Titel: Tiget's Verfahren, nasse Mauern trocken zu legen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1848, Band 109/Miszelle 9 (S. 317–318)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj109/mi109mi04_9

Tiget's Verfahren, nasse Mauern trocken zu legen.

Die nassen Stellen an Mauerwerken können durch zweierlei Ursachen herbeigeführt werden: a) durch Aufsaugung der Bodenfeuchtigkeit, wenn die Mauern sich in einem nassen Erdboden befinden oder mit Stallungen, Abtritten, Düngergruben etc. in Verbindung stehen; b) durch chemische Zersetzung der Baumaterialien zu hygroskopischen Salzen, wobei die Mauern nicht sowohl in ihrem Innern als vielmehr nur an der Oberfläche naß erscheinen. Diese Salzbildung erfolgt besonders energisch und in ausgedehnter Weise an solchen Orten, wo durch animalische Ausdünstungen oder durch Verwesung organischer Substanzen sich Gasarten entwickeln, welche im Verein mit dem Sauerstoff und der Feuchtigkeit der atmosphärischen Luft zersetzend auf den Bewurf der Mauern oder auf die Steinmasse selbst einzuwirken vermögen, und es ist besonders beim Witterungswechsel das Erscheinen der Wasserabsorption aus der Atmosphäre daselbst auffallender und das Aussehen der Wände nasser. Um der Wirkung der ersterwähnten Ursache einen Damm entgegenzusetzen, pflegt man, und zwar mit gutem Erfolge, dünne Blei- oder Zinkplatten, Glasscherben, Ziegelstücke und in neuester Zeit eine oder mehrere Lagen von Asphalt unmittelbar über dem Erdboden horizontal durch die Mauer zur Isolirung des Mauerwerks über dem Erdboden gegen die aufsteigende Feuchtigkeit zu legen. Zur Austrocknung solcher Mauern dagegen, deren Feuchtigkeit der zweiten Ursache zuzuschreiben ist, empfiehlt Tiget folgendes Verfahren:

Die Mauern werden, so weit sie naß sind, bis unter den Erdhorizont, und bei innern Wandflächen bis unter den Fußboden ganz von dem Bewurfe entblößt, der Mörtel wird sorgfältig aus den Fugen gekratzt und die Mauer von allen anhaftenden Theilen desselben befreit. Dann streicht man die Fugen des Mauerwerks mit einem aus gleichen Theilen Kalkgyps und etwas Tischlerleim zusammengesetzten Mörtel ganz aus, so daß sie mit den entblößten Ziegeln eine Ebene bilden. Nachdem dieser Mörtel trocken geworden, werden die Mauerflächen mittelst beweglicher mit Reverberen versehener Blechöfen so bedeutend durch Kohlenfeuer erhitzt, daß die an der Oberfläche befindlichen Salze zerstört werden. Bei dieser hohen Temperatur wird dann der Mauerfläche ein harziger Anstrich in heißem Zustande gegeben, welcher einen Viertelzoll tief in die Mauer dringt. Nach einer wiederholten Erhitzung der angestrichenen Mauerflächen, bei welcher die Absorption des Anstrichs ganz vollkommen |318| erreicht wird, muß auch der Anstrich ein-bis zweimal wiederholt werden. Dieser harzige Anstrich imprägnirt dermaßen alle Poren der oberflächlichen Schichten, und seine isolirende Eigenschaft, den innern Mauerkörper vor den Einwirkungen von außen zu schützen, ist von der Art, daß an eine erneuerte Salzbildung auf dieser imprägnirten Maueroberfläche nicht wohl zu denken ist, nachdem alle Ursachen dieser Bildung entfernt worden sind.

Bei einer neuen Mauer kann die Uebertünchung mit Kalk unmittelbar auf die so vorbereitete Mauerfläche geschehen, an welcher der Kalk sehr gut haftet; bei einer zu diesem Zwecke theilweise vom Putz entblößten Mauer muß natürlich der Putz später ebenfalls wieder aufgetragen werden, wobei dem Mörtel etwas Gyps zuzusetzen ist.

Die Section für Baukunst hat im Auftrage des niederösterreichischen Gewerbvereins mehrere Probearbeiten in sehr ungünstigen Localitäten von dem Erfinder des Verfahrens selbst ausführen lassen, die so vorzüglich ausgefallen sind, daß die erwähnte Section dieses Verfahren als einen willkommenen baulichen Fortschritt bezeichnet und es den Hauseigenthümern angelegentlich zur Verbreitung und Anwendung empfiehlt. (Verhandl. des niederösterreichischen Gewerbvereins.)

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