Titel: Ballistische Versuche mit Schießbaumwolle.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1847, Band 103, Nr. XV. (S. 48–58)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj103/ar103015

XV. Bericht über die Versuche, welche bei der Direction der Pulverfabriken zu Paris über die Bereitung und ballistischen Eigenschaften der Schießbaumwolle bis zum 4. November 1846 angestellt wurden.

Aus den Comptes rendus, Nov. 1846, Nr. 19.

Bei allen Versuchen wurde die Baumwolle zuerst ungekrämpelt und dann gekrämpelt präparirt, indem man sie in einer Mischung aus gleichen Theilen concentrirter Salpetersäure und guter Schwefelsäure tränkte und hierauf sogleich in vielem Wasser auswusch. Der Artillerie-Hauptmann Susane, Director der Pulvermühlen, und Hr. v. Mézières, Adjunct der Salpeter-Raffinerie zu Paris, haben die folgenden Versuche ausgeführt.

Zuerst präparirte man 50 Gramme Baumwolle nach dem oben angegebenen Verfahren mit Abweichungen in der Dauer der Operation und der Menge und Stärke der Säure etc.

Die Versuche mit dem Gewehr-Pendel begannen Dienstags den 3. November mit verschiedenen Ladungen und verändertem Laden. Im Ganzen wurden fünf Proben Schießbaumwolle, jede zu 10 Grammen, angefertigt.

Erste Probe. Das Eintauchen derselben in die Säuren dauerte zwei Minuten, worauf sie in vielem Wasser ausgewaschen wurde.

Zweite Probe. Durch die erste Anfertigung hatte man sich überzeugt, daß man es sorgfältig vermeiden muß, daß die Baumwolle während des Processes mit der Luft in Berührung kommt; man nahm daher eine größere Quantität Säure, tränkte darin die Baumwolle vollkommen und bedeckte das Gefäß mit einem Deckel. Nach zehn Minuten zog man die Baumwolle heraus, welche vollkommen gelungen war.

Dritte Probe. Man tauchte sie nur fünf Minuten ein, weil einige Baumwollfasern über dem Spiegel der Säure herausragten; man mußte sie wie die vorigen untertauchen. Um diesen Uebelstand zu vermeiden, bedeckte man bei den folgenden Behandlungen die Baumwolle mit mehreren Glasscheiben.

Vierte Probe. Man wollte auch wissen, ob die saure Mischung, welche schon einmal zum Einweichen von Baumwolle diente, für eine zweite Probe noch kräftig genug ist, wenn man eine weitere Portion der sauren Mischung hinzufügt. Das Eintauchen dauerte hiebei fünfzehn |49| Minuten, und die Wolle zeigte sich als sehr gelungen. Man machte von ihr zwei beinahe ganz gleiche Partien; die erste wurde wie gewöhnlich gewaschen und getrocknet; die zweite wurde, nachdem man sie vorher in reinem Wasser gewaschen hatte, in einer gesättigten Salpeter-Auflösung getränkt und sodann getrocknet.

Fünfte Probe. Sie wurde in der sauren Mischung von der vorhergehenden Behandlung eine ganze Stunde lang getränkt, ohne allen Zusatz.

Sohin hatte man nun sechs verschiedene Muster von verschiedener Dauer des Eintauchens, nämlich von zwei Minuten bis zu einer Stunde: und zwar die drei ersten mit frischen Säuren präparirt; die vierte mit einer Mischung, welche schon einmal angewandt worden war; die fünfte mit einer Mischung, welche bereits zweimal gebraucht worden war; und überdieß eine Partie von der vierten Probe, welche in Salpeter-Auflösung gewaschen worden war. Diese verschiedenen Proben sind bezeichnet mit Nr. 1, 2, 3, 4, 4. 5 und 5.

Schüsse mit dem Gewehrpendel.

Die Probe Nr. 1 wurde nacheinander in Ladungen von 1, 2, 3 und 4 Grammen verschossen und lieferte folgende Resultate:

Ladungen. Anfangsgeschwindigkeiten.
1 Gramm 120,161 Met.
2 „ 223,186 „
3 „ 178,372 „
4 „ 433,206 „

Der dritte Schuß mit 3 Gr. Labung bildet eine Anomalie. Der Grund ist wohl, daß man beim Laden nicht berücksichtigte, daß die Ladungen stets eine mit der Menge der Wolle in Verhältniß stehende Länge einnehmen müssen, welche vorher 0,024 Meter für 1 Gramm betrug. Diese Ladung war aber auf 0,037 Meter zusammengestoßen und die Wolle daher zu fest eingezwängt. In der Folge gab man daher den Ladungen so vielmal 0,024 Meter Höhe als sie Gramme enthielten.

Die Detonation ist sehr stark, stärker als mit einer gleichen Menge Schießpulver; aber der Knall ist anderer Art und weniger schmerzlich für die Ohren.

Alle Baumwolle, wie lang auch die Ladung seyn mochte, verbrannte im Innern des Laufes und erzeugte keine Spur von Rauch. Man bemerkte nur eine sehr kurze Flamme an der Mündung und der Eindruck der Kugel in das Blei des Kugelfangs war wenigstens eben so stark als von einem Schuß mit Schießpulver, welcher dieselbe Anfangsgeschwindigkeit |50| hatte. Man bemerkt einen schwachen Geruch, ähnlich dem von verbrannten Federn.

Es blieb keine eigentliche Unreinigkeit im Laufe zurück; jedoch bemerkte man darin eine große Menge verdichteten Wasserdampfs, welcher das Auswischen desselben mit einer Leinwand nach jedem Schuß nöthig machte: diese Leinwand wurde jedesmal etwas schwärzlich entweder von einer kleinen Menge unverbrannter Kohle, oder weil sich etwas Eisen oxydirt hatte.

Die Probe Nr. 2 gab folgende Resultate:

Ladungen. Anfangsgeschwindigkeiten.
1 Gramm 180,961 Met.
2 „ 218,070 „
3 „ 383,881 „
4 „ 463,304 „

Aus Unachtsamkeit hatte man der Ladung von 2 Grammen eine Länge von 55 Millimetern anstatt 48 gelassen; dieser Schuß war daher geschwächt und hätte ungefähr 280 Meter betragen sollen.

Um den Einfluß von Papierpatronen kennen zu lernen, wiederholte man den Schuß von 2 Grammen mit einer zu 48 Millimet. Länge geformten Patrone. Die sehr bemerkenswerthe Anfangsgeschwindigkeit war 331,964 Meter. Aber der größte Theil des Papiers blieb unverbrannt im Laufe zurück, was ein großer Uebelstand ist, welchem man wohl dadurch wird abhelfen können, daß man die Patronen von Papier macht, welches eben so präparirt ist wie die Baumwolle.

Die Probe Nr. 3 wurde in Patronen, welche in gehöriger Länge geformt waren, nämlich von 24 Millimeter auf den Gramm verschossen, wobei man absichtlich das Reinigen des Laufes nach jedem Schuß unterließ, um den Einfluß des Wasserdampfes, welcher sich im Lauf verdichtet, kennen zu lernen. Die Anfangsgeschwindigkeiten waren schwach; die Schüsse gaben ein langes Feuer, und endlich bei dem vierten Schuß wurde der größte Theil der Baumwolle unverbrannt hinausgeschleudert: diese Baumwolle war so feucht, daß sie sich in freier Luft nicht mehr entzündete. Man reinigte nun den Lauf und der vierte Schuß war sehr gut. Hier folgen die Resultate:

Ladungen. Anfangsgeschwindigkeiten.
1 Gramm ohne Papier 115,247 Met.
1 „ mit Papierpatronen 126,611 „
2 „ „ „ 294,901 „
3 „ „ „ 156,764 „
4 „ „ „ 418,338 „
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Die andern Proben wurden ohne Patronen verschossen.

Die Probe Nr. 4 ergab:

Ladungen. Anfangsgeschwindigkeiten.
1 Gramm 124,487 Met.
2 „ 326,879 „
3 „ 404,775 „
3 „ 402,761 „

Weil nicht genug Wolle blieb, um eine Ladung von 4 Grammen zu machen, wurden zwei Schüsse zu 3 Grammen gemacht; die Regelmäßigkeit dieses Versuches ist sehr bemerkenswerth.

Die Probe Nr. 4.5, welche mit Salpeter getränkt war, gab:

Ladungen. Anfangsgeschwindigkeiten.
1 Gramm 194,366 Met.
2 „ 306,879 „
3 „ 399,254 „

Da diese Schießbaumwolle etwas schwerer als die vorhergehenden war, so hätte man für dieselbe wohl etwas kürzere Ladungen annehmen sollen.

Die Probe Nr. 5 endlich mußte bis zu 5 Grammen verschossen werden und gab:

Textabbildung Bd. 103, S. 51

Dieses letzte Schießen ist sehr bemerkenswerth, denn unabhängig von der Größe der Anfangsgeschwindigkeiten, befolgt deren Zunahme von Gramm zu Gramm eine regelmäßig abnehmende Reihe. Diese Regelmäßigkeit der Wirkung ist jedenfalls eine Eigenthümlichkeit dieses Pulvers; denn sie ist das Resultat einer chemischen Zersetzung. Sie kann in diesem Grade bei dem gewöhnlichen Pulver schon deßhalb nicht stattfinden, weil dasselbe eine mehr oder weniger vollkommene mechanische Mengung von drei Bestandtheilen ist etc.

Wenn man die Schwierigkeiten eines guten Erfolgs bei dem ersten Versuch mit einer Substanz berücksichtigt, welche man noch nicht genügend studiren konnte, die Unmöglichkeit gleich Anfangs die richtige Art |52| zu laden und die Anfertigung der Ladung zu finden, so wird man zugeben, daß diese Experimente alle Beachtung verdienen.

Vergleicht man diese Resultate mit denjenigen, welche der Escadrons-Chef der Artillerie, Mallet, bei seinen Versuchen über die Zunahme der Anfangsgeschwindigkeit mit gewöhnlichem Schießpulver erhielt, so findet man folgende Annäherungen:

Ladungen. Pulver. Schießbaumwolle.
1 Gramm 94,268 Met. 149,342 Met.
2 „ 169,897 „ 280,433 „
3 „ 234,091 „ 400,349 „
4 „ 284,956 „ 447,732 „
5 „ 320,153 „ 518,393 „
6 „ 360,122 „
7 „ 396,161 „
8 „ 414,085 „
9 „ 441,570 „
10 „ 465,288 „
11 „ 488,437 „
12 „ 499,208 „
13 „ 514,425 „
14 „ 531,817 „
15 „ 559,851 „

Aus dieser Tabelle ergibt sich, daß nach dem Mittel der Resultate dieser von der Pulver-Direction unter wenig günstigen Umständen angefertigten sechs Proben Schießbaumwolle 5 Gramme Schießbaumwolle eine eben so große Wirkung auf die Kugel des Gewehrpendels hervorbringen, als 13 bis 14 Gramme gewöhnlichen Schießpulvers.

Hinsichtlich der Fabrication muß man, um ein gutes Resultat zu erhalten:

1) gereinigte Baumwolle in einer Mischung von gleichen Theilen Salpetersäure und Schwefelsäure tränken;

2) die Dauer des Eintauchens scheint von geringem Belang zu seyn: die besten Proben wurden jedoch allemal 10–15 Minuten lang eingetaucht;

3) kann man sich einer Mischung bedienen, in welcher bereits Baumwolle eingetaucht war, wenn man sie nöthigenfalls auffrischt: Nr. 4 und Nr. 5 wurden so dargestellt;

4) darf die Baumwolle nicht über den Spiegel der Flüssigkeit hinausreichen;

5) muß man die Baumwolle langsam trocknen und besonders so lange sie noch feucht ist, eine höhere Temperatur als 80° R. vermeiden;

|53|

6) durch Waschen in einer gesättigten Salpeterlösung wird ihre Kraft ein wenig vermehrt, jedoch nicht in solchem Grade, daß dieß die größeren Kosten lohnen würde.

In Bezug auf militärische Anwendung bietet die Schießbaumwolle Vortheile und Nachtheile dar.

Die Vortheile sind: die Reinlichkeit, das lebhafte Abbrennen ohne festen Rückstand, die Abwesenheit eines unangenehmen Rauches, ihre Leichtigkeit, die Möglichkeit ohne Gefahr damit umzugehen (jedoch allerdings weit vom Feuer); die Unmöglichkeit eines Staubes und des Verstaubens; endlich eine Kraftäußerung, welche man schon jetzt auf das Dreifache der Kraft des gewöhnlichen Schießpulvers bei gleichem Gewicht schätzen kann.

Ihre Nachtheile sind: das Volumen und folglich die Schwierigkeit der Anfertigung und des Transportes der Munition; die Erzeugung einer großen Menge Wasserdampfs in den Waffen, welcher vielleicht noch mehr im Schießen hindert als der Rückstand des gewöhnlichen Schießpulvers.

Bezüglich des Preises und der Wirkung dieser Substanz auf die Feuerwaffen, fehlen bis jetzt genügende Daten.

Ohne Zweifel wird es noch gelingen, mehrere von den gegenwärtigen Mängeln der Schießbaumwolle zu verbessern oder deren Einfluß aufzuheben.

Zusatz.

Auch in Preußen wurden Versuche über die Anwendbarkeit der Schießwolle zu Kriegszwecken angestellt, über deren Resultate ein Bericht im Archiv für die Officiere des k. preuß. Artillerie- und Ingenieur-Corps erschien; wir theilen ihn aus dem Militär-Wochenblatt, Novbr. 1846 Nr. 48 vollständig mit:

„Bei Mittheilung der Ergebnisse einiger mit der Schießbaumwolle angestellten Versuche muß ausdrücklich bevorwortet werden:

daß diese Versuche nur als vorläufige und daher keineswegs als erschöpfend zu betrachten sind;

daß zu denselben nicht von Schönbein selbst, sondern anderweitig präparirte Baumwolle benützt worden ist, daß daher dieß von dem Erfinder selbst dargestellte Material andere und vielleicht günstigere Ergebnisse liefern kann, während endlich die Kenntniß ihrer Mängel eine mehr oder weniger vollständige Beseitigung derselben erwarten läßt.

Das Charakteristische der Wirkung der Baumwolle liegt darin, daß bei ihrer Verbrennung im Vergleich zum Schießpulver zwar mehr Gas, aber langsamer als bei diesem entwickelt wird, während die Knallpräparate weniger Gas, aber viel schneller als das Schießpulver entwickeln, so daß dasselbe in dieser Beziehung etwa in der Mitte zwischen beiden steht.

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Als Belege für diese Ansicht mögen nachstehende Erfahrungen angeführt werden: obgleich die Baumwolle viel kräftiger als das Schießpulver in Feuergewehren wirkt, vermochten kleine Raketen, mit Baumwolle geladen, einen leichten Pendel, an welchen sie befestigt wurden, beim Abbrennen nicht in Bewegung zu setzen, während dieselben, mit Pulver geladen, einen Ausschlagwinkel des Pendels bis 25 Grad ergeben.

Baumwolle in Röhren festgepreßt, verbrennt überaus langsam und gibt einen sehr matten Feuerstrahl, etwa wie die Flamme eines brennenden Lichtes.

In Gewehre geladen gibt die Baumwolle fast gar keinen Rückstoß, während der Ausschlagwinkel des pendelartig aufgehängten Gewehres beim Abfeuern dem ziemlich nahe kommt, den man erhält, wenn das Gewehr eine zur Hervorbringung derselben Anfangsgeschwindigkeit entsprechende Pulverladung erhält.

Endlich spricht für die langsame Gasentwickelung noch die Erfahrung, daß im Vergleich zum Pulver die Wirkung bei Anwendung der Baumwolle durch ein größeres Gewicht des Geschosses, überhaupt durch eine festere Einschließung, viel mehr gesteigert wird. So erhielt man z.B. beim Gewehrpendel mit einer Ladung von 30 Gran Baumwolle mit 1 Kugel eine Anfangsgeschwindigkeit von 813'; bei Anwendung eines 1 1/2 Kugel schweren Bleicylinders 1565' und mit einem 2 Kugel schweren Bleicylinder 1506'.

Mit dieser langsamen Gasentwickelung ist auch eine geringe Wärmeentwickelung verbunden, so daß Flintenläufe nach 20 und mehr Schüssen noch nicht warm wurden und daß metallene Röhren voll Baumwolle geschlagen beim Abbrennen in der bloßen Hand gehalten werden konnten, während dieselben voll Pulver geschlagen beim Abbrennen rothglühend wurden.

Diese Eigenschaften der Baumwolle gewähren in der Praxis den sehr erheblichen Vortheil, daß bei ihrer Anwendung die Geschützröhre nicht nur weniger erhitzt, sondern überhaupt weniger angegriffen werden, als bei den Pulverladungen. Flintenläufe rosten jedoch bei Benutzung der Baumwolle stärker, wenn sie nach dem Schießen nicht sorgfältig gereinigt werden.

Außer dem bereits erwähnten sehr geringen Rückstoße gewährt die Baumwolle aber noch den Vortheil, daß beim Schießen kein Rückstand in den Läufen zurückbleibt und daß kein Rauch erzeugt wird, was von eben so großer Wichtigkeit beim Gebrauche im freien Felde, als namentlich beim Feuern in Casematten, Blockhäusern etc. so wie im Minenkriege ist.

Man hat jedoch die Bemerkung gemacht, daß nach einigen, in einem geschlossenen Raume mit Baumwolle gethanen Schüssen sich ein sehr penetranter säuerlicher Geruch fühlbar machte und daß die Augen der Anwesenden unangenehm afficirt wurden.

Zum Vergleich der Wirkungen der Baumwolle und des Pulvers sind die berechneten Anfangsgeschwindigkeiten benutzt, wie sie sich bei einem zweckmäßig eingerichteten Gewehrpendel herausgestellt haben. Die Ergebnisse sind jedesmal das Mittel aus 5 Schüssen.

Man erhielt beim Gewehrlaufe:

mit 160Gran Gewehrpulver1176,8' Anfangsgeschwindigkeiten
„ 100 „ „1133,7' „
„ 30 „ Baumwolle1027,5' „
„ 20 „ „ 764,7' „

Beim Carabinerlaufe:

mit 120Gran Gewehrpulver1032,6' „
„ 30 „ Baumwolle1085,8' „
„ 20 „ „ 539,4' „

Beim Pistolenlauf:

mit 120Gran Gewehrpulver777,6' „
„ 30 „ Baumwolle890,3' „
„ 20 „ „658,0' „

Es ergab daher die Baumwolle beim Gewehr mit

3/10 des Gewichtes der Pulverladung eine um109' geringere,
1/5 „ „ „149' „

beim Carabiner:

1/4 des Gewichtes der Pulverladung eine um 52' größere,
1/6 „ „ „494' geringere;
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beim Pistol:

1/4 des Gewichtes der Pulverladung eine um112' größere,
1/6 „ „ „120' geringere

Anfangsgeschwindigkeit als das Pulver, so daß sich der Vorzug der Baumwolle besonders bei kurzen Röhren auszusprechen scheint.

Bei einem eisernen Probirmörser ergab die Baumwolle bei 3 Loth Ladung eine um 40 Schritt größere Wurfweite als das Gewehrpulver bei 9 Loth Ladung.

Hiebei wäre noch zu erwähnen, daß bei Gewehr und Geschütz die zur Hervorbringung derselben Wirkung erforderliche Quantität Baumwolle ziemlich genau dasselbe Volumen hat, wie die entsprechende Pulverladung, und daß die Baumwolle in dieser Beziehung zwar keinen Vortheil gewährt, im Vergleiche zum Pulver aber auch nicht im Nachtheile steht.

Baumwolle, wenn sie stark zusammengepreßt ist, fängt sehr schwer Feuer und explodirt nicht, sondern brennt mit geringer Energie – eine Eigenschaft, die für die Aufbewahrung und den Transport des unverarbeiteten Materials sehr wichtig werden kann.

Durch einen heftigen Schlag entzündet sich die Baumwolle nur, wenn sie in einer dünnen Schicht ausgebreitet ist, wobei die eigenthümliche Erscheinung eintritt, daß nur der vom Hammer getroffene Theil der ganzen Masse explodirt, der Rest aber unentzündet umhergeworfen wird.

Wenn die Baumwolle auch im gegenwärtigen Augenblicke bedeutend theurer als das Pulver ist, so läßt sich doch übersehen, daß dieselbe bei einer zweckmäßig eingerichteten Fabrication im Großen im Verhältniß zur Wirkung mindestens für denselben, wenn nicht für einen geringeren Preis als das Pulver herzustellen seyn wird.

Bei diesen, in manchen Beziehungen allerdings sehr erheblichen Vorzügen der Baumwolle haben sich aber auch nachstehende Mängel herausgestellt.

1) Die Baumwolle wirkt viel ungleichmäßiger als das Pulver. Bei einem an ein und demselben Tage ausgeführten Versuche betrug bei ziemlich gleicher Anfangsgeschwindigkeit der größte Unterschied der Schußweiten:

Pulver.Baumwolle.
beim Gewehr 95' 169'
beim Carabiner 159' 295'
beim Pistol 205' 463'

Diese Ungleichmäßigkeit der Wirkung hat ihren Grund darin:

a) daß es nicht leicht ist, jedesmal Baumwolle und Säuren von gleich guter Beschaffenheit zu erhalten;

b) daß eine gleichmäßige Fertigung sehr großen Schwierigkeiten unterliegt. Die Baumwolle wirkt nämlich verschieden:

je nachdem sie längere oder kürzere Zeit in der Säure gelegen;

je nachdem diese mehr oder weniger rein, mehr oder weniger concentrirt war; Baumwolle mit frischer Säure präparirt gab 1029,2, mit bereits einmal benutzter Säure präparirt 917,8' Anfangsgeschwindigkeit;

je nachdem die präparirte Baumwolle mehr oder weniger gut ausgewaschen ist;

je nach der Temperatur, bei welcher dieselbe getrocknet worden;

endlich je nachdem sie vor dem Verbrauche mehr oder weniger gleichmäßig locker gezupft ist. Wenn dieß nicht sehr sorgfältig geschehen, so wird nicht nur ein beträchtlicher Theil der Ladung unentzündet aus der Mündung, selbst aus dem Zündloche, hinausgeschleudert, sondern die Wirkung vermindert sich auch sehr bedeutend, so daß z.B. bei einem Schusse die Anfangsgeschwindigkeit 596,3', bei einem zweiten unter sonst ganz gleichen Umständen 1059,1' betrug.

Bei der Fabrication kleiner Quantitäten sind diese Rücksichten allerdings nicht von so großer Erheblichkeit, daß sie sich nicht mehr oder weniger vollständig beseitigen lassen sollten. Sehr zu veranschlagen werden diese Schwierigkeiten aber dann seyn, wenn es sich um die jährliche Fabrication mehrerer 1000 Cntr. handelt, wobei nicht zu übersehen ist, daß selbst geringe Verschiedenheiten in der Beschaffenheit des Materials sich bei der Wirkung um so stärker aussprechen müssen, je größer diese Wirkung eben ist.

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c) Daß die Baumwolle sich beim Laden der Geschütze und Gewehre viel stärker, also auch viel ungleichmäßiger zusammenpressen läßt als das Pulver, und daß die Wirkung daher auch um so ungleichmäßiger ausfallen muß.

Patronen, in welche die Baumwolle locker eingestopft war, ergaben bei einem von hinten zu ladenden Laufe 985', fester gestopft 1029' mittlere Anfangsgeschwindigkeit.

Patronen, von hinten in den Lauf eingesetzt, ergaben bei 45 Gran Ladung 1253', mit dem Ladestock fest angesetzt nur 1053,9' Anfangsgeschwindigkeit.

d) Daß die Baumwolle mehr Feuchtigkeit anzieht als das Pulver. In feuchter Luft aufgestellt, zog die Baumwolle in 6 Tagen 1,90 Proc. – mit Wasser unter der entleerten Glocke einer Luftpumpe aufgestellt bis 3,10 Proc. – Pulver nie über 1,50 Proc. Feuchtigkeit an.

Anfangsgeschw.
30 Gran feucht gestellte Baumwolle ergab 838,3'
30 „ trocken „ „ „ 1042,4'
100 „ feucht gestelltes Gewehrpulver „ 1142,8'
100 „ trocken „ „ „ 1193,4'.

Die Baumwolle verliert daher nicht nur viel mehr an Kraft als das Pulver, sondern wirkt auch noch viel ungleichmäßiger als dieses.

e) Daß schon bei einer Temperatur von 65 bis 70° R. in wenigen Minuten eine Verflüchtigung der Säuren eintritt, indem sich ein über die Baumwolle gehaltener Streifen Lackmuspapier stark färbte. Wahrscheinlich genügt dazu aber schon die länger dauernde Einwirkung einer niedrigeren Temperatur, indem beispielsweise beim Werg eine solche Decomposition schon nach 2stündiger Einwirkung einer nur bis 26° gesteigerten Wärme stattfand.

Werden durch diese Eigenschaften die Schwierigkeiten der Fabrication der Baumwolle insofern bedeutend gesteigert, als man einerseits stets zu fürchten hat daß dieselbe nicht genügend getrocknet sey, andererseits, daß bei stärkerem Trocknen eine Verflüchtigung der Säure eintrete, so sind dieselben auch von höchst nachtheiligem Einfluß auf die Gleichmäßigkeit der Wirkung.

An einem Versuchstage ergab dieselbe Baumwolle (30 Gran) beim Gewehr: trocken 917,8' Anfangsgeschwindigkeit, und dabei als größten Unterschied derselben 169,3'.

6 Tage der feuchten Luft ausgesetzt, wobei sie 1,90 Proc. ihres Gewichtes Feuchtigkeit angezogen hatte, bei 848,3' Anfangsgeschwindigkeit einen größten Unterschied von 234,3'. Es wurde bei einzelnen Schüssen nicht nur unentzündete Baumwolle aus der Mündung und dem Zündloche hinausgeschleudert, sondern man fand nach jedem Schusse von derselben etwas im Rohre vor.

11 Stunden auf dem Wasserbade gelegen, wobei sie 6 1/2 Procent ihres Gewichts verloren hatte, eine Anfangsgeschwindigkeit von 683,2' und dabei einen größten Unterschied derselben von 589,6'.

Auf ganz gleiche Weise präparirte Baumwolle kann daher nach Maaßgabe der Art ihrer Aufbewahrung, sowie nach Maaßgabe des beim Laden beobachteten modus bei demselben Gewichte der Ladung, sowie der Kugel, einmal 683, ein anderesmal 1042' mittlere Anfangsgeschwindigkeit und zugleich bei 5 Schüssen größte Unterschiede von 589' ergeben; Ungleichmäßigkeiten wie sie bei Anwendung des Schießpulvers nie vorkommen können.

Dürfte man aber auch gegen alle Wahrscheinlichkeit annehmen, daß sich die bis hieher zur Sprache gebrachten Mängel der Baumwolle, denen sich bei der Anwendung im Großen unzweifelhaft noch manche andere beigesellen werden, vollkommen beseitigen lassen würden: so sind noch folgende Eigenschaften zu erwähnen, die gegen die ausschließliche Verwendung der Baumwolle statt des Schießpulvers für Kriegszwecke sprechen.

2) Die große Entzündlichkeit derselben, indem die Baumwolle schon bei einer Temperatur von p. ptr. 70 und mehr Graden, Pulver erst bei 240° R. explodirt – die Aufbewahrung, der Transport, die Verarbeitung der Baumwolle zur Munition, selbst schon die Anfertigung derselben ist daher viel gefährlicher als die |57| des Schießpulvers. – Man denke sich nur den Soldaten mit einer Patrontasche voll Baumwolle, die schon bei 70° explodirt, am Bivouakfeuer!

3) In Röhren fest gepreßt wirkt die Baumwolle gar nicht; zur Anfertigung von Raketen, Zündern, Schlagröhren etc. kann man daher des Schießpulvers oder wenigstens seiner Materialien nicht entbehren.

4) Die Anfertigung der Kartuschen und Patronen mit Baumwolle geht überaus langsam von statten.

Die Pulverladungen für die Geschütze sowie für das Kleingewehr werden gegenwärtig abgemessen und in die Kartuschen oder Patronen geschüttet. Bei Anwendung der Baumwolle ist dieß nicht möglich, es muß vielmehr jede einzelne Ladung nicht nur abgewogen, sondern auch sehr sorgfältig in die Patronen resp. Kartuschen gestopft werden. Bei dem ungeheuren Gebrauch an Patronen namentlich dürfte dieser Umstand daher sehr zu veranschlagen seyn.

5) Bei den bestehenden Einrichtungen ist die Baumwolle zu den Ladungen des Infanteriegewehres, sowie der Carabiner und Pistolen unanwendbar.

Lose kann man dem Soldaten die Baumwolle natürlich nicht mitgeben.

Aus den Patronenhülsen läßt sich dieselbe nicht wie das Pulver ausschütten, es muß daher die ganze gefüllte Patrone zu Boden gebracht werden und dieselbe wird alsdann in den allermeisten Fällen beim Abfeuern sich nicht entzünden. Finge die Patrone aber auch wirklich beim jedesmaligen Losdrücken Feuer, so verzehrt die Baumwolle doch nicht das Papier der Hülse, ein Theil der letzteren und, wie oben erwähnt worden, selbst ein Theil der Baumwolle, wenn dieselbe feucht war, bleibt im Rohre zurück, so daß der Sicherheit wegen nach jedem Schusse der Krätzer gebraucht werden muß. Es kann zwar gelingen, diesem Uebelstande durch die Anwendung eines andern Materials für die Patronenhülsen sowie durch eine veränderte Einrichtung der Patronen und Gewehre zu begegnen, es ist jedoch sehr zu bezweifeln, daß die Anwendung der Baumwolle, selbst bei allen Verbesserungen, deren dieselbe fähig ist, so überwiegende Vortheile gewähren sollte, um eine gänzliche Umgestaltung unserer Handfeuerwaffen und ihrer Munition zu rechtfertigen.

Bei den Eigenschaften, welche die zu den bisherigen Versuchen benutzte Baumwolle hat, kann von einer Verwendung derselben zu Kriegszwecken nicht die Rede seyn, und man wird darauf für immer verzichten müssen, wenn es nicht gelingt, dieselbe weniger entzündlich, weniger hygroskopisch darzustellen und eine Decomposition derselben wenigstens unter Umständen unmöglich zu machen, wie sie bei der Aufbewahrung und dem Transporte des Kriegsmaterials unvermeidlich sind.

Man hat es versucht, sich statt der Baumwolle des Wergs und anderer Faserstoffe zu bedienen, die jedoch nur dann den Vorzug vor der Baumwolle verdienen würden, wenn sie in hinlänglichen Quantitäten, von gleichmäßiger Beschaffenheit und wohlfeiler als diese darzustellen wären. Die bisherigen Erfahrungen haben jedoch gezeigt, daß Werg wenigstens der Baumwolle in allen Beziehungen weit nachsteht. So trat z.B. bei demselben, wie erwähnt, schon bei 26° R. sehr bald eine Decomposition ein, und bei demselben Gewichte der Ladung ergab Werg nur eine Anfangsgeschwindigkeit von 409,1' und zugleich einen größten Unterschied von 209,5', während die Baumwolle bei einer Anfangsgeschwindigkeit von 1042,4' nur einen größten Unterschied von 88,8' ergab.“

Vergleicht man nun die Resultate der Versuche, welche sich nach diesen beiden Berichten herausstellen, so ergibt sich, daß die mittlere Anfangsgeschwindigkeit bei der Schießbaumwolle ziemlich übereinstimmend gefunden wurde, indem

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in Paris

1,0 Gramm eine Anfangsgeschwindigkeit von 151,465 Meter,
2,0 „ „ „ „ 315,494 „

in Berlin:

20 Grane = 1,240 Gramm eine Anfangsgeschwindigkeit von 169,292 Meter,
30 Grane = 1,860 „ „ „ „ 340,782 „

mit dem Gewehrpendel ergab.

Die in beiden Berichten hervorgehobenen Vortheile und Nachtheile der Schießwolle nähern sich nicht so sehr; in dem Bericht, welchen das Archiv etc. mittheilt, vermißt man übrigens die zur Anfertigung der verwendeten Schießwolle befolgte Methode.

Besonders beachtungswerth ist in dem französischen Bericht die beobachte Ansammlung von verdichtetem Wasser im Laufe des Gewehres und dessen durch die Versuche bewiesener nachtheiliger Einfluß auf die Anfangsgeschwindigkeit der Geschosse; dieser Umstand scheint den verehrten Herren zu Berlin gänzlich entgangen zu seyn, indem sie desselben nicht erwähnen, obgleich sich Unterschiede von 589' in der mittleren Anfangsgeschwindigkeit der Kugel herausstellten.

Auf die Entzündlichkeit der Schießbaumwolle scheint die Bereitungsart derselben nicht ohne Einfluß zu seyn; jedenfalls ist ihre Entzündung unter 80° R. noch nicht als erwiesene Thatsache zu betrachten.

Eines der größten Hindernisse für die allgemeinere Anwendung der Schießwolle bilden die jetzt üblichen Feuerwaffen, deren Constructionen den Eigenschaften des Schießpulvers angepaßt sind, während die Eigenschaften der Schießwolle von denen des Schießpulvers wesentlich verschieden sind, daher auch eine Abänderung der Feuerwaffen unerläßlich wird; bei den Gewehren wird eine solche hauptsächlich in Bezug auf die Art zu laden nöthig, weil die Ansammlung von Wasserdämpfen im Innern des Laufes der jetzigen Ladungsweise stets hinderlich seyn muß. Das von Hrn. Mechanikus Knocke in München erfundene System von Feuergewehren dürfte für solche Ladungen vorzüglich geeignet seyn und vielleicht mit wenigen Abänderungen dem Bedürfniß entsprechen.

P. W....

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