Titel: Ueber die artesischen Brunnen und die Fauvelle'sche Erfindung zu beschleunigter Bohrung derselben.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1848, Band 107/Miszelle 3 (S. 156–159)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj107/mi107mi02_3

Ueber die artesischen Brunnen und die Fauvelle'sche Erfindung zu beschleunigter Bohrung derselben.

Der Brunnen zu Grenelle in Paris und derjenige zu Neu-Salzwerk in Preußisch-Minden haben den Beweis geliefert, daß man in gewissen Tiefen stets Wasser erhält und zwar bei beträchtlichen Tiefen warmes oder heißes Wasser; es erhielt also hiedurch die Theorie über die innere Wärme der Erde eine neue glänzende Bestätigung. Außerdem ist hiedurch die Hoffnung gegeben worden daß die Thermen, welche bisher so sparsam über die Erde ausgebreitet waren, auf künstliche Weise leicht vermehrt werden könnten und so der leidenden Menschheit neue Mittel und Wege zur Heilung der Gebrechen gegeben würden. Diese Hoffnungen sind sehr schön und leicht auszusprechen, bedenkt man aber die Schwierigkeiten welche mit dem Bohren so tiefer Brunnen verknüpft sind, und die enormen Kosten die ein Privatmann nicht zu erschwingen vermag, da man sich in den meisten Fällen auf eine Tiefe von 1500 bis 2000 und noch mehr Fuß gefaßt machen muß, ferner die Länge der Zeit welche zur Bohrung solcher Brunnen erforderlich ist, so werden diese schönen Hoffnungen wieder getrübt, besonders wenn man noch in Betrachtung zieht, daß wenn das Wasser oben nicht ausläuft, am Ende alle Mühe, Kosten und Zeit umsonst seyn können, da der menschliche Geist vorher die Tiefen der Erde nicht zu ergründen vermag und die sogenannten Wasserschmecker, die früher und jetzt noch in manchen Gegenden mit der Wünschelruthe eine so große Rolle spielten, hiebe: nicht zu Rathe gezogen werden können.

Bekanntlich sind die Chinesen die ersten welche artesische Brunnen bohrten; man trifft in China Salzquellen von 1500–1800 Fuß Tiefe, ebenso auch Springquellen von heißem Wasser, das aus ähnlicher Tiefe kommt. Olympiodorus in Alexandrien spricht ebenfalls von Brunnen die man 200, selbst 500 Ellen tief daselbst gebohrt habe; in Europa sind, soviel man weiß, die ältesten zu Modena und in Frankreich, in der Provinz Artois, woher bekanntlich ihr Namen hergeleitet wird. Erst aber seit etwa 60–70 Jahren hat sich das Bohren von artesischen Brunnen überall verbreitet, und seitdem wurde das tiefe Bohren in die Erde überhaupt, nicht allein zu dem Zwecke Brunnen zu erhalten, sondern auch weit häufiger als früher zu bergmännischen Arbeiten, Sondirungen des Terrains u.s.w., besonders zum Auffinden von Steinkohlen angewandt, und die schönste Frucht welche daraus hervorgegangen ist, ohne von den andern wichtigen geologischen Ergebnissen zu reden, ist die Gewinnung der Soolquellen in dem Muschelkalkgebirge, wodurch das Kochsalz, das nöthigste Bedürfniß des Menschen, sowohl als Nahrung als für die Gewerbe von gleicher Bedeutung, nicht mehr zur Nothdurft, sondern zum Ueberflusse geboten wird.

Mit diesen vielen Versuchen hat sich auch das Verfahren immer mehr ausgebildet; wer aber dasselbe gesehen und Kenntniß davon genommen hat, wird sich von der Langsamkeit und Unvollkommenheit in allen Theilen überzeugt haben, besonders wenn man das Ausreinigen des Bohrlochs in Augenschein genommen hat, welches mit dem technischen Ausdruck „Löffeln“ belegt wird und vielleicht eine der langweiligsten Arbeiten ist welche aufzuweisen sind, eine Arbeit die man mit dem Wasserschöpfen der Danaiden vergleichen könnte. Bedenkt man nun es soll ein Brunnen von tausend und mehr Fuß, wie der zu Grenelle von 547 Meter, und der zu Salzwerk welcher mehr als hundert Meter tiefer ist, gebohrt werden, welche lange Arbeit steht hiebei bevor, welche unvorhersehbare Schwierigkeiten müssen überwunden werden |157| welche Schweißtropfen kostet nicht der jahrelange Fleiß und welch große Summen müssen hingeopfert werden bis am Ende ein Ziel erreicht ist!

Man sollte glauben der Mensch hatte schon längst Mittel und Wege aufgefunden diese Arbeit zu beschleunigen und zu fördern, besonders in unserer betriebsamen Zeit, wo ein jeder nach neuen Erfindungen und Entdeckungen hascht; trotz der Wichtigkeit und des großen Einflusses auf die Wissenschaften und technischen Gewerbe blieb es aber immer beim Alten, und mit wenigen Modificationen werden die alten Mittel heutzutage noch verwendet.

Aus diesen Gründen mußte im vorigen Jahre die Nachricht von Arago, daß es einem Franzosen Namens Fauvelle gelungen sey ein neues beschleunigendes Verfahren zum Bohren artesischer Brunnen zu entdecken, bei jedermann Freude erregen, da hiedurch auf einmal alle die Schwierigkeiten gehoben zu seyn schienen und nicht allein Zeit, sondern auch Kostenersparnisse in hohem Grade in Aussicht standen. Daß die Erfindung in der That gemacht und nicht bloß wie heutzutage viele um den Leuten das Geld aus der Tasche zu locken nur scheinbar war, dafür bürgte einestheils die Autorität und der gute Namen Arago's und der Umstand daß durch Unterstützung der Akademie und unter Aufsicht Arago's, ihres beständigen Secretärs der mathematisch-physikalischen Classe, der Erfinder praktische Versuche zu Perpignan anstellen mußte, anderntheils aber daß man wenige Monate nachher von Patenten las, welche der Erfinder nicht allein in den meisten deutschen Staaten, sondern auch in England, Holland, Belgien u.a. erhalten hatte.30) Seitdem ist es aber mit der Erfindung wieder ganz stille geworden, und nur durch Privatnachrichten ist mir bekannt daß in neuester Zeit unter Leitung des Erfinders in Belgien Versuche damit gemacht werden sollen.

Die Sache ist wichtig genug um öffentlich besprochen zu werden, denn nach den Berichten Arago's wird durch die Maschine in kürzester Zeit das geleistet, was man durch die jetzt im Gebrauch stehenden in Jahren nicht erreichen könnte. Welche Vortheile hieraus für die Wissenschaft und die Gewerbe erzielt werden könnten, ist kaum zu berechnen: auf der einen Seite könnte man in wenigen Wochen die schönsten geognostischen Untersuchungen über die verschiedensten Gebirgsformationen anstellen, die Zunahme der Wärme im Innern der Erde auf bisher nicht erreichbare Tiefen ergründen, sich über tiefliegende Steinkohlen- und Salzlager vergewissern, in den wasserärmsten Gegenden tiefliegende, nie versiegende Quellen, ja an vielen Orten sogar Thermen anbohren; auf der andern Seite aber wäre dem Fabricanten mit Leichtigkeit ein Mittel geboten sich Springquellen zu verschaffen, ja durch den geringen Aufwand womit man warme und heiße Quellen anbohren könnte, wäre ihre Anwendung Wasserwerke im Gang zu erhalten, welche während der strengen Winterzeit stillestehen, leicht ausführbar, ja eine Benützung ihrer Wärme selbst zu technischen Zwecken wäre leicht denkbar. (Mein Vater hat z.B. in den königlichen Gärtnereien zu Cannstatt über dem Ablauf eines, aus nicht sehr beträchtlicher Tiefe kommenden artesischen Brunnens, dessen Wasser beim Ausfluß beständig 16° R. zeigt, eine Gemüsetreiberei errichtet, welche ohne weitere Erwärmung in der ersten Frühlingszeit die schönsten Sommergemüse liefert.) Dieß sind aber noch nicht alle Vortheile, welche durch ein beschleunigtes und somit wohlfeiles Verfahren zum Bohren von artesischen Brunnen erzielt würden, es lassen sich noch viele andere denken, und deßhalb wäre es sehr zu wünschen daß der Erfinder in den Staaten wo er Patente erhalten hat, die Sache zur Ausführung bringen oder wenigstens solche Resultate seiner Versuche bekannt machen möchte, wodurch dieselbe constatirt würde, während an andern Orten, wo er keine Patente erlangt hat, man sich mit Versuchen abgeben sollte.

Obgleich ich nicht so glücklich war Zeichnungen oder eine nähere Beschreibung des Fauvelle'schen Verfahrens zu Gesicht zu bekommen, so habe ich mir doch aus den kurzen Andeutungen des Hrn. Arago das Verfahren so weit als es möglich war verständlich gemacht, doch ohne zu wissen ob es mit dem Fauvelle'schen übereinstimmt. Arago sagt nämlich, das Bohrgestäng sey hohl, anstatt wie bisher massiv, mit Beihülfe |158| hülfe des Wassers werde die Reinigung des Bohrloches immer durch die Bewegung des Gestänges zu Stande gebracht u.s.w.

Nehme ich als Grundversuch des Ganzen folgendes Experiment an, das sich jedermann leicht augenscheinlich machen kann: man nehme einen hohlen Cylinder von Glas oder Metallblech unten mit einem Boden, fülle ihn mit Wasser und werfe mehrere Körper hinein die vermöge ihres Gewichts zu Boden sinken, fasse den Cylinder mit der Hand und bewege ihn schnell auf und ab, so werden nach wenigen Bewegungen die schweren Körper in dem Wasser aufsteigen und durch Bewegungen desselben am Ende oben ausgeworfen werden. Trägt man nun dieses einfache Problem auf eine hohle schmiedeiserne oder gezogene Röhre über, die unten eine Schärfung hat und in der Mitte noch mit einem S förmigen Erdbohrer versehen ist, so aber daß die Zwischenräume offen bleiben, und verwendet diesen hohlen Bohrer zur Eintreibung in die Erde mit jeder beliebigen Kraft, so hätte man, da diese Kraft eine auf- und abbewegende seyn muß, schon das erreicht daß, wenn man die Bohrröhre mit Wasser füllt, die sogenannten Bohrspäne durch diese Auf- und Abbewegung, also beim Tieferbringen des Bohrers selbst, immer ausgeworfen und das Bohrloch stets rein erhalten würde, und somit wäre ein besonderes Ausreinigen, das sogenannte Löffeln, wobei man stets das ganze Bohrgestäng ausheben muß, umgangen und die eigentlichen Bohrarbeiten könnten ununterbrochen fortgeführt werden, wodurch gegenüber dem bisherigen Verfahren mindestens die Hälfte der Zeit erspart würde.

Die zwei hiebei auftretenden Bedürfnisse sind hohle Röhren und Wasser, dazu kommt noch die Kraft um die durch das Gewicht des Wassers beschwerten Röhren auf und ab zu bewegen. Die Röhren müssen nicht nothwendig eine sehr weite Oeffnung haben, da man den Bohrer so einrichten kann, daß keine allzu großen Felsstücke in dieselbe gelangen, daß diese vielmehr leicht zermalmt werden, und wenn sich größere Stücke doch hineinpressen, so werden diese durch den Druck des Wassers in der Röhre, welcher wie eine Art Bramah'sche Presse wirkt, hinausgepreßt. Wesentlich kommt es aber bei denselben auf die Stärke und Güte des Eisens an, damit Abbrechungen derselben nicht so leicht möglich sind. Die Aneinanderfügung der Röhren könnte am besten, wie bei dem alten Bohrgestäng, mittelst Schrauben geschehen. Durch diese Umstände, namentlich durch die Dicke des Eisens, wird aber das Gewicht eines solchen Bohrgestänges um ein bedeutendes größer ausfallen als bei einem Stangengestäng. Das Wasser, als ein wesentliches Erforderniß zu dieser Bohrmethode, dürfte in Gegenden wo man es weit herführen muß, eine bedeutende Schwierigkeit verursachen; bedenkt man noch dabei daß der Verlust desselben ein großer ist, indem es, oben ausgeworfen, überallhin zerstäubt wird, nur weniges davon wieder gesammelt werden kann, und immer wieder neues zufließen muß um dem Zweck gehörig zu entsprechen, so kommt ein großes Quantum Wasser heraus das hiebei täglich verbraucht würde. Was nun die Bewegung des durch die größere Eisenmasse und das ganze Gewicht einer bei größeren Tiefen sehr beträchtlichen Wassersäule beschwerten Bohrgestänges betrifft, so wird sie ebenfalls ungleich schwieriger seyn als bisher. Bedenkt man hiebei noch, daß bei Anwendung von Menschenkräften, wie dieses gewöhnlich mit Hülfe zweier großen Hebel geschieht, die Arbeiter beständig der Feuchtigkeit und Nässe durch das Umherspritzen des Wassers ausgesetzt sind, so könnte man bei all diesen erschwerenden Umständen am Ende auf den Glauben kommen, daß eine solche neue Methode hinter der alten zurückbleiben müßte. Was aber hiebei durch ein größeres Gewicht des Bohrgestänges und des Wassers die Bewegung des ganzen Apparates erschwert, dürfte durch die Bewegung des Wassers selbst wieder erleichtert werden, denn ist das Wasser in der Bohrröhre einmal in auf- und abgehender Bewegung, so hilft es zur Emporhebung des ganzen Gestänges mit – ein Umstand den auch Arago hervorhob.

Somit könnte man mit einem solchen Bohrgestänge, wenn auch in Hinsicht des complicirteren Apparates und der Kosten einer bedeutenden Wasserzufuhr eine Vertheuerung einträte, jedenfalls in der Hälfte der Zeit als bisher Bohrlöcher von beträchtlicher Tiefe herstellen, und die Kosten, welche bisher durch die Länge der Zeit erwuchsen, könnten erspart werden, und würden sich mindestens ausgleichen. Theoretisch hat die Sache ihre vollkommene Richtigkeit, es fragt sich nun ob sie sich in der Praxis als nutzbar erweist) jedenfalls scheinen Hrn. Fauvelle Schwierigkeiten in den Weg getreten zu seyn, die wahrscheinlich bei tieferen Bohrungen eintreten, immerhin |159| wird sie aber einer weiteren Ausbildung fähig seyn, da man seine bisherigen Versuche als den ersten Anfang eines ganz neuen Verfahrens ansehen muß. Durch Bildung einer Aktiengesellschaft (Fauvelle und Comp.) werden ihm zu einer Vervollkommnung desselben die Mittel geboten, und durch die überall erlangten Patente wird er vor der Nachahmung seiner Erfindung geschützt seyn. Doch werden die Staaten, welche ihm die Patente ertheilt haben, sich diese wichtige und gemeinnützige Entdeckung nur mit großen Summen erkaufen können. Stuttgart, im Decbr. 1847. Dr. Otto E. J. Seyffer. (Augsb. Allg. Ztg.)

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Hr. v. Fauvelle hat das Princip feiner Erfindung in einer der franz. Akademie der Wissenschaften eingereichten Notiz beschrieben, welche in den Comptes rendus veröffentlicht und daraus im polytechn. Journal Bd. CII S. 354 mitgetheilt wurde.

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