Titel: Ueber Claußen's neuen Handwebestuhl und circularen Strumpfwirkerstuhl.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1847, Band 103/Miszelle 5 (S. 75–77)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj103/mi103mi01_5
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Ueber Claußen's neuen Handwebestuhl und circularen Strumpfwirkerstuhl.

Die aus Belgien stammenden und dort zur Vollkommenheit gebrachten neuen Handwebestühle und circularen Strumpfwirkerstühle, im Besitz von Claußen und Comp. in Brüssel (rue de l'Etoile No 11), haben in England allgemeinen Beifall gefunden und werden überall eingeführt.

Ersterer ist eine glückliche Vereinigung des gemeinen Handwebestuhls mit dem mechanischen Webestuhl (Kraftstuhl) und anderen Verbesserungen, woraus eine Webemaschine entstand, die folgende Eigenschaften besitzt. Ein Weber kann damit mit großer Bequemlichkeit und nicht mehr Kraftaufwand weben: 1 Stück von 3 1/2 Yards Breite; oder zu gleicher Zeit 2 Stücke von 2 Yards Breite – 3 Stücke von 1 Yard Breite – oder 4 Stücke von 20 Zoll Breite jedes und es können alle Stücke verschieden sehn oder die gleiche Waare. Ein Webestuhl mit einem Stück von 2 Yards Breite kann von Kindern oder Frauen gehandhabt werden, und da der Stuhl alles besorgt, bleibt dem arbeitenden Individuum nichts zu thun als den Stuhl zu treiben und die Fäden der Kette zu beobachten, um etwa solche die reißen, wieder anzuknüpfen, und auch dieses geschieht seltener, weil die Kette weit weniger gespannt ist als in den gewöhnlichen Stühlen. Bei einer jüngst in Belfast angestellten Vergleichsprobe wob ein Weber in vier Stunden mit solcher Anstrengung, daß er länger nicht fortweben zu können erklärte, 2 Yards 2 1/2 Zoll breite Leinwand; der daneben arbeitende Weber mit dem neuen Stuhle worauf er zwei Stücke von gleicher Breite wob, ohne zu ermüden, wob 5 Yards 13 Zoll breite Leinwand, also auf jedes der beiden Stücke 22 Zoll oder 30 Proc. – in Ganzen aber 180 Proc. mehr. Die mit dem neuen Stuhl gewebten Zeuge sind von gleicherer Dichtheit, da der Schlag der Lade vom Mechanismus immer mit ganz gleicher Kraft gegeben wird, und der Fabrikant kann die Berechnung des Kostenpreises der Waare, des erforderlichen Garnquantums weit sicherer und leichter stellen; denn hundert Stücke aus demselben Garn müssen gleiches Gewicht und gleichen Werth haben. Bei farbiger Weberei (Ginghams) besorgt der Mechanismus den Wechsel der Farben resp. der Schiffchen; das Jacquardsystem ist leichter daran anzubringen als an den gewöhnlichen Webestühlen, so wie jede andere Einrichtung die irgend eine andere Weberei erfordert, und sie sind für die gröbsten (schwersten) so wie für die feinsten Stoffe, Musseline, feinste Battiste, Seidenwaaren, Tuch u.s.w. gleich anwendbar. Sie sind überdieß nicht größer als gewöhnliche Webestühle, können nicht nur von Eisen, sondern auch von Holz mit wenig mehr Kosten hergestellt werden, und fast alle gewöhnlichen Webestühle können ohne große Kosten dazu umgewandelt werden. Eben so können mit ihnen doppelte sackähnliche Zeuge gewoben werden, ferner von Sammetgeweben zwei Stücke zugleich, welche mit der den Sammet bildenden Seite zusammenhängen und zuletzt durch einen Schnitt in ihrer ganzen Breite von einander getrennt, zwei Stücke bilden. Bei ordinären Zeugen, die mit Dampfkraft auf mechanischen Stühlen gewoben werden, leisten die neuen Stühle 20 Proc. mehr bei halbem Kraftaufwand als die jetzt gebräuchlichen Kraftstühle, und in diesen Zeugen kann selbst der Handweber nun mit der Dampfkraft concurriren.

Aus diesen Leistungen der neuen Stühle geht hervor, daß jedes Land, welches hinter anderen in der allgemeinen Einführung derselben zurückbleibt, auch in demselben Verhältniß in seiner Industrie zurückgeworfen werden muß, und wer immer sich um die Einführung der neuen Webestühle bemühen wird, erwirbt sich kein geringes Verdienst um Deutschlands Gewerbsindustrie.

Nicht minder außerordentliche Leistungen liefert der im Besitz derselben Firma befindliche Wirkstuhl von circularer Form, auf welchem gewirkte Zeuge zu Unterkleidern für Männer und Frauen, Kinderkleidern, Nachtmützen, Umschlagtüchern, Teppichen etc. in allen Mustern, Breiten, Dichtheiten, Feinheitsabstufungen mit einer solchen Schnelligkeit erzeugt werden, daß der Preis der Verarbeitung nur noch wenige Procente des Preises des Rohstoffes beträgt; was 12 Stühle der größeren Art in den ordinären Qualitäten und Feinheiten für Unterkleider und dergleichen erzeugen, erfordert an 1500 Näherinnen zum endlichen Fertigmachen. Man hat bereits in Leeds wollene gewirkte Zeuge damit hergestellt, welche nach dem Walken und Kratzen das ganze Aussehen des gewöhnlichen Tuches mit einer vollkommenen Elasticität nach |77| jeder Richtung verbinden. Welches auch die Breite sey, in der dieser Zeug angefertigt wird, und sie kann bis zu 8 Fuß gebracht werden, so liefert der Stuhl 2 1/2 Zoll per Minute in mittelfeinen Qualitäten; von Stoffen mit größeren Maschen, zu gewissen Zwecken, können bis zu 100 Yards per Tag gemacht werden. Obschon die Aufgabe, einen Strumpfwirk-Mechanismus zu erfinden, der ganz dasselbe leistet wie die Hand der Strickerin, und solche Industrieprodute ohne alles nachherige Nähen zu erzeugen im Stande ist, noch nicht gelöst ist, leistet doch der in Rede stehende Mechanismus hinsichtlich der Quantität seiner Producte Ungewöhnliches und verdient von Seite der Fabrikanten solcher Stoffe die möglichste Berücksichtigung.

Die Webestühle von Claußen sind bereits in sämmtlichen deutschen Zollvereinsstaaten und in Oesterreich patentirt; sie kosten 8 bis 20 Pfd. Sterl.

London, im Decbr. 1846.

G. A. Sch.

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