Titel: Ueber die Umstände, unter welchen sich das Schwefelwasserstoffgas in Schwefelsäure verwandelt.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1847, Band 103/Miszelle 7 (S. 236–237)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj103/mi103mi03_7

Ueber die Umstände, unter welchen sich das Schwefelwasserstoffgas in Schwefelsäure verwandelt.

In den Schwefelbädern zu Air in Savoyen waren die Säle worin die Bäder genommen werden, bisher aus Kalkstein hergestellt; ihre Wände blähen sich aber auf ihrer Oberfläche bald auf und überziehen sich mit Gypskrystallen. Diese Gypsbildung geht so schnell vor sich, daß man bei neuen Bauten anstatt der Kalksteine nur mehr Baksteine anwendet. Die Thüren kann man nicht mit dem gewöhnlichen eisernen Beschläge versehen, weil sich das Eisen zu schnell in schwefelsaures Eisen |237| verwandelt; man versieht sie mit Angeln und Riegeln aus Kupfer, aber auch das Kupfer verwandelt sich mit der Zeit in schwefelsaures Kupfer.

Eine eigenthümliche Erscheinung, welche bisher nur in diesen Bädern beobachtet wurde, ist folgende: die Leinentücher womit man die hölzernen Badewannen beim Gebrauch von Dampfbädern belegt, imprägniren sich sehr schnell mit freier Schwefelsäure, so zwar daß die Leinewand schon nach einigen Wochen ganz morsch wird; und doch enthalten die Dämpfe der Wasser von Air keine Schwefelsäure!

Daraus schloß ich, daß die Schwefelsäure aus dem Schwefelwasserstoff unter dem Einfluß eigenthümlicher Umstände entstehen muß.

Bringt man in eine Glasröhre befeuchtete Leinwand oder Baumwollenzeug und leitet durch dieselbe einen Luftstrom der mit Schwefelwasserstoff vermischt ist, indem man die Röhre auf 40 bis 75° R. erwärmt, so entsteht nach 15 bis 20 Stunden eine merkliche Menge Schwefelsäure und nach einigen Tagen so viel, daß der Zeug destillirtem Wasser, worin man ihn auswascht, die Eigenschaft ertheilt eine Auflösung von salzsaurem Baryt stark zu trüben. Der mit Luft vermischte Schwefelwasserstoff verwandelt sich also durch Beihülfe eines porösen Körpers, besonders der Leinwand, unter dem Einfluß der Wärme, langsam in Schwefelsäure, ohne andere Nebenproducte. Wenn man Schwefelwasserstoff in Berührung mit Luft verbrennt, sind die Producte bekanntlich Wasser, schweflige Säure, etwas Schwefel und Spuren von Schwefelsäure.

In London und anderen großen Städten hat man bemerkt, daß Massen von Stabeisen oder Gußeisen, welche der Luft ausgesetzt sind, zerfressen werden; man schrieb dieß dem schwefligsauren Gas zu, welches sich beim Brennen von Steinkohlen in den Häusern und Fabriken dieser ungeheuren Stadt entwickelt, es wäre aber möglich daß das aus den zahlreichen Gossen der Stadt London sich entwickelnde Schwefelwasserstoffgas und die schwefelsauren Salze, welche es bildet, ebenfalls Theil daran haben.

Ueberall, wo schwefelsaure Alkalien mit organischen Substanzen in Berührung sind, entsteht nach den Beobachtungen von Chevreul etc. Schwefelwasserstoff. Andererseits bildet sich, wo Schwefelwasserstoff und Luft mit feuchten Pflanzenüberresten in Berührung sind, wieder Schwefelsäure und schwefelsaure Salze. Der Schwefel kann also aus den in vielem Wasser aufgelösten schwefelsauren Salzen durch die Luft an das Erdreich übergehen, welches seiner zur Vegetation der Pflanzen bedarf und also mittelbar in die Thiere welche sich von Pflanzen nähren. Der Schwefel spielt nämlich eine wichtige Rolle bei der Erzeugung aller stickstoffhaltigen Materien der Pflanzen und Thiere; sie enthalten davon im Mittel 1 Proc. ihres Gewichts; auf 10 Kil. trockner stickstoffhaltiger Materie, welche ein Mensch von mittlerer Größe beiläufig enthält, treffen also 100 Gramme Schwefel, (Comptes rendus, Oct. 1846 Nr. 17.)

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