhrwerke, ist immerfort der Gegenstand der aufmerksamsten Beobachtungen gewesen, aber man hat noch kein völlig sicheres Mittel gegen den Bruch derselben gefunden.

Mein von allen bisher bekannten völlig abweichendes Princip der Anfertigung leistet unter andern auch dafür Garantie, daß das zu einer Achse bestimmte, vorher in einzelnen Theilen geprüfte Eisen genau in demselben Zustande verbleibt, nicht durch die Schweißung verlezt, verbrannt und sonst unsicher werden kann, was nach den bestehenden Methoden, der geschikteste Arbeiter nicht zu verbürgen vermag; schon deßhalb allein können diese Achsen nicht so leicht brechen als andere.

Bei meinem Verfahren treten aber noch mehr günstige Umstände ein. Mehrere Sachverständige, theils Physiker, theils Techniker, denen ich vertraulich meine auf beiden Wissenschaften begründete Verfahrungsweise mitgetheilt habe, hegen die Ansicht, daß diese Achsen keinenfalls plözlich, vielleicht niemals, wahrscheinlich aber doch erst nach langem Gebrauche brechen werden, da die bisher angenommenen Ursachen des Bruches beseitigt scheinen. Die, wenn auch erst kurze Zeit hier vorliegenden Versuche haben vollste Befriedigung gegeben.

Diese Achsen werden deßhalb folgende Vortheile gegen die besten bisher hier angewendeten geben:

1) mehr Sicherheit für das reisende Publicum und für die Fuhrwerke;

2) weniger Anschaffungskosten;

3) mehr Haltbarkeit, also längere Dauer und deßhalb bedeutend weniger Unterhaltungskosten;

4) sehr leichte Anfertigung der Achsen, da solche ohne besonders kostspielige Einrichtungen in jeder gewöhnlichen Schmiede vollkommen gut geschehen kann;

5) höhere Verwerthung des Materials, wenn solche Achsen etwa nach einer bestimmten Dienstzeit ausgewechselt werden sollen.

Der Gesammtnuzen in pecuniärer Hinsicht ist auf 10 bis 20 Thlr. pro Stük gegen die jezt hier gebräuchlichen Wagenachsen anzuschlagen, ohne die längere Dauerzeit zu rechnen.

4. Räder.

Die allgemein gebräuchlichen Losh-Patenträder hält man bis jezt für die besten und mit Recht, nach den Erfahrungen von 10 Jahren.

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Die Räder nach meiner Erfindung aber gewähren gegen jene nach den im hiesigen Betriebe seit 6 Monaten schon vorliegenden Erfahrungen folgende Vortheile:

1) Geringere Anschaffungskosten.

2) Leichte Anfertigung. Die Räder können in jeder Reparatur-Werkstätte einer Eisenbahnstation ohne besondere Vorrichtungen durch die gewöhnlichen Arbeiter vollkommen gut angefertigt werden.

3) Weit größere Dauer und Sicherheit, da z. B. ein Bruch der Speichen, wodurch die Losh- und andere Räder völlig unbrauchbar werden, nicht eintreten, auch sogar bei dem Bruche des Radreifens das Rad nicht zusammenbrechen kann, wie es bei Losh- und andern Rädern oft vorgekommen ist.

4) Längere Nuzung der Radreifen und deßhalb bedeutende Ersparniß an Reparaturkosten. Ich habe abgenuzte Radreifen, welche, für Losh-Räder nicht mehr brauchbar, von denselben abgenommen und zum alten Eisen geworfen waren, auf meine Räder aufziehen, solche nochmals abdrehen und unter die schwersten Lastwagen bringen lassen, wo sie seit 6 Monaten gute Dienste thun und dem Anschein nach noch lange Zeit thun werden.

5) Mehr Tragfähigkeit, weniger Windfang, namentlich aber weniger Vibration, weßhalb nicht nur das Geräusch der Wagen bedeutend vermindert und der Gang derselben sich weit ruhiger zeigt, sondern auch in Folge der gebrochenen Vibration zwischen Schiene und Nabe die Achsen weit weniger erschüttert, deßhalb länger gesund und haltbar bleiben werden als bisher.

5. Achsenbüchsen und Achsenpfannen.

Die von mir erfundene Achsenbüchse kann längere Zeit in Gebrauch bleiben, ohne einer Ergänzung der Schmiermittel oder einer besondern Beaufsichtigung zu bedürfen und ist überhaupt von so einfacher Construction, daß der ungeschikteste Arbeiter sie kaum verwahrlosen kann. Die Schmierung der Achsenpfanne erfolgt bei Frost und Hize ganz sicher ohne irgend eine künstliche Vorrichtung, ohne Docht, ohne Balancier, ohne Feder oder sonst eins von den bekannter, Hülfsmitteln, welche durch Frost, Verschlämmung und andere Störungen oft plözlich unbrauchbar werden, die Achsen heiß laufen lassen, die Pfannen zerschmelzen machen und andere Unannehmlichkeiten herbeiführen. Auch die damit verbundenen Achsenpfannen sind nach meiner Erfindung und bestehen aus einer neuen, eigenthümlichen Zusammensezung von Pferdezähnen und Metall.

Diese Achsenbüchsen und Pfannen gewähren folgende Vortheile gegen die bisher angewendeten:

1) Ersparung an Fett oder Oehl.

2) Ersparung an Herstellungskosten der chsenpfannen

3) Ersparung an dem Verbrauch der Achsenpfannen, welche äußerst wenig Abnuzung zulassen und überhaupt nur einen sehr geringen Theil von dem Aufwande erfordern, welchen die bisher gebräuchlichen Messingpfannen verursachen.

4) Ersparung an mancherlei Arbeitslöhnen in Beziehung auf Vorstehendes.

5) Verminderte Friction, mithin Gewinn an Zugkraft. Die hier vorliegenden Erfahrungen ergeben, daß die Maschinen 25 Proc. und noch mehr über das gewohnte Gewicht ziehen, wenn die Wagen und Tender mit diesen Achfenbüchsen, namentlich aber mit den gedachten Achsenpfannen versehen sind.

6. Bremse.

Das Hemmzeug oder die Bremsen an Fuhrwerken und Maschinen aller Art, namentlich aber an Eisenbahnwagen ist ein eben so unentbehrlicher als für die Sicherheit der Wagenzüge überaus wichtiger Gegenstand. Man hat dergleichen in vielerlei Gestalt, meist zu hohen Preisen (bis zu 300 Thlr. und mehr), größtentheils von künstlichen Zusammensezungen, die leicht zerstört oder beschädigt werden und viel Reparaturkosten verursachen. In allem dem liegt die Ursache, weßhalb bisher nicht jeder Wagen mit Bremse versehen wurde, wie es eigentlich die Sicherstellung der Reisenden und der Fuhrwerke selbst erfordert.

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Die von mir erfundene Bremse ist von äußerst einfacher Construction und gewährt gegen andere Apparate der Art folgende Vortheile:

1) Dieselbe ist sehr schnell herzustellen, kann jedem Wagen leicht angefügt werden und kostet sehr wenig; etwa 30 bis 50 Thlr.

2) Die Hemmung ist sehr stark und kann ganz allmählich, aber auch im Nothfall augenbliklich erfolgen und zwar so, daß alle Räder eines Wagens durch einen geringen Druk der Hand sofort unbeweglich fest stehen müssen.

3) Die Bremse kann sich nie entzünden und erleidet so wenig Abnuzung, daß die Zeit einer Ergänzung oder Reparatur der reibenden Theile kaum abzusehen ist.

4) Das Spiel der Wagenfedern wird nicht unterbrochen, während dasselbe bei andern Bremsapparaten ganz aufhört und eine höchst unangenehme Erschütterung des Wagens verursacht.

5) Der Apparat kann auch so angelegt werden, daß die Hemmung sich selbst wieder lösen muß.

Für alle diese Erfindungen, welche meines Wissens durchgehends neu und noch nirgends in Anwendung gekommen sind, habe ich Patente in Amerika, England, Frankreich, Belgien, Oesterreich, Sachsen, Preußen etc. nachgesucht und offerire den Eisenbahn-Verwaltungen hiemit die Benuzung derselben. Meine Bedingungen werden dieselben im Gegensaz der durch meine Erfindungen zu erlangenden Vortheile sehr annehmbar finden.

Leipzig, den 15. Oktbr. 1845. F.

Busse.

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