Titel: Braconnot, über die verderbliche Einwirkung verdünnter Säuren auf die Vegetation.
Autor: Braconnot,
Fundstelle: 1847, Band 103, Nr. LXXXVIII. (S. 380–389)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj103/ar103088

LXXXVIII. Ueber die verderbliche Einwirkung sehr verdünnter Säuren und des mit vielem Wasser verdünnten Harns auf die Vegetation; von H. Braconnot.

Aus den Annales de chimie et de Physique, Oct. 1846, S. 157.

Ich wurde von der Regierung über die Etablirung einer Mineralsäuren Fabrik und die Nachtheile, welche für die in der Nähe befindlichen Pflanzungen daraus erwachsen könnten, zu Rathe gezogen. Da ich mich hierüber nicht entschieden auszusprechen vermochte, entschloß ich mich, nach Dieuze zu reisen, um dort den Einfluß der aus solchen Fabriken sich entwickelnden Dünste auf die Vegetation zu studiren. Ich konnte mich leicht überzeugen, daß kleine Mengen in der Atmosphäre zerstreuter saurer Dämpfe sogar in ziemlich weiter Entfernung den Bäumen schädlich werden können, während in der Regel die in der nächsten Nähe dieser Etablissements befindlichen Menschen und Thiere nicht merklich davon afficirt werden. Hieraus zog ich den ganz einfachen Schluß, daß die Säuren selbst in sehr geringer Menge für die Pflanzen Gifte sind, aber nicht für die Thiere. Eine solche Behauptung aber bedurfte der Unterstützung durch directe Versuche; ehe ich diese unternahm, schlug ich die Angaben verschiedener Schriftsteller über die Einwirkung der Säuren auf die Pflanzen nach. Ich finde in de Candolle folgende Stelle43): „Mit ihrem dreifachen Gewichte Wassers verdünnte Schwefelsäure tödtete nach Hrn. Marcet Bohnen in 24 Stunden; Achard beobachtete ähnliche Wirkungen bei Verdünnnng dieser Säure mit ihrem gleichen Gewichte Wassers.“

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Es versteht sich, daß mit solchen Quantitäten Säure das zu erwartende Resultat nicht zweifelhaft seyn konnte. Wirklich berichtet de Candolle weiterhin Thatsachen, welche darthun, daß Dämpfe von schwefliger Säure, Salzsäure und salpetriger Säure in sehr kleinen Quantitäten Pflanzen zu tödten vermögen, ohne Zweifel, indem sie auf ihre blattartigen, oder die Lungen vertretenden Organe wirken; allein ich wünschte die Wirkung der Säuren in kleinen Mengen und im flüssigen Zustande, bei Einführung derselben durch die Wurzeln oder Stengel in die Pflanzengefäße, kennen zu lernen. Darüber fand ich in Marcet's Abhandlung: über die Einwirkung der Gifte auf das Pflanzenreich 44) eine Thatsache, welche sich den unten angegebenen Erfahrungen zu nähern scheint.

Dieser Naturforscher brachte einen blühenden Rosenzweig in 30 Gramme Wasser, welches 265 Milligr. Oxalsäure enthielt. Am andern Tag hatten die äußern Blumenblätter eine dunklere Farbe angenommen, worauf sie welk wurden, und am zweiten Tag waren Stengel und Blätter trocken; sie hatten nur 1/10 Säure absorbirt. Eine mit ihrer Wurzel in eine eben solche Flüssigkeit tauchende Bohnenpflanze war in 24 Stunden dahingestorben.

Marcet erklärt diese Wirkung durch die Annahme, daß die Oxalsäure ein narkotisches Gift sey, welches selbst in kleiner Quantität den Thieren beigebracht, sie tödtet. Ich gestehe, daß mir die dieser Säure in sehr verdünntem Zustande zugeschriebenen narkotischen (sédatives) Eigenschaften zweifelhaft erschienen. Uebrigens beweisen die unten folgenden Versuche, daß andere schwächere Säuren, in geringerer Quantität, wenn man sie von Pflanzen absorbiren läßt, dieselben auf bemerkenswerthe Weise zerstören. In der That werden sie durch gewisse Gifte, welche man in ihre Gefäße treten läßt, getödtet, ohne desorganisirt zu werden; in dieser Beziehung könnten dieselben wohl mittelbar oder durch Mitleidenheit, wie Narcotica, auf ihre Organe wirken; allein auf diese Weise wirkt die Oxalsäure nicht.

Am 26. Junius stellte ich einen mit Blättern versehenen und mit einer Aehre noch unaufgebrochener Blüthen ausgehenden krautartigen Zweig von Phytolacca decandra (gemeine Kermesbeere) in ein Champagnerglas, welches 5 Centigr. Weinsteinsäure in 30 Grammen Regenwasser aufgelöst enthielt. Am andern Tag fand ich das in die Flüssigkeit tauchende Ende zusammengezogen und merklich erweicht. Fünf Tage |382| darauf war die ganze Pflanze erschlafft und beinahe gänzlich verwelkt, während ein ähnlicher Zweig in reinem Wasser seine Frische lange behielt.

Am 27. Junius wiederholte ich denselben Versuch, indem ich einen blühenden Zweig der bengalischen Rose in 30 Gramme Regenwasser stellte, worin 5 Centigr. Weinsteinsäure aufgelöst waren. Am 3. Jul. war der vorher schön grüne untere Theil des Stengels schwarzblau (livide) geworden; seine Blätter hatten zwar ihre grüne Farbe und ihre Consistenz beibehalten, lösten sich aber durch die geringste Kraft vom Stengel ab. Die Blüthe war verwelkt.

Am 27. Junius wurde ein blühender Zweig der bengalischen Rose mit seinem abgeschnittenen Ende in 30 Gramme Regenwasser gestellt, worin 1 Decigramm sauren weinsteinsauren Kali's (Weinstein) aufgelöst war. Am 3. Julius hatte der Stengel in seiner ganzen Ausdehnung seine ursprünglich grüne Farbe beibehalten, sowie auch die Blätter; aber letztere lösten sich bei nur leiser Berührung davon ab.

Am 27. Junius stellte ich einen blühenden Zweig der bengalischen Rose in mit einem Vierzigstel seines Volums destillirten Essigs angesäuertes Wasser. Am 30. Junius war, wie die schwarzblaue Farbe, welche er annahm, bewies, die Absorption der angesäuerten Flüssigkeit durch den ganzen Zeig hindurch vor sich gegangen.

Am 24. Julius tauchte ich eine junge Bohnenpflanze mit ihren Wurzeln in mit seinem fünffachen Gewicht Wassers verdünnten Wein; am 28. Julius aber hatte der Stengel beinahe seiner ganzen Länge nach augenscheinlich eine nachtheilige Veränderung erlitten und die gelben und krausen Blätter verkündeten den nahen, völligen Tod der ganzen Pflanze.

Am 27. Junius wurde ein Zweig der bengalischen Rose mit zwei eben im Aufbrechen begriffenen Knospen in 30 Gramme Regenwassers gestellt, in welches ich einen Tropfen Schwefelsäure gebracht hatte. 15 Stunden darnach war die säuerliche Flüssigkeit 4 Centimeter hoch in den Rosenzweig gestiegen, wie aus der braungelben Farbe dieses Theils zu ersehen war, die mit der grünen Farbe des übrigen Zweiges stark contrastirte. Am 3. Julius war derselbe durch das Aufsteigen der Flüssigkeit, die, das Abfallen der Blätter bewirkend, bis zu den Blumen vorgedrungen war, völlig desorganisirt. Sonderbarerweise hatten sich in derselben Flüssigkeit, welche den Rosenzweig getödtet hatte, auf dem eingetauchten Theil des Zweigs weiße, zierliche und sehr zarte Büschel eines confervenartigen Gewächses gebildet, welches in diesem Medium alle seiner Entwickelung günstigen Umstände gefunden hatte.

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Denselben Versuch wiederholte ich, indem ich das Ende eines jungen Zweiges von Atriplex hortensis (Gartenmelde) in 30 Grammen Wassers steckte, das einen Tropfen Schwefelsäure enthielt. Am andern Tage war die Aufsaugung der säuerlichen Flüssigkeit durch den Stengel 2 Decimeter hoch über die Oberfläche der Flüssigkeit hinauf erfolgt. Dieser ganze Theil hatte seine Farbe verändert, er war erweicht, desorganisirt und sah aus, als hätte die Wärme auf ihn eingewirkt; während jenes Ende desselben Zweiges, in welches die säuerliche Flüssigkeit noch nicht gestiegen war, seine natürliche Farbe und die Lebenskraft längere Zeit behalten hatte, als eine solche Pflanze in der bloßen Luft, wie folgender Versuch bewies:

Ich brachte eine junge Bohnenpflanze in 30 Gramme einen Tropfen Schwefelsäure enthaltenden Wassers, und eine andere ähnliche Pflanze blieb der Luft ausgesetzt; die Blätter der letztern welkten bald, während die der andern, in die säuerliche Flüssigkeit getauchte Pflanze, einige Zeit ihre ganze Frische behielten; und doch war der größte Theil des ihnen zur Stütze dienenden Stengels entfärbt, erschlafft und leblos, was durch die Annahme erklärt werden kann, daß die von dem Stengel absorbirte säuerliche Flüssigkeit den in dem Stengel enthaltenen Saft gegen den obern Theil vor sich her trieb und auf diese Weise dazu diente, den Blättern das Leben zu erhalten, bis zu dem Augenblicke, wo die säuerliche Flüssigkeit sie ebenfalls erreichte. Bei meinen andern Versuchen erhielt ich übrigens ähnliche Resultate.

Am 8. Julius steckte ich die kaum noch in Blüthe stehenden Zweige folgender Pflanzen, als:

Phytolacca decandra, gemeine Kermesbeere,

Avena sativa, gemeiner Hafer,

Atropa Belladonna, gemeine Tollkirsche,

Datura Stramonium, gemeiner Stechapfel,

Lythrum virgatum, ruthenförmiges Blutkraut,

Althaea officinalis, gemeiner Eibisch,

Chyananchum montpeliacum, montpelier'scher Hundswürger,

Hydrangea virginica, virginische Hydrangea,

Atriplex hortensis, Gartenmelde,

mit ihren Enden in ein Gefäß, welches eine Mischung von 400 Gram. Regenwassers und 13 Tropfen reiner Salzsäure enthielt. Schon zwei Stunden darauf bemerkte man an dem untern Ende dieser Pflanzen eine gelbliche Färbung, welche bei der Phytolacca 8 Millimeter über den Schnitt dieses Zweiges hinaufgestiegen war. Am andern Tag hatte ein Theil des Stengels aller dieser Pflanzen eine augenscheinliche Veränderung |384| erlitten, wie dieß das Verschwinden der grünen Farbe kund gab, die einer braungelben Platz machte.

Am 10. Julius waren dieselben Stengel erweicht und bis zu den Blättern desorganisirt; an einigen konnte sogar der Gang der säuerlichen Flüssigkeit durch die Vernichtung der grünen Farbe verfolgt werden, so wie durch die Erweichung und die Halbdurchsichtigkeit, welche sie annahmen, während neben diesem desorganisirten Theil das übrige Blatt seine ganze Lebenskraft behalten hatte.

Am 12. Julius war das aufgestiegene angesäuerte Wasser bis zum Blüthenschirm der Hydrangea gelangt, während es beim Hafer nur etwa 1 Decimeter über das Niveau der Flüssigkeit gestiegen war; aber die ganze Pflanze hatte eine gelbliche Farbe angenommen, die ihr Absterben verkündigte. Der Stengel der Phytolacca, vorher von fester Consistenz, war so erweicht und desorganisirt, daß er zwischen den Fingern zu einem gleichförmigen Brei zerdrückt werden konnte, als wäre er in Wasser vollkommen durchgekocht worden. Dieser Brei zeigte unter dem Mikroskop betrachtet nur mehr einige gebrochene Gefäße und zerrissene Zellen. Das Ende desselben Zweiges übrigens, welches von der säuerlichen Flüssigkeit nicht durchzogen war, hatte seine ursprüngliche Frische behalten; eben so verhielt es sich mit den übrigen Pflanzen, ohne Zweifel in Folge des gegen oben zurückgeflossenen Saftes.

Am 14. Julius waren alle diese Pflanzen gelb und welk. Zum Ueberfluß bemerke ich noch, daß dieselben oben genannten Pflanzenspecies der Vergleichung wegen in ein anderes Gefäß mit Regenwasser gestellt worden waren und sich hier in gutem Zustand erhielten. Ich verglich die Störungen, welche in das Gewebe ausdauernder (vivaces) Pflanzen gebrachtes schwach angesäuertes Wasser hervorbringt, die übrigens ein Beweis der Zartheit der Pflanzenmembranen sind, mit der Wirkung der Wärme.

Um diese Anschauungsweise zu rechtfertigen, ließ ich das abgesonderte Ende einer Phytolacca-Pflanze eine halbe Stunde lang im Wasser kochen; dieser Theil unterschied sich in nichts, weder durch seine Farbe, noch durch seine Erweichung von dem Stengel derselben Pflanze, welche in obiger säuerlichen Flüssigkeit gestanden hatte. Auch beobachtete ich, daß der Phytolacca-Zweig, dessen Ende gekocht worden war, im Vergleich mit einem ähnlichen Zweig der Luft ausgesetzt, sich länger frisch erhielt als letzterer, dessen Erschlaffung bald wahrzunehmen war.

Ueberrascht, in dem Pflanzengewebe durch Absorbirenlassen von Wasser, welches eine so kleine Menge Salzsäure enthielt, so tiefgehende Veränderungen eintreten zu sehen, wollte ich mich überzeugen, ob sie |385| die Säure in noch kleinern Quantitäten vertragen könnten. Ich vermischte 1 Tropfen Salzsäure mit 1 Deciliter Regenwasser; 30 Gramme dieser Mischung wurden am 10. Julius in ein Champagnerglas gebracht und eine mit 3 Blättern versehene junge Bohnenpflanze mit den Wurzeln hineingetaucht, so wie auch ein Zweig der Atriplex hortensis, rothe Varietät. Am 14. Junius fand ich den ganzen in die Flüssigkeit tauchenden Theil der Atriplex desorganisirt, d.h. erweicht, entfärbt und merkwürdig zusammengeschrumpft, so daß keine Aufsaugung über den Spiegel der Flüssigkeit mehr stattfinden zu können schien; der übrige Theil der Pflanze aber schien sich in gutem Zustand zu befinden. Die Bohne anbelangend, schien sie nicht gelitten zu haben; am 16. Jul. aber waren beide Pflanzen zum größten Theil verwelkt. Bei diesem Versuche beobachtete ich eine mir sonderbar erscheinende Thatsache, daß nämlich die ursprünglich säuerliche Flüssigkeit, welche das Lackmuspapier deutlich röthete, nachdem die Pflanzen sich darin befunden hatten, gegen dasselbe Reagens neutral wurde. Um diese neue Thatsache zu bestätigen, wurde das Ende eines blühenden und kräftigen Zweiges von Momordica Elaterium, gemeine Springgurke, in 30 Gramme des eben erwähnten säuerlichen Wassers gebracht; zwei Tage darauf hatte nach Abzug der verdunsteten Flüssigkeit die Pflanze beinahe gar nichts davon absorbirt, und doch zeigte das empfindlichste Reactionspapier nicht die mindeste Spur freier Säure an. Uebrigens vegetirte die Pflanze in dem Wasser, dessen freie Säure sie verschwinden machte, lange fort, bis endlich dieses Wasser durch Aufsaugen und Verdunsten gänzlich verschwunden war. Könnte man, um sich das Verschwinden dieser freien Säure zu erklären, nicht annehmen, daß, weil dieselbe der Pflanze schädlich ist, es letzterer gelingt, sie unschädlich zu machen, auf analoge Weise wie andere Pflanzen die von ihnen selbst erzeugten mächtigen Säuren beinahe vollkommen sättigen, widrigenfalls sie zu wahrhaften Giften für sie würden?

Das durch den Zweig von Momordica Elaterium neutral gewordene säuerliche Wasser gab beim Abdampfen einen weißlichen, salzigen, gänzlich aus Chlorkalium und einigen Spuren organischer Materie bestehenden Rückstand, woraus folgt, daß die Salzsäure durch das von der Momordica ihr abgegebene Kali gesättigt wurde, und dennoch röthen alle Theile dieser Pflanze das blaue Lackmuspapier. Die Elektricität dürfte dieser Erscheinung nicht fremd seyn.

Ich wünschte die Wirkung einer geringen Quantität Oxalsäure kennen zu lernen, wenn sie von Pflanzen absorbirt wird, in welchen ich eine große Menge neutrales oxalsaures Kali gefunden hatte, wie in der |386| Phytolacca, dem Spinat, der Runkelrübe, Gartenmelde; ich überzeugte mich, daß sie dieselben eben so desorganisirt wie die andern verdünnten Säuren. Nun wollte ich auch Aufschluß über den Einfluß verdünnter Säuren auf Pflanzen, die zweifach-oxalsaures Kali enthalten.

Am 23. Junius stellte ich einen blühenden Zweig des schildförmigen Ampfers (Rumex scutatus) und ein Pflänzchen von Oxalis stricta (des geraden Sauerklees) in 30 Gramme Wasser, worin 1 Decigr. Oxalsäure aufgelöst war. Am 26. Junius nahm der in die Flüssigkeit tauchende Theil des Ampfers eine schwarzblaue Farbe an, welche sich längs des Stengels bis zu den Blättern fortsetzte, wovon die meisten abfielen. Der Sauerklee widerstand dieser Probe besser, denn seine gefalteten Blätter schlossen sich Abends und gingen am Morgen auf. Doch war am 30. Junius sein Stengel von der sauren Flüssigkeit bis ungefähr 8 Centimeter über ihren Spiegel durchdrungen, wie aus der schwarzblauen Farbe zu ersehen war. Es könnte vielleicht sonderbar erscheinen, daß kleine Mengen verdünnter Säuren wie ätzende Gifte auf das Gefüge von Pflanzen wirken können, welche selbst viel Säure enthalten.

Um sich diese anscheinende Anomalie zu erklären, muß man berücksichtigen:

1) daß Vergiftung von Pflanzen durch sehr scharfe narkotische oder saure Säfte, welche sie selbst erzeugten, stattfinden kann;

2) daß diese Säfte in besondern Zellen abgesondert werden, auf welche sie keine Einwirkung zu haben scheinen, während diese Einwirkung auf andere Zellen eine sehr augenscheinliche ist, wenn sie an deren äußere Wände (beim Uebergange aus den Wurzeln in die Intercellulargänge) gelangen.

Ich suchte auch die Wirkung der Säuren auf einen kraftvollen, 3 Meter hohen Apfelbaum, welcher noch keine Früchte getragen hatte, kennen zu lernen, in der Absicht ihn zu schwächen, um zur Fruchtbildung zu disponiren.

Am 23. Junius ließ ich, nachdem ich einen Zweig desselben von der Dicke eines Fingers abgeschnitten hatte, das an dem Baum befindliche abgeschnittene Ende in eine Wasserflasche tauchen, die 1 3/10 Liter Wasser enthielt, worin 13 Gramme Schwefelsäure vertheilt waren. Nach einigen Tagen war die ganze saure Flüssigkeit von dem Apfelbaume aufgesogen. Der Zweig, durch welchen die Aufsaugung geschah, war auf die Länge von etwa 1 Meter stark gerunzelt und in dieser ganzen Länge hatte die Rinde einen sauren Geschmack. Gegen Ende Julius war eine |387| ziemlich große Anzahl seiner Blätter, so wie auch einige Zweige ausgetrocknet und alles verkündigte, daß der Baum krank sey.

Am 20. Junius ließ ich einen andern Apfelbaum von gleicher Stärke und Höhe auf dieselbe Weise 637 Gramme Wasser absorbiren, dem 63 Gramme käufliche Salzsäure zugemischt waren. Gegen Ende Julius erschien dieser Baum kranker als der obige, indem ein Zweig desselben von ungefähr 4 Centimeter Durchmesser seiner Blätter schon ganz beraubt war. Das weitere Resultat dieser beiden Versuche ist mir noch nicht bekannt.

Schädliche Einwirkung mit vielem Wasser verdünnten Harns auf die Vegetation.

Bekanntlich wird der mit Wasser verdünnte Urin allgemein von den Landwirthen als einer der besten Dünger betrachtet. Die Versuche indessen, welche ich anstellte, um seine directe Einwirkung auf die Vegetation kennen zu lernen, scheinen diese Meinung nicht zu rechtfertigen.

Am 27. Junius wurde ein Zweig der bengalischen Rose, an dessen Spitze sich eine kaum noch aufgebrochene Knospe befand, in 15 Gramme mit eben so viel Regenwasser verdünnten frischen Menschenharns gestellt. Am 29. Junius war die Pflanze beinahe völlig verwelkt und auf dem größten Theil des Stengels zeigten sich vom kalten Brande herrührende dunkelbraune Flecken. Man könnte glauben, daß die Wirkung des mit so wenig Wasser verdünnten Urins von der darin enthaltenen Säure herrühre; ich werde aber zeigen, daß sie eine ganz andere Ursache hat.

Am 7. Julius wurde ein in Blüthe befindlicher Zweig der bengalischen Rose, ein mit seiner Aehre an der Spitze versehener Zweig der Phytolacca, und eine junge Bohnenpflanze in gefaulten Urin gestellt, der geröthetes Lackmus wieder bläute und mit seinem achtfachen Gewicht Wasser verdünnt war. Am 8. Julius war die Phytolacca erschlafft und hängend, so wie auch die Bohne, während der Rosenzweig scheinbar seine Frische behalten hatte; am 11. Julius aber waren alle drei Pflanzen ganz verwelkt.

Am 10. Julius brachte ich zwei Bohnenpflanzen mit ihren Wurzeln in mit seinem sechzehnfachen Gewicht Regenwasser verdünnten gefaulten Harn. Am 11. Julius waren diese Pflanzen zum Theil verwelkt, am 14. d. M. aber hatten sie ganz zu leben aufgehört.

Am 14. Julius stellte ich in eine Wasserflasche, welche 1 Liter Regenwasser enthielt, dem 30 Gramme gefaulten Harns beigemischt waren, zwei junge Bohnenpflänzchen mit ihren Wurzeln, und in eine |388| andere, nur Regenwasser enthaltende Flasche zwei ähnliche Pflanzen. Am 17. Julius waren die Bohnenblätter der ersten Flasche erschlafft; am 19. Julius waren sie verwelkt und einige fingen schon an auszutrocknen, während die beiden andern Pflanzen im Regenwasser fortlebten; sie hatten sogar in diesem letztern nahezu 1 Decimeter lange Wurzeln getrieben.

Am 28. Julius waren sie noch in befriedigendem Zustande.

Als ich sah, daß diese nachtheilige Wirkung durch Wasser, welches so wenig Urin enthielt, hervorgebracht wurde, wollte ich sehen, ob, wenn ich die Menge dieses letztern noch mehr verminderte, seine schädliche Einwirkung noch erkenntlich ist.

Am 19. Julius wurden 10 Gramme gefaulten Urins mit 1 Liter Regenwasser verdünnt; in diese in einer Flasche enthaltene Mischung fetzte ich zwei mit ihren Wurzeln versehene junge Bohnenpflänzchen; sie erhielten sich 2–3 Tage darin ohne leidend zu erscheinen; am 23. Jul. aber waren die Blätter dieser Pflänzchen gelblich, erschlafft, hängend und durch eine anfangende Austrocknung verkrüppelt. Ich bin überzeugt, daß eine noch kleinere Menge Harns den Pflanzen ebenfalls schädlich wäre; allein ich setzte diese Versuche nicht weiter fort.

Jedenfalls scheint aus dem Vorstehenden hervorzugehen, daß der durch Fäulniß alkalisch gewordene Urin, wenn auch mit vielem Wasser verdünnt, ein den Pflanzen sehr schädliches Gift ist, wenn man ihn mit ihren Wurzeln in Berührung bringt. Es ist mir nicht bekannt, welches der tödtliche Bestandtheil desselben ist, der dieses Excrement den Pflanzen so schädlich macht; es einem etwas vorwaltenden Ammoniakgehalt zuzuschreiben, wäre ein Irrthum, weil nach einigen Beobachtern die Alkalien in geringer Quantität die Vegetation eher zu befördern scheinen, wie dieß auch Davy behauptet, welcher mit 1/300 kohlensaures Kali enthaltendem Wasser begossene Pflanzen gedeihen sah.

Um auch diese Wirkung beobachten zu können, brachte ich am 13. Julius in 30 Gramme Wasser, welches 1 Decigr. reinen kohlensauren Kalis enthielt, ein mit seinen Würzelchen versehenes junges Bohnenpflänzchen, welches seine Keimblätter noch besaß, so wie auch einen Rosenzweig mit einer im Aufbrechen begriffenen Knospe an der Spitze. Diese beiden Pflanzen erhielten sich einige Tage ziemlich gut in dieser Flüssigkeit; am 22. Julius aber waren sie ganz verwelkt, woraus folgt daß, wenn das kohlensaure Kali die Vegetation auch unterstützen kann, die davon angewandte Menge doch viel zu groß war. Es schien mir, als habe die Flüssigkeit, in welcher diese beiden Pflanzen vegetirten, ihre alkalische Beschaffenheit einigermaßen eingebüßt.

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Die von mir mitgetheilten Thatsachen stehen offenbar im Widerspruch mit der Ansicht der Landwirthe, welche den mit Wasser verdünnten gefaulten Harn als alle die Vegetation bethätigenden Eigenschaften vereinigend betrachten. Allerdings könnte man einwenden, daß diese Flüssigkeit nur auf mittelbare Weise vortheilhaft auf die Pflanzen einwirke; jedenfalls aber muß dieser wichtige, noch dunkle Gegenstand von geschickten Agronomen gründlich studirt werden.

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Physiologie végétale, p. 1345.

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Annales de Chimie et de Phys. 2e. Ser. Tome XXIX p. 218.

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