Titel: Der Handel mit Schweinen in den nordamerikanischen Vereinigten Staaten.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1849, Band 112/Miszelle 9 (S. 238–240)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj112/mi112mi03_9

Der Handel mit Schweinen in den nordamerikanischen Vereinigten Staaten.

Folgende genauere Angaben über den Schweinehandel in den Vereinigten Staaten sind einem amtlichen Berichte entnommen.

Die Stadt Cincinnati ist der Mittelpunkt einer unermeßlichen Getreidegegend, in welcher Schweinezucht getrieben wird; es ist dieß der größte Markt für diese |239| Thiere in Amerika, vielleicht in der ganzen Welt. Der Handel mit dem Fleisch und den übrigen Producten vom Schweine für die innern und fremden Märkte datirt zwar schon von 26 Jahren, hat aber erst seit dem Jahr 1833 seine große Wichtigkeit erreicht. Seit diesem Jahr, wo 85,000 Stücke geschlachtet wurden, nahm dieser Handel bis zum Jahr 1847 allmählich zu, so daß er jetzt 250,000 Stück beträgt.

Die Zeit der Arbeit mit den Schweinen beginnt mit dem 8–10 Nov. wo sie von den Pächtern unmittelbar an die Handelsleute oder Fabricanten verkauft werden. Wenn die Anzahl ihrer Heerden es gestattet, bringen manche Pächter in einem einzigen Jahrgang bis 1000 Schweine zu Markt; Heerden von 100 bis 300 Stück aber sind die gewöhnlichsten. Es wurde übrigens berechnet daß


420,000 Stück gegeben haben
75,000 Kilogr.
10,500,000 „
6,900,000 „
frisches Schweinefleisch.
Speck
Schweineschmalz.

Dieses sind die Producte, welche nur die Handelsleute daraus gewinnen, die sie nämlich aus den Hintervierteln, den Bugstücken, den Seitenstücken, dem Bauchfett, der Brust und einem kleinen Theil der Backentaschen bereiten.

Das zu Cincinnati bereitete Fett wird nach der Havanna verführt, wo man sich dessen, außer dem hauswirthschaftlichen Gebrauche wie in den Vereinigten Staaten, noch anstatt der Butter bedient. Auch schifft man es in den Häfen des atlantischen Meeres zum örtlichen Verbrauch, oder behufs der Ausfuhr nach Frankreich ein, bald im rohen Zustande, bald als Schweinefettöl (Olein), von welchem im Osten der Vereinigten Staaten große Quantitäten bereitet werden.

Es befindet sich zu Cincinnati ein Haus, wo außer der Bereitung von Schinken, Speck etc. das im übrigen Körper des Schweins enthaltene Fett im Großen gewonnen wird. Dieses Haus verarbeitete im Jahr 1847 etwa 30,000 Stück. Man sieht hier große kreisförmige Räume, deren sechs einen Rauminhalt von 70 Hektoliter haben und zur Aufnahme der ganzen geschlachteten und abgezogenen Thiere mit Ausnahme der Schinken bestimmt sind; in einem siebenten Raum von 30 Hektoliter Inhalt wird die Masse der Einwirkung des Wasserdampfes unter einem Druck von ungefähr 5 Kilogr. per Quadrat-Centimeter ausgesetzt, um alles, sogar die Knochen, in eine breiartige Masse zu verwandeln. Die Fettsubstanzen werden mittelst Hähnen abgelassen und der Rückstand, welcher fast bloß aus erdiger Substanz besteht, wird zum Düngen der Felder verwendet.

Außer den in diese Fabrik gelieferten ganzen geschlachteten Thieren, kommen ihr noch aus andern Etablissements wo Schweine verarbeitet werden, ungeheure Mengen von Köpfen Rippenstücken, Rückgraten, Schweifen, Füßen etc. zu, die hier behufs der Gewinnung des Fetts ebenso behandelt werden. Dieses Etablissement lieferte während des Feldzugs im Jahr 1847 1,300,000 Kilogr. Schweinefett, wovon fünf Achtheile erster Qualität waren. Nichts übertrifft an Weise und Schönheit dieses Fett. Durchschnittlich werden in diesen Hallen täglich 600 Schweine verarbeitet.

Wir kommen nun auf die Fabrication dessen, was in den Vereinigten Staaten Specköl (lard-oil), Schweinefettöl, genannt wird. Es existiren für dieses Geschäft in Cincinnati etwa 30 mehr oder weniger große Etablissements. Das bedeutendste von allen, bereitete bisher an solchem Oel (Oleïn) und an solchem Stearin monatlich 70,000 Kilogr.; durch die große Vermehrung der Schweine aber im Jahr 1847 muß dieses Quantum sich etwa um 50 Procent gesteigert haben. Ungefähr 5,500,000 Kilogr. Schweineschmalz wurden im Jahr 1847 verarbeitet; davon bestanden zwei Siebentheile in Stearin und das übrige in Oel; man erhielt 24,000 Fässer Oel, jedes von 191 bis 192 Liter Inhalt. Dieses Oel wird in die Städte am Ufer des atlantischen Meeres und in andere Länder verführt. Das Schweinefettöl, abgesehen von seinem Verkauf als das, was es wirklich ist wird in ungeheurer Menge nach den östlichen Staaten zum Verfälschen des Spermacet, nach Frankreich zum Verfälschen des Olivenöls verführt. Die französischen Kaufleute sollen im Stande seyn 65 bis 70 Procent Schweinefettöl in das Olivenöl zu bringen; man erkennt diese Verfälschung aber immer leicht durch die Ablagerung von Stearin, wovon stets kleine zurückgebliebene Antheile sich auf dem Boden der Flaschen oder Gefäße ansammeln.

Das aus dem Schweineschmalz erhaltene Stearin wird in einer hydraulischen |240| Presse ausgepreßt, wodurch ungefähr drei Achtheile unreines Olein daraus erhalten werden. Dieses wird zur Bereitung von Seife, das Stearin zur Darstellung von Kerzen verwendet. In den Etablissements zu Cincinnati wurden im Jahr 1847 wenigstens 1,500,000 Kilogr. rohes Stearin bereitet, die zu Kerzen und Seife verarbeitet wurden. Es werden das ganze Jahr hindurch täglich beiläufig 3000 Kilogr. Kerzen fabricirt.

Nach dem Schlachten der Thiere werden die Rückstände, das Klein, die Eingeweide etc., welche noch Fett geben können, in Auskochkessel gebracht, in welchen auch die durch Krankheit oder Unglücksfälle gefallenen Schweine, oder das durch ungünstige Witterung oder Mangel an Sorgfalt verdorbene Fleisch behandelt werden. Das so erhaltene Fett dient zur Seifenbereitung. Ueber 80 Procent aller in den Vereinigten Staaten zur Seifenbereitung dienenden Fettsubstanzen sind Schweinefett. Von ordinärer Seife werden wöchentlich 50,000 Kilogr. bereitet, die feinen, weichen und theueren Seifen ungerechnet.

Aus den Schweinshüfchen (Klauen) wird Leim in bedeutender Menge bereitet.

Die Theile endlich aus welchen kein Fett gewonnen werden kann, wie die härtesten Theile der Klauen, die Därme etc. werden an die Blutlaugensalz-Fabriken verkauft, so auch die Speckgrieben oder Rückstände vom Auspressen der Fettsubstanzen und das Blut der Schweine.

Mehr als drei Viertheile der Ausfuhr dieser Producte kommen auf die englischen Colonien in Südamerika und die ostindischen Inseln.

Während des Feldzugs von 1847 und dem vorhergehenden wurden Thiere geschlachtet, die ihrem Gewicht nach beispielsweise in folgende Abtheilungen zerfallen:

7 Schweine im mittleren Gewicht von 326 Kilogr.
5 – – – 290 –
22 – – – 183 –
50 – – – 151 –
52 – – – 150 –
320 – – – 144 –
957 – – – 138 –

Diese Fabrication zu Cincinnati gewährt den Vortheil, daß Tausende gerade zu einer Zeit beschäftigt werden, wo es auf dem Felde nichts zu thun gibt. So befinden sich vor der Stadt 1500 Schäffler, welche bloß Gebinde zum Verpacken der Fettsubstanzen und Fässer für Speck und Schinken zu solcher Zeit verfertigen, während auf dem Lande eine Menge Leute mit dem Schneiden von Dauben, Faßböden, Reifen etc. zu demselben Behufe beschäftigt sind, und Andere eine Unzahl Kisten zur Versendung des Specks nach der Havanna und den europäischen Märkten anfertigen. Auch viele Zinnbüchsen werden zur Verpackung von Fetten verbraucht. Kurz, ein Drittel des Jahres werden eine Menge Menschen durch diese Fabrication beschäftigt.

Die Zählung der Schweine in den Vereinigten Staaten im Jahr 1840 ergab 26,301,293 Stück Seitdem haben sie aber besonders in den westlichen Staaten, wo es Getreide in Fülle gibt, noch bedeutend zugenommen, so daß man 45,000,000 annehmen kann. Beiläufig dieselbe Anzahl rechnet Mac-Culloch auf ganz Europa, wo sie sich seitdem schwerlich vermehrt haben.

Die Anzahl der im Jahr 1847 im Mississippi-Thal geschlachteten Schweine beträgt 1,500,000, wovon 28 Procent oder über ein Viertheil für den Markt zu Cincinnati verwendet wurde. (Aus dem Agriculteur-Praticien, Febr. 1849.)

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