Titel: Telegraphie in Deutschland.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1847, Band 105/Miszelle 2 (S. 457–459)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj105/mi105mi06_2

Telegraphie in Deutschland.

Zu jenen großen und gemeinnützigen Hebeln des Verkehrs, von denen im deutschen Vaterland in diesem Sinne noch ein gar beschränkter Gebrauch gemacht wurde, gehört auch die Vermittelung von Nachrichten auf telegraphischem Wege. Was davon vorhanden ist, bezieht sich nur auf einige geringe Entfernungen. In England und noch mehr in den Vereinigten Staaten Nordamerika's benützt die Geschäftswelt die Elektrotelegraphie, diese deutsche Erfindung einer Schnelligkeit der Benachrichtigung, welche keinen weitern Zeitaufenthalt als den vom Zeichengeben selbst bedingten kennt, bereits außerordentlich häufig; übrigens sind in den Vereinigten Staaten keine anderen als Morse'sche Telegraphen in nennenswerther Ausdehnung in Wirksamkeit.

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Die Morse'schen Telegraphen tragen ihren Namen bekanntlich von ihrem Erfinder Samuel F. L. Morse, Professor an der City University zu New-York, welchem vorzüglich die höchst verdienstliche Priorität in der Benutzung der anziehenden elektromagnetischen Kraft zum Niederschreiben lesbarer Zeichen gebührt. Andere hatten nur die abstoßende Kraft, und auch diese nicht zum unmittelbaren Niederschreiben angewendet.

Es war am 3. Febr. 1837 als das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten die Entschließung faßte, der Schatzsecretär solle ihm in nächster Sitzung über die Räthlichkeit der Einführung von Telegraphen Bericht erstatten. Dieser Bericht wurde im December 1837 dahin abgelegt, daß die Errichtung von Telegraphenlinien dem allgemeinen Verkehre, wie der Regierung von gleich großem Vortheil seyn werde. In Folge dessen wurden weitere Erörterungen angestellt, und besonders auch genauere Nachrichten über das Morse'sche elektrotelegraphische System eingezogen. Darauf ging im März 1843 eine Bill durch den Congreß, wonach 30,000 Dollars zu Versuchen im Großen mit dem Morse'schen Telegraphen verwilligt wurden.

Der Morse'sche Telegraph gibt nun mit einem stumpfen, von unten aufwärts wirkenden Stifte auf einem fortrückenden Papierstreifen aus eingedrückten Punkten und Strichen bestehende Chiffern. Die Geschwindigkeit des elektromagnetischen Stromes an sich schätzt Morse auf 200,000 Miles in der Secunde, und zwei Zeichen macht sein Telegraph in demselben Zeitraum. Dieß System ist jedoch durch den Mechanikus Stöhrer in Leipzig neuerdings außerordentlich vervollkommnet worden. Mit Tinte, und zwar sofort doppelt mit zwei verschiedenen Farben, verzeichnet sein Telegraph die Chiffern auf dem Papierstreifen, dessen Geschwindigkeit nach Belieben und ganz gleichmäßig regulirt, selbst zu größerer Raschheit der Mittheilungen als der Morse'sche getrieben werden kann. Der Stöhrer'sche Schreibtelegraph ist unter allen bekannten derartigen Apparaten jedenfalls der vollkommenste, und darum ganz besonders vortheilhaft, weil er durch eine anzubringende Claviatur auch für einen ungeübten Zeichengeber die denkbar leichteste Handhabung ermöglicht. Denselben Vorzug leichter Handhabung und großer Einfachheit haben aber auch seine Zifferblattapparate vor der Wheatstone'schen, und der ziemlich gleichartigen Fardely'schen Einrichtung voraus. Stöhrer erzielt außerdem die größte Zuverlässigkeit für die angewendeten elektromagnetischen Maschinen dadurch, daß er nur mit dem Ueberschusse der magnetischen Kraft arbeitet und die Magnete fortwährend armirt läßt. Gleiche Regelmäßigkeit der Kraftäußerung konnte aber selbst noch keine Verbesserung der Batterien hervorbringen, welche bei den Wheatstone-Fardely'schen Apparaten gebraucht werden. Den augenfälligsten Vortheil endlich gewährt die Stöhrer'sche Einrichtung für transportable Apparate zum Gebrauch auf Eisenbahnen.

Diese transportabeln Apparate nehmen kaum den Raum eines fußgroßen Würfels ein und sind augenblicklich zum Dienst bereitet, sobald sie mit der Hauptleitung durch den eingehängten Draht in Verbindung gebracht werden. An Stöhrer's Stationsapparaten ist nun zuvörderst ein Glockenwecker mit Laufwerk angebracht, welcher beständig in aufgezogenem Zustand erhalten werden muß, und dessen Auslösung bei dem ersten Schlusse der Kette an derjenigen Station erfolgt, von wo aus eine Mittheilung gemacht werden soll. Die Glocke tönt fort bis der Nachrichtempfänger die Auslösung wieder einrückt. Wenn er dann das Zeichen seiner Aufmerksamkeit zurückgegeben hat, erfolgt die weitere Mittheilung, welche der einfache hin- und hergehende Strom der magneto-elektrischen Kraft vermittelt. Dieser setzt nämlich die Räder und den Zeiger in Bewegung, welcher auf dem Zifferblatte des Apparats dem von Menschenhänden geführten, unter dem Zeiger liegenden Arme zu jedem Zeichen, worauf derselbe gestellt wird, nachfolgt. Gleichzeitig folgt auch der Zeiger des correspondirenden Apparats der nächsten Station. Muß nun bei den Wheatstone'schen Apparaten die Herumführung des Armes stets in einer Richtung erfolgen, so ist dieselbe an den Stöhrer'schen freigegeben, weil hier der Arm ganz unabhängig ist. Der vom magneto-elektrischen Strome bewegte Zeiger hält über demselben an, weil er selbst die Kette öffnet sobald er dort anlangt.100)

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Hoffentlich waltet in unseren Tagen des neuerblühenden deutschen Nationalgefühls auch genugsame Theilnahme für deutschen Erfindungsgeist und deutsche Betriebsamkeit in Dingen, bei denen unser Vaterland, wie hiebei, dem Besten des Auslandes nicht nur in nichts nachsteht, sondern überall vorangeeilt ist, so daß man diesen deutschen Bestrebungen und Errungenschaften auch endlich die Gelegenheit nicht mehr vorenthält, sich auf deutschem Boden umfänglich zu bewähren. Oesterreich hat dazu bereits den Anfang gemacht, indem es die Stöhrer'schen Apparate bei seinen öffentlichen Anstalten einzuführen begann. (Beil. zur Allg. Zeitung, 1847 Nr. 239.)

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Hr. Stöhrer liefert die Apparate für Zwischenstationen mit doppeltem Zifferblatt für 200 Rthlr., für Endstationen mit einem Zifferblatt für 180 Rthlr. Nebenbei mag bemerkt |459| seyn, daß sich die Stöhrer'schen Zifferblattapparate auch ganz vorzüglich für Haustelegraphen in ausgedehnten Industrieanlagen eignen; der Dirigent solcher Anstalten kann keinen rascheren Beförderer feiner Befehle finden.

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