Titel: Ueber Vorbereitung vegetabilischer Fasern, von Dr. Oschatz.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1848, Band 107/Miszelle 9 (S. 467–468)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj107/mi107mi06_9

Ueber Vorbereitung vegetabilischer Fasern, von Dr. Oschatz.

Die wenigsten vegetabilischen Faserstoffe werden von der Natur in dem für die technische Verarbeitung geeigneten Zustande, als gesonderte Fasern, uns dargeboten, ein Verhalten, das dagegen durchgängig bei den animalischen, technisch verwendbaren Fasern, den Haaren und der Seide, sich findet. Nur die Baumwolle und einige minder wichtige Pflanzenfasern bedürfen keiner vorbereitenden Sonderung. Die meisten dagegen zeigen sich im Verbande des Pflanzenkörpers als Faserbündel, umgeben von anderen, für denselben Zweck nicht verwendbaren Pflanzenzellen und von dergleichen durchsetzt. Die Möglichkeit ihrer Isolirung beruht darauf, daß sie in der Form von dickwandigen, an beiden Enden zugespitzten Röhren, die durch innige Aneinanderlagerung eckig geworden sind, wie Bienenzellen, zwar aneinander haften, aber nicht mit einander verschmolzen sind. Hierdurch ist die Spaltbarkeit des Holzes in der Hauptrichtung des Stammes bedingt, sowie die Zugutmachung der Bastfasern, besonders wichtig bei Lein und Hanf.

Die Mittel, welche behufs dieser Trennung in Anwendung gebracht werden, sind: Fäulniß, Alkalien und Säuren und die Siedhitze.

Die Fäulniß, bei Bast und Lein gewöhnlich in Anwendung gebracht, trennt und zerstört die übrigen Rindenzellen mit ihrem Inhalte, bevor die Bastfasern merklich angegriffen sind. Indem der grüne Inhalt eines Theiles der Zellen sich dabei auflöst und braun färbt, wird diese Färbung auf die ursprünglich farblosen Bastzellen übertragen und dadurch die spätere Bleichung sehr erschwert, somit auch die Haltbarkeit der Faser verringert, zu welchem Mißstande noch die Quetschung der Faser beim Brechen hinzukommt, über deren ungünstigen Einfluß ein Blick ins Mikroskop Ueberzeugung gibt.

Deßhalb können wir das gebräuchliche Verfahren in der Leinenbereitung nicht für überall zweckentsprechend erkennen. Die Fäulniß wird ferner in der Papierfabrication als Vorbereitung für den Holländer in Anwendung gebracht, jetzt jedoch nicht mehr so stark als früher, da der Verlust dabei jetzt höher als die vermehrte Arbeit der Maschine im Werthe steht.

Bei den neueren Versuchen zur Verwendung von Stroh, Schilf, Gras u. dgl. zur Papierfabrication, namentlich durch L. Piette in großem Maßstabe ausgeführt, kommen Alkalien und Säuren nebst Benutzung der Siedhitze in Anwendung. Die mikroskopische Prüfung der von Piette in seinem bezüglichen Werke (Die Fabrication des Papiers aus Stroh u.s.w. von L. Piette, Köln 1838) mitgetheilten Proben, welche von der Abtheilung der polyt. Gesellschaft in Berlin für Mikroskopie erregt wurde, zeigte, daß durch diese Mittel der Zweck allenthalben erreicht war; nur bei der Probe, aus Holz und Lumpen gemischt, Nr. 163, zeigten sich die Holzfasern noch in Bruchstücken zusammenhängend. Diesem Umstande ist das ungünstige Urtheil, welches Piette über die Verwendbarkeit des Holzes zur Papierfabrication fällt, zuzuschreiben, welches um so weniger zu theilen ist, da beim Kochen mit verdünnter |468| Salpetersäure die hierdurch wirklich gesonderten Holzfasern, sowie die Gefäßbündel der monokotyledonischen Gewächse eine anscheinend als Papierbrei sehr brauchbare Masse darstellten. Nur konnte natürlich nicht daran gedacht werden, dieß Mittel für die Verarbeitung im Großen in Anwendung bringen zu wollen. Für die Auffindung eines hierzu sehr wohl geeigneten Mittels diente die Betrachtung als leitend, daß der Zusammenhang verschiedener vegetabilischer Stoffe schon durch die Einwirkung des siedenden Wassers unter den gewöhnlichen Verhältnissen aufgehoben wird, und daß bei einer über den Druck unserer Atmosphäre gesteigerten Temperatur auch inniger zusammenhängende Pflanzenzellen sich müßten sondern lassen. Als diesem Zweck entsprechend boten sich der papinianische Topf und überhitzte Dämpfe dar, mit welchen beiden Mitteln durch den Techniker R. Wähneldt Versuche gemacht worden sind, die indeß noch kein genügendes Urtheil für die Fabrication gewähren konnten.

Dr. Oschatz fürchtet eine Ausbeutung seines Verfahrens von Seite Anderer, und hat, um sein Eigentumsrecht zu constatiren, den Weg rückhaltloser Oeffentlichkeit gewählt und der Polytechnischen Gesellschaft in Berlin seine bisherigen Erfahrungen mitgetheilt; letztere hat deßhalb eine Commission von Sachverständigen zu genauerer Prüfung und Erörterung niedergesetzt. (Berliner Gewerbe-, Industrie- und Handelsblatt, 1847, Bd. XXIV, S. 223.)

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