Titel: Vorschlag zur Organisation eines deutschen Reichs-Telegraphensystems; von Dr. Adolph Poppe.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1848, Band 110/Miszelle 2 (S. 394–395)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj110/mi110mi05_2

Vorschlag zur Organisation eines deutschen Reichs-Telegraphensystems; von Dr. Adolph Poppe.

Unter den Stürmen der ersten französischen Revolution sehen wir das System der Telegraphie, dessen hoher politischer und strategischer Nutzen schon im classischen Alterthum erkannt und erprobt wurde, in Frankreich neu aufleben und in großartiger Ausdehnung sich entfalten. Im Hinblick auf den unberechenbaren Vortheil, welchen ein beinahe mit Gedankenschnelligkeit wirkendes Communicationsmittel dem Staate gewähren könnte, arbeitete der französische Ingenieur Claude Chappe mit großer Energie und Aufopferung an dieser wichtigen, mit mancherlei technischen und ökonomischen Schwierigkeiten verknüpften Aufgabe. Ein glänzender Erfolg krönte seine Beharrlichkeit. Im März 1792 legte Chappe den Plan seines Telegraphensystems dem National-Convente vor, und dieser decretirte in Folge des im Juli 1793 von dem Bürger Lacanal abgestatteten Commissionsberichtes die Errichtung von Telegraphenlinien im Bereiche der Republik. Gegen Ende 1794 stand bereits eine Linie von 22 Telegraphen zwischen Paris und Lille vollendet da, und nach wenigen Jahren erstreckten sich von Paris, als dem Centralpunkte aus, 6 Telegraphenlinien mit 519 Stationen nach den wichtigsten Gränzpunkten und Seeplätzen. Ein halbes Jahrhundert hindurch hat sich nun diese Anstalt, auf deren Unterhaltung der Staat 1 Mill. Fr. jährlich verwendet, als ein höchst nützliches Organ im Dienste der Monarchie, sowie der Republik behauptet. Dem Beispiele Frankreichs sehen wir im Jahr 1795 Schweden, 1796 England, 1802 Dänemark folgen; in Ostindien entsteht im Jahr 1823 eine telegraphische Verbindung zwischen Calcutta und der Festung Chunar am Ganges, in einer Ausdehnung von 336 engl. Meilen, in Aegypten um dieselbe Zeit zwischen Alexandrien und Cairo, in Deutschland aber erst im Jahr 1835, und zwar im Interesse eines Einzelstaates, nämlich zwischen Berlin und Koblenz. Wenn unter den seitherigen inneren Verhältnissen Deutschlands an die Einführung von Telegraphenlinien im gemeinsamen Interesse der deutschen Staaten kaum zu denken war, so ist jetzt die Zeit gekommen, wo die Organisation eines deutschen Reichs-Telegraphensystems in großartiger nationaler Ausdehnung ernstlich angeregt werden muß. Denn Deutschland ist vermöge seiner politisch-geographischen Lage mehr als irgend ein anderes Land nach allen Seiten hin stets zu politischer Wachsamkeit angewiesen; die eigenthümliche Gestaltung seiner inneren Verhältnisse läßt überdieß eine möglichste Erleichterung und Beschleunigung des Verkehrs zwischen der Centralregierung und den Regierungen der Einzelstaaten, sowie ein möglichst rasches Zusammenwirken der leitenden Behörden überhaupt als Bedürfniß erscheinen. In diesem Sinne und als Hülfsmittel zur rascheren Vollziehung strategischer Anordnungen und Beschleunigung militärischer Operationen, werden sich die Telegraphen als ein höchst wichtiges und nützliches Werkzeug in der Hand der Reichsgewalt gestalten und bewähren. Von dem Herzen Deutschlands aus werden die Depeschen der Reichsregierung vermittelst der Telegraphen binnen wenigen Minuten nach den Regierungssitzen der einzelnen Staaten, sowie nach den entlegensten Kriegshäfen und Gränzfestungen hin gelangen; die Reichsregierung wird durch sie so zu sagen allgegenwärtig werden und jede politische Bewegung, jeder Stoß von außen wird sich durch die Telegraphen, wie durch Nerven, augenblicklich dem Centralorgane des Staatskörpers mittheilen. Was die Hauptrichtungen anbelangt, in denen vom Sitze der Reichsregierung aus die Telegraphenlinien zu führen sind, so wird diese Frage vom Standpunkt politischer und strategischer Rücksichten aus leicht zu beantworten seyn. Ohne für jetzt auf diesen Gegenstand näher einzugehen, mögen hier nur folgende drei auf den ersten Blick sich darbietende Hauptlinien mit einigen Seitenlinien angedeutet werden, Frankfurt als definitiven Sitz der Reichsregierung vorausgesetzt. 1) Südöstliche Linie: von Frankfurt über Darmstadt, Karlsruhe, Stuttgart, Ulm, München |395| nach Wien, eine Strecke von ungefähr 100 geogr. Meilen, mit einer Seitenlinie von Karlsruhe über Rastatt nach Kehl und Seitenlinien von Wien nach Trieft und Prag. 2) Nordöstliche Linie: von Frankfurt über Erfurt, Leipzig, Berlin, Stettin, Danzig bis Königsberg, etwa 135 geogr. Meilen, mit einer Seitenlinie von Berlin nach Posen und einer Seitenlinie von Leipzig nach Dresden. 3) Nördliche Linie: von Frankfurt über Kassel und Hannover nach Hamburg und Lübeck, 60 geogr. Meilen. Zur Beurtheilung des Kostenpunktes liefern uns die bereits bestehenden telegraphischen Einrichtungen einen Maßstab. Die Herstellungskosten einer Station nach dem Chappe'schen (optischen) System betragen durchschnittlich 4400 Fr. oder 2053 fl., und da auf je 1½ geogr. Meilen eine Station gerechnet werden kann, so würde z. B. die Anlage der oben bezeichneten drei Hauptlinien, welche ohne die angedeuteten Seitenlinien eine Gesammtlänge von 295 Meilen repräsentiren, mit 196 telegraphischen Stationen einen Kostenaufwand von etwa 400,000 fl. veranlassen. Die jährlichen Verwaltungs- und Betriebskosten betragen in Frankreich durchschnittlich 2000 Fr. per Station, wonach die Unterhaltung der genannten drei Telegraphenlinien jährlich ungefähr 180,000 fl. kosten würde. Ungleich vortheilhafter gestalten sich jedoch in jeder Hinsicht die Verhältnisse bei Benützung des elektromagnetischen Telegraphensystems, das durch die verdienstvollen Bemühungen von Männern wie Steinheil, Fardely, Wheatstone, Bain u. a. in den letzten Jahren zu einem Grade der Vervollkommnung herangereift ist, welcher selbst die kühnsten Erwartungen früherer Jahre weit überragt. Bei dem elektromagnetischen System reduciren sich, wie leicht nachzuweisen, sowohl die Anlagekosten als auch die Verwaltungs- und Betriebskosten in Vergleich mit dem Chappe'schen, auf weniger als die Hälfte. Es ist ferner eine bekannte Thatsache, daß der elektrische Telegraph die Nachrichten nicht nur zu jeder Tageszeit und unter allen atmosphärischen Verhältnissen, sondern auch weit rascher und vollständiger als der Chappe'sche befördert So würden z. B Wien, Berlin, Hamburg, überhaupt sämmtliche in der telegraphischen Kette befindlichen Städte Deutschlands nicht nur den allgemeinen Inhalt und das Resultat der jedesmaligen Verhandlung in der Frankfurter Reichsversammlung noch an dem Sitzungstage selbst erfahren können, sondern es wäre sogar die Möglichkeit gegeben, den vollständigen stenographischen Bericht noch an dem Sitzungstage nach den entlegensten Punkten Deutschlands gelangen zu lassen. Im Hinblick auf die unverkennbaren im Vorhergehenden nur in kurzen Umrissen angedeuteten Vortheile, welche Deutschland aus einer mit verhältnißmäßig geringen Opfern auszuführendeu Anstalt schöpfen wird, ist zu erwarten, daß in Kurzem über ganz Deutschland ein wohlorganisirtes zusammenhängendes Telegraphennetz, das in der Residenz der Reichscentralregierung seinen Mittelpunkt hat, sich ausbreiten werde.

Ueber die Geschichte der Telegraphie erschien soeben vom Hrn. Verfasser folgende zum Besten der deutschen Kriegsflotte gedruckte Schrift:

Die Telegraphie von ihrem Ursprunge bis zur neuesten Zeit, mit besonderer Berücksichtigung der ausgeführten telegraphischen System e. Von Dr. Adolph Poppe. Frankfurt a. M. Schmerber'sche Buchhandlung.

Der Verfasser beschreibt in derselben, nachdem er das Geschichtliche über die Telegraphie der Alten mitgetheilt hat, das französische Telegraphensystem von Claude Chappe, den englischen und preußischen Staatstelegraph; er geht dann auf die bereits so sehr vervollkommnete Erfindung der neuesten Zeit, die elektrischen und elektro-magnetischen Telegraphen über und beschreibt insbesondere die elektro-magne-tischen Drucktelegraphen von Steinheil und Bain.

Die Redact. d. p. I.

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