Titel: Anwendbarkeit des Chinoidins statt des Chinins als Arzneimittel.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1846, Band 100/Miszelle 7 (S. 491–492)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj100/mi100mi06_7

Anwendbarkeit des Chinoidins statt des Chinins als Arzneimittel.

In dem Laboratorium zu Gießen ist die merkwürdige Entdeckung gemacht worden, daß das Chinoidin (die in den Chinin-Mutterlaugen zurückbleibende harzähnliche Substanz) eine dem Chinin gleiche Zusammensetzung besitzt, und daß beide in einer ähnlichen Beziehung zu einander stehen wie der krystallisirbare Zucker zu |492| dem unkrystallisirbaren oder zu dem sogenannten Fruchtzucker, Das Chinoidin ist wie das Chinin eine starke organische Basis, es sättigt genau so viel Säure wie ein gleiches Gewicht Chinin, und zerfällt wie dieses durch kaustische Alkalien in Chinolein, Wasserstoffgas und Kohlensäure. Dieses Resultat ist wichtig genug, um die Aufmerksamkeit der praktischen Aerzte darauf zu lenken, besonders in dem gegenwärtigen Augenblick, wo der hohe Preis des schwefelsauren Chinins (das Pfd. kostet 70 fl.) seine Anwendung in einer Menge von Fällen, namentlich in der Armenpraxis, beschränkt. Nach den Erfahrungen, die über die Wirksamkeit des Chinoidins vorliegen, und die lange nicht so bekannt sind, als sie es verdienen, kann man mit Bestimmtheit behaupten, daß ein Pfund Chinoidin, das nicht über zwölf Gulden kostet, denselben medicinischen Wirkungswerth besitzt, wie ein Pfund schwefelsaures Chinin, welches einen nahe sechsmal höhern Preis im Handel hat; es kann keine Frage seyn, daß der Organismus keinen Unterschied kennt, zwischen einem und demselben Stoff im amorphen oder krystallinischen Zustande, und eine in ihren Wirkungen so sichere und kostbare Arznei verdient gewiß von Seite der Aerzte die sorgfältigste Beachtung. Der geh. Rath Dr. Natorp in Berlin sagt von demselben: „Was meine Erfahrungen über dieses vortreffliche Mittel betrifft, so bediene ich mich gegen Wechselfieber desselben ausschließlich, wo es mir darauf ankommt dieses Leiden zu heben, und ich kann aus langjähriger Erfahrung behaupten, daß es mich niemals im Stiche gelassen hat. Ich habe bei diesem Mittel den Vortheil, mit Gewißheit bestimmen zu können, ob der nächste Anfall ausbleiben soll, was bei allen Chinapräparaten nicht so bestimmt ist, und kein anderes Fiebermittel verhütet die Recidive so wie dieses. Nie habe ich bei den Tausenden von Fällen, wo ich es angewendet habe, eine nachtheilige Wirkung von demselben gesehen, nie eine Nachkrankheit.“ Diese Erfahrungen eines so ausgezeichneten Arztes erhalten jetzt durch die chemische Analyse eine unzweideutige Erklärung, und es ist nicht undenkbar, daß gerade der unkrystallinische oder amorphe Zustand des Chinoidins einen gewissen Antheil an seiner das Chinin übertreffenden Wirksamkeit hat, insofern seine Assimilirbarkeit dadurch erhöht seyn dürfte.

(Augsb. Allg. Ztg.)

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