Titel: Zur Theorie der Kartoffelkrankheit.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1847, Band 104/Miszelle 12 (S. 239–240)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj104/mi104mi03_12

Zur Theorie der Kartoffelkrankheit.

Wir haben im vorhergehenden Heft des polytechn. Journals S. 159 die Ansichten eines Sachverständigen über die Ursache der herrschenden Kartoffelkrankheit mitgetheilt, wonach dieselbe (trockene oder nasse Fäule) durch die Entstehung und Fortpflanzung gewisser Pilze verursacht wird, die sich zuerst nur auf dem Kraut zeigen, bald aber in rascher Verbreitung sämmtliche Theile der Pflanze ergreifen und sie der allgemeinen Zerstörung zuführen.

Dieser Ansicht tritt der Verf. eines Artikels in der Beilage zur Augsb. Allg. Zeitg. vom 20. April d. J. entgegen. Folgendes ist der wesentliche Inhalt seiner Bemerkungen:

„Es ist eine ganz allgemeine Erfahrung daß, unter übrigens gleichen Umständen, immer nur solche organisirte Individuen am ersten von den Parasiten heimgesucht werden, deren eigene Lebensstärke bereits in gewissem Grade sich vermindert zeigt, sey es nun überhaupt durch Alter oder im besondern durch Krankheit. Ein vollkommener, noch sehr kräftiger Pflanzenorganismus wird daher einen Parasiten nicht leicht aufkommen lassen, während ein geschwächter dessen Entwickelung bereits nicht mehr zu widerstehen vermag. In der Regel aber wird diese Schwächung seiner Lebensfähigkeit dem ersten Auftreten des Parasiten als unerläßliche Bedingung vorangehen, man mag nun dessen Entstehung aus Samen oder auf andere Weise ableiten. Wo nun die Parasiten zahlreich erscheinen und fortkommen, da befinden sich auch die Pflanzensäfte bereits im Moment der Selbstentmischung, oder stehen ihm doch ganz nahe, und die nächste Ursache davon ist zu suchen in einem Mangel an Wirksamkeit des Princips ihrer Lebenskraft, also des Sonnenlichts. Die Pilze aber |240| gehören gerade denjenigen Pflanzen an, welche zu ihrem Wachsthum des wenigsten Lichtes bedürfen, da sie eine minder entwickelte Organisation besitzen; sie müssen also gerade unter Umständen am besten gedeihen, wo andere Gattungen aus Mangel an Lichtgenuß einen Nachlaß ihrer Lebensthätigkeit und folglich eine krankhafte Veränderung ihrer Säfte erleiden werden.

So gelangen wir zu dem Schluß: daß, in Rücksicht der Abwesenheit jeder andern zureichenden Veranlassung, die gegenwärtig verbreitete Krankheit der Kartoffel ihren letzten Grund in einer merklichen Abnahme ihrer Lebenskraft selbst haben müsse, herbeigeführt durch eine geringere Einwirkung des Lichtes auf ihre Organe, als es ihrer Individualität angemessen ist. Wir behaupten dann weiter: daß der nach Vorschrift der üblichen Cultur meist dicht gedrängte Stand der Kartoffelpflanzen in engen Reihen, wobei in späteren Perioden ein großer Theil des Bodens fortwährend beschattet bleibt, im Lauf der Jahre vornehmlich Ursache geworden ist zu einer langsamen Aenderung der qualitativen und quantitativen Zusammensetzung aller Pflanzensäfte, in deren Folge nun die chemischen Anziehungen ihrer Elemente nahe daran sind das bestehende und nothwendige Uebergewicht der ihnen widerstrebenden Lebensthätigkeit aufzuheben, und wodurch zugleich jene Säfte immer weniger geeignet wurden den störenden Eingriffen fremder Organismen denjenigen Widerstand entgegenzusetzen, auf welchem die Erhaltung und Fortdauer des eigenen Lebens der ganzen Pflanze so wesentlich beruht.

Wir hoffen und erwarten daher das baldige Heil der Besserung weniger von irgend welchen fäulnißwidrigen Düngerstoffen oder Beizmitteln, oder Samenwechsel und anderm, dessen Anwendung im Großen manchen Schwierigkeiten begegnen muß, als vielmehr von einer rationellen und der Eigenthümlichkeit der Kartoffelpflanze mehr angepaßten Culturmethode, die jedem Individuum den gehörigen Raum für seine freie Entwickelung gestatten, und sie nur in solche Nähe neben einander stellen wird, daß ihnen in jeder Lebensperiode der so höchst nöthige Zutritt von Licht und Luft unbedingt zu gute kommt.“

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: