Titel: Explosionen bei den chemischen Operationen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1847, Band 106/Miszelle 3 (S. 403–404)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj106/mi106mi05_3

Explosionen bei den chemischen Operationen.

Explosion beim Umschmelzen von Cyankalium.

Von dem technischen Dirigenten einer namhaften chemischen Fabrik in Sachsen ist der Redaction folgende Thatsache mitgetheilt worden, welche wohl geeignet seyn dürfte, zur Vorsicht bei der Bereitung des gegenwärtig vielfache technische Verwendung findenden Cyankaliums zu ermahnen. Man hatte eine größere Menge dieses Präparates auf die gewöhnliche Weise (nach der Liebig'schen Vorschrift) bereitet und wollte die letzten Portionen davon, welche eine bläulichgraue Farbe hatten und noch einzelne Punkte von Eisen zeigten, durch Umschmelzen reinigen. Diese Operation wurde in einem Kohlenbecken und zwar nur mit einer geringen Menge der Masse vorgenommen. Es erfolgte eine mit einem gewaltigen Knall verbundene Explosion, welche den Tiegel nebst dem Boden des Kohlenbeckens nach unten durchschlug und die Seitenwände des erstern, in unzählige Stücke zertheilt, mit der heftigsten Gewalt in dem Laboratorium zerstreute, glücklicherweise jedoch so, daß keine der in letzterm anwesenden Personen verwundet wurde. Der Inhalt des Tiegels wurde dabei gleichfalls so vollständig weggeschleudert, daß von dem Rückstande nicht so viel aufgefunden werden konnte, um eine chemische Untersuchung desselben anzustellen.

Explosion beim Rectificiren von Terpenthinöl.

In einem pharmaceutischen Laboratorium in Sachsen ereignete sich vor einiger Zeit folgender Unglücksfall: Man hatte eine nicht unbeträchtliche Quantität Terpenthinöl, um es zu rectificiren, in eine kupferne Destillirblase gegossen, dabei aber vergessen, demselben Wasser zuzusetzen. Einige Zeit nach dem Unterfeuern entstand ein heftiges Poltern in der Blase, und während der Laborant hinzutrat, um der |404| Ursache dieses Geräusches nachzuspüren, wurde der Helm mit großer Heftigkeit und unter starkem Knall von der Blase abgeworfen und die in der letztern siedende Flüssigkeit zum größten Theil herumgeschleudert, so daß durch dieselbe der gedachte Laborant und zwei andere im Laboratorium befindliche Personen schwere Brandverletzungen erlitten.

Explosion beim Umfüllen von Steinöl.

In einer andern Officin Sachsens kam eine ganz unerwartete Explosion beim Umfüllen von Steinöl vor. Dieses befand sich im Keller in einer großen Blechflasche, welche ungefähr nur noch zu 1/4 damit gefüllt seyn mochte, und man war eben im Begriff, den Inhalt dieses Vorrathsgefäßes beim Licht einer brennenden Kerze in eine kleinere Flasche überzugießen, als eine Detonation eintrat, welche das Blechgefäß zertrümmerte und das entzündete Steinöl in dem ganzen Keller herumspritzte. Glücklicherweise gelang es dem Manne, welcher die gedachte Arbeit besorgen wollte, sich, ohne schwere Verletzungen zu erleiden, aus dem Keller zu retten, und das Feuer späterhin durch Verstopfung der Thüren und Fenster auf ein Ausbrennen des im Keller vorhandenen Holzwerks zu beschränken. Jedenfalls hatte sich in dem leeren Raume des Blechgefäßes aus Steinöldampf und atmosphärischer Luft eine Art Knallgas gebildet, welches beim Neigen des Gefäßes auf die Lichtflamme strömte und sich an dieser entzündete.

Explosion bei der Bereitung von rothem Blutlaugensalz.

Um rothes Blutlaugensalz (Kaliumeisencyanid) als Lösung zu bereiten, wurde in eine ziemlich bedeutende Quantität Auflösung von gelbem blausaurem Eisenkali in Wasser Chlor hineingeleitet, wie dieß bekannt ist; die Entwickelung des Chlorgases geschah aus Kochsalz, Schwefelsäure und Braunstein in gußeisernen Gefäßen. Im Verlauf der Operation fand sich, daß sich nach einiger Zeit viel freie Salzsäure entwickelte, weßhalb die Chlormischung entfernt und durch eine neuerdings bereitete ersetzt wurde. In den Gefäßen fand sich eine steinharte, braunrothe Masse, die sich bei der Untersuchung als Eisenchlorid zu erkennen gab, welches theilweise noch unzersetzten Braunstein umschloß, der demnach der Einwirkung der Salzsäure entgangen war, wodurch die Entwickelung freier Salzsäure während der Operation erklärlich wird. Nachdem nun wieder einige Stunden Chlor aus der erneuten Mischung hindurchgestrichen war, blieb das Ganze in einem hölzernen Fasse ruhig stehen. Plötzlich erfolgte, ohne alle äußere Veranlassung, in dem Raume, wo die Darstellung des Präparates stattgefunden hatte, eine so furchtbare Explosion, daß das Gemäuer des Gebäudes von dem Knall erzitterte und die Fenster und Thüren theilweise heraus geschleudert wurden. Das Gefäß, worin die Auflösung des Kaliumeisencyanids gewesen war, fand sich gänzlich zertrümmert und die zolldicken Dauben theilweise zerschmettert und einzelne Stücke davon bis in den Schornstein geschleudert.

Es ist gar nicht anders denkbar, als daß der Grund dieser gewaltigen Explosion in der Bildung und Zersetzung von Chlorstickstoff zu suchen ist, und zwar erfolgte die Bildung dieses höchst gefährlichen Körpers wahrscheinlich dadurch, daß die Salzsäure Blausäure aus dem Blutlaugensalze entband, die durch mehr freie Salzsäure theilweise in Ammoniak umgesetzt wurde, aus dem durch die nachherige Einwirkung von Chlor Chlorstickstoff entstand – ein Körper, welcher sich bei Berührung mit organischen Körpern bekanntlich überaus leicht zersetzt.

Dr. Elsner, welcher diesen Fall erzählt, erwähnt bei dieser Gelegenheit, daß auch Döbereiner die zufällige Bildung dieses äußerst gefährlichen Körpers beim Einleiten von Chlorgas in eine ammoniakalische Zinnauflösung, welche man wahrscheinlich zur Darstellung des sogenannten in der Färberei gebräuchlichen Pinksalzes (ein Doppelsalz von Zinnchlorid und Salmiak) anwenden wollte, beobachtet hat. Beide Thatsachen liefern den Beweis, daß man bei Darstellung solcher chemischen Präparate, bei deren Bereitung jener Körper sich bilden kann, mit der größten Umsicht verfahren muß, um einer möglichen großen Gefahr zu entgehen. (Berliner Gewerbe-, Industrie- u. Handelsblatt, Bd. XX Nr. 12 und Bd. XXI Nr. 26)

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