Titel: Ueber die Bereitung von Antichlor, welches aus unterschwefligsaurem Natron besteht.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1846, Band 100/Miszelle 5 (S. 76–78)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj100/mi100mi01_5

Ueber die Bereitung von Antichlor, welches aus unterschwefligsaurem Natron besteht.

Das unterschwefligsaure Natron, welches man vor einiger Zeit zum Zerstören des überschüssig angewandten Chlors (und der daraus entstandenen Salzsäure) beim Bleichen der Papiermasse empfohlen und ihm aus diesem Grunde dem Namen Antichlor beigelegt hat, kommt theils im reinen krystallisirten, theils in einem so unreinen Zustande im Handel vor, daß dasselbe nach Wittstein's Prüfung oft nur 4 Proc. unterschwefligsaures Natron enthält, weßwegen derselbe aus diesem Grunde auch die Vermuthung ausspricht, daß das letztere nichts anderes sey als die zur Trockne abgedampfte Mutterlauge von der Bereitung der Soda nach Leblanc. Wenn es nun gerade auch nicht nothwendig ist, daß der Papierfabrikant ein chemisch reines Präparat anwende, so kann ihm noch viel weniger ein Antichlor von so gar geringer Beschaffenheit entsprechen.

Die gewöhnlichen Bereitungsarten des unterschwefligsauren Natrons, welches man auch, wie bekannt, häufig beim Daguerreotypiren verwendet, sind dreierlei Art. Man leitet entweder in kohlensaures oder ätzendes Natron so lange schwefligsaures Gas, als dieses absorbirt wird, sättigt die so erhaltene Lösung von schwefligsaurem Natron durch Digeriren mit Schwefel, filtrirt, verdampft zur Syrupsconsistenz und läßt krystallisiren; oder man leitet in eine Schwefelnatriumauflösung so lange schwefligsaures Gas, bis die Flüssigkeit entfärbt erscheint, trennt die Auslösung vom Schwefel und dampft zur Krystallisation ab; oder endlich, man setzt eine wässerige oder alkoholige Auflösung des Schwefelnatriums so lange der atmosphärischen Luft aus, bis sie entfärbt erscheint.

Wie leicht einzusehen sind diese Methoden zur Darstellung eines für den technischen Bedarf hinlänglich billigen Präparats nicht geeignet und es dürfte daher mein nachfolgendes |77| Verfahren um so mehr den Vorzug verdienen, als es nicht nur ein gleich reines Präparat, sondern auch noch bedeutend billiger liefert.

Man bereite sich zuvörderst Schwefelnatrium auf die Weise, daß man ein inniges und schwach befeuchtetes Gemisch von 24 Gewichtstheilen wasserfreiem Glaubersalz und 6–7 Gewichtstheilen Holzkohle in verschlossenen Gefäßen, je nach der Größe der letztern, 6–12 Stunden rothglüht, wobei die Temperatur so geleitet werden sott, daß die geglühte Masse nicht geschmolzen, sondern nur ganz schwach zusammengesintert erscheint, so daß sich dieselbe zwischen den Händen zu Pulver zerdrücken läßt. Das Treffen dieses Temperaturgrads unterliegt keiner Schwierigkeit, weil nach Willkür die Kohlenmenge etwas vergrößert werden kann, wodurch das Gemisch strengflüssiger wird. Eine längere als die angegebene Glühdauer hat ebenfalls nichts zu sagen (wenn nur die ausgeglühte Masse die verlangte Beschaffenheit zu erkennen gibt), weßwegen das Glühen auch in einem Töpfer- oder Ziegelofen vorgenommen werden kann.

Das nach dem Erkalten aus den Gefäßen (welche aus Gußeisen oder Thon bestehen können) genommene Schwefelnatrium, welches überschüssige Kohle enthält, wird nun zu Pulver zerdrückt und innig mit 20–25 Proc. (seines eigenen Gewichts) Wasser gemischt. Hiebei entsteht heftige Erhitzung und zuletzt erscheint das Pulver wieder trocken. Nun wird dasselbe einem Strom von schwefligsaurem Gas ausgesetzt, welches rasch und unter starker Wärmeentwickelung absorbirt wird. Hiebei kann man auf mehrfache Weise verfahren. Man kann nämlich auf flachen Gefäßen das pulverförmige Schwefelnatrium einer Atmosphäre von schwefliger Säure aussetzen, oder man kann letztere in eine weite Thon- oder Glasröhre von unten eintreten lassen, welche man mit Schwefelnatrium vollgefüllt hat, in welchem Fall die Röhren aber mehr weit als hoch seyn sollen, weil kein Theil des Schwefelnatriums unnützerweise zu lange der Einwirkung der schwefligen Säure ausgesetzt werden soll. Am schönsten läßt sich der Proceß in Glasgefäßen beobachten.

Was die Dauer anbelangt, wie lange das Schwefelnatrium der Einwirkung der schwefligen Säure ausgesetzt werden sott, so ist dieselbe nur sehr kurz und leicht zu erkennen. Kommt nämlich die schweflige Säure mit dem wasserhaltigen Schwefelnatrium (auf wasserfreies wirkt sie gar nicht ein) in Berührung, so wird sie sehr rasch absorbirt; es entwickelt sich Wärme und das Pulver wird naß (was man durch die Glaswände sehr leicht wahrnehmen kann, indem die mattlichtgraue Farbe des Pulvers schwarz und schwach glänzend wird). Die beiden letzten Erscheinungen treten so deutlich hervor daß, wenn man den Proceß z.B. in einer längern, nicht zu weiten Glasröhre vornimmt, man sehr genau die Stelle bemerkt, wo gerade die Bildung des unterschwefligsauren Natrons stattfindet Ist endlich die Erwärmung und das Naßwerden des Pulvers durch die ganze Masse fortgeschritten, so fängt sich das Schwefelwasserstoffgas zu entwickeln und oben etwas Schwefel abzusetzen an. Bevor nun die Schwefelwasserstoffentwickelung ihrem Ende naht, ist der Proceß zu unterbrechen, weil bei weiter fortgesetztem Einleiten der schwefligen Säure auch die letzten Antheile von Schwefelnatrium zerstört und ein unterschwefligsaures Natron erhalten wird, welches sich durch die Einwirkung der Atmosphäre zu schnell in Glaubersalz umwandelt. – Wie leicht einzusehen, so beruht die schützende Eigenschaft eines Gehalts von Schwefelnatrium in dem unterschwefligsauren Natron vor weiterer Oxydation des letzteren darauf daß, so lange als noch Schwefelnatrium vorhanden ist, dieses durch den atmosphärischen Sauerstoff selbst erst zu unterschwefligsaurem Natron oxydirt wird, und erst dann eine Bildung von schweflig saurem und schwefelsaurem Natron stattfindet, wenn alles vorhandene Schwefelnatrium oxydirt ist.

Bei gehöriger Unterbrechung des Processes erhält man ein nach dem Erkalten wieder trocken und grau erscheinendes Präparat, dessen Gewicht 60–70 Proc. mehr beträgt, als man Schwefelnatrium angewendet hat, und welches im Wasser zertheilt eine (von dem geringen Gehalt an Schwefelnatrium herrührende) schwach gelbgefärbte Auflösung liefert, welche sich beim Stehen an der Luft bald entfärbt.

Das so dargestellte unterschwefligsaure Natron oder Antichlor enthält etwas Kohle (was der Grund der grauen Farbe ist), die jedoch füglich darin verbleiben kann, weil sie vom Papierfabrikanten durch Filtration der davon bereiteten Auflösung leicht und schnell beseitigt werden kann. Uebrigens läßt sich auch aus dem kohlenhaltigen leicht krystallisirtes unterschwefligsaures Natron darstellen, wenn man es im Wasser auflöst, filtrirt und entweder für sich, oder (nach Capaun's Vorschlag) nachdem man es |78| mit Alkohol geschüttelt, unter der alkoholischen Auflösung des Schwefelnatriums zur Krystallisation bringt, was aber für technische Verwendung nutzlos und verlustbringend ist. C. F. Anthon. (Encyklopädische Zeitschrift, Dec. 1845)16)

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Ueber die Anwendung des Antichlors bei der Papierfabrication und die Bereitung des aus schwefligsaurem Natron bestehenden Antichlors verweisen wir auf die Mittheilung im polytechnischen Journal Bd. XCIV S. 313.

A. d. R.

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