Titel: Saperda gracilis, ein dem Getreide sehr schädliches Insect und Schutzmittel gegen dasselbe.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1847, Band 104/Miszelle 15 (S. 319–320)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj104/mi104mi04_15

Saperda gracilis, ein dem Getreide sehr schädliches Insect und Schutzmittel gegen dasselbe.

In der Umgebung von Barbezieur, berichtet Hr. Guérin-Meneville, und wahrscheinlich auch in andern Gegenden Frankreichs, existirt ein sehr kleines Insect, welches man daselbst aiguillonier (etwa Spießer) nennt, von dem das Getreide eine Krankheit erhält, deren Ursache man lange nicht erkannte. Wenn das Getreide der Reife nahe ist, fallen alle vom Insecte befallenen Aehren beim geringsten Wind ab; die so ihrer Aehren beraubten Halme bleiben unter den reifen, durch ihr Gewicht niedergedrückten Aehren, aufrecht und augenfällig stehen. Man nennt sie Spieße (aiguillons) und das Getreide spießig (aiguillonné). Der Verlust durch diese Krankheit beträgt 1/6, 1/5, zuweilen sogar 1/4 der Ernte. Das Insect gehört den Coleoptern (Käfern), Familie der Langfühler, und der Gattung Saperda (Schneckenkäfer) an, von welcher es eine neue Untergattung bildet, die Hr. Guérin Calamobius (vom Griechischen: Halm-Leben) zu nennen vorschlägt; die Species hieße dann Saperda (calamobius) gracilis. – Dieser kleine Käfer zeigt sich im Junius, wenn das Getreide mit Aehren versehen ist und blüht. Das Weibchen bohrt alsdann in den Halm, nahe der Aehre, ein kleines Loch und legt ein Ei hinein. Da es wahrscheinlich über 200 Eier in seinen Eierstöcken hat, in jeden Halm aber nur eines absetzt, und zwar nur in die schönsten, mit den größten Aehren versehenen, so kann ein einziges Weibchen über 200 Getreidehalme verheeren und ebenso viele Aehren abfallen machen. Das bis zum ersten Knoten des Halms hinabgefallene Ei gibt bald ein Würmchen oder Lärvchen, weiches in der Halmröhre hinaufsteigt bis nahe zur Aehre und diese Röhre im Kreise herum zernagt, ohne etwas übrig zu lassen, als die Epidermis; die auf diese Weise getrennte Aehre erhält keine nährenden Säfte mehr zugeführt, bleibt körnerleer, trocknet aus, wenn die Körner ihrer Reife zugehen und fällt beim ersten Wind ab Nachdem die Larve in der Nähe der Aehre den Halm so geschwächt hat, geht sie den Halm hinab, bohrt einen Knoten nach dem andern durch und läßt sich unten im Halme in einer Höhe von 2–3 Zoll über dem Boden nieder, um hier, in einem aus Trümmerchen und ihren Excrementen bestehenden Staub eingehüllt, den Winter zuzubringen. Wenn das Getreide reif ist, zur Erntezeit, hat sie in diesem Winterquartier ihre ganze Größe erreicht. – Am Anfange des Monats Junius des folgenden Jahrs verpuppt sie sich und wenige Tage darauf schlüpft das vollendete Insect aus, kriecht den Halm wieder hinauf und bohrt sich mit seinen Kinnbacken oder Zähnen ein Loch, durch welches es auskriecht, womit ein neuer Cirkel dieses Lebens etc. beginnt. Die unter dem Namen Spießer bekannte Larve kann eine große Kälte ohne Nachtheil erleiden und auch 1 bis 2 Jahre im |320| Stroh bleiben, ohne sich zu verwandeln, wenn dieses Stroh nicht im Boden steckt; zuletzt aber stirbt sie aus Mangel an Feuchtigkeit. Folglich erhalten sich, wenn man den Halm im Boden stecken läßt, diese Larven und machen im folgenden Jahre ihre Metamorphosen durch, während sie mit dem Stroh herausgenommen, sich nicht metamorphosiren und endlich vor Trockne umkommen. – Aus dem allen geht das Mittel, sie zu vertilgen, einfach hervor. Man braucht nur das Getreide ein paar Jahre lang anders zu schneiden; statt nämlich (wie zu Barbezieur) 9 bis 11 Zoll hoch zu schneiden und den Halm behufs der Düngung im Boden zu lassen, wodurch die Larven bis zum andern Jahr erhalten werden, muß das Getreide entweder sehr nahe am Boden abgeschnitten werden, um die Larven mit dem Stroh zu entfernen, oder man schneidet es wie gewöhnlich, reißt aber die Halme aus und verbrennt sie an Ort und Stelle; diese Art von Abschwendung gibt einen guten Dünger und vertilgt zugleich die Larven der Saperda gracilis und anderer minder schädlicher Insecten. (Comptes rendus, Febr. 1847, Nr. 8.)

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