Titel: Der Eishandel der Vereinigten Staaten Nordamerika's.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1849, Band 112/Miszelle 15 (S. 465–468)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj112/mi112mi06_15

Der Eishandel der Vereinigten Staaten Nordamerika's.

Zwei Eigenschaften sind es, durch welche, unter den handeltreibenden Völkern der jetzigen Generation, die Bewohner des nordamerikanischen Freistaates sich bekanntlich auszeichnen – die Kühnheit ihres Unternehmungsgeistes und ihre Ausdauer im Verfolg seiner Eingebungen. Liegt es auch in der Natur der erstern, manchmal Maaß und Gränze zu verkennen, so bietet doch die letztere das versöhnende Element dar, denn nur ihm können so manche Erfolge zugeschrieben werden, die doch sonst in der Wiege erstickt geblieben wären. Ein auffallendes Beispiel hiervon gibt die Dampfschifffahrt, von der wir ein andermal zu reden uns vorbehalten. Für dießmal haben wir es mit dem Eishandel der Vereinigten Staaten zu thun, dessen Beginn vor länger als 40 Jahren für die Vision eines kranken Geistes angesehen war und der im Jahre 1847, mittelst geringer Capitalauslage für Unkosten, den darin Betheiligten keine geringere Summe als eine halbe Million Dollars eingebracht hat – allerdings nur ein mäßiger Beitrag zu der Fluth der Zuflüsse des allgemeinen Verkehrs des großen Freiheitsstaates, aber, als Theil des Ganzen, kein ganz unbedeutender.

Die erste Eisverschiffung aus einem nordamerikanischen Hafen ward im Jahr 1805 von einem jungen Manne aus einer angesehenen Familie, Namens Friedrich Tudor, aus Boston, versucht. Er hatte früher Europa besucht und in den Umgebungen des mittelländischen Meeres, zumal in Neapel, wo die Regierung für regelmäßige Contractlieferungen von Eis sorgt, das Maaß der Genüsse kennen gelernt, welches den Einwohnern der wohlfeile Consum dieses Artikels zufließen läßt. Nachdem er sich durch ein Paar ausgesandte Agenten über den Zustand der Dinge in den westindischen Inseln belehrt hatte, entschloß er sich, ein Schiff zu befrachten und ihm eine Ladung Eis nach St. Pierre in Martinique mitzugeben; als man aber den Artikel nennen hörte, den er nach einem tropischen Klima verschiffen wollte, trat jeder Rheder mit Achselzucken zurück und es blieb Hrn. Tudor nichts übrig, als ein Fahrzeug, das Briggschiff Favorite von 130 Tonnen, käuflich an sich zu bringen, es aus einem Teiche in dem Dorfe Saugus, der seinem Vater gehörte, mit Eis zu beladen und es selbst an den Markt zu bringen.

Dieser erste Versuch war kein glücklicher und kostete dem Unternehmer 4500 Dollars, ohne daß Tudor sich dadurch abschrecken ließ. Im Gegentheil, er wiederholte |466| denselben mit theilweisem Erfolg nach Martinique und nach Jamaica, bis endlich der Embargo in den Vereinigten Staaten und der ihm folgende Krieg mit England ihm vier Jahre lang und darüber das Handwerk legten. Nach Abschluß des Friedens zu Gent im December 1814 begann Tudor seine Unternehmungen mit erneutem Eifer und zwar auf einer sicheren Grundlage, indem es ihm gelang, mit der Regierung zu Cuba Contracte zu schließen, sich gegen Verluste sicher zu stellen und Havanna reichlich mit Eis zu versorgen. Sodann dehnte er im Jahr 1817 diese Verschiffungen nach Charleston S. C. aus. im Jahr 1818 nach Havanna und im Jahr 1820 nach New-Orleans. Hier war ihm jedoch der Vorsprung von einem Kentuckier abgewonnen worden, der ein Jahr vorher die erste Ladung Eis aus dem Ohio, in Stroh gepackt, mittelst eines sogenannten Flachbootes – flatboat – den Mississippi hinunter zu bringen wagte, wo die ersten hundert Centner zu dem unerhörten Preise von 25 Cents Käufer fanden. Der Kentuckier begnügte sich dann mit 15, 12 1/2, endlich 10 Cents, bis ihm zuletzt bei dem Entschluß, für den Rest seiner Ladung auf seinem Preis zu bestehen, dieselbe unter den Händen schmolz. Glücklicherweise war kein Capital dafür ausgelegt worden. Späterhin fanden sich Concurrenten in dem Eishandel nach Martinique und St. Thomas, die aber ohne Erfolg arbeiteten: selbst Tudor hatte in seinen dreijährigen Verschiffungen nach St. Thomas kein besseres Glück.

Am 18 Mai 1833 unternahm Tudor zuerst eine Eisverschiffung nach Ostindien. An diesem Tage ging das von ihm mit Eis beladene Schiff Tuscany nach Calcutta ab, und seit der Zeit hat er seine Versendungen dahin, nach Madras und nach Bombay, regelmäßig fortgesetzt. Bis zu Ende 1832 blieb der Handel ausschließlich in seinen Händen, obgleich es nicht an Concurrenten gefehlt hatte, die jedoch bald abgeschreckt wurden; der Fortschritt war indessen ein langsamer, denn Alles was Tudor, der sein Eis aus Freshpond in Cambridge, in der Nachbarschaft Bostons, nahm, bis Ende 1832 verschifft hatte, überstieg keine 4350 Tonnen. Zugleich war bis dahin das Geschäft ein sehr schwieriges und verwickeltes gewesen. Rheder wollten in der Regel nichts davon hören, da sie um die Dauer ihrer Schiffe und um die Sicherheit der Reise unüberwindliche Besorgnisse empfanden – es mangelte sodann in den Abgangs- und Bestimmungshäfen an Eishäusern, d. i. an Lagern zum Empfang der Ladungen: und über die zweckmäßige Methode ihrer Erbauung herrschten Zweifel. Der Bau der für einen solchen Handel tauglichen Schiffe führte zu zahllosen und kostspieligen Experimenten. Nicht minder kostspielig fielen auch die mannichfaltigen Versuche aus, zweckmäßige Maschinen für das Schneiden und Verschiffen, für das Aufstapeln in den Lagern und das Stauen in den Schiffen der großen Eisblöcke zu erfinden.

Man hat jetzt die meisten dieser Schwierigkeiten überwunden, und seit 1832 hat der Handel zwar keine Riesenschritte gemacht, aber bedeutend zugenommen, Nutzen abgeworfen und verspricht für die nächste Zukunft beides – Zunahme und Gewinn. Auch ist er in mehrere Hände gefallen, die ganze Methode gehörig systematisirt und die Kenntniß derselben allgemeiner verbreitet.

Das Eis wird hauptsächlich aus den beiden kleinen Seen oder Teichen Fresh- und Spy-Ponds genommen und wird dann über die eigens dazu erbaute Charlestoner Zweig-Eisenbahn an das Ufer gebracht. Ganz kürzlich hat man an den meisten in der Nachbarschaft Bostons belegenen Teichen Eisanstalten erbaut, und wahrscheinlich wird in wenigen Jahren das Product aller dieser Gewässer erforderlich seyn, um den Handel zu versorgen.

Im Jahr 1839 hatte die außerordentliche Quantität Eis, welche aus Freshpond geholt ward, und die unter den verschiedenen Eigenthümern seiner Ufer entstandenen Schwierigkeiten über den besonderen Bezirk, wo es einem jeden erlaubt seyn sollte sein Quantum herausschneiden zu lassen, dieselben zu einer Gränzbestimmung geneigt gemacht, und somit ward die Entscheidung einem besonderen Ausschuß übertragen, der aus den HHrn. Simon Greenleaf, Levi Farwell und S. M. Felton bestand. Dieser Entscheidung gemäß ward einem jeden Eigenthümer so viel Oberfläche Eis zuerkannt, als das Verhältniß seiner Uferlinie zu dem ganzen Umfang des kleinen Sees oder Teiches betrug. Hierüber ward eine regelmäßige Theilungsurkunde (partition deed) ausgefertigt, von den verschiedenen Eigenthümern |467| unterschrieben und vollzogen und in dem Einregistrirungsamt der Grafschaft Middlesex gehörig legitimirt. Sodann wurden vollständige Karten gemacht, ausgetheilt und an allen öffentlichen Orten angeschlagen. Sie bezeichnen jedem Eigenthümer der Uferlinie seine Gränze und die ganze Ausdehnung des ihm zukommenden Flächengehalts, wodurch dann ein jeder genau wissen kann, wie viel Eis ihm zukommt.

Am Schlusse des Jahres 1847 betrugen die Eisverschiffungen aus Boston allein 74,478 Tonnen, und zwar:

Nach den südlichen Häfen der Vereinigten Staaten, von
Philadelphia bis Galveston incl., mittelst 49 dreimastiger Schiffe,
39 Bark- und 45 Briggschiffe, 125 Schooners, in allem 258
Fahrzeuge



51,887 Tonnen.
Nach den westindischen Häfen, nach Pernambuco, Rio de
Janeiro, Mauritius, der Insel Bourbon, Manilla, Calcutta, Madras,
Bombay, Ceylon, Hongkong, Whampoa, Batavia und Liverpool,
mittelst 21 Schiffen, 24 Bark- und 38 Briggschiffen und 12 Schooners,
in allem 95 Fahrzeuge




22,591 Tonnen.
––––––––––––––
Totalquantität 74,478 Tonnen.

Zur Berechnung des Ertrags und Gewinns dieses Theils der Eisverschiffungen mag folgender Fingerzeig dienen:

Die im Jahr 1847 für Eisladungen bezahlte Fracht kann
durchschnittlich auf 2 1/2 Dollars per Tonne geschätzt werden, beträgt
demnach für 74,478 Tonnen


186,195 Dollars.
Die genauen Kosten der Eisgewinnung sind schwer zu
berechnen, da sie mehr oder weniger von der Strenge des Winters,
von den zu längeren oder kürzeren Reisen erforderlichen
Vorkehrungen, oder von den Jahreszeiten abhängen, in denen die
Verschiffungen stattfinden; aber man glaubt, in Betracht aller
dieser Umstände, sich eben nicht von der Wahrheit zu entfernen,
wenn man die Durchschnittskosten des Eises bis an Bord zu 2
Dollars per Tonne annimmt, mithin bestände die Auslage in







148,916 Dollars.
Ferner wurden im Jahr 1847 . . 29 Ladungen Früchte,
Gemüse und anderer Provisionen, in Eis gepackt, nach Barbadoes,
Trinidad, Demarara, Antigua, St. Vincent, Guadeloupe, St.
Thomas, Honduras und Calcutta verschifft, welche im Durchschnitt
2500 Doll. Auslage erforderten, also




72,500 Dollars.
Der Nettogewinn für die Unternehmung kann mäßigerweise
auf

100,000 Dollars.
–––––––––––––
geschätzt werden, die Retouren des Handels ergeben demnach 507,651 Dollars.
Der reine Gewinn, mit Inbegriff der Fracht, wäre folglich 286,195 Dollars
oder, außer dem gewonnenen Arbeitslohn, ungefähr 134 3/4 Proc.

Man kann aber füglich den Gesammtbetrag der Retouren dieses Handels in dem Lichte eines reinen Gewinnes für das Land betrachten, denn das Eis selbst, die darauf verwendete Arbeit, die Anstalten zur Erhaltung und zum Transport desselben, würden werthlos seyn, wenn der Handel nicht existirte.

Unbezweifelt hat der Eishandel auch zu der Vermehrung der Handelsmarine der Vereinigten Staaten keinen unwesentlichen Beitrag geliefert. Ein großer Theil der mit dem Frachtfahren beschäftigten Schiffe Bostons segelte bisher in Ballast, indem sie auf den Frachtgewinn durch Baumwolle, Tabak, Reis, Zucker u.a. Verschiffungen in den südlichen Häfen rechneten; sie hatten mit den europäischen Schiffen, die eine Fracht nach Boston brachten und ihre Rückladungen in den südlichen Häfen erhielten, manchmal eine beschwerliche Concurrenz zu bestehen. Jetzt können eben diese für Verschiffungen von Eis eine mäßige Fracht ernten. Der Eishandel hat nur dort Verluste gelassen, wo gute Retourfrachten schwer zu finden waren, aus der |468| einfachen Ursache, daß er zur Bezahlung einer Doppelfracht nicht ergiebig genug ist.

Die Verkaufspreise des Eises regeln sich natürlich, je nachdem größere oder geringere Concurrenz der Verkäufer eintritt. In Havanna, wo ein Monopol herrscht, wird es zu 6 1/4. Cents per Pfund verkauft; auch hat dort der Absatz der im Jahr 1832 aus 1112 Tonnen bestand, seitdem nicht zugenommen; in New-Orleans aber, wo es von einem halben Cent bis zu 3 Cents pr. Pfd. bezahlt wird, ist er in eben dieser Zeit von 2310 Tonnen bis auf 29,000 Tonnen gestiegen.

Der Eisverbrauch in und in der unmittelbaren Nachbarschaft Bostons während des Jahres 1847 bestand aus 27,000 Tonnen. Der Brutto-Ertrag der in Boston abgelieferten 27,000 Tonnen war 72,000 Doll., aus denen den Eigenthümern der Eisfelder ein Netto-Gewinn von 18,135 Doll. zugeflossen ist. Die in und um Boston erbauten Eislager bestehen außer den zum Behuf des Uebergangstransportes in Charleston und Ost-Boston errichteten Lagern, aus acht an der Zahl, und können zu einer Zeit 141,332 Tonnen Eis aufnehmen. Sämmtliche jetzt gebrauchte Lager sind oberhalb des Bodens errichtet, in südlicheren Klimas mit einem größeren Kostenaufwand als in nördlichen, und der Schutz des Eises liegt in dem Luftraum zwischen den doppelten Wällen, welche manchmal vier Fuß dick sind. Bauten der letzteren Art sind sehr kostspielig, sie gewähren aber vollkommenen Schutz selbst gegen Feuersbrünste.

Das Aufschneiden des Eises geschieht mittelst einer eigens dazu erfundenen Maschine, die, einem Pfluge nicht unähnlich, von zwei Pferden gezogen wird und seit ihrer Erfindung allmählich so verbessert worden ist, daß jetzt bei günstigem Wetter in Einem Tage mehr Eis gewonnen und zum Verschiffen vorbereitet werden kann, als ehemals zur Versorgung des ganzen Handels von 1832 genügt haben würde. Wenn das Eis die gehörige Dicke, etwa 5 Zoll, erreicht hat und von Schnee befreit worden ist, beginnt die Maschine ihre Functionen, das Eis wird in Blöcke zerschnitten, die ungefähr 22 Quadratzoll messen, sogleich in die dazu bestimmten Lager abgeführt, durch Pferdekraft regelmäßig aufgestapelt und wenn das Lager vollkommen gefüllt, unter hermetisch geschlossenen Thüren bis zum Augenblick der Verschiffung sorgfältig bewahrt. Sobald dieser eintritt, wird das Eis am Schiffsufer mittelst eigens dazu verfertigter Wägmaschinen gewogen, und somit auf einmal das Gewicht bestimmt, nach welchem der Verkäufer die Schiffsfracht und endlich die Kosten des Transportes auf der Eisenbahn bezahlt werden. (Aus der deutschen Handelszeitung.)

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