Titel: Bericht über Claußens mechanischen Handwebestuhl.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1850, Band 115/Miszelle 2 (S. 153–155)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj115/mi115mi02_2

Bericht über Claußens mechanischen Handwebestuhl.

Der in Belgien von Dr. Porter erfundene mechanische Handwebestuhl, welcher durch Cession der Patente an die HHrn. Claußen und Comp. überging, wurde zuletzt nach den Mittheilungen des Mechanics' Magazine im polytechn. Journal Bd. CIII S. 259 besprochen. Die Abtheilung des niederösterreichischen Gewerbvereins für Druck und Weberei ist durch Hrn. E. Reithoffer, welcher als Bevollmächtigter der HHrn. Claußen und Comp. einen solchen Webestuhl besitzt, in den Stand gesetzt worden, genauere Nachweisungen über den Werth dieser Erfindung zu geben.

Dr. Porter's, oder wie er gewöhnlich genannt wird, der Claußen'sche Webestuhl ist der Hauptsache nach nichts anderes, als eine Anwendung des Bandmühlstuhles zur Erzeugung von breiten Stoffen. Er ist demgemäß je nach der Breite derselben, statt wie bei schmalem Band 10–40theilig, nur 1-, 2-, 3- oder 4theilig, so daß nämlich entweder ein Stück Zeug bis zur Breite von 3 1/2 Yards, oder gleichzeitig zwei Stücke von je zwei Yards Breite, oder drei Stücke von je Einem Yard, oder endlich vier Stücke von je 20 Zoll Breite erzeugt werden können. Der Arbeiter bewegt, wie bei dem Bandmühlstuhle, durch Auf- und Abwärtsführen einer Treibstange, eine quer durch den Stuhl laufende Hauptrolle, von welcher durch einfache Räderverbindung und excentrische Scheiben die Bewegung der Litzen, das Werfen der Schiffchen und das gleichzeitige Aufwickeln des fertig werdenden Gewebes bewirkt wird. In ganz ähnlicher Weise hat schon vor mehreren Jahren der Bandfabrikant Bischof (in Wien) zwei- und viertheilige Mühlstühle zur Erzeugung von 5/8 und 5/4 breiten Seidenstoffen angewendet, von welchen sich Claußens Webestuhl nur durch zweckmäßigere Construction einzelner Theile unterscheidet; namentlich ist dieß der Fall bei der Vorrichtung zum Aufwickeln des fertigen Zeuges auf den Zeugbaum (den Regulator, und der Führung des Schützenschlages, bei welchen überdieß die von den mechanischen Kraftstühlen (power loom) entlehnte höchst zweckmäßige Einrichtung getroffen ist, daß durch eine Störung oder Hemmung im Laufe des Schiffchens ein augenblickliches Stillstehen des ganzen Webstuhles bewirkt wird. Es dürfte demzufolge Claußens Webestuhl weniger als originelle Erfindung, sondern mehr als eine Vervollkommnung von etwas früher Bestandenem zu betrachten seyn, von der überdieß nicht die enormen Resultate zu gewärtigen sind, welche in den diesen Gegenstand besprechenden Zeitschriften als schon erzielt dargestellt wurden. Die uns vorliegenden praktischen Resultate verdanken wir Hrn. Johann Mayer, Chef des Hauses J. H. Stametz und Comp., welcher in seiner Fabrik in Thannwald mit dem im Besitze des Hrn. Reithoffer stehenden zweitheiligen Webestuhle mehrfache Versuche vornehmen ließ. Ueber diese Versuche gibt nun der dortige Fabriksdirector Hr. E. W. Redlhammer folgenden Bericht:

Für Perkalin aus Nr. 80 Kette und Nr. 90 Schuß ist der Stuhl bei seiner gegenwärtigen Beschaffenheit nicht geeignet, er ist zu massiv, daher zu schwer, hat zu hohen Sprung, und strengt deßhalb das feine Garn unnöthiger Weise zu sehr an, wodurch es an Haltbarkeit verliert. Der Stuhl könnte mit Beibehaltung des Principes weit leichter, gefälliger und dennoch solider gebaut sehn, als es der Fall ist. Das Resultat für Perkalin war aus der angegebenen Ursache, und weil die Kette auf dem Stuhle geschlichtet werden mußte, sehr ungünstig, denn die Leistung blieb weit hinter jener eines gewöhnlichen Handwebestuhles zurück. Es wurde an 50 Wiener Ellen 11 Tage gearbeitet, während dem ein Handweber in 18 bis 19 Tagen 150 Wiener Ellen liefert; doch war das Gewebe ausgezeichnet schön und gleichförmig. Das Schlichten, der durch den hohen Sprung entstandene häufige Fadenbruch, verursachten zu viel Zeitverlust, so daß nur auf eintheilig gearbeitet werden konnte; |154| denn wäre auch die zweite Kette aufgezogen worden, so wäre es gar nicht gegangen.

Calicot aus Nr. 40 Kette und Nr. 50 Schuß, 7/8 breit, stellte sich besser; da aber hiezu ebenfalls keine geschlichtete Kette zu haben war, blieb der Versuch auch hinter der Leistung eines Handwebers zurück. Es wurden in 23 Tagen zwei Ketten à 130 Ellen abgearbeitet, während ein Handweber ein Stück von 130 Ellen, 7/8 breit, durchschnittlich in 11 bis 12 Tagen liefert.

Zu 4/4 Domestiques aus Nr. 30 Kette und 20 Schuß wurde geschlichtete Kette genommen, und das Resultat war auffallend besser, obgleich das Garn auf den Bäumen schon etwas spröde geworden war. Bei 16 Faden Einschlag auf 1/4 Zoll wurden zwei Stücke à 42 Wiener Ellen in vier Tagen fertig, was die Leistung eines Handwebers um beiläufig 3/4 übersteigt. Das günstigste Resultat aller Versuche gaben 36 Zoll breite Orleans aus Baumwollzwirn von Nr. 60 Kette und Kammgarn Nr. 40 zum Schuß. Hievon wurden bei 20 Faden zu 1/4 Zoll Einschlag zwei Stücke à 36 Wiener Ellen in 4 1/4 Tagen abgearbeitet und dadurch mehr als das Doppelte von dem geleistet, was einem Handweber möglich ist, da letzterer zur Abarbeitung eines Stückes von 36 Ellen 4 1/2 Tage bedarf, der Claußen'sche Doppelstuhl aber in 4 1/4 Tagen 72 Ellen lieferte. Es ist jedoch zu bemerken, daß bei diesem Versuche sehr günstige Umstände Einfluß nahmen, denn sowohl Kette als Schuß waren von vorzüglicher Qualität, die Luft etwas feucht und der Weber ungewöhnlich fleißig; frühere und spätere Versuche in Orleans gaben ein minder günstiges Resultat. Es unterliegt kaum einem Zweifel daß dieser Webstuhl bei geeigneter Aufsicht, bei größerer Einübung der Arbeiter und guter Qualität der Garne nach und nach bessere Resultate geben dürfte, als es hier bei den einzelnen Versuchen möglich war; doch sind hiezu unbedingt Schlichtmaschinen nothwendig, ohne welche eine entsprechende Leistung nicht erwartet werden darf.

Die Aussagen von drei Webern, welche auf diesem Stuhle gearbeitet haben, stimmen darin überein, daß sie die Arbeit auf diesem Stuhle mehr anstrenge als auf dem gewöhnlichen Handstuhle, wo sie doch mit Händen und Füßen arbeiten müssen. Doch ist dieß wohl nur Sache der Gewohnheit, denn der Kraftaufwand bei der Bewegung des Stuhles ist sehr gering, und wird nur durch die Einförmigkeit lästig. Selbst Nichtweber sind im Stande, 70 bis 80 Schläge in der Minute zu machen, wenn keine Störung eintritt. Einen verhältnißmäßig großen Aufenthalt verursacht der Umstand, daß die Arbeit bei beiden aufgelegten Ketten unterbrochen wird, wenn auch nur bei der einen Störung eingetreten ist.

Die angestellten Versuche zeigen, daß dieser Stuhl bei seiner Anwendung manchen praktischen Nutzen und Vortheil gewähren dürfte; dessenungeachtet ist aber nicht zu erwarten, ihn für gewöhnliche Stoffe mit den bisher gebräuchlichen Handstühlen in nutzbringende Concurrenz setzen zu können, und zwar aus folgenden Gründen:

  • 1) Erfordert er ein weit besseres Kettengarn, als der Handweber in der Regel zur Verarbeitung erhält, und ist in dieser Beziehung dem mechanischen Kraftstuhle ziemlich gleichzustellen.
  • 2) Sind geschlichtete Ketten ein unumgängliches Erforderniß dafür.
  • 3) Bedarf der Mechanismus des Stuhles, ungeachtet seiner Einfachheit, doch immer einiger Sorgfalt, Aufmerksamkeit und Pflege, die dem einzelnen Weber nicht zugemuthet werden kann. Es können daher diese Stühle, abgesehen von dem größeren Raume den sie bedürfen, nicht leicht dem einzelnen Weber in die Wohnung gegeben werden. Hiedurch ginge jedoch ein sehr gewichtiger ökonomischer Vortheil verloren.
  • 4) Sind die Anschaffungskosten von 80 bis 200 fl. C. M. viel bedeutender als die der Handstühle, so daß kaum zu erwarten steht, der einzelne Lohnweber werde je in die Lage kommen, sich einen solchen Stuhl ankaufen, oder auch nur successive abzahlen zu können.

Für bedeutende Etablissements, wo eine größere Anzahl solcher Stühle beschäftigt werden könnte, die Verarbeitung durchaus geschlichteter Ketten möglich, und der Mechanismus einer steten Beaufsichtigung unterzogen wäre, dürften sich diese Stühle zur Erzeugung einfacher Gewebe besser eignen, und größere Vortheile gewähren, als die bisher bekannten mechanischen Webstühle; denn ihr Mechanismus ist einfacher, |155| leichter zu handhaben, ferner einer geringeren Abnützung und Reparatur unterworfen. Sie liefern ein sehr schönes gleichförmiges Gewebe, besonders in schweren Stoffen, und haben vor gewöhnlichen Handstühlen doch den Vortheil voraus, daß man beinahe jeden Arbeiter dabei verwenden kann, wenn er auch kein gelernter Weber ist, da derselbe nur nöthig hat, einen gebrochenen Faden anknüpfen zu lernen, und die Treibstange richtig und gleichmäßig zu führen, um bei einiger Uebung, wenn nicht das Zweifache, doch um die Hälfte mehr leisten zu können, als ein gelernter fleißiger Handweber. (Verhandl. des niederösterr. Gewerbvereins, 1849, Heft 15.)

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