Titel: Schneider's neues verfahren Schwefelsäure zu fabriciren.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1848, Band 109, Nr. LXVI. (S. 354–364)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj109/ar109064

LXVI. Ueber die Fabrication der Schwefelsäure und ihre Concentration auf 66° Baumé, ohne Bleikammern und Platinblase, durch den neuen Apparat des Hrn. Schneider, früher Director der chemischen Fabrik in Sainte-Marie-d'Ognies bei Charleroy (Belgien).63

Aus dem Bulletin de la société d'Encouragement, Jul. 1848, S. 372.

Mit Abbildungen auf Tab. VII.

Die Fabrication der Schwefelsäure durch Verbrennen von Schwefel wurde seit ihrem Ursprung auf eine mehr oder weniger glückliche Weise abgeändert. In der neuesten Zeit beschäftigten sich die ausgezeichnetsten Chemiker, Gay-Lussac, Thenard, Clément Desormes, Dumas, Payen, Bussy, Chevalier, Péligot etc. mit derselben. Es fehlte aber noch immer ein Apparat, um die Bleikammern bei der Fabrication dieser Säure entbehren zu können: ich glaube dieses wichtige Problem in praktischer und wissenschaftlicher Hinsicht endlich gelöst zu haben.

Lefevre und Lemery bereiteten im 17ten Jahrhundert zuerst Schwefelsäure durch Verbrennen des Schwefels mit Zusatz von Salpeter und zwar in großen mit einer weiten Oeffnung versehenen gläsernen Ballons.

Im Jahr 1746 errichtete Roebuck die erste Bleikammer in Birmingham, mit periodischer Verbrennung des Gemenges von Schwefel und Salpeter. Nach Roebuck erfand ein Kattundrucker in Rouen ein anderes System; bei demselben war nämlich die Kammer nicht geschlossen, sondern mit einem Schornstein versehen, welcher einen ununterbrochenen Luftwechsel unterhielt. Dieses sehr sinnreiche Verfahren fand anfangs wenig Eingang und verdankte Chaptal seinen späteren Erfolg.

Endlich wurde dieses Verfahren von Payen und Cartier wesentlich verbessert. Ihr Apparat besteht aus einem Verbrennungsofen, |355| welcher mit einer ersten Bleikammer verbunden ist; aus der ersten Kammer treten die Gase in eine zweite Kammer, welche mit einer dritten, diese mit einer vierten und letztere mit einer fünften verbunden ist; die fünfte communicirt mit einem Schornstein, welcher den Zug hervorbringt. Dieser Apparat ist viel vortheilhafter als der früher angewandte; man erhält in diesen Kammern in derselben Zeit und bei gleichem Kubikinhalt fast um ein Drittel mehr Säure, als in den Kammern mit periodischer Verbrennung; denn in Folge des ununterbrochenen Luftstroms und der größeren Flächen welche die Theilung der Kammer dem Gase darbietet, vermischen und verbinden sich die Gase schneller. Dieses System wird noch gegenwärtig angewandt.

Mein System der Schwefelsäure-Fabrication beruht auf Gesetzen welche erst in der neuesten Zeit entdeckt wurden; der Apparat, wovon bei der belgischen Industrie-Ausstellung im Jahr 1847 ein Modell zu sehen war, verdichtet die Gase rascher in einem viel kleineren Raum als er bisher erforderlich war; ohne den ungeheuren Kubikinhalt der Bleikammern zu besitzen, bietet er den zu verdichtenden Gasen doch eine größere Fläche dar. Um die kostspieligen Platindestillirblasen entbehrlich zu machen, erfand ich zum Concentriren der Schwefelsäure auf 66° B. einen Apparat, welcher nicht nur wohlfeiler ist, sondern auch diese Operation viel schneller auszuführen gestattet.

Die verschiedenen chemischen Apparate, welche ich früher in Deutschland, Frankreich und Belgien hergestellt habe, dürften eine hinreichende Bürgschaft für den Erfolg des nun zu beschreibenden Systems seyn.

Ich will kurz die Vortheile aufzählen, welche der neue Apparat im Vergleich mit den Bleikammern gewährt, welche nun bald aufgegeben werden dürften.

1. Gestehungskosten einer Schwefelsäure-Fabrik. Wenn wir als Basis unserer Berechnungen eine Schwefelsäure-Fabrik nach dem gegenwärtigen System annehmen, welche in 24 Stunden 800 Kilgr. Schwefel verbrennt, die 2360 Kil. Säure von 66° Baumé liefern (100 Theile Schwefel 295 concentrirte Säure), so finden wir, daß die Kosten derselben mit Inbegriff der Platinblase 110 bis 120,000 Fr. betragen; bei dem neuen Apparat, welcher dieselbe Menge Schwefel in derselben Zeit verbrennt, belaufen sie sich hingegen nicht über 40 bis 45,000 Fr., sogar mit Inbegriff der Apparate um die Säure auf 66° B. zu concentriren.

2. Reparatur der Bleikammern. Bisweilen wird eine der Bleikammern beschädigt und erheischt Ausbesserungen. Man muß dann die Kammern feiern lassen und sie mehrere Tage lüften, damit die Arbeiter |356| eintreten können um sie auszubessern. Hiebei werden die Arbeiter trotz aller Vorsichtsmaßregeln stets durch die aus der Kammersäure sich entwickelnden schwefligen Dämpfe belästigt und sind oft sogar Gefahren ausgesetzt, z. B. der Asphyxie, wie dieß zu Dieuze i. J. 1835 der Fall war. Die unbedeutendste Reparatur, welche vorgenommen werden muß, erheischt ein Feiern von zehn, zwanzig bis dreißig Tagen. Dieser Zeitverlust verschwindet mit dem neuen Apparat, weil man bei demselben niemals zu feiern braucht, welche Ausbesserungen er auch erfordern mag.

3. Ingangsetzen der Bleikammern. Dieses ist wegen vieler Schwierigkeiten für den Fabrikant mit großem Verlust an Zeit und Producten verbunden; denn bevor sich die Kammern auf der erforderlichen Temperatur befinden und der Zug regelmäßig hergestellt ist, verstreichen oft fünfzehn Tage und bisweilen ist noch mehr Zeit erforderlich bis der Gang der Fabrication gut regulirt ist. Damit die Vereinigung der Gase und die Verbrennung des Schwefels gehörig stattfinden können, müssen sich alle Kammern auf der erforderlichen Temperatur befinden und der Zug also regulirt seyn; diese Bedingungen sind aber bei einem Apparat von so ungeheurem Kubikinhalt schwierig zu erfüllen, denn das große Volum kalter Luft, welches er enthält, muß vor allem ausgetrieben werden. Dagegen kann der neue Apparat hinsichtlich des Zugs und der Temperatur in Zeit von 24 Stunden in den günstigsten Zustand versetzt werden, so daß durch eine rasche Verbrennung des Schwefels und die Vereinigung der Gase die Schwefelsäure-Bildung augenblicklich stattfindet.

4. Der neue Apparat, dessen Capacität man vergrößern oder vermindern kann, ohne den Fortgang der Fabrication unterbrechen zu müssen, läßt sich im Vergleich mit dem gegenwärtigen Kammersystem auch viel schneller und mit Ersparung an den Kosten des Materials herstellen; überdieß erspart man bei der Fabrication sowohl an Salpetersäure (denn es wurden in diesem Apparat nie über 4 Th. Salpetersäure auf 100 Th. Schwefel angewandt), als an Handarbeit, Abnutzung und an den Gestehungskosten der Säure, an letzteren wenigstens 30 Proc. Die Herstellungskosten des Apparats sind in keinem Falle bedeutend und hängen von den Dimensionen desselben ab; man kann ihn für einen täglichen Schwefelbedarf von 25 Kil. bis zu 1500 Kil. construiren.

5. Außer dem größeren Ergebniß an Schwefelsäure (man erhält 306 Kil. Schwefelsäure von 100 Kil. Schwefel) ist auch das Product vollkommen frei von salpetriger Säure.

6. Die Verdichtung erfolgt rascher, durch die Wirkung der festen |357| Oberflächen und der porösen Körper auf die im Innern jedes Gefäßes enthaltenen Gase (diese Gefäße sind Säulen von Steinzeug).

Ein System von Bleikammern, worin 800 Kil. Schwefel in 24 Stunden verbrannt werden können, erfordert einen Inhalt von 1500 Kubikmeter, welche eine innere Oberfläche von bloß 324 Quadratmeter darbieten. Obgleich der neue Apparat für dasselbe Schwefelquantum nur einen Kubikinhalt von 500 Meter hat, so bietet er doch den Gasen (wovon sich jedes Theilchen mit Sauerstoff umgibt) eine größere Fläche (9500 Quadratmeter) dar. Bei dem neuen Verfahren wird also dem Sauerstoff und den Gasen eine mehrere Tausendmal größere Fläche dargeboten als bei der alten Methode. In Folge dieses Umstandes erleiden sie bei ihrer Circulation durch Canäle mit fester und eckiger Oberfläche und durch poröse Körper eine Reibung und überdieß in den zahlreichen Biegungen dieser Canäle, welche sie zu durchlaufen haben, eine gewisse Compression, welche sie zu einer rascheren Verdichtung zwingt als in den Bleikammern, in welchen die Gase nicht genügend vertheilt und gemischt werden können. Diesen Verdichtungen durch die festen und porösen Flächen, muß man auch die Wärmeentwicklung zuschreiben, welche diese regelmäßige Temperatur im Innern des Apparats erzeugt, vorausgesetzt daß eine hinreichende Menge Sauerstoff zugegen ist.

Bei der Anwendung verbundener Bleikammern, wo die Temperatur wegen des großen Luftvolums so ungleich bleibt, ist es dagegen unmöglich die Wärme auf dem zur Begünstigung der Luftzersetzung geeigneten Grade zu unterhalten, denn die tägliche Erfahrung beweist, daß bei einem solchen System die erste und zweite Kammer in gutem Gang seyn können, während die dritte, vierte und fünfte krank sind, so daß sich in ihnen die Gase fast gar nicht vereinigen. Man überzeugt sich davon, wenn man die Gase beobachtet, welche am Ende der Kammern durch den Schornstein entweichen; sind diese Gase bei ihrem Austritt weiß, anstatt orangegelb, so ist dieß ein Beweis daß der Apparat in schlechtem Gang ist und Schwefelsäure verloren geht; allerdings wird diese Störung meistentheils durch die Nachlässigkeit des mit der Besorgung des Apparats betrauten Arbeiters veranlaßt, aber sie läßt sich trotz aller Vorsichtsmaßregeln doch nicht in allen Fällen gänzlich vermeiden. Angenommen dieser Uebelstand trete monatlich nur zweimal aus irgend einem Grunde ein und diese Krankheit daure nur 24 Stunden (was das Geringste ist, denn sie dauert oft acht Tage), so verursacht sie dem Fabrikant einen Verlust von 50 Proc. Schwefelsäure. Wenn er z. B. von 100 Kil. Schwefel 295 Kil. Säure erhält, so beträgt der Verlust in 24 Stunden 147½ Kil. und wenn derselbe monatlich |358| zweimal stattfindet, 295 Kil., also jährlich 3540 Kil., welche zu 15 Fr. die 100 Kil. gerechnet, die Summe von 531 Fr. geben. Diese Annahme ist keineswegs übertrieben, sondern eher noch unter der Wirklichkeit. Da dieser Verlust mit dem neuen Apparat vermieden wird, so zahlt er allein schon die Herstellungskosten desselben in 10 Jahren ab.

Das System der verbundenen Bleikammern mit fortwährendem Verbrennen von Schwefel war schon angenommen, als die meisten Chemiker noch nicht an die unmittelbare Bildung der Schwefelsäure glaubten, sondern der Meinung waren daß die Dazwischenkunft der Krystalle zu deren Bildung erforderlich sey. Peligot hat aber in der neuesten Zeit bewiesen, daß die Bildung dieser Krystalle nur eine zufällige ist, was auch die tägliche Erfahrung bestätigt. Wenn die Kammern krank werden, erfolgt die Vereinigung der Gase nur unvollkommen; die Salpetersäure tritt ihren Sauerstoff nur sehr schwer ab, der Geruch der Säure wird sehr stark, die Salpetersäure bleibt mit der in den Kammern enthaltenen Schwefelsäure verbunden und es wird viel schwefligsaures Gas von dem Luftstrom mitgerissen; wenn sich die Kammern in diesem ungünstigen Zustand befinden, zeigen sich bisweilen Krystalle, welche aus Schwefelsäure und salpetriger Säure in Verbindung mit Wasser bestehen. Wenn man den Grundsatz anerkennt, daß die Bildung der Schwefelsäure nicht augenblicklich stattfindet, sondern eine gewisse Zeit zu ihrer Erzeugung durch Verbindung der Gase erforderlich ist, so begreift man die Anwendung der ungeheuren Bleikammern, welche bei dem System mit periodischer Verbrennung des Schwefels nicht zu geräumig seyn könnten, um große Quantitäten Säure zu erzeugen. Um nach diesem (älteren) Verfahren 200 Kil. Schwefel in 24 Stunden verbrennen zu können, mußte der Inhalt der Kammer 3300 Kubikmeter betragen und da die geschicktesten Fabrikanten dennoch selten 200 Kil. Säure erzielten, in der Regel nicht über 150 auf 100 Kil. verbrannten Schwefels, so mußte man endlich anerkennen, daß das System sowohl in der Theorie als in der Praxis mangelhaft war.

In jeder Bleikammer erhält man Schwefelsäure, es gibt aber mehr oder weniger vortheilhafte Verhältnisse und Constructionen derselben und manche Kammer wird in einer gegebenen Zeit alle Gase verdichten, während bei anderen ein mehr oder weniger beträchtliches Quantum der Gase verloren geht. Da die meisten Fabrikanten nur eine einzige Kammer besitzen, so können sie über die Vortheile oder Nachtheile, welche aus der von ihnen gewählten Construction hervorgehen, nur schwer ins Reine kommen. Offenbar konnte bei dem älteren Verfahren mit periodischer Verbrennung des Schwefels die Bildung der Schwefelsäure nicht |359| augenblicklich stattfinden; man füllte einen eisernen Wagen mit dem Gemenge von Schwefel und Salpeter (von letzterem 15 bis 20 auf 100 Schwefel), schob denselben, nachdem das Gemenge angezündet war, in die Kammer und verschloß letztere luftdicht; die Verbrennung konnte nur langsam erfolgen, da kein Luftstrom hergestellt wurde, um sie zu bethätigen, und da die Gase stationär blieben, so erfolgte ihre Vereinigung auch nur sehr langsam durch ihre eigene specifische Schwere; es fehlten also die zur augenblicklichen Bildung der Schwefelsäure erforderlichen Bedingungen gänzlich. Da man bei einer Kammer von 3300 Kubikmeter Inhalt zum Verbrennen von 100 Kil. Schwefel zwölf Stunden brauchte und nur 150 bis 200 Kil. Schwefelsäure erhielt, so mußte man allerdings an jene falsche Theorie glauben, daß sich die Säure nicht augenblicklich bilde. Die Einführung des Verfahrens mit fortwährendem Verbrennen bei stetem Luftwechsel, welche man Chaptal, Payen und Cartier verdankt, war daher ein wesentlicher Fortschritt. Der Schwefelsäurebedarf vieler Sodafabriken ist gegenwärtig so groß, baß sie täglich 1500 Kil. Schwefel verbrennen müssen; dazu war nach dem älteren Verfahren eine Kammer von 5000 Kubikmeter Inhalt erforderlich, während nach dem System (von Payen und Cartier) mit stetem Luftwechsel, die Kammern nicht über 1500 bis 2000 Kubikmeter Inhalt haben und noch mehr Säure liefern. Bei meinem System ist für dasselbe Quantum Schwefel nur ein Kubikinhalt von 500 bis 600 Meter erforderlich, es werden aber, wie gesagt, den Gasen mehrere Tausendmal größere Berührungsflächen dargeboten.

Wenn der regelmäßige Gang eines Systems verbundener Bleikammern durch irgendeine Veranlassung gestört worden ist, kann man auf folgende Art abhelfen: man läßt aus einer Kufe welche mit einer S-förmigen Röhre versehen ist, durch die Decke der großen Kammer in die selbe ganz reines Wasser hinablaufen; zugleich bringt man am Boden der Kammern Schlangenröhren an, welche nach allen Richtungen Dampf auslassen, um eine große Bewegung in der Säure zu verursachen; das durch die Decke der großen Kammer eintretende Wasser bringt ein deutliches Pfeifen hervor, die Temperatur erhöht sich merklich, die salpetrige Säure — welche sich in Folge der Störung des Apparats mit der Schwefelsäure verbunden hatte — entbindet sich und die salpetrige Säure wird unter dem Einfluß des Wassers ihrerseits zu Salpetresäure. Nach zwölf Stunden können die Kammern wieder in gutem Zustande seyn, wenn man den Zug des Apparats verstärkte. Diese einfache Methode ist unfehlbar und gelang mir immer, aber die meisten Fabrikanten kennen sie nicht. Wir sehen also, daß sogar in diesem Falle, die Bewegung |360| der Gase, die Vermischung der Säure und eine gewisse Temperatur hauptsächlich dazu beitragen, daß sich die Gase zur Bildung von Schwefelsäure mit einander verbinden.

Von diesen Thatsachen und seinen früheren Untersuchungen über die Untersalpetersäure und die salpetrige Säure ausgehend, stellte Peligot eine neue Theorie der Schwefelsäurebildung auf, welche mit allen Daten der Wissenschaft im Einklang ist. Peregrine Philips erzeugte zuerst Schwefelsäure in ziemlicher Quantität ohne Anwendung von Salpetersäure oder salpetersauren Salzen; er trieb das schwefligsaure Gas mit einem Ueberschuß von atmosphärischer Luft vermittelst einer Pumpe durch ein gußeisernes Rohr welches zum Rothglühen erhitzt, mit Platinschwamm gefüllt und mit einem sehr dünnen Platindraht umgeben war. Die gebildete und mit Stickgas gemischte Schwefelsäure leitete er durch einen hohen Cylinder von Blei, welcher mit Quarzstücken gefüllt und an der Decke innen mit einem durchlöcherten Doppelboden versehen war und dadurch das Wasser zertheilte, welches man oben eingoß um den Quarz stetig zu befeuchten. Diese Operation gelang sehr gut und ohne Zweifel würde der Erfinder vortheilhaftere Resultate erzielt haben, wenn er statt des geräumigen bleiernen Cylinders einen Apparat von so verringertem Kubikinhalt angewandt hätte, daß die Temperatur darin regelmäßig concentrirt worden wäre.

Nachdem Doebereiner die Entdeckung gemacht hatte, daß der Platinschwamm eine Mischung von Sauerstoff- und Wasserstoffgas entflammt, zeigten Dulong, Thenard und Dumas, daß außer dem Platin diese Eigenschaft noch viele andere, theils einfache theils zusammengesetzte Körper besitzen, jedoch bei verschiedenen Wärmegraden. Nach Liebig absorbirt das Platin an Sauerstoff mehr als das 800fache Volum seiner Poren; dieses Gas ist dann in denselben in einem Zustand der Verdichtung, welcher demjenigen des flüssigen Wassers sehr nahe kommt. Nach demselben Chemiker besitzen die Kohle, viele poröse Steine und andere Körper, die Eigenschaft die Gase, womit man sie in Berührung bringt (namentlich die in Wasser leicht löslichen) zu absorbiren, indem sie sie verdichten: dieses Vermögen steht im Verhältniß mit der Porosität der Körper; die Kohle und der Bimsstein absorbiren sogar ihr 75 bis 80faches Volum schwefligsaures oder salzsaures Gas. Die in den Poren dieser Körper eingeschlossenen Gase nehmen einen mehrere Hundertmal kleineren Raum ein, als im freien Zustande. Diese Körper besitzen bei einer Temperatur unter + 300° C. ebenfalls die Eigenschaft sich mit dem Sauerstoff und Wasserstoff zu verbinden, ohne sich jedoch zu entflammen. Alles hängt von dem Zustand ab, worin |361| man sie anwendet; je zertheilter sie sind, desto mehr werden die gasförmigen Moleküle durch den festen Körper angezogen und adhäriren seiner Oberfläche durch die Wirkung der Massen, d. h. der Schwere. Man kann freilich die Condensation nicht messen, welche auf der Oberfläche von 1 Quadratmeter stattfindet; denken wir uns aber z. B. eine feste Oberfläche von einigen Hunderten Quadratmeter in den Raum von 1 Kubikcentimeter zusammengedrängt, so wird jedes Gas, in welches man diesen festen Körper bringt, an Volum abnehmen, das Gas wird absorbirt. Jedes Theilchen dieser Körper umgibt sich also gewissermaßen mit einer Atmosphäre verdichteten Sauerstoffs; war das absorbirte Gas schweflige Säure, so zersetzt dasselbe in Berührung mit dem Wasser, in Folge der Temperatur-Erhöhung im Innern des Apparats, die Luft und verwandelt sich in Schwefelsäure. Alle diese Wirkungen jener Körper sind keineswegs chemische Eigenschaften, sondern im Gegentheil physische und mechanische; wenn zu dieser ersten Wirkung aber noch eine (selbst schwache) chemische hinzukommt, so können die verdichtbaren Gase ihren Zustand nicht mehr beibehalten.

Es ist also heutzutage eine erwiesene Thatsache, daß die Schwefelsäure aus ihren Bestandtheilen, ohne Anwendung von Salpetersäure oder salpetersauren Salzen erzeugt werden kann.

Ich will hier an eine Bemerkung erinnern, welche mir Hr. Clement Desormes im März 1835 in einem Briefe machte:

„Ich kann Ihnen ferner im Vertrauen mittheilen, daß die 4 Kil. Salpetersäure auf 100 Schwefel, mehr als hinreichend sind um 300 Kil. Schwefelsäure zu erzeugen, weil die Salpetersäure nicht direct zur Bildung der Schwefelsäure beiträgt, sondern bloß als Vermittler dient, um den Sauerstoff der Luft an die schweflige Säure zu übertragen; ich bin überzeugt daß man in spätestens zehn Jahren im Stande seyn wird, die Schwefelsäure aus ihren Bestandtheilen im Großen darzustellen, ohne Bleikammern, Salpetersäure oder salpetersaure Salze anzuwenden; lassen Sie daher den Muth nicht sinken und richten Sie ihre Bestrebungen auf dieses wichtige Ziel.“

Die Wirkung der festen Oberflächen und besonders der porösen Körper auf die Gase, liefert den Schlüssel zu einer Menge von Erscheinungen, welche bisher unerklärbar waren. Die Verwandlung des Weingeists in Essigsäure nach der Methode der Schnellessigfabrication gründet sich ebenfalls auf die oben erörterten Principien.

Folgende Versuche über die Schwefelsäure-Erzeugung nach meinem Princip, habe ich in Gegenwart der HHrn. Prof. Chandelon, Houtart-Cossée, Director der Spiegelfabrik und chemischen Fabrik in |362| Sainte-Marie-d'Oignies, Brunet, Assistent des Prof. Payen etc. angestellt.

Bei einem ersten Versuche erhielt ich, obgleich viel Schwefel verloren ging, weil der Verbrennungsofen nicht die erforderliche Capacität hatte, von 100 Grammen Schwefel 164 Gramme Schwefelsäure von 52° Baumé.

Bei einem Versuch am 16. Oct. v. J. erhielt ich, obgleich der Verbrennungsofen noch nicht sehr gut zog, von 100 Gr. Schwefel 282 Gr. derselben Säure; es wurde weder Salpetersäure noch ein salpetersaures Salz angewandt. Die Schwefelsäure konnte also in meinem Apparat durch bloße Verbrennung des Schwefels erzeugt werden.

Am 21. Oct. v. I. erhielt ich mit 100 Gr. Schwefel 297 Gr. Säure von 51° B.; am 22. Oct. mit 100 Gr. Schwefel 590 Gr. Säure von 50½° B.; am 23. Oct. mit 300 Gr. Schwefel 907 Gr. Säure von 51¾° B.

Bei dem Versuche am 20. Nov., welchen ich in Gegenwart der HHrn. Guillery, Professor der Chemie an der Universität in Lüttich und Nollet, Professor der Chemie an der Militärschule daselbst, anstellte, gaben 100 Gr. Schwefel 317 Gr. Säure von 50° B. = 210 von 66°; die Operation dauerte nur 2½ Stunden.

Ich glaube nichts vernachlässigt zu haben, um zu einem Resultat zu gelangen, welches einen bedeutenden Fortschritt in der Schwefelsäure-Fabrication bildet. Mein Hauptzweck war, einen Apparat zu construiren, welcher die verbundenen Bleikammern und die Platinblasen ersetzen kann, und dieß ist mir vollständig gelungen.

Herstellungskosten des Apparats von verschiedener Größe, das Fabrikgebäude nicht inbegriffen.

Ein Apparat welcher in 24 Stunden verbrennt

Schwesel liefert Schwelsäure Und kostet anstatt
von 66° B. Fr. Fr.
100 300 7,500 17,000
200 600 15,200 32,000
300 900 23,375 46,000
400 1200 29,000 58,000
500 1500 35,000 71,000
600 1800 41,000 82,000
700 2100 43,000 92,000

Bei dem gegenwärtigen Verfahren kommt hiezu noch der Preis einer Platinblase, welcher 20,000 bis 35,000 Fr. beträgt; diese Ausgabe fällt bei dem neuen System weg.

|363|

Beschreibung des Apparats zur Fabrication der Schwefelsäure nach Schneider's Methode.

Fig. 1 ist ein Aufriß des Apparats von der Vorderseite.

Fig. 2 ist der Apparat von oben angesehen; die Richtung der Pfeile zeigt die Circulation der Gase an.

Fig. 3 ist der senkrechte Durchschnitt desjenigen Theils der Säule aus Blei, in welcher sich die den Bimsstein enthaltenden Schalen befinden.

Fig. 4 ist derselbe von oben angesehen.

Fig. 5 ist der senkrechte Durchschnitt eines Stücks der Säulen aus Steinzeug, welche die Schalen mit Bimsstein enthalten.

Gleiche Buchstaben bezeichnen dieselben Gegenstände in allen Figuren.

A Schwefelofen. B Mauerwerk oder Hülle, um die Wärme zu concentriren. C Feuerraum, um den Ofen zu erwärmen wenn man die Operation beginnt. D, D Thüren um den Schwefel abwechselungsweise einzutragen und dadurch die Verbrennung zu befördern.

E Säule aus Eisen, welche die Gase in den Apparat führt. F Säule aus Blei. G, G, G Säulen aus Steinzeug.

H, H Fig. 3, 4 und 5, Schalen worin sich die porösen Körper (Bimsstein) befinden.

I, I Platte aus Steinzeug, welche die Säure von einer Säule zur andern überführt, da die Säulen keinen Boden haben.

J Verbindungsrohr das die Gase in die zweite Säulenreihe überführt, welche vom Fußboden an gerechnet um 60 Cent. (2 Fuß) höher als die erste steht.

K Luftbehälter, um mittelst Eintreibens von Dampf oder eines doppeltwirkenden Gebläses die atmosphärische Luft mit Gewalt durch die porösen Körper circuliren zu machen.

L. Hahn aus Blei, um die fabricirte Säure in die gemeinschaftlichen Behälter M abzulassen, welche durch hölzerne, innerlich mit Blei überzogene Deckel verschlossen sind.

N Hahn um die Säure in die Abdampfapparate abzulassen.

O, O Röhren welche die Säulen aus Steinzeug unter einander verbinden.

P Wasserbehälter welcher durch eine kleine Pumpe gespeist wird; er liefert das Wasser in eine gemeinschaftliche Röhre Q von 3 bis 4 Centimeter (1 bis 1½ Zoll) Durchmesser, die über den Säulen angebracht und mit Zweigröhren a, a, a versehen ist, welche in die hydraulischen Verschlüsse einmünden, um das Wasser nach Belieben in die Säulen |364| einlassen zu können, indem man sein Auslaufen durch die Hähne b, b regulirt.

c, c Fig. 3 und 4 sind Röhren aus Steinzeug mit drei Oeffnungen oberhalb, damit das Uebermaaß von Säure in das Innere der Säulen ablaufen kann; diese Röhren haben 10 Cent. (3⅔ Zoll) Durchmesser.

Ein Bericht von Payen über dieses neue Verfahren Schwefelsäure zu fabriciren, wurde im polytechn. Journal Bd. CVII S. 362 mitgetheilt. Hr. Schneider verbreitet sich in seiner Abhandlung genügend über das Princip seiner Methode; in der Beschreibung des Apparats vermißt man aber die Anleitung zum Betrieb desselben, deren Mittheilung der Erfinder sich offenbar absichtlich vorbehielt. Uebrigens dürften sich bei der Anwendung des Schneider'schen Verfahrens im Großen, welche allein über dessen praktischen Werth entscheiden Kann, manche unvorhergesehene Schwierigkeiten darbieten

A. d. R.

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