Titel: Ueber die in Deutschland angestellten Versuche, den unter der Erde fortzuführenden Draht elektrischer Telegraphen mittelst Gutta-percha zu isoliren.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1849, Band 112/Miszelle 2 (S. 72–75)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj112/mi112mi01_2

Ueber die in Deutschland angestellten Versuche, den unter der Erde fortzuführenden Draht elektrischer Telegraphen mittelst Gutta-percha zu isoliren.

Ueber diesen Gegenstand theilt ein Correspondent in Birmingham, dd. 24. Januar 1849 im Mechanics' Magazine Nr. 1330 Folgendes mit:

„Ein Bericht in den Times über einige Versuche, welche neulich im Auftrag der südöstlichen Eisenbahn-Compagnie unter der Leitung des Hrn. Walker angestellt wurden, um das Isolirvermögen der Gutta-percha als Ueberzug des Leitungsdrahts |73| zu bestimmen, veranlaßt mich Nachstehendes über ähnliche und entscheidende Versuche zu veröffentlichen, welche das preußische Gouvernement unter der Leitung des Artillerie-Officiers Hrn. Werner Siemens unlängst in großem Maaßstabe anstellen ließ.

Hr. W. Siemens begann seine Versuche über das Isolirvermögen der Gutta-percha, des Kautschuks und ähnlicher Substanzen, während des Winters 1847–48, in der Absicht, den unter der Erde fortzuführenden Draht seines elektrischen Telegraphen mit einem vollkommen isolirenden Ueberzug zu versehen. Er erhielt damals in Preußen ein Patent für seinen elektrischen Telegraphen, welcher als ganz eigenthümlich betrachtet wird und sich von allen anderen unterscheidet, indem er für sich einen vollständigen elektrischen Apparat bildet, in welchem das elektrische Fluidum der alleinige Motor, sein eigener Regulator und Drucker ist – was den Vortheil gewährt, daß er sich allen Unregelmäßigkeiten der Batteriestärke anpaßt (vorausgesetzt, daß dieselbe nicht unter ein gewisses Minimum sinkt; daß er bis zu einem gewissen Grade schlechte Ströme zunutzemacht, sehr leicht zu handhaben ist und nur eine einzige Drahtlinie erfordert.

Im Sommer 1847 erhielt Hr. Siemens Erlaubniß seinen Telegraphen auf der Eisenbahn zwischen Berlin und Potsdam (eine Entfernung von etwa 15 engl. Meilen) zu versuchen, wo er seitdem statt des früher angewandten Zeigertelegraphen fortwährend in Gebrauch war. Um ein allgemeines Vorurtheil gegen die Einführung elektrischer Telegraphen zu beseitigen – es entstand durch die großen Kosten, welche die Fortleitung des Drahtes durch die Luft mittelst Stangen veranlaßt, wobei durch starken Regen, Stürme etc. häufige Unterbrechungen fast unvermeidlich sind – nahm Hr. Siemens seine Versuche über das Isoliren des Drahts mit allem Eifer nochmals auf. Die Gutta-percha glaubte er zu diesem Zweck verwerfen zu müssen, wegen ihrer Neigung ein Hydrat zu werden, in welchem Zustand sie ein Leiter der Elektricität ist; er versuchte daher einen 4 engl. Meilen langen mit Kautschuk überzogenen Draht, welcher 30 Zoll unter die Oberfläche des Bodens eingegraben wurde. Die Isolirung war jedoch unvollkommen; und nachdem er seine Methode, sowohl die Gutta-percha wasserfrei zu machen, als auch den Draht (zwischen gekerbten Walzen) mit ihr zu überziehen, verbessert hatte, kehrte er zu dieser Substanz zurück und vollendete eine Drahtlänge von 13 engl. Meilen, welche längs der Eisenbahn zwischen Berlin und Großbeeren 30 Zoll tief eingegraben wurde. Der Ueberzug dieser Drahtlinie war an wenigen Stellen unvollkommen, welche jedoch mittelst eines neuen Inductionsprocesses bald entdeckt und ausgebessert wurden; seitdem (etwa 18 Monate) war die Drahtlinie zur vollkommenen Zufriedenheit beständig in Gebrauch.

Im März 1848 bot sich eine Gelegenheit dar, den Gutta-percha-Ueberzug einer strengeren Probe zu unterziehen. Die provisorische Regierung von Schleswig-Holstein beauftragte Hrn. Siemens gemeinschaftlich mit Prof. Himly den Hafen von Kiel gegen feindliche Kriegsschiffe in Vertheidigungsstand zu setzen. Die gegebene Zeit gestattete keine ausgedehnten Vorbereitungen. Es wurden große Säcke aus Gutta-percha angefertigt, deren jeder zwischen 2000 und 3000 Pfd. Schießpulver faßte; nachdem sie gefüllt und hermetisch verschlossen worden waren, versenkte man sie mittelst Ballast an verschiedenen Stellen des tiefen Wasserbetts. Jeder von ihnen war mit einem unter der Erde fortgeführten Draht versehen und mit einem Leitungsdraht, welcher längs des Bodens der See zu einer Centralstation führte, wo jede Mine nach Belieben entzündet werden konnte, um ein in ihren Bereich kommendes feindliches Schiff zu zerstören. Instrumente waren so angebracht, daß sie dem functionirenden Beamten die genaue Lage jeder Mine anzeigten. Diese Drähte wurden von Zeit zu Zeit probirt, wobei sich herausstellte, daß sie während mehrerer Monate in gutem Zustande blieben; nach und nach veränderte sich aber ihr Aussehen und nachdem sie sechs Monate in der See gelegen hatten, war die Gutta-percha in ein vollkommenes Hydrat verwandelt, welches die Eigenschaft zu isoliren gar nicht mehr besaß. Ueberzogene Drähte, welche eben so lange Zeit in frisches Wasser eingetaucht waren, zeigten deutlich einige Veränderung, aber nur in sehr schwachem Grade. Diese Resultate veranlaßten Hrn. Siemens neue Versuche anzustellen; es gelang ihm endlich eine Gutta-percha-Composition zu bereiten, welche – soviel sich bis jetzt ergab – keine Verwandtschaft zum Wasser hat.

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Dieser Ueberzug, welcher ohne Zweifel völlige Sicherheit darbietet, wird jetzt für die Drähte aller elektrischen Telegraphen angewandt, welche das preußische Gouvernement herstellen läßt. Hr. Siemens hat unlängst die telegraphische Verbindung zwischen Berlin und Frankfurt a. M. vollendet (eine Entfernung von 445 engl. Meilen); eine andere telegraphische Linie, welche Berlin mit Köln verbinden soll, ist bereits bis Magdeburg hergestellt.

Aller zu diesen Leitungen verwendete Kupferdraht wurde mittelst einer einzigen Maschine überzogen, welche Hr. Siemens und Hr. Halske mit einander construirt haben. Sie besteht aus einem horizontalen Cylinder mit einem beweglichen Kolben; eine Kammer am Ende dieses Cylinders ist mit sechzehn Löchern durchbohrt, von denen acht durch den Boden gehen und denselben Durchmesser wie der Draht selbst haben; die übrigen acht gehen durch die obere Seite, befinden sich den im Boden angebrachten Löchern genau gegenüber und haben den Durchmesser, welchen der überzogene Draht bekommen soll. Man steckt acht einzelne Drähte durch die Bodenlöcher; der Cylinder wird mäßig erwärmt und mit der Gutta-percha-Composition gefüllt, worauf man den Kolben vorwärts treibt; indem derselbe die halbflüssige Masse durch die größeren Löcher preßt, reißt sie die überzogenen Drähte merkwürdig schnell mit sich; der Draht selbst wird dabei nur in Folge seiner Adhäsion zu der ihn umgebenden Gutta-percha herausgetrieben.

Wo der überzogene Draht durch große Flüsse, wie die Elbe, Weser etc. geführt werden mußte, schloß ihn Hr. Siemens in eiserne Röhren ein, um ihn gegen Beschädigung zu sichern.“

* * *

Ein faßlich geschriebenes Werkchen, welches Jeden, der Interesse an der Sache hat, in Stand setzt auch ohne specielle Vorkenntnisse die elektromagnetische Telegraphie kennen zu lernen, erschien Ende v. J. unter dem Titel: Die elektromagnetische Telegraphie oder leichtfaßliche und specielle Beschreibung der vorzüglichsten elektromagnetischen Telegraphen-Apparate und die Anwendung derselben in der Praxis, von L. Drescher. 4to (38 Seiten). Mit 4 Tafeln Abbildungen. Kassel, Verlag von Th. Fischer. 1848.“

Textabbildung Bd. 112, S. 74

Bei dieser Gelegenheit wollen wir auf ein Specialwerk über die elektrische Telegraphie aufmerksam machen, welches unlängst in Frankreich erschien und worin dieser Gegenstand in seiner Entwicklung bis zu seinem gegenwärtigen Standpunkt in jeder Hinsicht erschöpfend behandelt ist; Verfasser desselben ist der auch in Deutschland durch sein Handbuch der Differential- und Integralrechnung bekannte Abt Moigno; es führt den Titel: Traité de Télégraphie électrique, contenant son Histoire, sa Théorie et la description des Appareils, avec les deux Memoires de M. Wheatstone sur la vitesse et la détermination des constantes de l'électricité et un Mémoire inédit d'Ampère sur la Théorie |75| électro-chimique; par Mr. l'Abbé Moigno. Avec 16 planches. Paris. A. Franck, libraire-éditeur. 1849.“

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