Titel: Probe mit Frankenstein's Lunar- und Solarlicht.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1847, Band 106/Miszelle 1 (S. 317–319)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj106/mi106mi04_1

Probe mit Frankenstein's Lunar- und Solarlicht.

Ueber diese neue, für unser Beleuchtungswesen interessante und wichtige Erfindung wurde seit December v. J., als der Erfinder die ersten Notizen über den erzielten Effect veröffentlichte, in allen Blättern des In- und Auslandes bereits ausführlich berichtet, und das Lunarlicht allenthalben als eine originelle Erscheinung gehörig ins Auge gefaßt, wenn gleich ihr Werth durch eine factische Ueberzeugung von Seite des Publicums nicht gleich gewürdigt werden konnte, und man bloß den eigenen Worten des Erfinders, bezüglich der materiellen und ökonomischen Vortheile gegen andere Beleuchtungsarten, vollen Glauben beizumessen bemüßiget war. – Wir sind nun aber in der Lage, auch aus eigener Sachanschauung Näheres über diesen Gegenstand hier mitzutheilen, da nämlich der Erfinder, Hr. Carl v. Frankenstein, Redacteur und Herausgeber des allgemeinen Industrie, und Gewerbeblattes in Gratz, am 31. Jul. d. J. in Wien, im Gasthofe zum goldenen Kreuz auf der Wiedner Hauptstraße, und zwar in Gegenwart der Inhaber der bedeutendsten Gast- und Kaffeehäuser und vieler Sachverständigen Proben hievon abgeführt hat. – Die von dem Erfinder selbst früher schon angegebenen charakteristischen Eigenschaften und Vortheile dieser neuen Beleuchtung sind im Wesentlichen folgende: daß 1) aus der nicht leuchtenden Flamme des Weingeistes ohne Zusatz irgend einer andern Substanz, bei Verwendung gewöhnlicher Argand'scher Lampen, ein völlig geruchloses, blendend weißes Licht von eigenthümlicher magischer Wirkung erzeugt werde (Lunarlicht); 2) die Oelflamme mit Hülfe des angewandten Brenners bei jeder gewöhnlichen Oellampe um das Zwei- bis Dreifache ihrer Lichtintensität gesteigert werden könne, ohne die Oelconsumtion dabei zu vermehren, und daß das so erhaltene Licht an Helligkeit und Weiße nicht nur jede andere Oelflamme, sondern auch selbst das Gaslicht an Glanz und Schönheit übertreffe (Solarlicht); 3) die Leuchtkraft der Gasflamme bei Anwendung von schlechtem, schwach leuchtendem Gase auf das Doppelte erhöht werden könne. – Diese Angaben wurden nunmehr bei der abgeführten Probe, als buchstäblich wahr, auf das augenfälligste und überraschendste bethätigt; denn der Effect, namentlich bei der Oelflamme, um welche es sich hier, als für die allgemeine praktische Anwendung am wichtigsten, größtentheils handelte, übertraf in Hinsicht der erzielten Lichtintensität und Einfachheit der Vorrichtung in der That alle Erwartung. – Hr. v. Frankenstein ließ zuerst seine schattenlose Tischlampe (eine Dittmar'sche Regulator-Lampe) mit 3/4 Zoll Durchmesser im Brenner, wie eine andere gewöhnliche Lampe ohne die Vorrichtung brennen, und die Anwesenden konnten sich durch genaue Besichtigung derselben von außen überzeugen, daß daran durchaus kein besonderer Mechanismus, außer einer Schraube für den Docht, einer zweiten Schraube zur Hebung und Senkung des Zugglases und einer dritten Schraube für die Brennervorrichtung angebracht sey; der Docht war nur 1/2 Linie hoch geschraubt (also wenigstens dreimal so niedrig als bei andern gewöhnlichen Argand'schen Lampen), wobei |318| die Flamme bei höchst geringem Oelverbrauch natürlicherweise auch nur ein schwaches Licht verbreitete, gelblich und glanzlos, wie wir es bei allen unsern Lampen zu sehen gewohnt sind. – Allein plötzlich – durch eine einzige Bewegung der dritten Schraube, ohne den Dockt nur im geringsten dabei zu heben – wurde die matte Oelflamme in ein höchst glänzendes weißes und dem Auge wohlthuendes Licht von der höchsten Intensität verwandelt, so daß alle Ecken des Zimmers ganz gleichförmig beleuchtet, und man jede Farbe, grün, blau u s. w., wie im Tageslichte zu unterscheiden im Stande war. Der Effect konnte hiebei nach Belieben gesteigert und wieder bis zum sanftesten Mondlicht (Lunarlicht, ähnlich dem von Weingeist, gemildert werden. – Ohne sich in genaue photometrische Vergleiche einzulassen, mußte Jeder schon durch den bloßen Augenschein zugeben, daß der Lichteffect wenigstens ein dreifacher gegen die frühere matte Lampenflamme war, abgesehen davon, daß hier noch das weiße Licht, schöner und glänzender als das der Gasflamme, in Anschlag gebracht werden muß.

Da nun bei der so niedrigen Stellung des Dochtes von 1/2 Linie (welche bei dieser Beleuchtungsart stets zur Bedingung gemacht ist) offenbar wenigstens ein Drittel an Leuchtmaterial (Rüböl) gegen jede andere Argand'sche Lampe von gleichem Durchmesser im Brenner erspart wird, und der Lichteffect dabei noch ein dreifacher ist, so bedarf es in Hinsicht auf ökonomische Vortheile keiner weiteren Auseinandersetzung. Um jedoch in Zahlen zu sprechen, nehmen wir an: eine gewöhnliche Argand'sche Oellampe verzehre in der Stunde um 1 kr Conv.-M. Oel, die Lunar- und Solarlampe aber nur um 3/4 kr., und gibt einen Effect wie 3: 1, so benöthigt man, um ein gleiches Licht (wenn auch selbst kein so weißes und intensives, sondern nur das gewöhnliche gelbe Lampenlicht) hervorzubringen, in der Stunde 2 1/4 kr. Oel, wozu noch die Anschaffungskosten und Unterhaltung der mehr benöthigten zwei Lampen nebst Dockten gerechnet werden müssen. Angenommen also, selbst im allerstrengsten Falle der Anforderung, daß im Durchschnitt eine Lunar- und Solarlampe auch nur das leiste, was man von zwei andern gewöhnlichen guten Oellampen fordert, so reducirt sich noch immer die Oelersparniß auf mehr als die Hälfte, und man wird dort, wo jetzt z.B. 100 Lampen brennen, mit 40–50 Lunarlampen mehr als zur Genüge ausreichen und ein schönes, weißes, angenehmes Licht haben, welches sich im Calcul gegen die Gasbeleuchtung ungefähr wie die Valuta von WW. zu Conv.-M. verhält; da nämlich eine mittelmäßige Gasflamme in der Stunde mindestens auf 3 kr. C.-M., und eine Lunarlampe nur auf höchstens 2 1/2–3 kr. WW. bei dem Oelpreise von 14–16 kr. Conv.-M. das Pfund zu stehen kommt.

Die Brennervorrichtung beim Weingeiste, um denselben leuchtend zu machen, beruht auf demselben Princip, wie beim Oel; der Effect ist hier noch überraschender als bei letzterem, da die blaue, fast gar nicht leuchtende Weingeistflamme plötzlich wie durch einen Zauberschlag in das schönste, Weißeste, mondähnliche Licht verwandelt wird, welches ein Schlafgemach die ganze Nacht hindurch mit magisch-verklärenden Strahlen erhellt; was besonders in jenen Fällen, wo ein reines, mildes, geruckloses Licht, wie z.B. in Krankenzimmern, bei nervenschwachen Personen, Damen u. f. w. gewünscht wird, von größtem Vortheile ist. Eine Lunarlampe von 3/4 Zoll Durchmesser im Brenner consumirt in der Stunde höchstens um 1/2 kr. Conv.-M. Weingeist.

Ueber die Anwendung des Lunarlichtes für die Gasflamme, von welcher die Probe in Ermangelung Argandischer Brenner nicht vorgenommen werden konnte, soll nächstens berichtet werden; vorläufig macht man nur aufmerksam, daß die gegenwärtig in Anwendung stehenden sogenannten Schmetterlings- oder Fledermausflügel u. s. w für diesen Zweck nicht brauchbar sind, sondern Argand'sche Gasbrenner mit Zuggläsern, ganz nach Art der gewöhnlichen Lampen mit Luftrohr, eingeführt werden müssen, welche Construction aber schon an und für sich vortheilhafter, und deßhalb in England größtentheils üblich ist, da man hiebei eine viel intensivere und ruhigere, vor jedem Luftzuge geschützte, somit auch weniger abgekühlte und hellere Flamme erhält – Wird nun bei solchen Argand'schen Gasbrennern zugleich die Lunarvorrichtung angebracht, so kann man mit Sicherheit annehmen, daß bei halber Gasconsumtion derselbe Effect, oder bei einem schlechten Gase, welches keine helle Flamme gibt, der doppelte Lichteffect zu erzielen ist, ein Vortheil, den Jedermann auf den ersten Versuch gehörig zu würdigen wissen wird.

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Mit diesem in Kürze hier Gesagten sind die Vortheile dieser neuen Beleuchtungsart in ihrer dreifachen Beziehung für Weingeist, Oel und Gas, insoweit als wir sie zu beurtheilen in der Lage waren, deutlich angegeben. B-r. (Wiener Ztg. vom 26 August 1847.) Ueber die Verkaufsbedingungen etc. der Erfindung enthält folgende Broschüre das Nähere: „Notizen über Frankenstein's Lunar- und Solarlicht, nebst einer Kritik der Mängel unseres gegenwärtigen Beleuchtungswesens. Gratz 1847. Bei J. A. Kienreich.

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