Titel: Ueber die in der chemischen Fabrik des Hrn. L. Unger in Eilenburg stattgefundene Explosion bei der Bereitung von holzessigsaurem Natron;von Ascan Conrad.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1848, Band 109/Miszelle 6 (S. 235–236)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj109/mi109mi03_6

Ueber die in der chemischen Fabrik des Hrn. L. Unger in Eilenburg stattgefundene Explosion bei der Bereitung von holzessigsaurem Natron;von Ascan Conrad.

Der in Folgendem beschriebene, in theoretischer, als auch in praktischer Hinsicht gleich merkwürdige Fall nöthigt mich, zur Veranschaulichung der mächtigen Wirkung der Explosion eine specielle Uebersicht der Lage, als auch der inneren Einrichtung der betreffenden Fabrikgebäude zu geben. Die in der Hinterstadt zu Eilenburg gelegene chemische Fabrik befindet sich hart am Mulde-Mühlgraben und besteht aus 2 Flügeln, von denen der eine 138′ lang, 18¼′ tief ist und mit der Vorderfront dem Süden zugekehrt ist. Vor ihm breitet sich die Mulde-Uferwiese aus und in directer Entfernung von circa 600 Schritten steht das Siechhaus. Dieser Flügel ist wiederum zusammengesetzt aus 3 Gebäuden, von denen das westlich gelegene in 2 Räumen die Niederlage, das mittlere das eigentliche Laboratorium ausmacht und das östliche verschiedene Maschinen, die durch ein Roßwerk getrieben werden, welches sich vor dem Hause befindet, enthält. Der zweite Flügel stößt mit seiner südlichen Giebelwand an die westliche des ersten.

An der Außenseite der Vorderfront des Laboratoriums, ungefähr 2′ von der Eingangsthüre, befand sich in einem gemauerten Herde ein 1½′ tiefer und 2′ im Durchmesser habender gußeiserner Kessel, dessen Wandungen ¾″ dick waren und dessen Feuerungszug sich mit den Zügen dreier, von außen heizbarer, an der inneren Seite des Gebäudes gelegener Apparate in einer russischen Esse vereinte. Auf der entgegengesetzten Seite, ebenfalls im Innern, waren 5 Feuerungen, deren Züge in eine besteigbare Esse mündeten. Jede der Essen hatte eine Höhe von 35–40′.

Der Dachstuhl des mittleren Gebäudes ragte in einer Höhe von 6′ über dem gußeisernen Kessel hervor, um ihn einigermaßen vor herabfallendem Regen zu schützen. Zwischen dem Dache und den Frontmauern, in Höhe der Stichbalken, etwa 8′, und durch das Haubendach war den sich entwickelnden Dämpfen ein Ausweg gestattet. Die Verbindung des Laboratoriums mit der Niederlage war durch zwei offene Bogengänge hergestellt. 70 Fuß seitwärts in gleicher Richtung mit den Fabrikgebäuden lag das Comptoirgebäude.

Am 24. Jun. befand sich in oben beschriebenem gußeisernen Kessel eine holzessigsaure Natron-Lösung, dargestellt durch Zersetzung des holzessigsauren Kalkes mit schwefelsaurem Natron. Die heiß filtrirte Lösung, schon etwas abgeraucht, erfüllte den Kessel zu zwei Drittel und wurde durch einen zuverlässigen Arbeiter mittelst eines hölzernen Spatels bewegt. Urplötzlich erfolgte ein eigenthümlicher, dem Kanonendonner kaum vergleichbarer Knall, der, begleitet von einer ebenso momentanen Feuererscheinung, folgende Wirkung äußerte: der Kessel war zersprungen, die Stücke desselben nach allen Seiten geschleudert, die über demselben befindlich gewesenen Stichbalken herausgeworfen, das 8″ starke Rahmenstück zerbrochen, die russische Esse, sowie fast sämmtliche Herde zertrümmert, die Wände einige Zoll herausgetrieben, die besteigbare Esse von unten bis oben hinaus zerborsten, die Thüren und Utensilien zerstückelt, die Dielen des über der Niederlage befindlichen Bodens theils zersplittert, theils mit den Nägeln Herausgeriffen, die Ziegel abgedeckt und 200 Schritte, ja selbst 10½ Pfd. schwere Randsteine des Kessels 150 Schritte weit fortgeführt. Der hölzerne Spatel wurde noch brennend in einer Entfernung von 200 und einigen Schritten, der beim Rühren beschäftigt gewesene Arbeiter nur wenige Schritte vom Kessel entfernt, durch ein Stück des zersprungenen Kessels erschlagen, gefunden.

Ein Mauerstein war mit solcher Gewalt gegen die östliche Giebelwand des Comptoirgebäudes geworfen, daß ein Stück desselben, gleich einer Kanonenkugel, darin sitzen blieb. In dem östlichen Theile des Gebäudes das aus Fachwerk besteht, waren die Felder 2″ aus den Riegeln getrieben, die Fenster zertrümmert und das Kreuz |236| des einen, der östlichen Giebelwand zunächst gelegenen Fensters von außen eingedrückt; 2 Arbeiter, die sich auf der Treppe befanden, wurden herunter gehoben und nach ihren Aussagen durch einen aus den Schleußen des Roßwerkes kommenden blauen Dunst zum Fenster hinausgetrieben.

In dem mehr geschützten zweiten Flügel waren nur die Fensterscheiben der Giebelwände zersprungen.

Der Knall wurde in einer Entfernung von mehr als 2 Stunden gehört. Die Erschütterung war so heftig, daß sämmtliche Scheiben im Comptoirgebäude, so wie auch mehrere im Hospital und anderen entfernt liegenden Gebäuden zersprangen, daß auf dem Markte, mitten in der Stadt, Thüren und Fenster aufsprangen und Möbel und Hausgeräthschaften bewegt wurden.

Die nach der Detonation am Boden des Kessels sich befindende Masse, von der ich auch Hrn. Prof. Erdmann ein Stück zur Untersuchung überreichte, ist etwa 1½″ dick, krystallinisch und eine schichtweise Ablagerung daran zu gewahren. Die Analyse ergab:

Schwefelsaures Natron als Hauptbestandtheil,

Chlornatrium,

kohlensaure Kalkerde,

Kohle und Sand,

Spuren von essigsaurem Natron, phosphorsaurem Natron und schwefelsaurer Kalkerde.

Da das zur Lösung angewendete Muldewasser wenig kalkhaltig ist und nur Spuren von Gyps im Bodensätze sind, so scheint die kohlensaure Kalkerde ein secundäres Product zu seyn.

Schließlich erlaube ich mir die ergebene Bitte an die Herren Chemiker, mir ihre Ansichten über die Ursache dieser heftigen Explosion mitzutheilen, um dadurch dem Praktiker Mittel an die Hand zu geben, weiterem Unglück bei der Bereitung dieses Salzes vorzubeugen.

Nachschrift.

Zur Erklärung der beschriebenen merkwürdigen Explosion möchte wohl die Thatsache von Wichtigkeit seyn, daß die am Boden des Kessels gefundene Masse, da, wo sie am Kessel anlag, in einer Dicke von 2–3 Linien verkohlt erscheint. Möglich, daß der Boden des Kessels bis zum Glühen erhitzt und bereits eine Reduction von Schwefelnatrium eingetreten war, während sich noch wässerige Flüssigkeit über der abgesetzten Kruste befand, durch deren Zusammentreffen mit der glühenden schwefelnatriumhaltigen Masse die Explosion entstand. Es ist bekannt, mit welcher Heftigkeit sich manche Pyrophore beim Zusammentreffen mit Wasser entzünden und explodiren.

Erdmann.

(Journal für praktische Chemie, 1848 Nr. 11.)

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