Titel: Ueber die Heizung der Eisenbahnwagen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1850, Band 117/Miszelle 1 (S. 74–77)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj117/mi117mi01_1

Ueber die Heizung der Eisenbahnwagen.

Den im Winter auf den k. k. österreichischen Eisenbahnen Reisenden steht eine große Annehmlichkeit bevor.

Die österreichische Generaldirection der Staatsbahnen ist auf die glückliche Idee gekommen, diejenigen Personenwagen aller drei Classen, welche zum Winterdienst dienen sollen, zweckmäßig zu erheizen und dabei Sorge zu tragen, daß stets die Luft durch erwärmte frische Luft erneuert werde.

Zu diesem Behufe hat sie den durch seine Schriften über Heizungen bekannten emeritirten Professor Meißner beaustragt, sich mit der Aufgabe zu befassen, und ihm die nöthigen Probewagen zur Disposition gestellt.

Wie wir vor einiger Zeit Gelegenheit gehabt haben uns zu überzeugen, da ein mit dem neuen Apparat eingerichteter Wagen zwischen Olmütz, Brünn und Prag probirt wurde, ist es demselben gelungen einen eigenthümlichen Ofen zu construiren, der nur anderthalb Fuß im Quadrat, also einen Personensitz einnimmt und die Bedingungen aufs überraschendste erfüllt.

Da diese Einrichtung nicht nur für Eisenbahnwagen, sondern auch für Dampfschiffe, Seeschiffe etc. von außerordentlichem Werth seyn wird, um so mehr da sich auch eine Vorrichtung damit verbinden läßt, welche im Sommer namentlich auf den Schiffen, welche die heißen Zonen befahren, auch eine Abkühlung der sonst so drückenden Luft in den Cajüten gestattet, so dürfte es von Interesse seyn. die Aufgabe genauer zu erfahren, welche sich der Erfinder gestellt hat, um vorerst die Erwärmung der Coupé's zu erzielen; weßhalb ich, im Besitz derselben, sie Ihnen hier mittheile. Er sagt nämlich:

Soll es möglich werden die Eisenbahnwagen, Cajüten etc. zweckmäßig zu erwärmen, so ist vor allem unerläßlich, daß man sich vorher die Umstände und Schwierigkeiten richtig definire, mit welchen man bei diesem Unternehmen zu kämpfen hat, denn nur nach genauer Bekanntschaft mit denselben wird man auch im Stande seyn, die zu lösende Aufgabe und Bedingungen richtig zu stellen.

Zu dieser Absicht dienen folgende Prämissen:

a) Der Mensch athmet in 24 Stunden 23,040mal, also in einer Stunde 960mal, in der Minute 16mal;

b) mit jedem Athemzuge nimmt er bei 20 Kubikzoll in seine Lunge auf, also in 24 Stunden bei 267 Kubikfuß;

c) von dieser Luft zerstört er in 24 Stunden gänzlich nahe an 116 Kubikfuß;

d) er athmet dagegen in derselben Zeit an erzeugter Kohlensäure aus etwas über 22 Kubikfuß;

e) er athmet in derselben Zeit auch aus 26 Loth Wasser, und dünstet zugleich durch das Hautorgan 1 Pfund 23 Loth Wasser;

f) er gibt also an die Luft in 24 Stunden 2 Pfund 17 Loth Wasser ab;

g) Die Lebensfunction des Menschen ist aber schon sehr beirrt, wenn die einzuathmende Luft 10 Procent zum Athmen untaugliche Theile — besonders Kohlensäure und Wasser — enthält; er bedarf daher an guter reiner Luft in 24 Stunden wenigstens das Zehnfache von dem was er zerstört, d.i. nach c) 1158 Kubikfuß, wenn er nicht leiden soll.

An diese Prämissen knüpfen sich folgende Betrachtungen:

α) Ein Eisenbahnwagen (wie die österreichischen) enthält im Maximum einen Raum von 1560 Kubikfuß, wovon aber abzuziehen ist: das Volumen der Sitze und der personen sammt ihrem Gepäck. Nehmen wir an, es säßen 30 Personen im |75| Wagen und jede person habe sammt allem nur das Volumen von 6 Kubikfuß, so würden sie zusammen genommen 180 Kubikfuß repräsentiren, woraus folgt daß der Wagen sodann nur noch 1560 - 180 = 1380 Kubikfuß enthielte;

β) wenn aber eine Person binnen 24 Stunden 1180 Kubikfuß frischer Luft bedarf, so werden 30 Personen in derselben Zeit 34,780 Kubikfuß in Anspruch nehmen, es würden also die vorhandenen 1380 Kubikfuß Luft in 24 Stunden 25mal auszutauschen seyn;

γ) dieser Abgang an frischer Luft und die Ueberladung der viel zu gering vorhandenen Luft mit Kohlensäure und Wasser, so wie mit den mannichfaltigen sogar kranken Ausdünstungen so vieler Menschen ist aber die einzige Ursache, daß so vielen Reisenden so ängstlich und übel wird, daß sie in der Desperation die Fenster aufreißen und einen kalten Luftstrom einlassen, welcher zwar demjenigen der ein Maaß Wein, oder noch schlimmer einige Maaß Bier im Leibe hat, eine erwünschte Labung gewährt, aber manchem andern bedenkliche Erkältungen zuzieht, der möglichen Ansteckungen, wenn Epidemien herrschen, gar nicht zu gedenken;

δ) gesunde, starke und mit einem tüchtigen Gabelfrühstück ausgerüstete Menschen sind nun zwar der Meinung, daß schon durch die vielen Fenster- und Thürfugen die erforderliche Luft eindringe oder doch durch theilweise Oeffnung der Fenster eingelassen werden könne. Wer indessen die im vorigen angeführten Umstände beherzigen will, der wird bald überzeugt werden, daß das erstere unmöglich ist und das letztere Mittel nur eine höchst ungleichförmige Verbesserung der Luft gewährt, dagegen aber die bereits erwähnten Erkältungen herbeiführen kann;

ε) es kann endlich auch die gewöhnliche Erwärmung der im Wagen enthaltenen Luft zu keinem günstigen Resultate führen, weil sie nicht das nöthige Quantum neuer Luft herbeiführt; ja die Reisenden würden sich dabei noch viel übler befinden, weil die vielen Ausdünstungsproducte am heißen Ofen in noch unangenehmere und auf die Gesundheit nachtheiliger wirkende Gasarten zersetzt werden.

Aus allen hier angeführten Umständen und Bemerkungen folgert sich ohne Zweifel auch bald die nähere Bezeichnung der Aufgabe, welche der Heiz- und Ventilationsapparat zu lösen hat in folgenden Punkten:

1) Der Apparat muß die Luft im Wagen auf demjenigen Grad der Temperatur erhalten können, den man eben will.

2) Diese Temperatur muß aber auch im ganzen Raum möglichst gleichförmig seyn, damit man sich nicht um die Plätze zanke.

3) Der Apparat muß, wenn viele Personen vorhanden sind, binnen 24 Stunden 34740 Kubikfuß frische Luft in den Wagen einbringen und fortwährend die bereits verunreinigte Luft ausführen können, und zwar ohne Herabsetzung der Temperatur, was also die Anwendung meiner Ventilationsmethode bedingt.

4) Er muß aber. wenn wenig personen im Wagen sind, auch ohne die Einführung der äußeren Luft dieselbe Temperatur im ganzen Raume gewähren können, was mithin die Anwendung meiner circulirenden Heizmethode voraussetzt.

5) Er muß die sanfte Bewegung der Luft, ohne welche die Gleichförmigkeit der Erwärmung unmöglich wäre. behaupten können, selbst bei der verschiedensten Stärke und Richtung der äußern Luftströme.

6) Er muß auch mehr oder weniger frische Luft einführen können, unbeirrt durch die äußern Verhältnisse.

7) Es dürfen, wenn der Wagen Stöße erleidet, keine Funken oder Kohlen ausgeworfen werden.

8) Der Apparat muß so construirt seyn, daß es unmöglich ist, die Circulations- und Ventilationsvorrichtung gänzlich offen oder verschlossen zu halten, weil im ersten Falle eine bedeutende Störung der Temperatur erfolgen, im zweiten Falle hingegen nicht nur der Ofen unnöthigerweise bald verbrannt, sondern auch der äußere Theil des Apparates so heiß werden würde, daß sich die Reisenden die Kleider daran versengen könnten.

9) Er muß auch so beschaffen seyn, daß er keinen Theil des Wagens bedeutend erhitzen, also keine Entzündung bewirken kann.

10) Er darf nie viel Ruß erzeugen, weil dieser, durch Nachlässigkeit angehäuft, bei seinex Entzündung unnöthigen Schrecken erzeugen könnte, aber wenn diese dennoch stattfände, darf die Entzündung des Wagens nicht möglich seyn.

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11) Im Falle der etwaigen Ueberheizung des Ofens muß die Dämpfung des Feuers auch ohne Herausnahme des Brennmateriales möglich seyn, weil dieselbe unbequem seyn und zur Verstreuung der Kohlen Gelegenheit geben würde.

12) Der Apparat muß aber so gut für ganze, als für in Coupé's getheilte Wagen verwendbar seyn.

13) Im letzten Falle, so auch bei der ambulanten Post, muß jedes Coupé vom andern isolirt werden können, weil sonst, wenn auf den Stationen die Thüre des einen Coupé's geöffnet wird, die kalte Luft auch in das andere eindringen würde.

14) Der Apparat darf nicht zu viel Raum einnehmen, vielleicht nur 18 Zoll im Quadrat, es muß also möglich seyn daß sich Personen dicht neben den Apparat setzen können, ohne durch die Wärme belästiget zu werden; dieß bedingt aber unausweichlich, daß der Ofen nicht durch Strahlung aus die Luft wirke.

15) Es darf im Wagen, die Eröffnung der Thüren ausgenommen, nie ein starker Luftzug stattfinden, damit die Erkältungen vermieden werden; dieß setzt aber Doppelfenster voraus, die äußerlich angeschraubt sind und von innen nicht geöffnet werden können; es bedingt daher um so nothwendiger die Anwendung eines Apparates, welcher den bereits angeführten Bedingungen entsprechen kann.

16) Der Apparat muß, wenn man es wünscht, aus dem Wagen entfernt werden können, z. V. im Sommer.

17) Er muß auch so construirt seyn, daß er auseinander genommen und der jenige Theil desselben, welcher vom Feuer angegriffen wird, der Sicherheit wegen leicht und mit geringen Kosten ausgetauscht werden kann, während alle übrigen Theile eine maaßlose Dauer versprechen.

18) Er muß ferner so beschaffen seyn, daß kein Reisender auf denselben Einfluß nehmen kann.

19) Er muß, da einiger Straßenstaub nicht zu vermeiden ist, wenigstens den Rauch und die Asche der Locomotive nicht einlassen.

20) Er muß auch während der Fahrt wenig Bedienung gebrauchen, damit er leicht von den Conducteuren zu handhaben sey.

21) Die Behandlung des Apparates muß endlich, da die Wagen so oft in andere Hände kommen, so einfach seyn, daß der Besorger desselben nichts anderes zu wissen braucht, als wo die Oeffnung zum Einlegen des Brennmaterials und wo der Schlüssel anzustecken ist, mittelst welchem die vorhandenen Zeiger auf diejenige Schrift eines Zifferblattes gestellt werden können, die den beabsichtigten Erfolg bezeichnet; aber selbst wenn er dieß Wenige nicht weiß, so muß er immer noch durch verkehrte Manipulation keinen Schaden anrichten können.

Angenehm wird es endlich denjenigen seyn, welche sich für diesen Gegenstand mehr interessiren, zu erfahren, daß mit einem solchen Apparat auf den nördlichen k. k. Staatsbahnen bereits amtliche Proben gemacht sind, und ich theile Ihnen aus den Protokollen das Hauptresultat hier mit.

1) Der Ofen steht in der Mitte eines großen sogenannten amerikanischen Waggons.

2) Derselbe nimmt einen Raum von 23 Zoll im Quadrat ein.

3) Die äußere Fläche des Ofens blieb wahrend aller Proben vollkommen kalt.

4) Wahrend einer 9½ Stunden dauernden Fahrt wurde die Temperatur im Innern des Wagens auf 18½° R. erhalten, obwohl die äußere Temperatur von 15° auf 11° sank, dann auf 13½° wieder stieg.

5) Die Temperatur war während aller Proben im ganzen Wagen stets gleichmäßig vertheilt.

6) Während dieser Fahrt, wo 28 Meilen zurückgelegt wurden, sind nur 5 Pfd. weiche Holzkohle verbrannt.

7) Bei einer Probefahrt zwischen Brünn und Tröbau wurde bei der Stellung des Zeigers am Ofen auf 4°, während 16° vorhanden sind, eine Differenz in der äußern und innern Temperatur von 9¼° R. erzielt, und nur 4 Pfd. Kohle verbraucht.

Die zu diesen Proben committirten k. k. Commissarien sprechen sich sehr befriedigt über die Leistung dieses Apparates aus, da derselbe die oben gestellten Bedingungen vollständig erfüllt.

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Ich zweifle nichts daß diese Erfindung uicht nur auf allen Eisenbahnen, sondern auch auf den Seeschiffen sehr bald eine ausgedehnte Anwendung finden wird. (Mittheilungen für den Gewerbeverein des Herzogthums Braunschweig, Juli 1850, Nr. 27.)

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