Titel: Ueber Locomotiven.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1849, Band 112/Miszelle 1 (S. 154–155)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj112/mi112mi02_1

Ueber Locomotiven.

In den Werkstätten der Eisenbahn von Paris nach Orleans wurde kürzlich unter der Leitung des Ober-Ingenieurs Camille Polonceau ein sehr interessanter Versuch angestellt. Der Ober-Ingenieur des Bergwesens, Lechatellier, war im Lauf seiner ausgedehnten und gründlichen Untersuchungen über die Ursachen des Deraillirens der Locomotiven durch Berechnung zu der Ueberzeugung gelangt, daß diese Ursachen zu einem nicht kleinen Theil in den Störungen des Gleichgewichts liegen, welche die Bewegung der einzelnen Maschinentheile bewirkt. Seiner Ansicht nach konnte das Zusammenwirken der senkrechten und der wagrechten Schwankungen, welche durch das Spiel der die Arbeit des Dampfes übertragenden Maschinentheile bewirkt werden, in vielen Fällen hinreichen, um die Locomotive aus dem Geleise zu bringen. Indem er die Wirkungen der in diesem Sinne thätigen Kräfte in ihren respectiven Entfernungen vom Schwerpunkte der Maschine betrachtete, gelangte er zu einer annähernden Bemessung des Einflusses jener Schwankungen auf den Gang der Locomotive, und es war nun die Aufgabe, die Richtigkeit seiner Berechnungen durch einen Versuch zu prüfen, welcher darin bestand, daß man eine in voller Arbeit befindliche Locomotive von dem Einflusse der Reibung der Räder auf den Schienen befreite, d.h. über dem Boden aufhängte.

Eine Stephenson'sche Locomotive von dem System derer, welche auf der französischen Nordbahn gehen, wurde an vier Punkten aufgehängt, geheizt und in Gang gesetzt. Bleistifte, welche an den Winkeln des Rahmens der Maschine befestigt waren, zeichneten die Schwankungen auf und gaben hiedurch das Maaß derselben an, während die Geschwindigkeit der Bewegung der Locomotive nach der Zahl der Umdrehungen der Räder bemessen und neben den durch die Bleistifte verzeichneten Schwankungen bemerkt werden konnte. Das Resultat des Versuches bestätigte die Angaben von Lechatellier auf eine merkwürdige Weise; die Schwankungen ergaben sich genau so wie er sie bestimmt hatte, und die Masse der Locomotive bewegte sich unter dem Einfluß der durch das Spiel ihrer Theile bewirkten Störungen des Gleichgewichts mit vollkommener Regelmäßigkeit.

Man versuchte nun die beobachteten Schwankungen, wenigstens die wagrechten, welche hauptsächlich als Ursachen des Deraillirens der Locomotive anzusehen sind, zu paralysiren, indem man die arbeitenden Maschinentheile in Rücksicht auf die Achse der Locomotive ins Gleichgewicht setzte. Gegengewichte, deren Größe man berechnete, wurden an den Rädern angebracht, die Locomotive sofort wieder in Gang gesetzt und die Schwankungen waren verschwunden. Der Versuch wurde nun auf der Bahn wiederholt und die Locomotive erst ohne und dann mit Gegengewichten mit einer Geschwindigkeit von 90 Kilometern die Stunde in Bewegung gesetzt. Man erhielt dieselben Resultate. Ohne Gegengewichte zeigte die Locomotive die bekannten Schwankungen |155| in der geradlinigen Bewegung. Mit Gegengewichten bewegte sich die Locomotive vollkommen regelmäßig und ohne die mindeste Schwankung in der Achse des Geleises. (Eisenbahnzeitung, Januar 1849, N. 949.)

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