Titel: Chinesisches Verfahren Zwergbäume zu ziehen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1847, Band 106/Miszelle 10 (S. 455–456)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj106/mi106mi06_10
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Chinesisches Verfahren Zwergbäume zu ziehen.

Bekanntlich sind die Chinesen sehr dafür eingenommen, Zwergbäume zu ziehen; das Verfahren, welches sie dabei verfolgen, scheint aber noch nicht allgemein bekannt zu seyn. Hr. Fortune, von der Londoner Gartenbaugesellschaft, gibt in seinem Reisebericht hierüber folgende Aufschlüsse:

„Das Verfahren der Zwergbaumzucht in China ist sehr einfach und beruht auf den bekanntesten Gesetzen der Pflanzen-Physiologie. Jedes Mittel, durch welches man im Stande ist die freie Circulation des Pflanzensaftes zu hemmen oder zu behindern, widersetzt sich bekanntlich gewissermaßen der Holz- und Blätterbildung. Auf diese Weise wird der Zweck entweder durch Pfropfen, durch Beschränkung der Entwickelung der Wurzeln, oder durch Verminderung oder völlige Unterlassung des Begießens, Niederhalten der Zweige und hundert andere Mittel, die alle auf demselben Princip beruhen, erreicht. Das erste was die Chinesen thun, ist, wie ich hörte, daß sie dazu die kleinsten Samen von den schwächsten und zartesten Pflanzen wählen. Doch habe ich mich hievon nicht mit eigenen Augen überzeugt, wohl aber davon, daß sie Setzlinge von andern, in ihren Gärten gewachsenen Pflanzen dazu nehmen. Im Allgemeinen wählen sie dazu Varietäten von kurzem Wuchs, namentlich solche, die regelmäßig einander gegenüberstehende Zweige haben, indem bei ihnen alles davon abhängt und ein Zwergbaum, der nur auf einer Seite wächst, für sie ohne allen Werth ist.

In diesem Zustand wird der Hauptstamm in den meisten Fällen im Zickzack gewunden oder gedreht, wodurch der Zufluß des Safts aufgehalten und zugleich die Erzeugung von Seitenästen an jenen Stellen des Stamms begünstigt wird, wo man sie am liebsten hat. Wenn diese Pflanzen im freien Felde oder in einer Art Baumschule Wurzel geschlagen haben, so mustert man sie, wählt die bestgebildeten aus und setzt sie in Töpfe. Diese sind enge und nicht sehr tief, so daß sie, im Verhältniß zum Bedürfniß der Pflanze, wenig Erde enthalten, und man gibt der Pflanze nur das allernothwendigste Wasser.

Wenn Zweige sich zu bilden anfangen, drückt man sie nieder oder dreht sie auf verschiedene Weise und die Spitzen der Hauptzweige oder der zu kräftig wachsenden werden abgezwickt oder sonst entfernt.

Die Natur kämpft lange kräftig gegen eine ihr so zuwiderlaufende Behandlung, scheint aber zuletzt sich der Kunst willig zu fügen. Doch muß der Gärtner beständig auf seiner Hut seyn, denn wenn ein paar Wurzeln aus dem Topfe heraus in das freie Land gelangen, oder die Pflanze zufällig etwas reichlich Wasser erhält, oder man den Setzling, wenn auch nur sehr kurze Zeit, seinem gewöhnlichen Wachsthum überließe, dann würden die Pflanzen wieder ihre natürliche Kraft gewinnen und die forgsältigst gepflegten Zwerg-Individuen wieder verloren gehen.

Bisweilen setzt man die Pflanzen, wie z.B. die Pfirsich- und Pflaumenbäumchen, die oft zu Zwergen gezogen werden, blühend ein und da sie die darauf folgenden Jahre frei blühen, sind sie nicht geneigt, kräftig fortzuwachsen. Am häufigsten werden als Zwergbäume gezogen die Fichte, der Wachholder, der Bambus, der Pfirsich- und Pflaumenbaum und eine Art kleinblättrige Ulme.“ (Agriculteurpraticien, Sept. 1847.)

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