Titel: Umgestaltung der französischen Seifenfabrication.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1848, Band 109/Miszelle 3 (S. 76–78)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj109/mi109mi01_3

Umgestaltung der französischen Seifenfabrication.14

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die geographische Lage der französischen großen Seeplätze und ihre ausgebreiteten Handelsverbindungen den Umfang, welchen die Seifenbereitung und Ausfuhr auf denselben gewonnen hat, ausnehmend erleichtert. So haben namentlich Marseille und Triest die Olivenöle und die natürlichen Soden Spaniens, Siciliens, Italiens u. s. w. gleichsam vor der Thüre; Marseille hat ferner |77| die Fabrication künstlicher Soden, die Erzeugung von Seesalz an seiner Küste nahe und für die Fabrication der hierzu erforderlichen Schwefelsäure den Schwefel von Sicilien sehr gelegen. London und Liverpool beziehen zwar den größten Theil seiner Urstoffe, deren sie zur Seifenfabrication bedürfen, weit her aus dem Auslande, nämlich das Unschlitt aus Rußland, das Palmöl aus Afrika, die Potasche, insoweit sie sich solcher bedienen, aus Rußland und Nordamerika, die natürliche Soda aus Spanien u. s. w., den Schwefel zur Bereitung von Schwefelsäure und künstlicher Soda aus Sicilien, den dazu erforderlichen Salpeter aus Ostindien u. s. w., indessen erhalten sie diese Stoffe sämmtlich zur See und also mittelst billiger Frachten, und vorzüglich ist der unmittelbare Absatz der Seife über See ein großer Vortheil. Gleichwohl waren diese Verhältnisse mehr die Veranlassung, als daß sie die fortwährende Ursache der Blüthe dieses Gewerbes in diesen Städten wären, und ihre jetzige Blüthe beruht hauptsächlich auf den technischen Fortschritten, welche sie der Anwendung der Chemie verdanken. Zum Belege sey es erlaubt, nur wenige auffallende Thatsachen anzuführen. Marseille verfertigte zwar zu allen Zeiten, schon vor 2000 Jahren, Seife aus natürlicher Soda und Olivenöl; seinen Ursprung verdankt also dieses Gewerbe daselbst allerdings dem leichten Bezuge dieser Stoffe aus den Uferländern des Mittelmeers; aber seinen größten Aufschwung nahm dasselbe zu Marseille und in Frankreich überhaupt erst seit dem Jahre 1808, seit die Verfertigung der künstlichen Soda durch Zersetzung von Kochsalz mittelst Schwefelsäure, und die Bereitung der Schwefelsäure aus Schwefel und Salpeter in Bleikammern in Frankreich erfunden und ins Große betrieben wurde. Diese Erfindungen der Chemie erhielten zu Marseille eine solche riesenmäßige Anwendung, daß die Einfuhr natürlicher Soda daselbst so gut wie ganz aufgehört hat, und daß Marseille dagegen für seine Schwefelraffinerien, Schwefelsäurefabriken und für den Handel mit diesem Urstoffe jährlich 250,000 bis 500,000 Ctnr. rohen Schwefels aus Sicilien bezieht, damit eine unermeßliche Bereitung von Schwefelsäure und künstlicher Soda betreibt, und, wie bereits erwähnt, 800,000 bis 1 Mill. Ctnr. Seife so gut wie ausschließlich mit künstlicher Soda erzeugt. Wir sehen also, daß Marseille bereits einen der beiden Bestandtheile der Seife, den alkalischen, selbst verfertigt und einen der dazu erforderlichen Stoffe, das Kochsalz, aus dem Inlande bezieht, und wenn dieser Hafen für den Bezug eines zweiten, des Schwefels, begünstigt ist, so ist er dagegen genöthigt, wenigstens den dritten, den Salpeter, aus Aegypten, Hindostan, Chile, den Philippinen u. s. w. zu holen, da Frankreich daran Mangel hat. Aber auch den andern ausländischen Bestandtheil seiner Seifen, das Olivenöl, ersetzt Marseille neuerdings alljährlich mehr: 1) durch inländische Oele, und zwar theils durch Magsamenöl (vom zweiten Schlage nach dem Auspressen des Speiseöls), theils durch Rapsöl, welche beiden inländischen Oele Marseille größtentheils aus dem nördlichen Frankreich (besonders französisch Flandern und der Normandie) bezieht, und wovon das erstere (das Magsamenöl) härtere, das zweite (das Rapsöl) weichere Seifen liefert, sowie 2) durch Oele, welche zu Marseille selbst aus eingeführten Oelsamen bereitet werden, namentlich durch Oel aus Leinsamen, welchen Marseille hauptsächlich aus den Häfen des schwarzen Meeres (aus Rußland) bezieht, sowie durch Oele aus Sesamsamen, aus Baumwollensamen, aus Ravisonsamen u. s. w., welche Marseille aus Aegypten, von der Küste von Gambie, aus Nordamerika u. s. w. einführt.

Die Thatsache der Verwendung von Oelsamenölen zu der Fabrication von Oelseife zu Marseille wurde dem Verfasser dieser Notizen zuerst im nördlichen Frankreich bekannt, wo der Bau von Oelsamen seit einigen Jahrzehnten eine ungemeine Ausdehnung gewonnen hat, täglich noch mehr gewinnt und eine der Hauptgrundlagen des Wohlstandes dieser Provinzen ist, und wo er bei dem Besuche von Oelfabrikanten erfuhr, daß Marseille bedeutende Bezüge von Rapsöl für Seifenfabrication macht, und daß man daselbst die Oelsamenöle, mit Olivenöl im Verhältniß von 3 zu 7 vermengt, zur Seifenfabrication verwendet. Diese Thatsache und daß insbesondere der Verbrauch von Leinsamenöl zu diesem Zweck in Marseille sehr bedeutend ist, wurde dem Verfasser von Personen, welche die Marseiller Seifenfabrication genau kennen, bekräftigt. Er findet aber nun die Bestätigung hiervon auch in mehreren kürzlich über Marseille im Druck erschienenen, ganz sachkundigen Schriften, nach welchen Marseille unter 4–500,000 Millerolles (zu 117 deutschen Zollpfunden das Millerolle) Oelen, welche es jährlich zu Seife verarbeitet, in der That bereits 3/10 |78| (also 120–150,000 Millerolles oder 140–175,000 deutsche Zollcentner) Oelsamen verwendet, der Verbrauch solcher Oele für diesen Zweck überdieß jährlich zunimmt.

Die inländischen Oele dieser Art bezieht Marseille theils zur See über Dünkirchen, Caen u. s. w., theils zu Land aus dem nördlichen Frankreich, und in der nächsten Umgebung der Stadt Lille sind allein 600 Oelmühlen in einem Umkreise von zwei Stunden in Thätigkeit. Nur allein auf dem Seewege versandten im Jahr 1837 die Häfen des nördlichen Frankreichs nach den französischen Häfen am Mittelmeer, d. h. vorzüglich nach Marseille, laut der veröffentlichten Uebersichten über die französische Küstenfahrt. 137,768 Cntr. (50 Kilogramme) inländischer Oelsamenöle. Magsamenöl, welches Marseille zum größten Theil aus französisch Flandern bezieht, zum kleinern Theil auch aus eingeführten Magsamen selbst schlägt, verbrauchte Marseille im Durchschnitt der Jahre 1837 bis 1839 jährlich 116,000 (deutsche Zoll-) Centner. Der Verbrauch Marseilles an Lein- und Rapsöl aus dem nördlichen Frankreich scheint nicht genau erhoben zu seyn.

Dagegen betrug im Jahr 1841 die Einfuhr Marseilles aus dem Auslande:

Leinsamen 475,636 deutsche Zollcentner, welche 137,934 Centner Oel
Ravisonsamen 137,236 deutsche Zollcentner, welche 27,444 Centner Oel
Sesamsamen 41,218 deutsche Zollcentner, welche 20,196 Centner Oel
Baumwollensamen 36,696 deutsche Zollcentner, welche 12,000 Centner Oel
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zusammen 197,574 Centner Oel

lieferten; allerdings bedeutend mehr als im vorangegangenen Jahr 1840, wo bloß 268,656 Cntr. Leinsamen und 96,336 Cntr. Ravisonsamen eingeführt wurden, die mit einander nur 97,176 Cntr. Oel lieferten.

In Beziehung auf obige Masse von jedenfalls 140–175,000 Cntr. theils inländischer, theils im Auslande geschlagener Oelsamenöle, welche in Marseille neuerdings zur Seifenbereitung verwendet werden, ist es abermals die geographische Lage, welche vielmehr, wenigstens für den inländischen Bezug dieses Materials, Marseille nachtheilig ist, sondern der gewerbswissenschaftliche Fortschritt, welcher der Marseiller Seifenbereitung ihren großen Umfang gewährt und ihr erlaubt 3/10 ihres Oelbedarfs theils aus dem Norden Frankreichs zu beziehen, theils aus fremden Oelsamen selbst zu bereiten, und gleichwohl mit der daraus fabricirten Seife den ganzen Norden Frankreichs, ja selbst Paris zu ¾ zu versehen. Wir sehen also die kolossale Seifenbereitung von Marseille bereits hinsichtlich der Soda ganz, und hinsichtlich des Oels wenigstens zu 3/10 unabhängig von den geographischen Vortheilen sich erheben, und ihren Vortheilen in Bezug der Olivenöle einen Nachtheil im Bezuge des inländischen Oels gegenüberstehen, mit einem Wort, diese Fabrication daselbst im wesentlichen nicht mehr auf der alten Grundlage der geographischen Lage, sondern auf der neuen des technischen Fortschritts, der chemischen Kenntnisse und des industriellen Speculationsgeistes beruhen. Von den Vortheilen aber, welche Marseille aus seiner unermeßlichen Oelseifenbereitung und allen davon abhängenden Beschäftigungen zieht, mögen die Thatsachen einen Begriff geben, daß die Beifuhre des Leinsamens aus dem schwarzen Meere allein 200 Schiffe beschäftigt, daß 36 Oelmühlen mit 7–800 Arbeitern durch das Schlagen der Samenöle in Marseille beschäftigt sind, daß der Werth einer Jahreslieferung von Marseiller Seife zu 1 Mill. Cntr. die Summe von 46½ Mill. Francs beträgt, und hievon nur allein die Verpacker, Kistenmacher, Träger u. s. w. 2½ Mill. Frs. verdienen; daß das ganze und unermeßliche Gewerbe der Schwefelsäure- und Sodafabrication in Marseille und die Beifuhr an Schwefel, Salpeter, Kalk, Steinkohlen u. s. w. für dieselbe aus Sicilien, Ostindien, dem Inlande u. s. w. davon abhängt.

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Mohl' „Gewerbewissenschaftliche Ergebnisse einer Reise in Frankreich.“

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