Titel: Ueber Dr. Ritterbrandt's Verfahren die Bekrustung der Dampfkessel zu verhüten.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1847, Band 103/Miszelle 2 (S. 394–395)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj103/mi103mi05_2

Ueber Dr. Ritterbrandt's Verfahren die Bekrustung der Dampfkessel zu verhüten.

Wir haben seiner Zeit im polytechn. Journal Bd. XCVII S. 448 die Patentbeschreibung von Dr. Ritterbrandt's Verfahren die Vekrustung der Dampfkessel zu verhüten, mitgetheilt. Die Times widmen diesem wichtigen Gegenstand folgenden Artikel.

Die schrecklichen Unglücksfälle, welche die Explosionen der Dampfkessel in Folge ihrer Vekrustung immer von Zeit zu Zeit veranlassen, sind bekannt. Fast jede Woche enthalten die Spalten der Times Details einer Katastrophe, welche durch das Verbrennen des Dampfkessels verursacht wurde und in vielen Fällen hat die nachfolgende Untersuchung den Beweis geliefert, daß die Vekrustung der Kessel die erste Veranlassung des Unglücksfalls war.

Die Vekrustung kann die Explosion der Kessel auf verschiedene Weise verursachen: einmal indem sie zwischen dem Metall und der zu erhitzenden Flüssigkeit eine Schicht von Substanzen bildet, welche keine Wärmeleiter sind, so daß das Metall eine hohe Temperatur, sogar die Rothglühhitze erreichen kann. Bei dieser Temperatur oxydirt es sich mit außerordentlicher Leichtigkeit, der Kessel wird schwach und unfähig den erforderlichen Druck auszuhalten. – Eine viel häufigere Veranlassung zu Unglücksfällen ist das Abspringen eines Theils der Bekrustung in Folge der Ausdehnung des Metalls in der Hitze; das Wasser kommt dann plötzlich mit dem erhitzten, glühenden Metall in Berührung; es verdampft fast so schnell als sich das entzündete Schießpulver in Gase verwandelt und in der That sind die Resultate in beiden Fallen identisch.

Theoretiker und Praktiker haben zahlreiche Versuche gemacht, um diese Gefahr zu vermeiden; diese blieben aber ohne entschiedenen Erfolg. Man entschloß sich die Dampfkessel oft auszuleeren, damit sich das Wasser darin nicht zu sehr concentrirt; |395| aber auch dadurch wird der Zweck nur unvollkommen erreicht; denn es bildet sich doch ein Niederschlag, welcher nur mit dem Meißel und dem Hammer entfernt werden kann, ein Verfahren, welches nicht nur kostspielig ist, sondern auch den Kessel sehr beschädigt. Eine Methode das Uebel zu verhüten, ohne durch eine chemische oder mechanische Einwirkung den Kessel oder die anderen Theile der Maschine anzugreifen, ist daher höchst wünschenswerth geworden.

Vor zwei Jahren entdeckte Dr. Ritterbrandt ein Verfahren, welches allen Anforderungen entspricht; nachdem es bei zahlreichen Versuchen die Probe bestanden hatte, wurde es dem Londoner Institut der Civilingenieure und der Society of arts mitgetheilt. Letztere Gesellschaft belohnte den Erfinder desselben mit der goldenen Isismedaille.

Das Princip, worauf sich die Erfindung von Dr. R. gründet, ist die chemische Wirkung des salzsauren Ammoniaks (Salmiaks) auf den kohlensauren Kalk, welcher die Krusten bildet. Er fand, daß wenn man salzsaures Ammoniak in einen Kessel bringt, dessen Wasser Kalk aufgelöst enthält, der kohlensaure Kalk – anstatt sich in dem Augenblick niederzuschlagen, wo die Kohlensäure, welche ihn aufgelöst hält, durch die Hitze ausgetrieben wird – sich in salzsauren Kalk, ein sehr lösliches Salz, verwandelt. Das kohlensaure Ammoniak, welches bei dieser gegenseitigen Zersetzung entsteht, entweicht mit dem Dampf, so daß der Kessel immer rein bleibt. – Das Verfahren ist eben so gut bei süßem als bei salzigem Wasser anwendbar. Der Erfinder hat sich überzeugt, daß beim Kochen von Meerwasser die entstandene Kruste nicht aus Seesalz, sondern aus einem Kalksalz besteht; das Seesalz setzt sich erst ab, nachdem das Wasser eine viel höhere Concentration erreicht hat als es in den Marine-Dampfbooten erlangt. Der Zweck, welchen man beim häufigen Ausleeren der Schiffsdampfkessel erreichen will, besteht darin, die Anhäufung der Kalkniederschläge zu verhindern. Wenn man also die Fällung von kohlensaurem Kalk verhütet, so ist man der Nothwendigkeit diese Kessel zu leeren, großentheils überhoben. Die Erfahrung hat gelehrt, daß man mit den am besten construirten Schiffskesseln die Dampferzeugung nicht mehr fortsetzen kann, wenn das Wasser darin eine Dichtigkeit von 20° des Marine-Hydrometers erreicht hat; wendet man aber den Zusatz von Dr. R. an, so kann man mit aller Sicherheit das Kesselwasser bis auf 60° Dichtigkeit kommen lassen. Man erspart also drei Viertel des bisher aus dem Kessel abgezogenen Wassers und das zum Erhitzen desselben angewandte Brennmaterial.

Zwölf Monate sind verflossen, seitdem die Erfindung von Dr. R. veröffentlicht wurde, und seitdem ist sie bei großen und kleinen Dampfbooten, stationären Dampfmaschinen und Locomotiven, in Kesseln, welche mit dem verschiedenartigsten Wasser gespeist wurden, mit dem besten Erfolg angewandt worden, nicht bloß um die Kessel frei von Niederschlägen zu erhalten, sondern auch um die Krusten, welche sich vor Anwendung des neuen Verfahrens darin gebildet hatten, aufzulösen.

Die Times fügen bei, daß das Mittel von Dr. R. beinahe ein ganzes Jahr lang in den Kesseln der Maschinen angewandt wurde, welche die Schnellpressen dieses Journals treiben und jeden Tag 17 Stunden in Gang erhalten werden. Diese Kessel blieben nicht nur vollkommen frei von Niederschlägen, sondern es lösten sich auch die Krusten auf, welche sich vor Anwendung des neuen Verfahrens gebildet hatten; auch wurden weder die Kessel noch irgend ein anderer Theil der Dampfmaschinen dadurch im geringsten beschädigt.

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