Titel: Ueber die Bedeckung der Drähte zu den elekro-magnetifchen Apparaten mit Gutta-percha.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1848, Band 110/Miszelle 3 (S. 315–316)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj110/mi110mi04_3

Ueber die Bedeckung der Drähte zu den elekro-magnetifchen Apparaten mit Gutta-percha.

Durch die Entdeckung der praktischen Brauchbarkeit stark gereinigter Gutta-percha zum Ueberziehen der Drähte elektro-magnetischer Telegraphen, ist die Erfindung dieses so vollkommenen Telegraphensystems in ein neues Stadium getreten. Bis noch vor kurzer Zeit führte man die Drähte zu dem elektro-magnetischen Telegraph mittelst 20 und 25 Fuß hohen, 30 bis 40 Schritt von einander stehenden hölzernen in die Erde eingegrabenen Stangen, durch die Luft weiter. Es konnte nicht ausbleiben und wird nicht ausbleiben, daß die auf solche Weise ganz frei und ungeschützt über meilenlange unbewachte Districte dahin laufenden Drähte theils aus Muthwillen zerstört, theils da, wo sie aus Kupfer bestehen, aus Habsucht gestohlen werden. Ueberdieß dienen solche hölzerne Pfähle, die nach fünf bis sechs Jahren wandelbar werden, einer Gegend nicht zur Zierde; in dem Innern einer Stadt ist diese Art der Fortführung der Drähte nun vollends unausführbar, weßhalb man u. a. in London sich zweizölliger gußeiserner sehr kostbarer Röhren zu bedienen gezwungen war, in welche die Drähte gelegt wurden. Die Unzuträglichkeit der Leitung der Drähte über hölzerne Stangen oberhalb der Erde und die große Kostspieligkeit dieser eisernen Röhren, führte vor etwa einem Jahr zu Versuchen wegen der Anwendbarkeit der Gutta-percha zur Bedeckung der Kupferdrähte, welche so befriedigend ausfielen, daß man, nachdem diese Bedeckungsart sich als vollkommenes Isolirungsmittel bei fast einjähriger Benutzung bewährt hat, ohne große Divinationsgabe zu besitzen, das frühere System der Leitung der elektro-magnetischen Telegraphendrähte über 25 Fuß hohe Stangen als veraltet und dafür die bessere Art der Legung der Drähte in die Erde etwa 1½ bis 2 Fuß tief, als an deren Stelle getreten betrachten kann. In London, wie auch in Berlin, hat man eine sehr sinnreiche Maschine (ähnlich derjenigen welche die Gutta-percha-Röhren und Schnüre liefert) erfunden, mittelst welcher man die Kupferdrähte auf eine so vollkommene, wie rasche Weise mit gereinigter, erweichter Gutta-percha umzieht oder bekleidet, wobei es hauptsächlich darauf ankommt, daß einestheils der Draht auf seiner ganzen Länge durchaus gleich dick von Gutta-percha umgeben ist, so daß der Draht vollkommen in der Mitte der Bekleidung zu liegen kommt, und anderntheils, daß die Gutta-percha keine Undichtigkeiten enthält, denn selbst ein kleines Loch, wie mit einer feinen Nähnadel hervorgebracht, würde Feuchtigkeit zwischen dem Draht und der Erde, in der er liegt, zulassen, und dadurch den richtigen Lauf des elektro-magnetischen Fluidums gefährden. Um diesen möglichen Nachtheilen zu entgehen, dürfte es zweckmäßiger seyn den Kupferdraht, statt gleich mit einer starken Gutta-percha-Bekleidung im Verhältniß von 500 Pfd. Gutta-percha per preußische Meile zu umkleiden, diese Umkleidung in drei Abtheilungen vorzunehmen, so daß jedesmal eine solche dünne Umkleidung im Verhältniß von etwa 166⅔ Pfd. Gutta-percha per Meile stattfände; man wäre dann sicher, falls auf irgendeiner Stelle ein Defect in der Bekleidung stattgefunden hätte, solchen Fehler radical beseitigt zu haben. Die in London und Berlin gebräuchliche Drahtumkleidungsmaschine soll mittelst einfacher |316| Handbewegung in Gang gebracht werden und fast 100 Fuß Draht per Minute umspinnen.

Das neue System, die Drähte unter der Erde fortzuleiten, findet bereits in verschiedenen Ländern und in bedeutender Ausdehnung Anwendung; so schloß vor kurzem die Londoner Gutta-percha-Compagnie einen Contract über die Gutta-percha-Bekleidung einer Drahtlänge von 200 engl. Meilen für Irland ab; in Rußland ist bereits mit der Legung der elektro-magnetischen Drähte in den Erddamm der Moskau-St. Petersburger Eisenbahn begonnen; von Berlin nach Köln werden augenblicklich die Drähte zur elektro-magnetischen Telegraphenverbindung bis Köln und Frankfurt a. M. 171 preußische Meilen, neben der Eisenbahn in die Erde gelegt, nachdem sie vorher im Verhältniß von 495 Pfd. Gutta-percha per Meile umsponnen worden sind, und auch auf der eben in der Ausführung begriffenen Telegraphenlinie von Wien nach Trieft ist man sehr darüber aus, den größern noch nicht gesteckten Theil der elektro-magnetischen Telegraphendrähte in die Erde zu legen.

So bildet diese neue, vor einem Jahr kaum geahnte Anwendung des so wunderbaren ostindischen Rohstoffs wieder einen neuen, sehr bedeutend zu werden versprechenden Absatzausweg! Das ist um so mehr zu wünschen, da die Importeure des Rohstoffs sonst leicht in ihren Bestrebungen für die Versorgung der europäischen Märkte damit nachlassen könnten; schon jetzt übersteigt die Zufuhr an Rohstoff bei weitem den Bedarf und Verbrauch, wie Schreiber dieses aus eigener Erfahrung weiß, da er gegen 50,000 Pfd. der besten, rohen Gutta-percha in Blöcken liegen hat, von der er gern zu 12 bis 13 Sgr per Pfund preußisch frei ab Hamburg bei Partien verkauft. Die von den ostindischen Pflanzern und Exporteurs vor einigen Monaten, wie es scheint geflissentlich, verbreitete Angabe, daß der Tubanbaum, welcher die Gutta-percha liefert, bereits sehr selten auf den Inseln des indischen Archipelagus werde, und daß die nachtheilige Art der Gewinnung der Gutta-percha durch Umhauen der Bäume, statt durch Einschnitte in dieselben, noch mehr zur Folge haben werde, daß der kürzlich erst für die Industrie gewonnene Rohstoff wahrscheinlich ebenso rasch wieder verschwinden werde, wie er aufgetaucht ist, scheint sich in keiner Beziehung bewahrheiten zu wollen; vielmehr enthalten die letzten kaufmännischen Berichte von Ostindien die Nachricht, daß die Zufuhren von Gutta-percha wieder im Zunehmen seyen und die auf den Markt gebrachten Vorräthe völlig für die Befriedigung des Begehrs für Europa und Nordamerika ausreichten. Es findet daher für deutsche Industrielle jetzt nicht mehr der frühere Abhaltungsgrund, sich auf die Fabrication von Gutta-percha-Waaren zu werfen, statt, indem es außer Zweifel ist, daß für die nächsten 10 Jahre die Zufuhren von roher Gutta-percha dem Fabrikanten nicht mangeln werden. Auf den Grund dieser Wahrnehmung hat sich neben der hiesigen Gutta-percha-Fabrik von H. Rost u. Comp. auch noch diejenige der HHrn. Ullberg u. Cramér hier gebildet, welche beide ein so vorzügliches Fabricat in Sohlen, Riemen, Platten und Schnüren liefern, daß dasselbe dem englischen viel theuerern füglich als ebenbürtig an die Seite gestellt werden kann. Emil Müller in Hamburg. (Deutsche Gewerbezeitung, 1848 Nr. 90.)

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