Titel: Ueber die Verdienste des Hrn. Vicat um die Kenntniß und Anwendung des künstlich erzeugten hydraulischen Kalks; von Professor Dumas.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1846, Band 100/Miszelle 5 (S. 415–417)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj100/mi100mi05_5

Ueber die Verdienste des Hrn. Vicat um die Kenntniß und Anwendung des künstlich erzeugten hydraulischen Kalks; von Professor Dumas.

Der Marquis d'Argenteuil hat der Société d'Encouragement eine Summe von 40,000 Frcs. vermacht, deren Zinsen man während sechs Jahren sich anhäufen lassen soll, um daraus den Stock eines Preises von 12,000 Fr. zu bilden; mit diesem Preis soll derjenige Erfinder belohnt werden, welcher im Verlauf der sechs vorhergehenden |416| Jahre nach dem Urtheil der Gesellschaft die für die National-Industrie wichtigste Entdeckung gemacht hat. Der Ausschuß der Gesellschaft hat nach reiflicher Ueberlegung einstimmig beschlossen, jenen Preis diesesmal Hrn. Vicat, Oberingenieur des Brücken- und Straßenbaues, für seine bewunderungswürdigen Entdeckungen hinsichtlich der Natur des hydraulischen Kalks und Mörtels zuzuerkennen.

Daß wir jetzt, wo der Bau der Canäle und Eisenbahnen mit so großem Eifer betrieben wird, alle dabei erforderlichen Schleußen, Brücken, Viaducte, Tunnels etc. wohlfeil und von fast unbegränzter Dauer herstellen können, verdanken wir Hrn. Vicat; er lehrte uns allenthalben unter Wasser zu bauen und zwar eben so leicht und sicher, als auf der Oberfläche des Bodens, durch Anwendung des künstlich erzeugten hydraulischen Kalks.

Hr. Vicat hat zuerst gezeigt, daß man mit Kalk und Thon, wenn man sie in gewissem Verhältniß mit einander vermengt, den hydraulischen Kalk erhält; er hat die Anwendung und Darstellung dieses schätzbaren Products im Großen zuerst durchgeführt. Ohne Thon gibt der Kalk einen Mörtel, welcher allerdings an der Luft langsam erhärtet, in dem Maaße, als er daraus die Kohlensäure absorbirt; der sich aber im Wasser so schnell zertheilt oder auflöst, daß man damit keine Bauten unter demselben vornehmen kann. Dagegen erhärtet der mit Thon vermengte Kalk unter dem Wässer schnell und sicher und bekommt die Dauer des Steins selbst; nur muß man das Gemenge gehörig zu brennen verstehen.

Hr. Vicat hat uns also gelehrt, wodurch sich die Kalkarten, welche man seit langer Zeit fetten Kalk, magern Kalk und hydraulischen Kalk nennt, von einander unterscheiden. Ersterer ist reiner Kalk; er gibt einen Mörtel, welchen man nur in geringer Dicke anwenden darf, weil er nur dann erhärten kann, wenn ihn die Luft durchdringt und ihm die hiezu erforderliche Kohlensäure liefert. Der magere Kalk enthält Bittererde und bietet keine besonderen Eigenthümlichkeiten bei seiner Anwendung als Luftmörtel dar; aber der hydraulische Kalk, welcher mit thonhaltigem Kalk erzeugt wird, liefert uns Mörtel, welche nach und nach so hart werden, als der Kalkstein selbst. Mit 10, 15, 35 Proc. Thon wird der Kalk immer mehr hydraulisch. Wenn der Kalk diesen Thon nicht enthält, braucht man ihn bloß vor dem Brennen mit solchem zu vermengen, damit er verhältnißmäßig mehr oder weniger hydraulisch wird. Erhöht man das Verhältniß des Thons auf 33 Proc., so erhält man eigenthümliche, besonders wichtige Producte, welche unter Wasser oder an der Luft fast augenblicklich erhärten, und die man uneigentlich im Handel römisches Cement nennt, welches jedoch die Römer niemals kannten.

Nachdem Hr. Vicat gezeigt hatte, aus welchen Substanzen der hydraulische Kalk besteht und wie man ihn aus seinen Bestandtheilen zusammensetzen und somit künstlich darstellen kann, enthüllte er uns auch bald die Natur jener Thone, welche man Puzzolane oder Traß nennt, von denen die Römer so häufige Anwendung machten, um dadurch ihre Mörtel zu erhärten. Es sind dieß Thone, welche durch das Feuer der Vulcane mit Alkalien oder selbst mit ein wenig Kalk gebrannt wurden und dadurch die Eigenschaft erlangt haben, den fetten Kalk durch ihre Vermengung mit demselben augenblicklich hydraulisch zu machen. Wenn man irgend einen Thon mit Kalk oder Alkalien brennt, so macht man daraus in der That eine wahre Puzzolane.

Ueberzeugt, daß die Natur fast überall Kalksteine darbietet, womit man hydraulischen Kalk fabriciren kann, durchreiste Hr. Vicat ganz Frankreich fast immer zu Fuß und bezeichnete den Ingenieuren und Bauunternehmern über 300 Steinbrüche, welche hydraulischen Kalk zu liefern vermögen.

Erst ganz kürzlich hat er gezeigt, daß jene Puzzolane, um welche man ehemals Italien so sehr beneidete und jener so schätzbare Traß, deren chemische Zusammensetzung und künstliche Fabrication er uns gelehrt hatte, ihrerseits durch gewisse Arten Kieselsand ersetzt werden können, die in einigen Ländern in Menge vorzukommen scheinen. Fetter Kalk, welchen man mit solchem Sand vermengt, wird hydraulisch,

Wenn aber der hydraulische Kalk zum Bauen unter dem Wasser der Flüsse, Canäle etc. so nützlich ist, wird das Meerwasser gerade so auf ihn wirken? Die Erfahrung hat das Gegentheil bewiesen. Nicht aller hydraulische Kalk eignet sich gleich gut zum Bauen in Salzwasser; man muß darunter eine Wahl treffen, und Hr. Vicat, welcher die Notwendigkeit derselben erkannte, gab auch die Regeln dafür an. Heutzutage können wir also unsere Häfen, Leuchtthürme, Dämme in |417| aller Sicherheit bauen; das Meerwasser hat seinen bekannten und speciellen hydraulischen Kalk.

Nach dieser kurzen Auseinandersetzung wird man sich nicht mehr verwundern, daß die Ersparnisse, welche Frankreich mittelst der Verfahrungsarten des Hrn. Vicat machte, bereits auf dreihundert Millionen zu veranschlagen sind; in einigen Jahren dürften sie bei der großen Ausdehnung unserer Canal- und Eisenbahnbauten Milliarden betragen. Eine Verordnung vom 20. Januar 1845 erkennt Hrn. Vicat auf den Bericht der HHrn. Arago und Thenard als Nationalbelohnung eine Pension von 6000 Frcs. zu. (Bulletin de la Société d'Encouragement, Februar 1846, S. 91.)

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Wir haben diesen Aufsatz, welcher im Original mit den übertrieben Lobpreisungen des Hrn. Vicat schließt, unsern Lesern nicht vorenthalten wollen, um ihnen zu zeigen, wie hoch von den Franzosen diejenigen ihrer Landsleute geachtet werden, welche etwas Nützliches ins Leben einzuführen bestrebt sind, selbst wenn dabei eine Unredlichkeit gegen Ausländer begangen wird, worüber man mit einer bewunderungswürdigen Dreistigkeit hinwegschreitet. Es würde begreiflicherweise das Verdienst des Franzosen nicht so glänzend erscheinen und vielleicht nicht die beabsichtigte Wirkung hervorbringen, wenn man gestehen wollte, daß an derselben Sache einen großen und gar einen größern Antheil im Auslande vollends ein Deutscher hatte. Dieses muß verschwiegen werden; und man ist dazu um so mehr berechtigt, da, wenn in Deutschland etwas Gutes zu Stande kommt, es nur darum geschieht, weil die Deutschen so dumm (esprits épais) sind, wie jüngst in der Akademie der Wissenschaften zu Paris von Hrn. Baron Dupin geradezu ausgesprochen wurde (siehe Beilage zur Augsburger Allg. Zeitung vom 11. April 1846). Wenn auch nicht alle Franzosen so aufrichtig ihre Gesinnung gegen uns äußern wie Dupin, daß sie dieselbe uns geradezu ins Gesicht sagen, so denken doch gewiß die allermeisten wie er; und wenn ein Deutscher in seiner Einfalt etwas zu Tage bringt, so muß es ein Franzose längst schon gehabt und wenigstens gedacht haben. Dieses findet der deutsche Michel auch selbst ganz in Ordnung und es hat in der Regel nur das für ihn Gültigkeit, was in Paris approbirt worden.

Er achtet daher nicht auf die Abhandl. von Fuchs über Kalk und Mörtel (Erdmann's Journal für technische und ökonomische Chemie, Bd. VI), nicht auf dessen von der holländischen Gesellschaft der Wissenschaften in Harlem gekrönte Preisschrift: über die Eigenschaften, Bestandtheile und chemische Verbindung der hydraulischen Mörtel (polytechn. Journal Bd. XCIX S. 271). Ein Beweis für diese Mißachtung findet sich im Journal für praktische Chemie, Jahrg. 1842, Bd. XXVI, S. 418.

Wir haben uns über die Anmaßung des Hrn. Vicat, der noch gegenwärtig keinen klaren Begriff von der Natur des hydraulischen Kalks und Mörtels zu haben scheint, hinlänglich ausgesprochen (insbesondere im polytechn. Journal Bd. LXXXII S. 362), so daß wir es für überflüssig halten, noch mehr hierüber zu sagen. Uebrigens beneiden wir Hrn. Vicat, der gewiß seinem Vaterlande in dieser Beziehung viel genutzt hat, nicht um die Belohnung die ihm zugedacht worden, und wünschen nur, daß sich unsere Landsleute ein Beispiel daran nehmen möchten.

E. D.

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