Titel: Galvanische Straßenbeleuchtung in St. Petersburg.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1850, Band 115/Miszelle 6 (S. 317–319)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj115/mi115mi04_6

Galvanische Straßenbeleuchtung in St. Petersburg.

Gegenwärtig macht Professor Jacobi, in Verbindung mit Argeraud aus Paris, interessante Versuche mit einer galvanischen Straßenbeleuchtung. Am 8 December 1849 ward der erste große Versuch angestellt. Von dem schönen Admiralitätsthurme aus wurden die drei größten Hauptstraßen Petersburgs, Newsky Prospect, Erbsenstraße und Wosnesensky Prospect, welche sich strahlenförmig in schnurgerader Richtung von hier aus verbreiten, Abends von 7 bis 10 Uhr beleuchtet. Das Licht selbst war auf der mittlern Galerie, ungefähr in der Höhe eines vierstöckigen Hauses angebracht, und war so hell, daß es die Augen kaum einige Secunden ertragen konnten; trotzdem daß ganz reine klare Luft und sternhelle Nacht war, sah man seitwärts stehend in der Luft von dem Lichte die Strahlen ausgehen, gerade so als wenn Sonnenlicht durch ein kleines Loch in eine finstere Kammer fällt. Die Eckhäuser von Newsky Prospect am Isaak-Platze waren so hell beleuchtet, daß man eine Fliege hätte sitzen sehen können, trotzdem daß sie von der Admiralität 300 bis 400 Schritte entfernt sind. Das Licht der Gaslaternen erschien roth und rußig, während das elektrische Licht blendend weiß war; der leuchtende Körper schien von der Straße aus gesehen ungefähr 6 Zoll im Durchmesser, und von weitem hatte er das Aussehen wie eine aus einer Bombenröhre geworfene Leuchtkugel, welche in der Luft schwebt; das Licht veränderte sehr oft die Farbe und wurde abwechselnd roth, |318| blau und gelb, wodurch es dem Auge erträglich ward; öfters verlöschte es ganz auf einige Augenblicke, und erschien dann wieder mit erneutem Glanz. In einer Strecke von etwa 500 Schritt konnte man trotz des Gaslichtes den Schatten des elektrischen Lichtes noch deutlich unterscheiden, weiterhin gewann das Gaslicht die Oberhand. Ein paar Tage darauf ging ich zu Jacobi und bat um die Erlaubniß mir den Apparat ansehen zu dürfen, welche er auch so freundlich war mir zu ertheilen. Da er bloß des Nachts, wenn die Straßen leer sind, experimentiren darf, so ging ich Nachts um 1 Uhr hin. Die Batterie welche den Strom liefert, ist eine Kohlenbatterie von 185 Elementen, deren jedes wenigstens 1 1/2 Quadratfuß Fläche hat; die Zinkcylinder sind 15 Zoll hoch, 10 Zoll im Durchmesser und wenigstens 1/2 Zoll Metalldicke; darin steht eine weiße vom feinsten Porzellan gefertigte Thonzelle von entsprechender Größe, welche wiederum den ovalen Kohlencylinder enthält. Diese Kohlen haben eine ausgezeichnet schöne dichte Masse, und sind von dem Erfinder, Hrn. Argeraud, ebenso wie die Thonzellen aus Paris mitgebracht. Da in der Nähe des Thurmes kein entsprechender Raum zur Aufstellung dieser ungeheuern Batterie vorhanden war, so ist dieselbe in zwei geräumigen Sälen des Hintergebäudes aufgestellt; da Tag und Nacht fortwährend geheizt wird, so ist die Hitze und Ausdünstung der Säuren unerträglich; vier Soldaten, welche als Aufwärter dabei Dienste leisten, spucken bereits alle Blut davon. Hr. Argeraud versicherte mich daß der Strom dieser Batterie 90 Stunden constant bleibe, allein die Mischung der Säuren womit er sie füllt, ist sein Geheimniß;70) als ich dort war, waren bloß 57 Elemente in Thätigkeit, allein der Strom war so stark, daß eine englische Flachfeile von 1/2 Zoll Breite und 4 Zoll Länge wie Feuerwerk versprühte und ein Klumpen wie eine Flintenkugel übrig blieb. Vom Hintergebäude aus gehen die Drähte wie beim Telegraphen über isolirte Stangen und äußerlich am Thurme in die Höhe, wo sie dann mit den Kohlenspitzen in Verbindung stehen; diese letzteren sind viereckige Stäbchen von 1/4 Zoll im Quadrat und 5 Zoll lang, und von derselben feinkörnigen dichten Masse als die Kohlencylinder; sie sind in Messinghülsen gefaßt und können mittelst Schrauben einander genähert werden. Die Kohle glüht ungefähr 1/2 Zoll lang, doch so daß es für das Auge erträglich ist; vor diesem glühenden Punkte aber ist eine große Glaslinse angebracht, welche das Licht so bedeutend verstärkt; der Farbenwechsel entsteht durch das Verbrennen der Kohle, wenn sich die beiden Pole nicht mehr innig berühren, wodurch nach dem größeren oder kleineren Abstand das Licht blau, gelb oder roth erscheint. Die Kohle am negativen Pole verbrennt ziemlich schnell, und fast jede halbe Stunde muß eine neue Kohle eingesetzt werden, wodurch das Licht allemal unterbrochen wird; dieß ist auch der größte Uebelstand bei der ganzen Geschichte. Jetzt läßt Jacobi einen vervollkommneten Beleuchtungsapparat bauen, wo die Kohlen in luftleeren Räumen glühen, und, anstatt mit der Hand, durch ein Uhrwerk regulirt werden; auch hat man eine große ungeheure Laterne am Thurm dazu angebracht.

Dasselbe galvanische Kohlenlicht findet gegenwärtig auch in Dresden eine Anwendung, und zwar in dem Prophet von Meyer-Beer um den Aufgang der Sonne nachzuahmen. Die Sonnenscheibe bildet nämlich ein parabolischer Hohlspiegel von ungefähr 1 Fuß Durchmesser, in dessen Focus die Kohlenspitzen glühen. Die Petersburger Kohlenstäbchen scheinen von gleicher Beschaffenheit zu seyn wie die welche hier angewendet werden, auch hat man dabei dieselben Erfahrungen hinsichtlich ihres Verbrennens gemacht. Durch einen höchst sinnreichen Mechanismus ist aber das Intermittiren des Lichteffectes vermieden. Dasselbe tritt ein, sobald sich die Kohlenspitzen nicht mehr berühren wodurch der Strom unterbrochen wird. Diese sind deßhalb mit einem Räderwerk in Verbindung gebracht, wodurch sie fortwährend gegen einander getrieben werden, während jenes Räderwerk durch die Thätigkeit eines |319| Elektro-Magneten regulirt wird, der in den Kreis des galvanischen Stroms eingeschaltet ist.

Es ist dieses Licht aber so blendend, und den Augen deßhalb schädlich, daß, auch abgesehen von andern Uebelständen, dasselbe wohl schwerlich zur Straßenbeleuchtung angewendet werden dürfte, dagegen für Leuchtthürme gewiß mit Recht vorgeschlagen worden ist. (Allg. Ztg. 1850 Nr. 58.)

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Wahrscheinlich ist jene Flüssigkeit dieselbe, welche Professor Callan zu seiner Eisenbatterie vorschlägt, die sich sowohl hinsichtlich der Ausdauer als auch der Energie der galvanischen Erregung auszeichnet. Es ist dieselbe ein Gemisch von ziemlich gleichen Raumtheilen concentrirter Salpetersäure und Schwefelsäure, dasselbe was auch zur Bereitung der Schießbaumwolle angewendet wird (polytechn. Journal Bd. CIX S. 432).

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