Titel: Ueber das Festwerden des rohen Gypses.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1847, Band 103/Miszelle 4 (S. 396–398)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj103/mi103mi05_4

Ueber das Festwerden des rohen Gypses.

Die Leichtigkeit, mit welcher der gebrannte Gyps erhärtet, wenn er mit Wasser zu einem Teig gemacht wird, macht ihn sehr nützlich in den Künsten; bisher wußte man nicht, daß auch der rohe oder natürliche Gyps diese Eigenschaft besitzt.

Der rohe, fein gepulverte Gyps ist einer unmittelbaren und vollkommenen Solidification fähig, wenn er mit gewissen Solutionen von Kali vermischt wird, vorzüglich mit kaustischem Kali, mit kohlensaurem, doppeltkohlensaurem, schwefelsaurem, |397| doppeltschwefelsaurem, kieselsaurem Kali und dem Weinstein-Doppelsalze, dem sogenannten Seignettesalze (dem weinsteinsauren Kali-Natron).

In allen diesen Fällen ist der Vorgang schneller, als wenn man gebrannten Gyps allein nimmt, und die resultirende feste Masse unterscheidet sich, ausgenommen in der Zusammensetzung, nicht wesentlich von der auf gewöhnliche Weise erhaltenen. Wenn auch kein eigentlicher Sättigungspunkt zwischen dem Gyps und diesen salzigen Materien zu existiren scheint, so erfordert er doch ohne Zweifel von jeder derselben eine gewisse Menge, um das Maximum des Festwerdens hervorzubringen. Wenn man Wasser allein anwendet, so zeigt der Teig keine merkliche Tendenz zum Erhärten, aber durch Zusatz einer der obigen Salzsolutionen tritt diese sogleich ein.

Die Zeit, in welcher das Festwerden eintritt, ist nach den verschiedenen Solutionen sehr abweichend. Auflösungen von kohlensaurem und schwefelsaurem Kali wirken sehr langsam, die Auflösung vom Seignettesalz fast augenblicklich.

Natronsalze zeigen diese Wirkung nicht, mit Ausnahme des eben erwähnten Seignettesalzes, welches indeß durch seinen Kaligehalt wirken möchte. Doch ist bemerkenswerth, daß einige neutrale Kalisalze, z.B. der Salpeter und das Chlorkalium, ebenfalls sich unwirksam erweisen. Bei Anwendung von doppeltkohlensaurem Kali entsteht ein starkes Aufbrausen, welches der Solidification nachtheilig ist, obgleich sie dadurch nicht verhindert wird. Derselbe Nachtheil tritt ein bei Anwendung des sauren schwefelsauren Kalis, wenn das Mineral kohlensauren Kalk beigemischt enthält.

Da man mitunter die Ansicht hegt, daß das Festwerden des gebrannten Gypses von der Gegenwart von kohlensaurem Kalk abhänge, so wurden diese Versuche auch mit einem reinen, frisch gefällten schwefelsauren Kalk angestellt. Sie hatten denselben Erfolg. Auch ist zu erwägen daß die zum Brennen des Gypses nöthige Hitze bei weitem nicht hinreicht, den beigemengten kohlensauren Kalk ätzend zu machen. Was aber auch seine Wirkung bei Anwendung der Hitze seyn mag, so muß sie im gegenwärtigen Falle doch gänzlich verschieden seyn, da das saure schwefelsaure Kali allen im Gyps vorhandenen kohlensauren Kalk zersetzen muß.

Es ist wahrscheinlich, wie Gay-Lussac bei seiner Untersuchung über diese sonderbare Eigenschaft des gebrannten Gypses bemerkt, daß man dieselbe einer dem Minerale inwohnenden Eigentümlichkeit zuschreiben müsse; aber die vorstehenden Versuche beweisen, daß sie nicht immer von der einfachen Verbindung mit Wasser aus der darauf folgenden Aggregation der saturirten Partikeln abhängt, wie es beim gebrannten Gypse der Fall zu seyn scheint. Kaustisches und kohlensaures Kali sind sehr zerfließlich und können daher nicht durch eine rapide Krystallisation wirken. Schwefelsaures Kali kann auf die Zusammensetzung des schwefelsauren Kalks keinen Einfluß ausüben; und obgleich das erstere Salz bei den andern oben erwähnten Mischungen stets entstehen mag, so dürfte es doch keine feste Verbindung mit dem Gypse eingehen Das einzige Gleichmäßige bei allen diesen, die Solidification bewirkenden Salzsolutionen ist die nothwendige Gegenwart von Kali, und die Schnelligkeit, mit welcher die Operation vor sich geht, scheint mit der Voraussetzung, daß sie das Resultat einer Doppelzersetzung sey, im Widerspruch zu stehen. Wahrscheinlicher ist es, daß die Salzsolutionen eine Art Repulsion gegen die Partikeln des Gypses ausüben, und so die Solidification bewirken, die beim gebrannten Gypse so charakteristisch ist.

Der Versuch, bei welchem dieses Festwerden des rohen Gypses gefunden wurde, war Wohl geeignet, dasselbe als das Resultat einer Zersetzung zu betrachten. Es war daher wünschenswerth zu erfahren, inwiefern wohl frisch niedergeschlagener kohlensaurer Kalk fähig sey Gyps zu erzeugen. Es wurde gepulverter roher Gyps auf einem Filter mit einer kalten Solution von kohlensaurem Kali übergossen. Das Mineral wurde schnell fest und das Alkali augenscheinlich vermindert. Nach wiederholtem Aufgießen der abfiltrirten Flüssigkeit wirkte diese nicht mehr auf Curcumapapier oder geröthetes Lackmuspapier, und sie enthielt schwefelsaures Kali. Das schwefelsaure Kali aber ist nicht im Stande mit dem Gyps eine permanente Verbindung einzugehen, wie weitere Versuche zeigten.

Es ist möglich daß man noch andere Salze entdecken wird, welche diese Einwirkung auf den Gyps noch besser zeigen, indessen empfiehlt sich das kohlensaure Kali (die Potasche) wegen seiner Wohlfeilheit am besten dazu, vorausgesetzt daß das Product eben so dauerhaft ist als das mit frisch gebranntem Gyps. Es ist bekannt, |398| daß letzterer eine aufmerksame Behandlung erfordert und bald seine schätzbare Eigenschaft verliert, wenn er nicht vor Feuchtigkeit geschützt aufbewahrt wird. Der Proceß des Brennens ist überdieß nicht immer passend, und in diesem Falle ist die Lösung von Potasche oder bloße Äschenlauge sehr passend, um eine schnelle Solidification zu bewirken. (Böttger's polytechn. Notizblatt, 1847 Nr. 1.)

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