Titel: Preis-Ausschreibung für Locomotiven zum Dienst über das Semmering-Gebirge.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1850, Band 116/Miszelle 1 (S. 162–163)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj116/mi116mi02_2

Preis-Ausschreibung für Locomotiven zum Dienst über das Semmering-Gebirge.

Die in Ausführung begriffene österreichische Staats-Eisenbahn über das Semmering-Gebirge, an den Gränzen zwischen Niederösterreich und Steiermark, bietet durch die obwaltenden Localverhältnisse für die seinerzeitige Betriebsausführung besondere Schwierigkeiten dar. Zur Ueberwindung dieser Schwierigkeiten handelt es sich vorzugsweise um die Ermittlung derjenigen Locomotiv-Construction, durch deren allgemeine Anwendung der seinerzeitige Betrieb sowohl möglichst sicher und regelmäßig, als auch möglichst ökonomisch ausgeführt werden kann.

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Der k. k. österreichische Minister des Handels, der Gewerbe und öffentlichen Bauten hat mit allerhöchster Genehmigung beschlossen, zur Lösung dieser Aufgabe alle jene in Anspruch zu nehmen, welche sich berufen und geneigt finden den Fortschritt im Locomotivbau speciell in der Anwendung auf den in Rede stehenden Zweck zu fördern, und hat für denjenigen welcher die entsprechendste Locomotive projectirt, erbaut und abliefert, einen Preis von zwanzigtausend Stücken vollwichtigen kaiserlichen Ducaten bestimmt.

Die besagte Eisenbahn, auf welcher die zu erbauende Locomotive Dienst zu thun bestimmt ist, überschreitet den Rücken des Semmering-Gebirges in einer Höhe von 464,8 Wiener Klafter über der adriatischen Meeresfläche, und hat von dem höchsten Punkt bis zu dem in Niederösterreich gelegenen 3,8 Meilen in der Richtung der Bahn entfernten Endpunkte am Gloggnitzer Bahnhof einen Fall von 243,2 Klafter, und bis zu dem in Steiermark gelegenen und 1,6 Meilen in der Richtung der Bahn entfernten Endpunkte am Mürzzuschlager Bahnhofe einen Fall von 114,2 Klafter. Die steilsten der verschiedenen Steigungen und beziehungsweise Gefälle sind solche von 1 : 40, und die längste der Steigungen von 1 : 40 beträgt 1671 Klafter; der kleinste Halbmesser der verschiedenen Curven hat 100 Klafter. Jedoch kommen bei den stärksten Steigungen von 1/40 keine kleineren Halbmesser als solche von 150 Klafter vor. Die längste der Curven mit diesem Halbmesser und auf der größten Steigung erstreckt sich auf 203 Klafter.

Als eine der Haupteigenschaften der zu erbauenden Locomotive wird gefordert, daß sie über die größte und zugleich mit den ungünstigsten Krümmungsverhältnissen verbundene Steigung, bei gewöhnlichen günstigen Witterungsverhältnissen, eine Bruttolast von 2500 Wiener Centner, exclusive des etwa vorhandenen Tenders, mit einer Geschwindigkeit von 1 1/2 österreichischen Meilen (die Meile = 4000 Wiener Klafter) in der Stunde zu fördern im Stande seyn muß. Den Locomotiven mit noch größeren Leistungen würde übrigens der Vorzug eingeräumt werden.

Es ist ein eigenes Programm ausgefertigt worden, in welchem die Bahn durch Beischluß eines Situationsplanes und eines Längenprofiles, dann das System nach welchem der Oberbau der Bahn gelegt werden soll durch den Beischluß einer Detailzeichnung näher dargestellt wird. In diesem Programm sind auch die Anforderungen welche an die mit dem Preise zu betheilenden Locomotive in Bezug auf Construction und Leistung gestellt werden, und die Voraussetzungen unter welchen eine mit den Eigenthümlichkeiten der Construction der Locomotive etwa verbundene Hinzufügung an dem Oberbau der Bahn zulässig ist, näher ausgesprochen. Ferner sind in diesem Programm auch festgesetzt: die Art und Weise und die Bedingungen unter welchen eine Mitconcurrenz um den Preis stattfinden kann, dann die Modalitäten nach welchen bei der Erprobung und Beurtheilung der Locomotive zur Begründung der Preisbetheilung vorgegangen werden wird.

Endlich ist noch bestimmt daß die österreichische Staatsverwaltung nebst der Preislocomotive noch fünf andere um bestimmte Beträge von sechs bis zehntausend Stücken vollwichtigen kaiserlichen Ducaten käuflich an sich zu bringen gedenkt, und es ist festgesetzt nach welchen Modalitäten die Wahl dieser Locomotiven geschehen soll.

Dieses Programm ist bei dem k. k. österreichischen Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Bauten in Wien, bei den österreichischen Gesandtschaften in Berlin, München, Dresden, Stuttgart, Karlsruhe, Bern, Brüssel, Paris, London, Petersburg, dann bei den österreichischen Generalconsulaten in Leipzig, Hamburg, Frankfurt am Main, Paris, London und New-York hinterlegt, und es werden die Herren Locomotiv-Constructoren, welche sich um den ausgeschriebenen Preis in Concurrenz zu setzen beabsichtigen, eingeladen ein Exemplar dieses Programms bei der ihnen nächstgelegenen Gesandtschaft oder dem nächstgelegenen Generalconsulat in Empfang zu nehmen, und ihre Anmeldung, beziehungsweise Vorschläge, binnen der im §. 6 des Programms festgesetzten Zeit dem k. k. österreichischen Minister des Handels, der Gewerbe und der öffentlichen Bauten zu übermitteln.

Wien, im März 1850.

Von dem k. k. österreichischen Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Bauten.

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