Titel: Ueber den Zusammenhang des Magnetismus mit der Krystallisation, nach Faraday.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1849, Band 111/Miszelle 5 (S. 156–158)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj111/mi111mi02_5

Ueber den Zusammenhang des Magnetismus mit der Krystallisation, nach Faraday.

Am 7 December v. J. hielt Dr. Faraday in der Royal Society einen Vortrag on the crystalline polarity of bismuth and other bodies, and on its relation to the magnetic form of force, aus welchem wir in Folgendem einen kurzen Auszug mittheilen.

Wenn man Wismuth auf gewöhnlichem Wege krystallisiren läßt, von solchem einen Krystall oder eine Gruppe symmetrischer Krystalle auswählt und in dem magnetischen Feld zwischen horizontalen Polen aufhängt, so wird es sogleich entweder in einer gegebenen Richtung zeigen oder wie eine kleine Magnetnadel um diese Richtung schwingen, in welche es auch zurückkehrt, wenn es gestört wird. Hängt man den Krystall so auf, daß die horizontale Linie, welche zur magnetischen Achse transversal ist, zur verticalen Linie wird, so zeigt der Krystall seine richtende Eigenschaft im Maximum. Hängt man ihn wieder so, daß die zur magnetischen Achse parallele Linie zur verticalen wird, so verliert der Krystall alle Richtungskraft. Diese Richtungslinie nun, welche sich zur magnetischen Achse parallel zu stellen strebt, nennt Faraday die magnetische Krystallachse (magne-crystalic axis of the crystal). Sie ist ganz oder beinahe senkrecht zum glänzendsten und vollkommensten |157| der vier Blätterdurchgänge des Krystalls. Sie ist dieselbe für alle Wismuthkrystalle. Diese magnetische Krystallachse mag nun parallel oder transversal zur magnetischen Achse seyn, so wird das Wismuth in beiden Fällen von einem einzelnen oder dem stärkeren Pol abgestoßen; seine diamagnetischen Beziehungen sind nämlich auf keine Weise afficirt.

Wenn man den Krystall zerbricht, oder wenn man ihn schmilzt und wieder erstarren läßt, und dann auf das Metall den Magnet wirken läßt, so bleiben die diamagnetischen Erscheinungen, aber die Resultate der magnetischen Krystallachse verschwinden, wegen des verworrenen und entgegenwirkenden krystallinischen Zustandes der verschiedenen Theile. Zerschlägt man eine Wismuthstange und wählt Stücke derselben aus, welche durchaus gleichförmig krystallisirt sind, so zeigen diese auch die richtende Eigenschaft; die magnetische Krystallachse ist nämlich wie vorher zum vorzüglichsten Blätterdurchgang senkrecht und die äußere Form in dieser Hinsicht von keinem Belang. Die Wirkung findet ungeschwächt statt, der Krystall mag von Wismuthmassen umgeben, oder in Wasser oder eine Auflösung von Eisenvitriol getaucht seyn.

Die Lage des Krystalls im magnetischen Feld wird durch Annäherung besonderer Magnete oder von weichem Eisen afficirt; wohl aber nicht in Folge einer auf das Wismuth ausgeübten Anziehungs- oder Abstoßungskraft, sondern nur wegen der Störung der Kraftlinien oder Resultirenden der magnetischen Wirkung, wodurch sie gleichsam neue Formen erlangen. Das Gesetz der Wirkung ist nämlich nach F. folgendes: die Linie oder Achse der magnetischen Krystallkraft strebt sich parallel oder als eine Tangente zu der magnetischen Curve oder der Linie der magnetischen Kraft zu stellen welche durch die Stelle geht wo der Krystall liegt; der Krystall ändert folglich seine Lage mit jeder Richtungsveränderung in diesen Linien.

Um über die Natur der magnetischen Krystallkraft ins Klare zu kommen, untersuchte F. zuerst, ob die Abstoßung eines Wismuthkrystalls genau von gleicher Stärke ist, wenn er seine magnetische Krystallachse den Linien der auf ihn wirkenden magnetischen Kraft parallel oder transversal derbietet. Der Krystall wurde hiezu entweder an eine Drehwaage aufgehängt oder als ein dreißig Fuß langer Pendel; die Abstoßung war aber für jede Lage der magnetischen Krystallachse gleich groß. – Bei andern Versuchen wurde als senkrechte Achse ein Seidenfaden angewandt und der zu untersuchende Körper an demselben unter rechten Winkeln als Radius befestigt; es wurde z.B. ein prismatischer Krystall von Eisenvitriol, welcher viermal so lang als breit war, an der Achse mit seiner Länge als Radius und seiner magnetischen Krystallachse horizontal, und folglich als Tangente befestigt: wenn nun dieser Krystall unter der Torsionskraft der Achse in Ruhe war so wurde ein elektro-magnetischer Pol mit conischem Ende so angebracht, daß die Achsenlinie der magnetischen Kraft, wenn solche ausgeübt würde, schief sowohl zur Länge als der magnetischen Krystallachse des Eisenvitriols seyn mußte; die Folge war, daß wenn der elektrische Strom um den Magnet circulirte, der Krystall wirklich von dem Magnet zurückwich unter dem Einfluß der Kraft, welche die magnetische Krystallachse und die magnetische Achse parallel zu stellen strebte. Wenn man einen Krystall oder ein Plättchen von Wismuth anwandte, so konnte man machen daß sich dasselbe dem magnetischen Pol unter dem Einfluß der magnetischen Krystallkraft näherte; diese Kraft ist so stark, daß sie sowohl dem Bestreben des magnetischen Körpers sich zu nähern, als des diamagnetischen Körpers zurückzuweichen, entgegenwirken kann, wenn sie in der entgegengesetzten Richtung ausgeübt wird. Daraus schließt F., daß es weder Anziehung noch Abstoßung ist, was die endliche Lage eines Körpers mit magnetischer Krystallkraft bestimmt. Er betrachtet sie zunächst als eine Kraft, welche von dem krystallinischen Zustand des Körpers abhängt und daher mit den ursprünglichen Molecularkräften der Materie zusammenhängt. Er zeigt durch das Experiment, daß so wie der Magnet einen Krystall bewegen kann, so auch ein Krystall einen Magnet bewegen kann. Ferner daß die Wärme diese Kraft wegnimmt, gerade ehe der Krystall schmilzt, und daß das Abkühlen sie in ihrer ursprünglichen Richtung wiederherstellt.

|158|

Nun verbreitet er sich darüber, ob die erwähnten Wirkungen bloß einer ursprünglichen in dem Krystall vorhandenen Kraft zuzuschreiben oder ob die beobachteten Erscheinungen nicht zum Theil durch die magnetischen und elektrischen Kräfte inducirte sind; er schließt, daß die Kraft so sich in dem magnetischen Feld äußert, welche sich durch äußere Wirkungen zeigt und die Bewegung der Masse verursacht, hauptsächlich und fast gänzlich inducirt ist; sie ist zwar der Krystallkraft untergeordnet, erhöht aber zugleich die Wirkungen dieser Kraft in einem Grade, welchen sie ohne die Induction nicht erreicht haben könnten. Für diesen Theil der Kraft wählt er die Benennung Magneto-Krystallkraft (magneto-crystallic force) im Gegensatz zu magnetischer Krystallkraft (magne-crystallic force), welches Wort den Zustand oder die Kraft bezeichnet die dem Krystall wesentlich angehört.

Schließlich kommt er auf Plucker's Resultate hinsichtlich der „Abstoßung der optischen Achsen der Krystalle“ und folgert, daß dieselben mit den oben beschriebenen einerlei Ursprung und Ursache haben.

Es ist auffallend, welche schnellen Fortschritte unsere Kenntniß der Molecularkräfte macht; noch vor wenigen Jahren war uns der Magnetismus eine verborgene Kraft von der wir glaubten daß sie nur wenige Körper afficire; nun wissen wir daß sich ihr Einfluß auf alle Körper erstreckt und daß sie im innigsten Zusammenhang steht mit Elektricität, Wärme, chemischer Wirkung, Licht, Krystallisation und durch letztere mit den Kräften, welche die Cohäsion bedingen. (The Athenaeum, 1848, Nr. 1103.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: