Titel: Newell's Universal-Combinations-Schloß.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1848, Band 108/Miszelle 3 (S. 394–396)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj108/mi108mi05_3

Newell's Universal-Combinations-Schloß.

Die Combinations-Schlösser mit Schlüsseln haben, mit wenigen Ausnahmen, eine solche Einrichtung, daß eine bestimmte Anzahl verschiebbarer Theile derselben, die sogenannten Combinations-Theile, durch die Umdrehung des Schlüssels von dem Barte in eine bestimmte Lage gehoben oder verschoben werden muß, wenn der Riegel durch den Schlüssel vorgeschoben, oder was dasselbe ist, das Schloß geschlossen werden soll. Es ist nur dann möglich, ein solches Schloß zu öffnen oder den Riegel desselben zurückzuschieben, wenn die oben erwähnten Combinations-Theile wieder genau in dieselbe Lage gebracht werden, bei welcher der Riegel vorgeschoben wurde, was begreiflich nur mit jenem Schlüssel, der den Riegel vorgeschoben hat, geschehen kann.

Um jedoch einem solchen Combinations-Schlosse eine noch größere Sicherheit zu geben, und den Schlüssel, wenn er verloren ging, oder auch jede Contre-Façon durch einen Wachsabdruck etc, für unbefugtes Oeffnen des Schlosses unbrauchbar zu machen, |395| ging man weiter, und hatte den Schlüsselbart aus einzelnen Zähnen oder verstellbaren Theilen zusammengesetzt, so zwar, daß der Eigenthümer des Schlosses in der Lage ist, den Schlüsselbart zu verändern, und gleichsam neue, von dem älteren verschiedene Schlüssel zu bilden. Weil aber der Schloßriegel nur in einer bestimmten Lage der Combinations-Theile, welche von der Aufeinanderfolge der Zähne im Barte abhängt, sich vor- und zurückschieben läßt, so muß, mit dem vom Eigenthümer verstellbaren Schlüsselbarte übereinstimmend, auch die wechselseitige Lage der Combinations-Theile im Schlosse selbst verstellt werden, ehe das Schloß für die neue abgeänderte Form des Schlüsselbartes brauchbar wird.

Einen anderen Schritt der Vervollkommnung eines Combinations-Schlosses mit Schlüssel machte man darin, daß zwar der Schlüssel unverändert bleibt, die Combinations-Theile des Schlosses aber dennoch von dem Eigenthümer in eine veränderte Lage, durch verstellbare Scheiben auf dem Gehäuse, vor dem Schließen gebracht werden können. Verändert nun der Eigenthümer nach dem Schließen die Stellung der Scheiben, so ist ein Unbefugter, selbst mit demselben Schlüssel, nicht in der Lage den Riegel zurückzuschieben oder das Schloß zu öffnen, wenn er nicht die auf dem Schloßgehäuse befindlichen Scheiben in dieselbe Lage bringt, in welcher sie sich beim Schließen des Schlosses befanden.

Vergißt der Eigenthümer die Stellung der Scheiben beim Schließen, so ist auch für ihn dieses Schloß unbrauchbar geworden und nicht mehr zugänglich.

Derselbe Fall tritt bei dem weit unvollkommeneren Regnier'schen Ringschlosse ohne Schlüssel ein, welches nur in einer bestimmten Stellung der Ringe sich öffnen läßt. Auf diesen verstellbaren Ringen sind gewöhnlich Buchstaben vorgezeichnet, um sich die Stellung derselben in einem dem Gedächtnisse immer vorschwebenden Worte leicht merken zu können. Wiewohl nun auch bei diesen Ringschlössern der Eigenthümer im Stande ist, eine Veränderung der Ringe in der Art vorzunehmen, daß das Oeffnen des Schlosses nur bei einer andern Stellung der Buchstaben möglich wird, wodurch natürlich das Schloß selbst, welches nur aus Ringen besteht, durch die Veränderung der Lage der letztern verändert wird, so gewährt dieses Regnier'sche Schloß doch nicht jene Sicherheit und Vollkommenheit, daß dessen Anwendung allgemein geworden wäre.

Das Schloß von Newell überragt in seiner sinnreichen Einrichtung alle bisher bekannten Schlösser ganz besonders darin, daß der Eigenthümer mit großer Leichtigkeit an dem Schlüsselbarte, welcher zehn verstellbare Zähne hat, dieselben nach Gefallen verwechseln kann, ohne an dem Schlosse die geringste Veränderung vorzunehmen. Beim Zuschließen des Schlosses, d. i. beim Vorschieben des Schloßriegels, stellen sich die verschiebbaren oder Combinations-Theile des Schlosses ganz so, wie es der angebrachte Schlüsselbart beim Umdrehen nach der Stellung seiner Zähne vorschreibt.

Die Combinations-Theile bestehen nicht aus ganzen Stücken, sondern aus in einander greifenden Bestandstücken. Beim Vorschieben des Riegels löst dieser die Bestandstücke aus der gegenseitigen Verbindung aus, und führt die mit ihm vereinigten in jener durch Eingreifen eines Hakens fest gewordenen Stellung mit sich, in welche die Combinations-Theile vor Auslösung ihrer Bestandstücke durch den Schlüsselbart gebracht wurden, während die mit dem Riegel nicht vereinigten Bestandstücke der Combinations-Theile durch den Federdruck in ihre ursprüngliche Lage zurückfallen.

Soll nun der Riegel wieder zurückgeschoben, d.h. das Schloß geöffnet werden, so müssen die in ursprünglicher Lage sich befindenden Bestandstücke der Combinations-Theile durch den Schlüsselbart wieder in jene Lage gehoben werden, bei welcher das Schloß zugemacht wurde, weil sonst die mit dem Riegel vorgeschobenen Bestandstücke in die ersteren nicht eingreifen könnten, und das kann nur mit demjenigen Schlüssel geschehen, mit welchem das Schloß zugesperrt wurde.

Das nach dieser sinnreichen und neuen Idee gebaute Schloß ist solid ausgeführt und die einzelnen Theile stehen zu dem Ganzen und ihrer Verwendung in wohlberechnetem Verhältnisse. Die Schlüsselbüchse von Bronze, welche sich mit dem Schlüssel dreht, verhindert das Beikommen mit Sperrwerkzeugen zu den Combinations-Theilen. Die über einander liegenden Combinations-Theile sind von gewalztem, sehr glattem Stahlbleche an welchem die Glühkruste (der Zunder) nicht weggefeilt ist, damit man das Schloß nicht einzuölen braucht, weil alle diese Theile sehr glatt sind, und damit |396| auch die Combinations-Theile nicht so leicht vom Roste ergriffen werden, welchen die anhaftende Glühkruste nicht begünstigt.

Die Federn, welche durch Umdrehung des Schlüsselbartes mit den Combinations-Theilen gehoben werden müssen, fassen diese letztern nur in dem Schwerpunkte, wodurch kein Drängen an eine oder die andere Seite stattfindet und der Schlüssel mit Leichtigkeit gedreht werden kann, trotz der vielen, nämlich zehn Combinations-Theile, welche derselbe zu heben hat, und die Federn selbst werden durch ihre Lage so wenig in Anspruch genommen, daß eine Schwächung derselben durch den Gebrauch nie Statt haben kann.

Eine gleiche sehr zweckmäßige Einrichtung hat das Schloß durch das auf der Decke angebrachte Zuhaltungs-Segment, welches das Schlüsselloch theilweise deckt und in das der Riegel mittelst eines Stiftes eingreift, wodurch er ohne die Bewegung des Segments nicht zurückgeschoben werden kann.

Nach der Einrichtung dieses Schlosses, wie es vorliegt, kann dasselbe nur in einer stehenden, nicht aber in einer liegenden Stellung gebraucht werden, weil mehrere Bestandstücke an den Combinations-Theilen nur durch ihre Schwere sich nach Bedarf stellen.

Die größeren Dimensionen dieses Schlosses eignen dasselbe zum Verschlusse von Casse-Localen, Magazins- oder Comptoir-Thüren, worin werthvollere Effecten oder Waaren sicher aufbewahrt werden sollen; ebenso eignet sich dasselbe zum Verschlusse eiserner Cassen, welche man frei oder in Blindfüllungen statt der gewöhnlichen Casse-Truhen anzubringen pflegt.

Erwägt man, daß die von Newell für den vorliegenden Schlüsselbart angefertigten zehn Zähne, worunter zwei gleich sind, nahezu zwei Millionen Versetzungen und somit die Bildung von ebenso vielen verschiedenen Schlüsseln zulassen; erwägt man ferner, daß man sich an die Form der gegebenen Zähne nicht zu binden braucht, sondern statt dieser andere von den ersteren in den Dimensionen abweichende Zähne anwenden kann; bedenkt man, daß für ein jedes nach Verschiedenheit der Dimensions-Verhältnisse entstehende Zahnsystem eine große Anzahl verschiedener, von den vorigen abweichender Schlüsselbärte hervorgeht; bedenkt man, daß dadurch die Menge der verschiedenen Schlüssel zu einer für den praktischen Gebrauch unendlich großen Zahl steigt, und erwägt man endlich, daß dieß in einem kaum einen Quadratzoll einnehmenden Raume möglich ist, so kann man nicht anders, als bekennen, daß sich der menschliche Geist in diesem kleinen Raume unendlich groß zeigt.

Die Commission des niederösterreichischen Gewerbvereins trug aus diesen Gründen darauf an, daß eine Zeichnung und Beschreibung des amerikanischen Schlosses veröffentlicht und dem Erfinder desselben, dem Schlosser Newell zu New-York die kleine goldene Medaille als Auszeichnung zuerkannt werde. (Aus einem Berichte des k. k. Hofbauraths Hrn. Paul Sprenger, in den Verhandlungen des niederösterreichischen Gewerbvereines, 14tes Heft, 1848.)

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