Titel: Ueber die Gewinnung der Paraweinsteinsäure (Traubensäure) bei der Fabrication von Weinsteinsäure.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1850, Band 115/Miszelle 11 (S. 238–239)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj115/mi115mi03_11

Ueber die Gewinnung der Paraweinsteinsäure (Traubensäure) bei der Fabrication von Weinsteinsäure.

Diese Säure wurde bekanntlich zufällig von dem Weinsteinsäure-Fabrikant Kestner zu Thann (in den Vogesen) entdeckt) da sie gleich der Weinsteinsäure aus Weinstein erhalten wird, so benannte sie Gmelin zur Unterscheidung Traubensäure. Berzelius fand bei ihrer Analyse, daß sie absolut dieselbe Sättigungscapacität und Zusammensetzung wie die Weinsteinsäure hat, und nannte sie daher Paraweinsteinsäure oder metamorphische Weinsteinsäure. Von der Weinsteinsäure unterscheidet sie sich durch ihre geringere Löslichkeit in Wasser, und dadurch, daß sie in krystallisirter Form 2 Atome Wasser enthält, von denen sie beim Verwittern in der Wärme die eine Hälfte verliert, und die andere zurückbehält. Auch darin unterscheidet sie sich von der Weinsteinsäure, daß sie mit Kali und Natron kein, dem Seignettesalz analoges, krystallisirendes Doppelsalz, sondern nur einen dicken, zuletzt zu einer Salzmasse gestehenden Syrup gibt. Zufolge dieses Umstandes läßt sich die metamorphische Weinsteinsäure auch leicht erhalten, wenn man Weinstein mit Natron sättigt, das Seignettesalz herauskrystallisiren läßt, und die Mutterlauge mit einem Bleisalz zersetzt, wodurch die Weinsteinsäure gefällt und darauf durch Schwefelsäure oder Schwefelwasserstoff von dem Bleioxyd getrennt wird. – Die größte Verschiedenheit zwischen den beiden Säuren bietet das metamorphische Kalksalz dar, welches im Wasser so schwerlöslich ist, daß die Säure in einer Gypsauflösung nach einiger Zeit eine starke Trübung bewirkt. – Außerdem sind diese Salze durch ihre Krystallform von einander verschieden.

Hr. Pelouze ersuchte in der letzten Zeit Hrn. Kestner, ihm die Umstände mitzutheilen, unter welchen früher die Paraweinsteinsäure in seiner Fabrik gewonnen wurde, und empfing hierüber folgendes Schreiben:

„Die Paraweinsteinsäure erhielt ich bei der Weinsteinsäure-Fabrication in den Jahren 1822 bis 1824. Damals sättigte man den Weinstein mit Kreide und fällte |239| dann die Auflösung mit salzsaurem Kalk. Der weinsteinsaure Kalk wurde mit einem großen Ueberschuß von Schwefelsäure zersetzt, die Flüssigkeit über freiem Feuer abgedampft, und man entfärbte die Weinsteinsäure-Auflösungen durch einen Strom Chlorgas, Letzteres geschah in der Kälte; man bemerkte dann, besonders im Winter, Krystalle von Paraweinsteinsäure, welche man sorgfältig absonderte, weil sie die Krystallisation der Weinsteinsäure verworren machten, wenn sie mit derselben gemengt blieben.“

„In der Folge wurde der Weinstein mit caustischem Kalk gesättigt, der weinsteinsaure Kalk nur mit einem schwachen Ueberschuß von Schwefelsäure zersetzt und die Flüssigkeiten auch nicht mehr durch Chlor entfärbt; seitdem zeigten sich keine Spuren von Paraweinsteinsäure mehr.“

„Ob die erwähnten Umstände die Paraweinsteinsäure zu erzeugen vermochten, weiß ich nicht; ich konnte solche weder durch Erwärmen der Weinsteinsäure mit Schwefelsäure, selbst bei hohen Temperaturgraden, noch durch Behandlung mit Chlor hervorbringen. Auch gelang es mir nicht, sie direct aus dem Weinstein darzustellen.“

„Hr. White, Weinsteinsäure-Fabrikant in Glasgow, soll ebenfalls Paraweinsteinsäure erzeugt haben.“

Hr. Pelouze wandte sich nun an Hrn. White, welcher ihm mittheilte, daß er vor etwa 20 Jahren zum erstenmal in einer Fabrik, der er damals vorstand, von der Weinsteinsäure abweichende Krystalle beobachtet habe, welche ohne Zweifel aus Paraweinsteinsäure bestanden. Der angewandte Weinstein war von Neapel, Sicilien und Oporto bezogen.

Als diese Bemerkung Hrn. Kestner mitgetheilt wurde, erinnerte sich derselbe eines längst vergessenen Umstandes; daß er nämlich von 1822 bis 1824, wo er in seiner Fabrik zu Thann Paraweinsteinsäure bereitete, einen Theil des verarbeiteten Weinsteins aus Italien bezog. Comptes rendus, November 1849, Nr. 20 u. 21.)

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