Titel: Die Stauung des Nils, welche Mehemed Ali ausführen läßt.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1848, Band 108/Miszelle 1 (S. 462–463)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj108/mi108mi06_1

Die Stauung des Nils, welche Mehemed Ali ausführen läßt.

Seit zwei Jahren werden die Arbeiten für diese Stauung thätig fortgesetzt; sie befindet sich 5 (franz.) Meilen nördlich von Cairo, am sogenannten Kuhbauch, wo sich der Nil in zwei Arme theilt, und hat zum Zweck, dem Nil 8 Monate des Jahres hindurch die nothwendige Höhe zu geben, um Niederägypten bewässern zu können, wie bei der Ueberschwemmung. Während letzterer kömmt sie nicht in Anwendung, außer in Jahrgängen, wo die periodische Anschwellung desselben zur Bewässerung des Landes unzulänglich ist.

Gegenwärtig können in Niederägypten nur 250,000 Feddans mittelst 50,000 Sakieh's bewässert werden; jede Sakieh ist mit drei Ochsen versehen; es sind daher 150,000 Ochsen erforderlich und wenigstens 100,000 Menschen, um dieselben zu leiten und zu versorgen. Durch die Stauung werden die Sakieh's überflüssig.

Wenn die Stauung einmal fertig ist, wird man durch Ableitung des ganzen Nilwassers während der Niveauerhöhung 3,800,000 Feddans zu bewässern im Stande seyn; soviel beträgt das cultivirbare Land Niederägyptens. Aus mehreren Gründen, insbesondere wegen Mangels an Händen, kann zwar nur ein Drittheil bebaut werden, dessenungeachtet wird wenigstens eine Million Feddans gewonnen, was, den Ertrag des Feddans durchschnittlich zu 125 Francs angenommen, einen Mehrertrag von 125 Millionen Fr. für Niederägypten gegen jetzt ausmacht.

Wenn der Nil gestaut ist, wird die Spitze des Delta's natürlich der Landungsplatz für die ganze Schifffahrt Aegyptens und folglich die Niederlage für den Handel.

Auch wird die Stauung die Wiederherstellung des Canals des Chalifen Omar erleichtern, welcher den Nil mit dem rothen Meer vereinigte; und da das Niveau des Nils immer höher ist als dasjenige des arabischen Meerbusens, so wird dieser Canal stets mit Süßwasser versehen seyn; seine öden Ufer werden befruchtet und zwischen dem Nil und Suez eine Schifffahrt hergestellt werden.

Die Arbeiten dieses Stauwerks bestehen in Folgendem:

1) Umgeben der Deltaspitze mit einem halbkreisförmigen gemauerten Quai;

2) Ausgraben eines 100 Meter tiefen und 8 (franz.) Meilen langen Canals in der Mitte dieser Spitze; dieser Canal leitet das Flußwasser in die schon bestehenden Canäle des Delta's und in die behufs der Bewässerung dieses großen und fruchtbarsten Theils Niederägyptens erst herzustellenden Canäle;

3) Errichtung einer Bogenbrücke über jeden der beiden Arme des Nils; diejenige über den Damiette-Arm, die größere, erhält 543 Meter Länge und 45 Bögen: diejenige über den Rosette-Arm 474 Meter und 39 Bögen; sie werden auf einem Rost von 30 Meter Breite in der Richtung des Flusses erbaut;

4) oberhalb des Stauwerks werden noch zwei Canäle seyn, einer am östlichen, einer am westlichen Ufer des Nils, welche zum Abführen des Flußwassers in diese beiden Theile Niederägyptens bestimmt sind. Der erste wird 100 Meter, der zweite 60 Meter breit und beide 7–8 Meilen lang. Zur Herstellung des Stauwerks sind 160,000 Kubikmeter Wassermörtel, 25,000 Kubikmeter Mauerwerk und 35,000 Pfähle von 5–12 Meter Länge erforderlich.

Nach dem Anschlag von Mougel-Bey wird das Stauwerk auf 10–15,000,000 Francs zu stehen kommen; es soll in drei Jahren durch 10–12,000 Arbeiter, größtentheils Soldaten, vollendet werden, welche eine tägliche Soldzulage von 20 Paras (14 Centimes) erhalten.

Die Verschließung des Stauwerks geschieht mit gußeisernen Balken und die Stauhöhe wird höchstens 6 Meter betragen.

Das Abfließen des Wassers in Folge der Stauung geht auf ungefähr 30 Stunden regelmäßig vor sich, nämlich bis 8 Stunden über Cairo hinaus. Auch ein Theil |463| Mittelägyptens, welcher sonst nur zur Zeit der Ueberschwemmung Wasser hat, kann an der Wohlthat der Stauung Theil nehmen.

Obwohl die Bette der beiden Nilarme das Wasser, welches sich aus den drei erwähnten Canälen über das Land ergießt, nicht wieder aufnehmen, haben sie dennoch zur Schifffahrt während der Niveauerhöhung hinreichend Wasser.

Die großen Canäle sind das ganze Jahr hindurch schiffbar. Die Barken, die über das Stauwerk zu fahren haben, gehen durch die an der Spitze jeder Brücke errichtete Schleuße.

Außerdem kömmt an die beiden Stau-Brücken ein Schiffsbogen von 15 Meter Oeffnung, mit einer Drehbrücke und einem Schleußenthor. Bei großem Wasser wird letzteres entfernt und die Barken fahren mit vollen Segeln durch diese Bögen.

Bemerkungen. – Wenn man die Stauwerke des Nils als gewöhnliche Brücken betrachtet, so wird man in der Ausführung derselben keine unübersteiglichen Hindernisse sehen; es wurden sehr feste Brücken über breitere und raschere Ströme als der Nil errichtet; warum sollte ein solches Stauwerk, dessen Grund ein mit Wassermörtel überdeckter Rost ist, der einen künstlichen, äußerst dauerhaften Steinblock bildet, seinen Zweck nicht vollkommen erfüllen? – Wenn es jedoch alle wünschenswerthen Vortheile gewahren soll, so muß das jetzige Verfahren der Bewässerung noch bedeutend abgeändert werden. Die vorhandenen Canäle müssen mit den drei großen Arterien des Stauwerks in Verbindung gesetzt, neue Canäle gegraben und an der Mündung aller jener, welche während der Ueberschwemmung unmittelbar aus dem Fluß ihren Zufluß erhalten, Schleußenbrücken gebaut werden, damit sie, wenn der Fluß bis zum Niveau ihres Bettes sinkt, geschlossen werden, das im Stauwerk zurückgehaltene Wasser aufnehmen und verhindern können, daß es in den Fluß zurückkehre. Diese wichtigen Canalarbeiten würden aber wahrscheinlich mehr als das Stauwerk selbst kosten. (Recueil industriel, Decbr. 1847.)

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