Titel: Ueber die durch Einathmung von Aether erzeugte Schmerzlosigkeit chirurgischer Operationen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1847, Band 103, Nr. LXV. (S. 294–298)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj103/ar103065

LXV. Ueber die durch Einathmung von Aether erzeugte Schmerzlosigkeit chirurgischer Operationen.

Mit einer Abbildung auf Tab. VI.

Es ist eine längst bekannte Thatsache, daß der Aether (uneigentlich „Schwefeläther“ genannt, weil er durch Destillation von Alkohol mit Schwefelsäure dargestellt wird, welche letztere die Bestandtheile des Alkohols in Aether und Wasser umsetzt) wenn er durch die Ernährungswege in den menschlichen Organismus aufgenommen wird, eine schmerzstillende und nervenberuhigende Wirkung hat; man stand aber von seiner Anwendung allmählich ab, weil er in seiner Wirkung bei verschiedenen Individuen sich durchaus nicht constant blieb. Im October 1846 veröffentlichte Hr. Jackson,33) ein Chemiker in Boston (Nordamerika) |295| die merkwürdige Beobachtung, daß der Aether, wenn er in Dunstform mit atmosphärischer Luft vermischt eingeathmet wird, einen Zustand der Betäubung hervorruft, während dessen chirurgische Operationen vorgenommen werden können, ohne daß die Kranken Schmerz fühlen. Er theilte seine Entdeckung zuerst dem Zahnarzt Morton in Boston mit, welcher davon beim Ausziehen von Zähnen Gebrauch machte; durch letztern erhielten Dr. Booth und Dr. Robinson in London Kenntniß davon; die Versuche der letzten: veranlaßten bald ähnliche zu Paris und in mehreren Städten Deutschlands; Oeffnung von Abscessen, Bein-Ampulationen, Stein- und Blasen-Operationen, der Kaiserschnitt etc. wurden bereits mit dem besten Erfolg vorgenommen, ohne daß die Kranken während der Operation Schmerzen verspürten, und Jackson's Entdeckung erweist sich daher als eine der fruchtbarsten und segensreichsten für die Menschheit.

Wir theilen im folgenden das Resultat der zahlreichen Versuche mit, welche in der chirurgischen Klinik zu Erlangen unter Leitung des Hrn. Prof. Dr. Heyfelder angestellt wurden, womit die Ergebnisse in den Spitälern zu München und anderen Städten Deutschlands, zu Paris, London etc. vollkommen übereinstimmen. Alle Personen verfielen durch Einathmung des Aethers in einen Zustand, nach dessen Verschwinden sie nicht das Geringste von irgend einem erlittenen Schmerz wußten. Die Dauer der bis zur Wirkung nöthigen Einathmung ist verschieden und schwankt zwischen 2 bis 15 Minuten, sehr selten darüber; die Dauer der nachweisbaren Wirkung hingegen ist nicht länger als einige Minuten. Sehr verschiedener Natur ist der eigentliche Zustand in den die Kranken versetzt werden. Die einen werden, wenn sie einige Minuten eingeathmet haben, schlaftrunken, schlafen ein, erwachen später wie aus einem wirklichen Schlafe und ermuntern sich ohne zu wissen was mit ihnen vorgegangen und daß sie operirt worden sind. Andere werden schon vor dem Einschlafen sehr heiter, lachen, oder wollen sich erheben, springen zuweilen auf, doch zurückgehalten werden sie |296| ruhiger und gleichgültig; man nimmt nun die Operation vor und später wissen sie weder von dieser noch von einem erlittenen Schmerze. – Andere wieder schlafen gar nicht ein, sondern behalten stets einen gewissen Grad des Bewußtseyns, aber nachher befragt, erklären sie keinen Schmerz bei der Operation gefühlt zu haben. Ueberhaupt schwindet die Reaction auf äußere Eindrücke selten ganz. Selbst Schlafende hören auf ihren Namen, öffnen den Mund, wenn man es ihnen befiehlt u. dergl.; dennoch wissen dieselben nach dem Erwachen nichts davon, noch von Schmerz, während andere sich nur einzelner Acte, wie des Anlegens des Zahnschlüssels und ähnlicher Umstände erinnern. Die einen erinnerten sich gar keiner Träume, andere bezeichneten sie als sehr angenehm, einige wenige als beängstigend. In seltenen Fällen erhielt sich das Bewußtseyn vollkommen, ohne daß jedoch im geringsten Schmerz gefühlt wurde. Mit Einem Worte, die Zustände welche die Einathmung hervorruft, sind die verschiedenartigsten, aber darin stimmen alle Operirten überein: daß sie keinen Schmerz gefühlt hätten, wenn sie auch in den Momenten der Operation einen noch so lauten Schrei ausstießen.

Ueble Folgen, bedenkliche Zufälle haben sich nach der Anwendung des Aethers nie eingestellt, selten etwas Eingenommenheit des Kopfes oder leichte Müdigkeit während einiger Stunden; das gewöhnliche Befinden kehrt sehr rasch zurück und im Durchschnitt ist es ein besseres als sonst unter gleichen Verhältnissen.

Apparate zum Einathmen des Aethers. In der Regel genügt hiezu ein sehr einfacher Apparat. Der bekannte Chemiker William Herapath zu Bristol beschreibt einen solchen folgendermaßen: „eine gewöhnliche, aber sehr große Blase wird mit einem Hals versehen, an welchem sich ein elfenbeinernes Mundstück mit großer Oeffnung anschrauben läßt; ein Hahn ist nicht nöthig. Man gieße in die Blase eine Unze guten gewöhnlichen Schwefeläthers und blase dieselbe mit dem Mund auf34) bis sie beinahe voll ist. Man drücke den Daumen an das Mundstück und schüttle die Blase, so daß sich die darin enthaltene Luft mit dem Dunste sättigt. Sobald der Kranke zur Operation bereit ist, halte man ihm die Nase zu und bringe ihm das Mundstück zwischen die Lippen, welche man rings mit den Fingern andrückt. Jetzt muß er mittelst der Blase ein- und ausathmen, und nach einer oder zwei Minuten werden seine Lippen ihre Schließkraft verlieren.

|297|

Dieß ist der Augenblick zum ersten Einschnitt. Nach zwei oder drei Minuten wird die Wirkung des Aethers zu verschwinden anfangen; nun muß das Mundstück wieder eingebracht und dieß so oft als nöthig wiederholt werden.

Um seinem Zweck vollkommen zu entsprechen, muß der Apparat so eingerichtet seyn, daß bei seinem Gebrauch Aetherdampf mit reiner atmosphärischer Luft gemischt eingeathmet wird und die ausgeathmete Luft ohne Hinderniß entfernt werden kann. Diesen Bedingungen genügt der Einsaugapparat, dessen sich die Aerzte Boot und Robinson zu London bedienten und den wir nach der „Londoner illustrirten Zeitung“ mittheilen. In Fig. 34 ist mit 1 das Mundkissen bezeichnet, welches der Operateur festhält; mit 2 ein horizontales Ventil zur Entfernung der ausgeathmeten Luft; mit 3 ein verticales Klappenventil; mit 4 ein Sperrhahn; mit 5 eine Nasenfeder, durch welche der gleichzeitige Eintritt der atmosphärischen Luft in die Mundhöhle verhindert wird; mit 6 eine elastische Röhre; mit 7 ein gläsernes Gefäß mit Glaskugel, in welchem sich mit Aether gesättigte Schwämmchen befinden; mit 8 der Durchschnitt des Kissens mit dem Mundstück. Beim Gebrauch des Apparats wird der durchbohrte Stöpsel am Glasgefäß (7) geöffnet; will man dagegen den Kranken frische Luft schöpfen lassen, so muß man diesen Stöpsel zudrehen, die Nasenfeder wegnehmen und das Klappenventil öffnen, was besonders bei längeren Operationen erforderlich ist.

Wenn man eine biegsame Röhre und das beschriebene Mundstück besitzt, kann man mit einem gewöhnlichen Stöpselglas oder auch einer großen Schweinsblase (an welchen sich leicht ein verschließbares Luftröhrchen anbringen läßt) allenthalben einen eben so brauchbaren Apparat zusammensetzen.

In Paris verfertigen jetzt Luer und Charrière die elegantesten Taschenapparate zum Einathmen von Aetherdampf mit Luft, welche sogar die Gefahr der Entzündung und Explosion des Gasgemisches beseitigen, indem ihre Röhren stellenweise im Innern mit ringförmigen feinen Metallgeweben versehen sind, entsprechend dem Davy'schen Gesetze für die Lampen der Grubenarbeiter.

Die neuesten Apparate der Engländer zeichnen sich durch die Eigenthümlichkeit aus, die Verflüchtigung des Aethers zu beschleunigen und in einer gegebenen Zeit eine möglichst große Quantität desselben in die Luftwege zu bringen. Dieses erreichen sie einfach dadurch, daß sie den Apparat in zwei Kammern theilen, deren untere mit heißem Wasser gefüllt ist, während in der oberen sich der Aether befindet. Sie gehen |298| indeß noch weiter und können sogar die Dosis des einzuathmenden Aethers bestimmen und mit der einzuathmenden Quantität nach Belieben steigen und fallen, was für die Individualität mancher Kranken gewiß von großem Vortheil ist. Sie theilen nämlich die obere Kammer, welche für die Aufnahme des Aethers und der atmosphärischen Luft bestimmt ist, durch Zwischenwände in vier Unterabtheilungen, die unter sich communiciren und welche alle die von außen eintretende reine Luft der Reihe nach passiren muß, um von den Patienten eingeathmet werden zu können. Dabei versteht sich von selbst, daß dieselbe, weil sie längere Zeit mit dem Aether in Berührung bleibt, auch mit Aether gesättigter eingeathmet werden muß, welcher Sättigungsgrad aber dadurch sehr einfach und zweckmäßig verändert werden kann, daß am oberen Ende jeder dieser vier Abtheilungen Oeffnungen angebracht sind, durch welche man neue atmosphärische Luft nach Belieben eintreten läßt. Je nachdem nun keine dieser Oeffnungen, oder eine, zwei oder endlich alle offen stehen, muß natürlich der Grad der Sättigung der Luft mit Aetherdampf ein verschiedener, bald größerer, bald geringerer seyn, und kann so vom Operateur der Individualität der Kranken auf die einfachste und leichteste Weise angepaßt werden.

Δ

|294|

Hr. Jackson sagt in einem Schreiben an die franz. Akademie der Wissenschaften dd. 13. Nov. 1846 (mitgetheilt in den Comptes rendus, Jan. 1847 Nr. 3) über seine Entdeckung und deren erste Anwendung folgendes: „Vor fünf bis sechs Jahren beobachtete ich zum erstenmal den eigenthümlichen Zustand von Unempfindlichkeit, in welchen das Nervensystem durch Einathmen des Dampfes von reinem Schwefeläther versetzt wird; ich habe den Aetherdampf in großer Menge eingeathmet, anfangs bloß um seine Wirkung kennen zu lernen, und später in einem Augenblick, wo ich mir durch Einathmen von Chlorgas einen sehr starken Schnupfen zugezogen hatte. Unlängst machte ich von dieser Beobachtung eine nützliche Anwendung, indem ich einen Zahnarzt in Boston veranlaßte die Personen, welchen er Zähne auszuziehen hatte, Aetherdampf einathmen zu lassen; dieselben erlitten bei der Operation keinen Schmerz und der Aetherdampf hatte auch keine nachtheiligen Folgen. Ich bewog dann die Aerzte im allgemeinen Krankenhaus zu Massachusetts den Aetherdampf bei einem Kranken anzuwenden, mit welchem eine schmerzhafte chirurgische Operation vorgenommen werden sollte: das Resultat war, daß der Kranke während der Operation nicht den geringsten Schmerz spürte und sich darauf wohl befand. Es wurden dann zahlreiche Operationen, Bein-Ampulationen, Oeffnung von Abscessen etc. mit gleich günstigem Erfolg vorgenommen; die Reconvalescenz erfolgte immer auffallend leicht, weil die Kranken keine Nervenerschütterung erlitten hatten.... Man kann den Aetherdampf sehr bequem einathmen, indem man einen großen Schwamm mit Aether tränkt, ihn in eine kurze kegelförmige Röhre oder in einen Trichter legt und die atmosphärische Luft in die Lungen durch den mit Aether gesättigten Schwamm ansaugt. Die Luft kann hierauf durch die Nasenlöcher ausgestoßen werden oder man kann auch Ventile an der Röhre oder dem Trichter anbringen, so daß der Athem nicht durch den Schwamm hindurch austritt, wo er den Aether durch den Wasserdampf, welchen er enthält, abschwächen würde. Nach einigen Minuten verfällt der Kranke in einen eigenthümlichen Schlaf und es kann mit ihm jede chirurgische Operation vorgenommen werden, ohne daß er einen Schmerz fühlt; sein Puls wird gewöhnlich etwas schneller und seine Augen glänzend; wenn er nach einigen Minuten wieder zu sich gekommen ist, sagt er daß er geschlafen oder geträumt habe. Wenn der Aether schwach ist, bringt er seine eigenthümliche Wirkung nicht hervor; der Kranke wird dann bloß betrunken und klagt nachher über starkes Kopfweh; man muß folglich nur höchst rectificirten Aether anwenden. Wenn ein Zahnarzt des |295| Abends Zähne ausziehen will, muß er das Licht in einer Davy'schen Sicherheitslampe einschließen, damit durch den Aetherdampf keine Explosion entstehen kann; derselbe würde sich nämlich entzünden, wenn eine freie Flamme dem Mund genähert würde. Bei der Anwendung des Aetherdampfs ist es wichtig ein großes Volum davon zu haben, damit man ihn frei einathmen und er schnell seine Wirkung äußern kann, weil man so jede unangenehme Empfindung vermeidet; man hat aber von einem länger fortgesetzten Einathmen des Aetherdampfs durchaus nichts zu befürchten, wenn mit ihm auch genug atmosphärische Luft in die Lungen gelangen kann. Bei Operationen von einiger Dauer kann man den Aetherdampf mehrmals in geeigneten Zwischenräumen lassen um den Kranken im Schlaf zu erhalten.“

|296|

Sollte heißen mittelst eines Blasebalgs, damit so wenig Kohlensäure als möglich gleich anfangs in die Blase kommt.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Tafeln


Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: