Titel: Ueber die Erschöpfung des Bodens durch das Getreide in der von der Blüthe bis zur Reife verstreichenden Zeit.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1846, Band 100/Miszelle 13 (S. 421–423)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj100/mi100mi05_13

Ueber die Erschöpfung des Bodens durch das Getreide in der von der Blüthe bis zur Reife verstreichenden Zeit.

Boussingault hat jetzt chemisch die Frage untersucht, in welchem Verhältnisse die Pflanzen und namentlich das Getreide, während der verschiedenen Epochen ihrer Lebensdauer die Bestandtheile des Bodens und der Atmosphäre fixiren. Die Beantwortung dieser Frage ist eine der wichtigsten für den Landwirth. Oft handelt es sich darum, bei Futtermangel, durch angesäetes Getreide, das man jung abmäht, dem Mangel abzuhelfen, und es fragt sich, ob diese Art den Boden zu benutzen, |422| denselben mehr erschöpft, als wenn man dem Getreide sein volles Wachsthum läßt. – Mathieu de Dombasle hatte behauptet, das Getreide entzöge dem Boden nach der Blüthe keine Stoffe mehr; die Pflanze habe im Momente der Blüthe schon die ganze Menge von verschiedenen Substanzen, welche sie gebrauche, an sich gebracht, und empfange während der ganzen Periode von der Blüthe bis zur Reife der Körner keine neuen Stoffe mehr. Was sie dem Boden entnehme, habe sie schon vor der Blüthe entnommen. Boussingault hat nun Versuche in der Weise angestellt, daß er von einem Acker, der sehr gleichmäßig stand, eine bestimmte Anzahl Pflanzen zu verschiedenen Epochen ausriß, und nach vollständiger Austrocknung derselben ihr Gewicht bestimmte. Diese getrockneten Pflanzen wurden nun analysirt und bestimmt, wie viel Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und Stickstoff und feste mineralische Substanz ein bestimmtes Gewicht derselben enthielt. So wurden zu drei verschiedenen Epochen, am 19ten Mai, 9ten Junius, zur Zeit der Blüthe, und am 5ten August, zur Erntezeit, die Analysen wiederholt und aus den Ergebnissen berechnet, wie viel der einzelnen Bestandtheile eine Hektare Landes während der Epoche des kräftigsten Wachsthumes und in der von der Blüthe bis zur Reife verstrichenen Zeit hervorgebracht hatte. Die Weizenpflanzen, welche auf einer Hektare Landes standen, wogen am 19ten Mai 689 Kilogramme, am 9ten Junius (Blüthezeit) 2631 Kilogr., am löten August 4666 Kilogr.; es waren demnach auf einer Hektare Landes fixirt worden an trockener Substanz: vom 19ten Mai bis zum 9ten Junius 1942 Kilogramme, mithin 92,3 Kilogr. täglich, und vom 9ten Junius bis 15ten August 2035 Kilogr. oder 30,3 Kilogr. täglich. Es zeigt sich daraus, daß die Fixation der trockenen Substanz zwar von der Blüthe bis zum Reifen der Frucht fortdauert, das Reifen mithin nicht bloß eine Verarbeitung der schon aufgenommenen Masse und ein Austrocknen des Getreides ist; daß aber auf der andern Seite diese Fixation nur etwa ein Drittel derjenigen beträgt, welche während der Periode des größten Wachsthumes stattfindet.

Indeß geben diese Resultate noch nicht eine unmittelbare Antwort auf die Frage, welche besonders den Landwirth angeht. Dieser will wissen, in welchem Verhältniß die Fixation zu dem Boden steht, auf welchem die Pflanze wächst; inwiefern dieser Boden durch die Pflanze erschöpft wird, und in welchem Verhältniß diese Bodenerschöpfung zu den verschiedenen Lebensperioden der Pflanzen steht. Die organische Substanz, woraus die Pflanze größtentheils zusammengesetzt ist, wird nicht aus dem Boden, sondern wie wir jetzt sehr wohl wissen, aus der Luft genommen; der Kohlenstoff, der Sauerstoff, der Wasserstoff und Stickstoff wird, wenn nicht gänzlich, so doch zum größten Theil der Atmosphäre entzogen, und um deren Zusammensetzung hat sich der Landwirth nicht zu kümmern und ihre Erschöpfung nicht zu fürchten. Der Boden liefert aber die mineralischen Bestandtheile, welche zu dem Leben der Pflanze höchst nöthig sind; aus ihm werden jene phosphorsauren, kohlensauren Salze, jene Kieselsäure und alle die Stoffe entnommen, welche beim Verbrennen in Form von Asche zurückbleiben, und der Boden ist dann erschöpft, wenn er diese mineralischen Bestandtheile der Pflanze nicht mehr liefern kann. Darauf beruht eben das große Princip der Wechselwirthschaft, daß man auf demselben Boden Pflanzen abwechseln läßt, welche verschiedene mineralische Bestandtheile fixiren, so daß während des Wachsthums und Gedeihens der einen Pflanze der verwitternde Einfluß der Atmosphäre in dem Boden wieder neue Quantitäten derjenigen Substanzen aufschließt und löslich macht, welche der nachfolgenden Pflanze nöthig sind; darauf beruht größtentheils die Wirkung des Düngers, daß er dem Boden in löslicher Form Stoffe zufügt, welche der anzubauenden Pflanze die Aschenbestandtheile, deren sie bedürftig ist, liefert. Der Knotenpunkt der angeregten Frage für den praktischen Landwirth liegt mithin darin zu wissen, ob die Pflanze zu verschiedenen Zeiten auch verschiedene Mengen mineralischer Substanzen dem Boden entzieht, ob sie diesen mehr erschöpft während des Wachsthums, während des Blühens, während der Reife. Hierauf antworten Boussingault's Versuche durchaus kategorisch. Während der oben angegebenen Wachsthumsperiode von 21 Tage entzog der Weizen einer Hektare Landes dem Boden 40,3 Kilogramme mineralischer Substanz, mithin 1,87 Kilogramme täglich, oder beinahe 4 Pfunde; während der folgenden Periode von der Blüthe bis zur Ernte, die 66 Tage dauerte, 120,8 Kilogramme, oder 1,84 Kilogramme täglich. Der Unterschied zwischen beiden Zahlen ist so unbedeutend, daß wir denselben unberücksichtigt lassen und behaupten können, daß der Weizen während der ganzen Zeit seines Wachsthums |423| eine etwa gleiche Quantität mineralischer Bestandtheile dem Boden entzieht, und diesen während der Zeit der Reife eben so erschöpft als während des größten Wachsthums. Die Fixation der organischen Bestandtheile, welche hauptsächlich der Luft entnommen werden, verringert sich um zwei Drittel während der Reifezeit; diejenige der mineralischen Bestandtheile, welche dem Boden entzogen werden, bleibt sich gleich. Man säe dreimal im Jahr auf demselben Acker Weizen, den man zur Blüthezeit oder etwas vor derselben als Futter abschneidet, und man wird dadurch den Boden nicht mehr erschöpfen, als wenn man den einmal gesäeten Weizen blühen und Frucht tragen läßt. Dieß ist das praktische Resultat für den Landwirth. (a. a. O.)

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