Titel: Vergnette, über den Weinbau und die Weine.
Autor: Bussy,
Fundstelle: 1849, Band 112, Nr. XXXIII. (S. 145–154)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj112/ar112033

XXXIII. Ueber mehrere Abhandlungen des Hrn. Vergnette-Lamotte, die Weine, insbesondere die Burgunderweine betreffend; Bericht von Hrn. Bussy.

Aus dem Bulletin de la Société d'Encouragement, Oct. 1848, S. 645.

Die Abhandlungen des Hrn. Vergnette, Weinbauers im Departement der Goldküste, über welche ich Bericht zu erstatten habe, betreffen sein systematisches und gründliches Studium aller sowohl beim Wachsthum des Weinstocks, bei der Entwickelung und Reife der Traube, als bei der Bereitung und Aufbewahrung des Weins in Betracht kommenden Umstände. Die Arbeit des Verfassers ist übrigens nicht nur für den Weinbau von großem Interesse, sondern kann auch für andere Culturzweige Nutzen bringen.

Die erste Abhandlung, betitelt: von dem im Departement der Goldküste dem Weinbau gewidmeten Boden, enthält das geologische Studium des betreffenden Bodens, mit Durchschnitten, welche alle Veränderungen des Unterbodens in den wichtigsten Lagen angeben. Aus der chemischen Zusammensetzung der Gebirgsarten und der Bodenschichten werden Folgerungen für Bodenverbesserungen behufs des Weinbaues gezogen; auch vergleicht er diese Bodenarten mit jenen anderer Gegenden, namentlich des Bordeaux-Landes (Bordelais). – Den Schluß dieser Abhandlung macht eine Classification der Weine von 1838–1844 nach der atmosphärischen Beschaffenheit jedes Jahrganges, wohin gerechnet werden die Menge des in den Hauptperioden der Wachszeit gefallenen Wassers, die Anzahl der Regentage, die den verschiedenen Monaten des Jahrs entsprechenden mittlern Temperaturen, die höchsten und niedersten Temperaturen in denselben Perioden, die Zeiten der Weinlesen und die Umstände, unter welchen sie vor sich gingen. Folgendes sind die vom Verfasser selbst aus seinen Arbeiten gefolgerten Ergebnisse:

„Die Gewächse der schweren Weine der Goldküste stehen nach Südwest auf dem Abhange von 180 Meter über die Ebene sich erhebenden Hügeln, welche durch ein zweites, 520 Meter über der Meresfläche liegendes Stockwerk vor dem Winde geschützt sind. Die Ebene liegt 220 Meter über dem Niveau des Meeres.

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Die Weinberge der Goldküste liegen, wie am Rhein und im Bordelais, auf der Linie, wo der Türkischkornbau aufhört, also in isothermischen Linien.

Die Menge des jährlich gefallenen Regenwassers beträgt 0,745 Meter; die entsprechende Anzahl Regentage ist 108. Der Regen in den Monaten Junius und September ist dem Weinstock vom empfindlichsten Nachtheil; im Junius, weil er das Abfallen der Blüthe veranlaßt; im September, weil er die Traube zum Faulen bringt (1840) oder die Bildung anderer chemischer Verbindungen aus den vorhandenen Elementen begünstigt. Es ist vortheilhaft, wenn man im Monat Junius weniger als acht (1840, 1842) und in den 14 Tagen vor der Weinlese weniger als drei Regentage hat (1838).

Die Beholzung sowie die Entblößung der Gipfel der ersten Hügel scheinen ohne Einfluß auf die Eigenschaften des von ihnen beherrschten Gewächses zu seyn.

Die Weinstöcke der Goldküste stehen auf einem Unterboden von Granit, Arkose, buntem Mergel (d'Heune, Thal-Decize etc.) auf Lias-Mergel (Hinterküste), auf mehreren Schichten der untern Oolith-Formation (die schweren Gewächse der Küste), auf den Tertiär-Anschwemmungen der Ebene (geringere Weine, vins gamays et petits noiriens), endlich auf örtlichen Anschwemmungen, welche sich vorzüglich den die Küste durchziehenden Thälern gegenüber zu bilden pflegen (Pommard, Volnay, Nuits etc.).

Die Gewächse von Rang an der Goldküste sind alle innerhalb einer Zone, deren eine Horizontal-Ebene sich 15, die andere 78 Meter hoch über der Ebene befindet.

Der Gegenabhang der Gesteinschichten des ersten Stockwerks ist der Cultur des Weinstocks förderlich, indem er das in den Unterboden einsikernde Regenwasser von den Wurzeln der Pflanzen entfernt.

Die chemische Zusammensetzung des Unterbodens und der dem Weinbau gewidmeten Erde, gestattet sie in sechs Classen zu gruppiren. Da die Kalisalze dem Wachsthum des Weinstocks sehr günstig sind, so ist dem größern Kaligehalte der Thonböden der Gewächse der 2ten, 4ten und 5ten Classe die Kraft ihrer Vegetation und das Feuer ihrer Weine zuzuschreiben. Die Oolith-Gewächse der 1sten Classe werden mehr Feinheit besitzen. Die Talkerde-Gewächse der 2ten Classe werden von eigenthümlicher Zartheit seyn. Die Gewächse der 4ten Classe verdanken ihre Eigenschaften dem Eisenoxyd und Kali. Das Erdreich der 5ten und 6ten Classe endlich ist, jenes dem Anbau des Gamay (geringe |147| Sorte), dieses dem Anbau einiger neuen Rebsorten zu widmen, welche productiver sind, als die Auvergner Sorte (pineau), aber so stark wie letztere, und solidere Weine geben, als die kleinen Schwärzlinge (noiriens) der Ebene sind.

Der chemischen Zusammensetzung der Erdreiche zufolge und in Anbetracht des geringen Kaligehalts der Kalkformation, ist es sehr wichtig Asche und ausgeruhtes Erdreich zu ihrer Verbesserung anzuwenden; stickstoffhaltige Dünger, ausschließlich angewandt, geben dem Weinstock eine ihm fremdartige, der Gesundheit der Weine schädliche Nahrung.

Endlich noch einige Schlußsätze. Sobald an der Goldküste der Wein den Unterboden wechselt, erhält man einen andern Typus des Weins; kaum verläßt man auf- oder abwärts die Zone der schweren Gewächse, so findet man sie schon zweiter Gattung; je weiter man den Berg hinauf, oder zur Ebene hinabkömmt, desto ordinäreres Product findet man. Man kann behaupten, daß nirgends in der Welt sich alle Erfordernisse zur Entwickelung von Weinen, wie diejenigen unserer ersten Sorten, so vereinigt finden. Es helfen bei uns so viele locale Umstände zusammen, daß sie in ihrer Art immer unerreicht dastehen werden, und die neuen Anpflanzungen in Preußen, im übrigen Deutschland, an den Ufern des schwarzen Meers werden, man mache was man wolle, niemals Producte liefern, die mit ihnen zu vergleichen sind; so werden z.B. die Volnay-Weine noch lange die ersten Weine der Welt bleiben, wie sie es im 14ten Jahrhundert waren.“

Hinsichtlich des Erdreichs von Médoc, sagt der Verfasser: „Die Ebenen von Médoc sind mit einer, wahrscheinlich aus der Zeit der letzten uns bekannten Wasserfluth herrührenden Ablagerung überdeckt; dieselbe besteht großentheils aus gerolltem Quarz; der Unterboden ist zuweilen thonig, am häufigsten aber besteht er aus reinem, oder durch Eisenoxyd zusammengeklebten Sand, Alios genannt. Letztere Beschaffenheit des Unterbodens scheint den schweren Gewächsen am besten zuzusagen. Im Bordelais, wo wir wenig Thon und Erde mit alkalischen Bestandtheilen antreffen, führt der Seewind dem Lande die Natron- und Kalisalze zu, deren der Boden bedarf, um die ihm durch den Weinwachs entzogenen Alkalien wieder zu ersetzen.“

Wenn es wahr ist daß in gewissen Theilen Bordelais der Boden kein Kali enthält, daß ferner (was nach des Verfassers Versuchen constant zu seyn scheint) ein Weingarten von 1 Hektare Flächenraum, welcher 24,000 Stöcke enthält und 18 Hektoliter Wein liefert, dem Boden 57,067 Kilogr. Kali entzieht, läßt sich dann mit Wahrscheinlichkeit annehmen, |148| daß dieses Kali durch den Seewind vermittelst der von ihm mitgerissenen Salztheilchen herbeigeschafft werde? Allerdings kann die Wirkung des Seewinds auf eine weite Strecke vom Ufer hin fühlbar werden, aber der Kaligehalt des Meerwassers ist an und für sich so unbedeutend, daß es sehr zu bezweifeln ist, daß der Vegetation dadurch eine erhebliche Menge zugeführt werden könne. Es wäre demnach von diesem Gesichtspunkt aus die Zusammensetzung der Burgunderweine und Bordeauxweine, welche in allen andern Stücken so sehr von einander abweichen, vergleichend zu untersuchen, um zu erfahren, ob in den Bordeauxweinen nicht ein Theil des Weinsteins durch andere ähnliche Verbindungen, etwa Natronsalze, vertreten ist. Jedenfalls wäre im Interesse der Kenntniß der Weine sehr zu wünschen, daß ähnliche Untersuchungen, wie die worüber ich so eben berichtete, mit den Bordeauxweinen vorgenommen würden.

Die zweite Abhandlung: über die Weinlese der schweren Gewächse der Goldküste, enthält die Ergebnisse über die Bestandtheile der Traube vor und zur Zeit der Reife, über den Einfluß der Jahreszeiten auf die Traube zur Zeit der Weinlese, über denjenigen der Herbstfröste je nach der Beschaffenheit des Bodens und der Traubensorte etc. Die vom Verfasser gegebenen Vorschriften gründen sich auf Versuche oder sind das Ergebniß sorgfältig angestellter Beobachtungen; er faßt sie folgendermaßen zusammen:

„Nach dem Einfluß welchen die Zeit der Weinlese auf die Qualität der feinen Weine hat, muß die Bestimmung dieser Zeit einem Comité von Weinbergbesitzern und Handelsleuten übertragen werden, welche alle bei der Heranbildung der Frucht gemachten Beobachtungen dabei in Erwägung zu ziehen haben.

Bei der Traube, welche ihre Reife nicht erreicht hat, herrscht das saure weinsteinsaure Kali vor und der erhaltene, wiewohl saure, junge Wein besitzt ein deutliches Bouquet und wird seine Haltbarkeit und gute Ausbildung seinem großen Gehalt an sauren Salzen zu verdanken haben (Burgunder-Weine von 1829, 1837 und 1838 und gewisse Rheinweine).

Ueberreife Trauben besitzen, wenn der Herbst warm und trocken war, einen großen Zuckergehalt; solche Weine nähern sich den mittäglichen und verdanken ihre Conservirung dem Alkohol. War der Herbst aber regnerisch, so enthält der Traubensaft einen die faule Gährung einleitenden Stoff, welcher dem Wein keine gute Zukunft verspricht. |149| Die Regenfälle zur Zeit der Weinlese und der Hagel sind die gefährlichsten Feinde unserer Lesen. (Beispiel: die Weine vom J. 1840.)

Wenn die Blüthe bald verschwand, so ist die Bestimmung der Lesezeit schwierig, weil die Trauben den für einen guten Wein geeigneten Punkt der Reife rasch überschreiten. Dauerte hingegen die Blüthezeit länger an, so findet man zur Lesezeit so viel Verschiedenheit in der Reife der Frucht, daß die Zeit der Lese leichter richtig getroffen werden kann. Je nachdem sich die Monate Julius und August hinsichtlich der Wärme und der Menge des gefallenen Regens verhielten, wird die Reife im Kieselkalkboden und Alluvialsand einen anderen Gang befolgt haben als im Mergelkalk und Alluvialthon.

Da die Vergleichung der das Wachsthum der Traube seit wenigstens 30 Jahren begleitenden meteorologischen Erscheinungen für die Fixirung der Lesezeit von großem Belang ist, so wäre zu wünschen, daß von dem Bureau des Longitudes die Tabellen über die seit dem Jahr 1815 alle Monate angestellten Beobachtungen über: 1) die Temperatur, höchste und niedrigste jedes Tags; 2) die Hygrometergrade um 9 Uhr und 12 Uhr Mittag; 3) die Winde zur Mittagszeit; 4) endlich die jeden Tag gefallene Wassermenge und die Anzahl der Regentage in jedem Monat veröffentlicht würden.“

In seiner dritten Abhandlung behandelt der Verf. die Weinbereitung selbst; er untersucht zunächst die Construction der Kufen, Keltern, Hallen, und meint, daß letztere im Burgundischen in der Regel sorgfältiger und in der Art erbaut seyn sollten, daß zur Zeit der Weinlese eine gleichmäßige, etwas höhere Temperatur darin unterhalten werden könnte, die er mit Recht als einer vollkommenen und raschen Gährung förderlich betrachtet; er spricht sich gegen die vorgeschlagene hydraulische Absperrung der Kufen und auch gegen das System aus, den Hut (die sich obenauf begebende Masse von Kämmen und Hülsen) beständig unter der in Gährung befindlichen Flüssigkeit zu halten; dagegen empfiehlt er den obern Theil des Huts, auf welchen die Luft einwirkte, vor dem Abziehen zu entfernen, weil diese Einwirkung der Luft sich bloß einige Centimeter unter die Oberfläche hinab erstreckte.

Je weniger Zucker die Weine enthalten, desto kürzere Zeit sollen sie in der Kufe bleiben; zu ihrer Gährung sind höchstens 72 bis 80 Stunden erforderlich. Ueber die Thunlichkeit, dem Traubenmost noch eine gewisse Menge Zucker zuzusetzen, spricht sich der Verfasser verneinend aus, indem er eine Menge Weinbergbesitzer anführt, welche ihre Weine zu chaptalisiren pflegen und deren Producte, trotz des Zuckerzusatzes im |150| Handel doch weniger beliebt zu seyn scheinen, als wo dieß nicht geschieht. Es ist jedoch unwahrscheinlich, daß diese Leute so gegen ihren eigenen Vortheil verfahren würden, und eher zu vermuthen, daß der Zusatz von Zucker, obgleich Weinen erster Qualität und von guten Jahrgängen schädlich, dennoch geringere Gewächse verbessern oder den Einfluß schlechter Witterung einigermaßen ausgleichen kann, ohne den Weinen jedoch die Güte wieder zu verleihen, welche sie von Natur aus hätten haben können.

Nach Hrn. Vergnette kann jedoch der Zusatz von Zucker zum Traubenmost (dessen Wirkung sich wohl immer auf Vergrößerung des Alkoholgehalts zurückführen läßt) sehr schlimme Folgen für die Gesundheit und die Qualität des Weines haben; er könnte den guten Ruf, dessen sich die Burgunder-Weine bisher zu erfreuen hatten, untergraben helfen. „Die Chemie, meint der Verfasser, kann nur die rationellen Wege des Weinbaues und der Weinbereitung angeben, niemals aber berufen seyn, durch allerhand Mittel das zu ersetzen, was Boden und Sonne unsern Producten versagen! Niemals werden Suresne und Argenteul mit Volnay und Chambertin wetteifern können.“ Dieses im allgemeinen zugegeben, dürfte es doch schwer seyn auszusprechen: „Bis hieher mit Hülfe der Wissenschaft und nicht weiter!“ Es gibt Beispiele genug, wo, abgesehen von der Chemie, durch besondere Sorgfalt und Pflege Früchte aus wärmern Klimaten bei uns in gleicher, wo nicht besserer Qualität erzielt wurden, als in ihrem Vaterlande.

(In dieser Abhandlung werden ferner die Einwirkung des Frostes auf den Wein und die Klärung desselben mit Hausenblase behandelt; wir haben diese Capitel bereits im polytechn. Journal Bd. CXI. S. 147 und 229 mitgetheilt.)

Die letzte Abhandlung enthält das physiologische Studium des Weinstocks, und insbesondere der an der Goldküste cultivirten Auvergner Traube (pineau); wie früher sucht der Verfasser auch hier durch genaue Daten der chemischen Analyse die Bereitung und Behandlung des Weins auf bessere Methoden zurückzuführen. Wir entnehmen diesem Capitel folgende interessante Thatsachen und Ergebnisse:

„Die Trauben enthalten Kali- und Kalksalze und sehr verschiedenartige organische Substanzen. Unter letztern sind die bei der Weinbildung und der Gesundheit der Weine am meisten betheiligten: das Ferment (der Gährungsstoff), der Zucker, der Schleim (Gummi), der Gerbestoff und die Farbstoffe.

Laub und Holz des Weinstocks sind reich an Kalisalzen. Den höchsten Salzgehalt bei Einäscherung der Blätter erhält man zur Zeit, |151| wo der Weinstock in voller Blüthe steht. Die Rinde enthält viel kohlensauren Kalk; im Mark und Kern herrschen phosphorsaure Kalksalze vor; der Wurzelstock und die starken Wurzeln geben bei der Einäscherung einen kleinern Rückstand als die Blätter, das junge Holz und die Wurzelzafern.

Bei den ersten Bewegungen der Vegetation enthält der Saft des Weinstocks essigsaures Kali und Ammoniaksalze; später entwickeln sich die Kalisalze und der Gerbestoff darin in starkem Verhältniß; im Herbst scheinen der Schleim, die Stärke und harzigen Substanzen vorzuherrschen.

Ich unterscheide vier Hauptperioden im Wachsthum des Weinstocks: 1) die Entwicklung der Knospe und des Stengels; zu diesem ersten Acte der Vegetation ist der Humus der Erde erforderlich; 2) die Entfaltung der Blüthe und das Ansetzen der Frucht; dieser Periode der Blüthe geht das Erscheinen neuer Zäserchen am Wurzelstock voraus (das saure weinsteinsaure Kali hat zu dieser Zeit das höchste Verhältniß im Blatte erreicht); 3) die Beere erhält ihre Größe, verliert ihre Härte und Undurchsichtigkeit und wird elastisch und durchsichtig (am Ende dieser Periode enthält die Beere das Maximum von saurem weinsteinsaurem Kali); 4) in der letzten Periode beginnt das Reifen der Frucht; das Zeitigen des Holzes und das Hervortreten der Ranken aus den Blattwinkeln finden in dieser Periode statt oder gehen ihr schon voraus; sie ist noch durch das Erscheinen weiterer Auswüchse an der Wurzel charakterisirt. Frühlingsreife, kalte Regen zur Blüthezeit, außerordentliche Trockne des Sommers, dann Regenfälle und Fröste im Herbst, sind die durch die Witterung veranlaßten Unglücksfälle beim Weinbau.

Durch ein sehr einfaches und genaues mechanisches Verfahren gelang es mir, den in den Traubenbeeren enthaltenen Saft in drei Theilen abzusondern. Indem ich diese Säfte gesondert analysirte, fand ich daß der innerhalb der Nahrung zuführenden Bänder des Kerns befindliche Saft vorzüglich reich ist an Schleim und Holzfaser; der Saft welcher der häutigen Hülle der Beere zunächst liegt, ist der zuckerreichste; der dazwischen liegende ist der sauerste und reichste an Gährungsstoff.

Die luftförmigen Flüssigkeiten welche man im Saft der Pflanze und der Beere findet, scheinen sich mehr im Zustand chemischer Verbindung als bloßer Auflösung zu befinden.

Der Kern ist von einem an Gerbestoff überaus reichen faserigen Häutchen umgeben. Die in der Traube enthaltene Menge Gerbestoffs |152| kann man unter übrigens gleichen Umständen als proportional betrachten dem Verhältniß welches zwischen dem Volum der in den Beeren enthaltenen Kerne und dem Volum der Beeren dieser Trauben besteht. Bei einigen Varietäten entwickelt sich dieses Häutchen mehr als bei andern.

Entblößt man den Kern mittelst verdünnter Schwefelsäure, so gibt die zurückbleibende knochige Hülle nur mehr Spuren von Gerbestoff; der Gerbestoff ist mithin dem Häutchen des Kerns eigenthümlich.

Die knochige Hülle des Kerns enthält eine, von einer sehr bittern Haut umgebene, ölige Mandel.

Die Farbstoffe haben ihren Sitz in der Haut der Beere unter der sie bekleidenden Epidermis; die Traube färbt sich unter dem Einfluß des Sonnenlichts, wo dasselbe von der durchsichtig gewordenen Beere absorbirt werden kann. Die Trauben sehr stark behangener Weinstöcke erhalten wenig Lichtstrahlen und sind daher minder reich an Farbstoff; ebenso verhält es sich mit dicht gebeerten Trauben und den unter dem getrübten Himmel eines regnerischen Herbstes gereiften Trauben.

Der Traubenkamm enthält (Gummi-) Schleime, Eiweißstoff, weinsteinsaure Salze, Gerbestoff etc., kurz alle Bestandtheile der Beeren; es waltet aber keiner derselben besonders vor und der Kamm gibt nur sehr wenig von ihnen an die Flüssigkeit ab, unter welcher er sich während der Gährung in der Kufe befindet; seine Wirksamkeit in der Kufe scheint sonach eine rein mechanische zu seyn.

Das Häutchen der Beere enthält ein sehr wohlriechendes flüchtiges Oel. Ein (im Herbst vorgenommenes) vollkommenes Ablauben des Stocks macht den Most seiner Trauben saurer und minder dicht.

Nachdem ich berechnet hatte, daß die drei Sprößlinge der Rebe, welche wir an dem Stock der Auvergner Traube (pineau) zu lassen pflegen, im Durchschnitt 88 Blätter tragen, die auf ihren beiden Seiten 140 Quadratdecimeter Oberfläche haben, fand ich, daß die Pflanze vermöge dieser Oberfläche der Atmosphäre ungefähr 90 Gramme Kohlenstoff entzieht; da aber die dieser Absorption entsprechende Traube im Mittel nur 19 Gramme Kohlenstoff repräsentirt, so schloß ich daraus, daß man einen bedeutenderen Theil des Endes der jungen Stämmchen abschneiden kann, als zur Ernährung der Frucht und des zurückbleibenden Holzes erforderlich ist. Durch dieses Verfahren, welches ich den Sommerschnitt (taille d'été) nannte, und welcher nach dem Verblühen vorgenommen wird, erhalte ich dem Boden einen guten Theil anorganischer Substanzen, die ihm das Rebholz, welches im nächsten Jahr abgeschnitten wird, zu reinem Verlust entzieht. Außerdem werden |153| die krautartigen Stengel beseitigt und unter die Erde gegraben, dienen folglich als Dünger; endlich hat deren Entfernung zur unmittelbaren Folge, daß die jungen belaubten Stöcke Trauben tragen, die unter bessern Verhältnissen wachsen als früher, indem durch dieses Verfahren die Früchte dem wohlthuenden Einfluß der Luft, des Lichts und der Wärme besser ausgesetzt werden.

Beim Weinbau in Burgund werden im Durchschnitt auf die Hektare Weinlands 25,700 Stöcke gepflanzt. Nimmt man nun 20 Hektoliter als das mittlere Erzeugniß der mit Auvergner Traube (pineau) bepflanzten Hektare an, so sehen wir, daß – da der Schnitt dem Wurzelstock durchschnittlich 131 Gramme Rebholz entzieht, ferner die Blätter und Blattstiele jedes Stocks 192 Gramme wiegen, endlich die (der Production von 20 Hektol. entsprechenden) 1,80 Trauben desselben Stocks 123 Gramme wiegen – eine Lese per Hektare 11,463 Kilogr. Substanzen entzieht, welche enthalten:

Wasser und flüchtige Stoffe 8,860
Kohlenstoff 2,247
auflösliche Salze 69,40
unauflösliche Salze 286,60
–––––––––
11,463

Der Herbstregen vermindert die Dichtigkeit des Mostes, schwellt die Beere an, vermehrt im Saft die wässerige Substanz und bringt außerdem eine neue Menge saurer Salze in denselben, wovon die letzte Folge eine Verspätung der Reife und die Röthung der Fruchthaut ist.

Die Fäulniß zerstört den Farbstoff und den Zucker und vermehrt den Schleim (das Gummi); der Most gefaulter Trauben ist dichter als von gesunden.

Der Most vor ihrer völligen Reife gefrorner Trauben enthält eine beträchtliche Menge Essigsäure.

Die vom Hagel getroffene Traube, deren Beere im Herbst gekeltert wurde, erfährt eine ganz besondere Desorganisation; ihr Parenchym wird undurchsichtig und sie hat einen üblen Geruch. Die Lebenskraft der Beere muß vom Hagel auf andere Weise zerstört werden, als durch das Treten, weil der Wein, welchen die vom Hagel getroffene Traube gibt, immer einen unangenehmen Nebengeschmack hat, wenn auch die Traube unmittelbar nach dem Einsammeln getreten wurde.

Hinsichtlich der Wirkung gewisser Lösungen auf das Wachsthum des Weinstocks fand ich, daß die Salzlösungen sehr schnell in die Circulation |154| der Pflanze aufgenommen werden. Auflösungen von Kochsalz und Eisenvitriol scheinen die Färbung des Laubes und ein kräftiges Wachsthum zu begünstigen.“

Wir haben den Inhalt dieser letzten Abhandlung so ausführlich mitgetheilt, weil er sowohl in physiologischer Hinsicht als für die landwirthschaftlichen Interessen sehr werthvoll ist.

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