Titel: Ueber den Zustand der Baumwollindustrie: der Spinnereien, Webereien und Kattundruckereien in den Vereinigten Staaten von Amerika; von Ferdinand Köchlin.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1846, Band 100/Miszelle 1 (S. 154–156)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj100/mi100mi02_1

Ueber den Zustand der Baumwollindustrie: der Spinnereien, Webereien und Kattundruckereien in den Vereinigten Staaten von Amerika; von Ferdinand Köchlin.

Hr. F. Köchlin hat während seines letzten Aufenthalts in den Vereinigten Staaten der Industriegesellschaft zu Mülhausen sehr interessante Notizen über die Lage der Baumwollindustrie in diesem Lande eingesandt; denselben waren Muster von Baumwollgarn für Kette und Einschlag, ferner rohe, weiße und gedruckte Kattune beigelegt. Nach diesen Mustern, so wie nach den statistischen Daten, läßt sich der gegenwärtige Zustand der Baumwollindustrie in jenem Lande, welches in mehr oder weniger ferner Zukunft nicht nur für Frankreich, sondern noch mehr für England ein sehr gefährlicher Rival zu werden verspricht, genau beurtheilen.

Bekanntlich drücken gewisse Sorten amerikanischer Kattune (die sogenannten domestics und drills) bereits die englische Concurrenz auf mehreren Märkten, welche den Producten beider Länder unter denselben Bedingungen offen stehen.

Vor zwanzig Jahren besaßen die Vereinigten Staaten noch keine Manufacturen, jetzt werden solche in den meisten derselben errichtet, und besonders in den nördlichen scheint die Baumwollindustrie eine große Ausdehnung zu erlangen. Die bedeutendsten Fabriken sind die zu Lowell (Massachusets) und zu Dower (New-Hampshire).

Hr. F. Köchlin gibt in einer statistischen Tabelle den approximativen Werth der amerikanischen Fabriken und der in denselben angelegten Capitalien vom Jahre 1840 bis zum Jahr 1843 an: dieser Werth, welcher im Jahr 1840 geschätzt wurde, auf

46,350,453 Dollars für die Fabriken allein, und auf
51,102,359 „ für alle angelegten Capitalien, stieg

im Jahr 1843 auf

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58,930,520 Dollars für die Fabriken und auf
64,888,820 „ für alle angelegten Capitalien;

dieß ergibt eine Zunahme von beiläufig 10 Proc. per Jahr.

Bei diesen Ziffern ist das Verhältniß zwischen dem sogenannten Betriebscapital und demjenigen, welches durch die Fabrik selbst repräsentirt wird, 1 zu 10. Um eine Fabrik zu betreiben, welche auf 100,000 Dollars zu stehen kommt, wären also nur 10,000 Dollars Betriebscapital erforderlich; aus dieser ungemein vortheilhaften Lage muß man schließen, daß die amerikanischen Fabrikanten ihre Producte sehr leicht absetzen können, vielleicht haben sie aber auch bis jetzt erst einen sehr kleinen Theil ihrer Fabriken amortisirt.

Der Händel der Vereinigten Staaten mit China in Baumwollwaaren verspricht eine immer größere Ausdehnung zu erlangen. – Im Jahr 1827 wurden für 9000 D. amerikanischer Calicots nach China abgesetzt und im Jahr 1843 schon für 2 Mil. D.; seitdem mußte die Zunahme verhältnißmäßig noch beträchtlicher seyn. Es gibt zu Hong-Kong und Canton Häuser, welche durch Actien gegründet sind, über große Capitalien verfügen und die Geschäfte in einem ungeheuren Maßstab betreiben. So macht ein einziges englisches Haus (Jardini, Matheson u. Comp.) jährlich für wenigstens 60,000,000 Fr. Geschäfte; es gibt ein amerikanisches Haus (Russel u. Comp.) daselbst, dessen Associés sich alle fünf Jahre vertragsmäßig erneuern, und wo dann jeder für seinen Theil, auf einen Gewinn von 150–200,000 D. rechnen kann. – Der Zinsfuß, welcher in England und Frankreich nur 3–4 Proc. per Jahr beträgt, steigt in China auf 12–15 Proc.; man begreift daher, daß Compagnien, welche über bedeutende Capitalien verfügen, aus diesem Umstand großen Nutzen ziehen können. – Wir kommen nun wieder auf unsern Gegenstand zurück.

Hr. F. Köchlin bemerkt, daß von den Colli gedruckter Baumwollwaaren, welche im Jahr 1843 und 1844 von Boston aus nach allen Gegenden versendet wurden, merkwürdigerweise der zwanzigste Theil für Gibraltar bestimmt war; er theilt dann eine statistische Beschreibung der Fabriken zu Lowell mit. Diese Stadt, welche 25 Meilen von Boston entfernt ist und wo die Baumwollindustrie den größten Aufschwung nahm, zählte im Jahr 1843

8 Spinnereien mit 201,076 Spindeln; ferner:

6194 Webestühle, welche zusammen

1400 männliche Arbeiter und

5395 weibliche beschäftigten; sie erzeugten wochentlich beiläufig 1,305,005 Yards (1,200,000 Meter) Gewebe.

Zwei Druckereien an demselben Ort druckten beiläufig 273,000 Yards Gewebe per Woche.

Der Arbeitslohn, welcher in den verschiedenen Zweigen der Baumwollindustrie bezahlt wurde, betrug:

80 Cents bis 1 Dollar per Tag für einen Handarbeiter;

20–25 Dollars per Woche für einen Walzengraveur;

2 Dollars per Tag für einen Modelstecher;

2–3 Dollars per Tag für einen Walzendrucker.

Die Lehrzeit für einen Stecherlehrling beträgt sieben Jahre; er bekommt beiläufig 125 D. im ersten Jahr und steigt nach und nach, so daß er im letzten Jahr auf 250 D. zu stehen kommt.

In den Spinnereien und Webereien verwendet man fast nur weibliche Individuen, deren Lohn mit demjenigen der Arbeiter in den Druckereien keineswegs im Verhältniß steht; diejenigen an den Spinnmaschinen bekommen 2 D. 85 Cts. per Woche, und diejenigen an den Webestühlen 2 D. 20 Ct.; von diesem Lohn ist aber noch 1 D. 25 Ct. per Woche für Logie abzuziehen, welches der Fabrikant hergibt.

Als Brennmaterial benutzt man in den Vereinigten Staaten gewöhnlich eine Art Anthracit; obgleich von demselben reiche Adern in mehreren nördlichen Staaten der Union vorkommen und er an manchen Gruben nur 1 D. 80 Ct. per Tonne (20 engl. Centner) kostet, so würde er doch zu New-York auf 4–5 1/2 D. und zu Lowell sogar auf 5–6 D. zu stehen kommen. In dieser Hinsicht haben wir also die amerikanischen Fabrikanten nicht zu beneiden; denn zu Mülhausen bezahlt man dieselbe Tonne einer Steinkohle, welche viel besser als der Anthracit ist, mit 24 bis 27 Fr. und zu Manchester kostet die beste Steinkohle nur 8–10 Fr. per Tonne.

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Die Gespinnste und Kattune sind in Amerika in der Regel theurer als bei uns; die Kattune werden vorzugsweise mit der Walzendruckmaschine gedruckt, weil der Lohn für die Handdrucker zu hoch ist; die Farben sind darauf meistens ächt. (Moniteur industriel, 1846 Nr. 1017.)

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