Titel: Ueber die Probe einer Kanone aus geschmiedetem Eisen; von Jobard.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1848, Band 110/Miszelle 3 (S. 155–156)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj110/mi110mi02_3

Ueber die Probe einer Kanone aus geschmiedetem Eisen; von Jobard.

Man hat unlängst zu Brüssel eine Sechspfünder-Kanone aus geschmiedetem Eisen probirt, von welcher man glaubte, daß sie viel dauerhafter seyn müsse als die Kanonen aus Gußeisen und noch mehr als diejenigen aus Bronze; es hat sich aber bei der Probe das Gegentheil herausgestellt.

Mit Ausnahme des wissenschaftlich gebildeten Directors der k. Gießerei glaubte Jedermann, daß das geschmiedete Eisen in allen Fällen eine größere Zähigkeit und Sicherheit darbieten müsse als die geschmolzenen Metalle. Die Kanone widerstand aber den gesetzlich vorgeschriebenen Proben für gußeiserne Kanonen keineswegs, sie zersprang beim 52sten Schuß mit einer Ladung von 6 Pfd. Pulver und 6 Kugeln. Wegen der Zähigkeit des geschmiedeten Eisens hätte man vermuthen sollen, daß sie nur zerreißen würde, sie verhielt sich aber im Gegentheil wie eine gußeiserne Kanone und zersprang in neun Stücke, welche die krystallinische Textur des Gußeisens zeigten, obgleich die Kanone aus vortrefflichem nervigem Stabeisen verfertigt war.

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Man hat sich in der neuesten Zeit durch zahlreiche Beobachtungen überzeugt, daß das geschmiedete Eisen in Folge der Erschütterung seiner Molecüle bei verschiedenen technischen Anwendungen eine wesentliche Veränderung erleidet, so daß die besten Wagenachsen nach einer gewissen Zeit umgeschmiedet werden müssen, um den faserigen Zustand wieder zu gewinnen, welchen sie durch den Gebrauch verloren haben.

Es ließ sich daher wohl voraussehen, wie auch der Director der Gießerei nicht anders erwartete, daß durch das Schießen, als einer der heftigsten Erzitterungen, die Kanonen von geschmiedetem Eisen noch schneller in den krystallmischen Zustand übergehen würden als die gewöhnlichen Maschinentheile, wie es der Fall war. Man hielt die beziehungsweise Leichtigkeit der Kanonen aus geschmiedetem Eisen für einen großen Vortheil; wenn aber die Leichtigkeit ein Vortheil für den Transport ist, so ist sie ein großer Mißstand für das Schießen, wegen der geringeren Trägheit; die Laffette wurde auch in zahlreiche Stücke durch den Rückstoß zertrümmert. Allerdings haben im spanischen Kriege geschmiedete Kanonen sehr gute Dienste geleistet; sie hielten aber immer nur die gewöhnliche Ladung aus. Dasselbe wäre der Fall bei Kanonen aus Roheisen von der ersten Schmelzung; sie werden aber niemals den gewaltsamen Proben widerstehen, welche die Kanonen aus halbirtem Roheisen aushalten, besonders nach den glücklichen Mischungsverhältnissen, in deren Besitz die k. Gießerei zu Lüttich allein seit langer Zeit zu seyn scheint, weßhalb sie aus allen Ländern, und sogar aus England, Bestellungen erhält.

Obgleich manche Kanonen von geschmiedetem Eisen außerordentliche Proben aushielten, so scheint man sich doch wegen der Unsicherheit der Fabricationsart, welche von einem mehr oder weniger intensiven Feuer abhängt, im Allgemeinen nicht auf dieselben verlassen zu können. (Moniteur industriel, 1848 Nr. 1280.)

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