Titel: Die Bereitung des Hämatinon der Alten wieder entdeckt.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1848, Band 107/Miszelle 4 (S. 76–78)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj107/mi107mi01_4

Die Bereitung des Hämatinon der Alten wieder entdeckt.

Die Bereitung des Hämatinon der Alten ist wieder gefunden und zwar dem höheren Standpunkt der heutigen Wissenschaft und Technik gemäß, ohne die Beschränkung, welche die alten Künstler sich haben gefallen lassen müssen. Man verdankt diese für das technische Kunstgebiet wichtige Entdeckung Hrn. Dr. Max Pettenkofer, außerord. Mitglied der k. bayer. Akademie der Wissenschaften und Assistent bei dem k. Hauptmünzamte in München. Er hat der genannten Akademie die Ergebnisse seiner Forschungen und Untersuchungen mitgetheilt, und man konnte sich von der vollkommenen Lösung der Aufgabe durch Vergleichung der vorgelegten Proben mit dem antiken Hämatinon auf das genügendste überzeugen.

Plinius beschreibt im 26sten Capitel des 36sten Buches seiner Naturgeschichte eine bei den Alten für Speisegefäße (ad escaria vasa) und viele andere Zwecke beliebte Glasmasse, als totum rubens vitrum atque non translucens, hämatinon appellatum (als ein durch und durch rothes, undurchsichtiges Glas, Blutroth genannt). Ueber die Darstellung desselben weiß der unermüdliche und harmlose Niederschreiber |77| so vieler technischen Fabeln nichts anzugeben. Was man davon in Pompeji bisher vorfand und bei uns zu sehen bekam, ist theils in Mosaikfußböden, theils in den Wandmauern eingefügt, theils in losen Klumpen gefunden worden. Der Bruch ist vollkommen muschlig, weßhalb es Plinius auch dem Obsidian zu vergleichen scheint (in tincturae genere obsidianum); es ist härter als gewöhnliches Glas, welches leicht davon geritzt wird, und nimmt darum eine sehr feurige Politur an; an sehr dünnen Kanten ist es schwach durchscheinend mit carminrother Farbe; die Farbe steht zwischen Mennig- und Zinnoberroth; das specifische Gewicht ist 3,5. Sobald man es auf gewöhnliche Weise schmelzt, so wird es grünlichschwarz, und die schöne, feurige rothe Farbe wird durch keinen Zusatz mehr hergestellt. Man erhält durch Zugabe desoxydirender Substanzen höchstens ein trübes Braunroth. Die neuere technische Chemie kennt ein ähnliches Verhalten bei der Bereitung des rothen Ueberfangglases. Die Analyse, und wäre sie noch so genau, gibt keinen Aufschluß, sondern vermehrt für den ersten Augenblick nur unser Erstaunen und unsere Verlegenheit, was die Arbeiten von Lampadius und andern über den Gegenstand beweisen. Es ist ein ähnlicher Fall wie beim Aventuringlase. In einigen Mosaikfabriken Italiens fertigt man zwar Porporino, aber dieses ist dem antiken sowohl in der Farbe als auch in andern physikalischen Eigenschaften, sowie in der chemischen Zusammensetzung durchaus unähnlich. Das schönste neue Porporino soll mit Gold gefärbt seyn; es kostet, wie es in Stücken von der Größe einer Haselnuß bis zu einer großen Mannsfaust im Handel vorkommt, durcheinander das Pfund 25 Gulden; wäre mithin nie für eine allgemeine Verwendung zu gebrauchen; das antike hingegen enthält als färbenden Bestandtheil nur Kupferoxydul, kein Zinnoxyd, und käme wenigstens zwanzigmal wohlfeiler zu stehen. Eine Fläche von 4000 Quadratfuß, 1/[...] Decimalzoll dick, würde kosten: von neuem Porporino 500,000 fl.; vom antiken aber nur 20,000 fl., angenommen das specifische Gewicht beider sey gleich.

Die bisherigen Versuche das Hämatinon der Alten nachzubilden, mußten schon deßhalb mißlingen, weil die meisten in der Voraussetzung, es handle sich um eine Glasfritte, nicht um einen Glasfluß, gemacht wurden. Was Lampadius und andere Chemiker zu Stande brachten, wird von der Schönheit der antiken Stücke so weit überstrahlt, daß neben diesen jene Producte gar nicht mehr roth, sondern nur schmutzigbraun erscheinen.

Nachdem Dr. Pettenkofer mehrere antike Stücke mit übereinstimmenden Resultaten analysirt hatte, ging er an die Synthese, die ihm aber so lange nicht gelang, bis er das eigenthümliche Princip entdeckte, worauf die Bildung des Hämatinons der Alten wesentlich beruht; dieses Princip war bisher völlig ungekannt in der Wissenschaft und auch ohne alle Anwendung in der Glastechnik. Das Princip kann überdieß nicht bloß auf rothe, sondern auch auf alle anderen zum Glasfärben benützbaren Farben angewendet werden; es liefert mit allen Producte von ausgezeichneter Schönheit. Der Erfinder hat bereits bloß mit Kupferoxydul ein Lackroth dargestellt, welches das schönste antike Porporino weit überstrahlt. Dieses ausnehmend schöne Product wird wohl zunächst in größerer Quantität erzeugt werden, und somit die Erfindung bei ihrem Wiedereintritt ins Leben sich sogleich eine Stufe über ihre Vergangenheit stellen. Es hat sich nämlich Se. Maj. der König von Bayern, als ihm die verschiedenen Proben vorgelegt wurden, ungeachtet alle einzelnen sowie die ganze Erfindung sich seines warmen Beifalls zu erfreuen gehabt, in Bezug auf specielle Anwendung bei einem in Bau begriffenen großartigen Kunstdenkmal, für das erwähnte lackrothe Purpurin ausgesprochen. Die Wirkung im Großen, wenn ganze Nischen oder Wandflächen mit diesem Material bekleidet seyn werden, muß ohne Vergleich zauberhaft seyn; denn es ist als läge unter dem Glanz und der Farbe eine tiefe Gluth, von welcher Glanz und Farbe ausströmen.

Durch diese neue Erfindung sind sehr viele Hindernisse beseitigt worden, welche bisher bei Ausschmückung von Prachtgebäuden sich oft sehr fühlbar gemacht haben.

Die Glasporphyre können unter gewissen Cautelen jeder Manipulation unterworfen werden, welche Glas überhaupt verträgt. Es lassen sich Platten vom Umfange der größten Spiegelplatten gießen, welche nur geschliffen und polirt zu werden brauchen, um z.B. als prachtvolles Wandgetäfel, Tischplatten etc. zu dienen. Sie lassen sich auch mit den Pfeifen zu Gefäßen verarbeiten.

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Für Mosaikarbeiten scheint die Sache von höchster Wichtigkeit zu seyn. Die möglichen Nüancen in den verschiedenen Farben sind unbegränzt.

Was Dauer und Festigkeit anlangt, so wird nichts dagegen zu erinnern seyn. Die Glasporphyre sind wirkliche Glasflüsse (nicht etwa Glasfritten, wie man vom antiken Purpurino häufig, aber irrig angibt); sie enthalten bedeutende Mengen Kieselerde, weßhalb sie weniger dem Verwittern ausgesetzt sind, als manche andere schon bekannte farbige undurchsichtige Glasflüsse; sie widerstehen den stärksten Mineralsäuren; sie sind viel härter als gewöhnliches Glas, welches mit Leichtigkeit davon geritzt wird; sie ertragen raschen Temperaturwechsel viel leichter als gewöhnliches Glas. Ein treffliches Zeugniß für die Unverwüstlichkeit dieses Kunstproductes gewährt auch das Aussehen der in Pompeji zu Tag geförderten, wenigstens achtzehn Jahrhunderte alten Stücke.

Man kann bei Hrn. Dr. Pettenkofer in München nicht nur Proben von allen Farben einsehen, sondern auch von ihm erhalten.

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