Titel: Der elektromagnetische Telegraph auf der pfälzischen Ludwigs-Bahn.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1850, Band 118/Miszelle 1 (S. 71–73)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj118/mi118mi01_1

Der elektromagnetische Telegraph auf der pfälzischen Ludwigs-Bahn.

Der elektro-magnetische Telegraph ist seit December v. J. auf der ganzen Länge der pfälzischen Ludwigsbahn, nämlich von Ludwigshafen bis Bexbach vollendet und im Gebrauch. Es dürfte daher folgende kurze Beschreibung desselben hier um so mehr am geeigneten Orte erscheinen, als die Einrichtung noch wenig bekannt ist, und die geringen Kosten der ganzen Einrichtung, Welche in allem nur ungefähr 13,000 fl. betragen. eine besondere Berücksichtigung verdienen, zumal für andere in der Nähe anzulegende Telegraphen beinahe das Dreifache beansprucht worden ist.

Die Unterhaltungs- und Betriebskosten sind ebenfalls ganz gering, indem weder besoldete noch eingeübte Beamte für das Telegraphiren, noch ein besonderes Personal von Technikern und Aufwärtern für die Unterhaltung der Apparate und Batterien an den Telegraphen-Stationen nöthig ist, wie dieß bei vielen andern Telegraphen ähnlicher Art unbedingt erforderlich erscheint.

Die Telegraphenleitung geht von Ludwigshafen über Schifferstadt nach Speier und von dort in einer Linie zurücklaufend wieder über Schifferstadt nach Bexbach, so daß die Leitung auf der 2 1/2 Stunden langen Zweigbahn zwischen Schifferstadt |72| und Speier doppelt erscheint. Die ganze Länge der Drahtleitung beträgt ungefähr 32 Wegstunden.

Der Draht wird von 5 Meter hohen Pfählen getragen, welche 30 Meter von einander entfernt stehen. An den Stellen, wo der Draht in den Pfählen ruht, ist derselbe auf einfache Weise aber vollkommen isolirt, und eine Bedachung von Zinkblech schützt gegen Regenwetter. Die bekannte Isolirung mit Glocken von Steingut ist ebenfalls sehr zweckdienlich, nur müssen dieselben, damit die Blitzableiter angebracht werden können, anders geformt seyn wie die gewöhnlichen. In den zwölf Tunnels, wovon einer beiläufig eine halbe Stunde lang ist, schützt Gutta-percha-Umhüllung auf der ganzen Länge des Drahts gegen Nässe.

Die neuere Art, welche in Preußen in letzterer Zeit hauptsächlich in Aufnahme gekommen ist, die Drahtleitung in Gutta-percha-Umhüllung ganz unter die Erde zu legen, wurde hier aus dem Grunde nicht in Anwendung gebracht, weil dieß nicht allein viel kostspieliger ist, sondern auch die längere Erfahrung über die Zeit, welche Gutta-percha oder dessen Zusammensetzungen mit andern Stoffen der Fäulniß widerstehen, noch fehlt.

Sollten sich die unter der Erde geführten Leitungen im Verlauf der Zeit bewähren, so kann dann der auf dieser Bahn angewandte Kupferdraht nach Belieben zu jeder Zeit streckenweise mit Gutta-percha überzogen und unter die Erde gelegt werden. Dieß ist bei neuanzulegenden Linien wohl zu erwägen, da bei der Anwendung von verzinktem Eisendraht, wie z.B. zwischen Mannheim und Heidelberg, der weder die Vortheile der Oekonomie noch der größeren Dauerhaftigkeit für sich haben dürfte, dieser Gutta-percha-Ueberzug späterhin entweder gar nicht oder doch nur mit viel größern Kosten zu bewerkstelligen wäre.

Die Telegraphenleitung ist mit einer bedeutenden Anzahl Blitzableiter von besonderer Einrichtung, sowie auch mit Doppelplatten an den Stationen versehen, welche nicht nur gegen den Blitz Schutz gewähren, sondern auch jene Einwirkungen der atmosphärischen Elektricität, welche die Apparate in Bewegung setzen, wie die Erfahrung bisher gezeigt hat, in den meisten Fällen wenigstens, verhindern.

In dieser Linie sind bis jetzt eilf Telegraphen-Stationen eingeschaltet, wovon jede augenblicklich mit irgend einer der andern Stationen correspondiren kann. An jeder dieser Stationen ist eine Vorrichtung getroffen, um bei Unterbrechung der Linie augenblicklich finden zu können, nach welcher Richtung die Unterbrechung stattgefunden hat, und zugleich ohne weiteren Zeitverlust mit den anderen Stationen nach der entgegengesetzten Richtung telegraphiren zu können.

Die Mittheilung für den Eisenbahndienst geschieht vermittelst kleiner tragbarer Apparate mit Signalglocken. Auf einer Scheibe sind die Namen der Stationen, die Buchstaben des Alphabets und römische und griechische Ziffern im Kreise gezeichnet; ein in der Mitte schnell umlaufender Zeiger deutet, nach dem Willen des Telegraphirenden, die Buchstaben an, welche die Worte und Sätze bilden. (Sogenannte Rotationsapparate.)

Z.B. Will eine Station mit einer der andern telegraphiren, so rückt der Beamte seinen Zeiger auf den Buchstaben A (bedeutet Achtung). In demselben Moment beginnen sämmtliche Signalglocken auf der ganzen Länge der Bahn zu schlagen und deuten auf diese Art jeder der eilf Stationen an, daß eine Nachricht telegraphirt werden soll.

Der Telegraphirende deutet hierauf seine Station und jene, mit welcher er correspondiren will an, und erhält nun die Antwort jener Station, welche ihm durch Andeutung seiner Station anzeigt, daß er bereit ist die Nachricht zu erhalten, worauf die Correspondenz zwischen diesen beiden Stationen beginnt. Die Beendigung einer Nachricht wird durch einen doppelten Punkt angezeigt, und hierauf können nun wieder zwei andere beliebige Stationen mit einander in Correspondenz treten.

Auf diese Art erfahrt jede Station zu gleicher Zeit, was in Betreff des Bahndienstes auf der Bahn vorgeht, indem an den sämmtlichen Telegraphen-Stationen die Nachrichten gleichzeitig abgelesen werden können.

Außerdem führt jeder Wagenzug einen kleinen Apparat bei sich, mit welchem von jeder Stelle der Bahn, wo ein Aufenthalt des Zugs stattfinden sollte, nach irgend einer beliebigen Station telegraphirt und Antwort in den Eisenbahnwagen selbst zurück erhalten wird. Dieß ist besonders im Winter nöthig, um den Aufenthalt, |73| welchen starker Schneefall verursacht, mit geringstem Zeitverlust zu beseitigen.

Da bei dieser Einrichtung für den Eisenbahndienst die Nachrichten an jeder Station abgelesen werden können, so wird bei der später definitiv einzuführenden Privatcorrespondenz für das Publicum die Einrichtung getroffen, daß diese Correspondenzen nur von den betreffenden und beeideten Beamten verstanden werden können.

Für sehr lange Nachrichten, z.B. Zeitungsnachrichten, kann nebenbei der chemische Drucktelegraph von Bain benutzt werden, womit in einer Minute zwischen 500 bis 1000 Buchstaben gedruckt werden können, nachdem dieselben vorher in Papier gebunzt worden sind, weil dann eine solche lange Nachricht in sehr kurzer Zeit durch die Linie und durch sämmtliche Zwischenstationen geschickt werden kann, ohne daß sie an den Zwischenstationen verstanden wird, und deßhalb wird es nicht nöthig, mit großen Kosten eine zweite Telegraphenlinie anzulegen, eben weil die Zeit, welche für diese chemisch gedruckten Nachrichten erfordert wird, zu kurz ist, um hindernd auf den anderseitigen Dienst des Telegraphen einzuwirken.

Der amerikanische Drucktelegraph von Morse, in seiner bisherigen Gestalt, ist für den Eisenbahndienst nicht gut geeignet. Das Telegraphiren damit geschieht durch Niederdrücken eines Knopfs, wobei durch taktmäßiges Abzählen längere oder kürzere Striche und Punkte auf einem an der die Nachricht empfangenden Station durch Uhrwerk sich fortbewegenden Papierstreifen eingedrückt oder mit Schwärze abgezeichnet werden, welche Striche und Punkte dann die Chiffern eines besonderen Zeichen-Alphabets bilden. Diese Art zu telegraphiren ist selbst für den Eingeübten sehr anstrengend. Durch eine einfache Aenderung des Mittheilers ist jedoch auch dieser Mißstand zu beseitigen, und das Telegraphiren mit diesem Drucktelegraphen wird dann eben so leicht wie mit dem directen Buchstaben- oder Rotations-Telegraphen. Die große Schnelligkeit, welche der chemische Drucktelegraph zuläßt, kann jedoch damit nicht erzielt werden, abgesehen von dem erwähnten Vortheil, denselben neben anderen Einrichtungen gebrauchen zu können, ohne eine zweite Leitung nöthig zu haben.

Außerdem ist der Mechanismus des amerikanischen Telegraphen nicht einfach genug, um für Eisenbahnen mit Vortheil auf vielen Stationen verwendet werden zu können, so wie es auch unnöthig ist, daß jede kurze Dienstnachricht auf allen Stationen aufgedruckt erscheint.

Wie man aus dem Gesagten ersehen wird, handelte es sich bei diesem Telegraphiren nicht bloß um einen einfachen Telegraphen zwischen zwei Orten für Staats- oder Privatnachrichten, wobei eigens angestellte Beamte nöthig sind, und zu welchem Zweck irgend eine oder die andere der bekannten Telegraphen-Apparate, mit welchen schnell telegraphirt werden kann, zu gebrauchen sind, sondern vielmehr um eine praktische und wohlfeile Telegraphen-Einrichtung mit vielen Stationen sowohl für den Eisenbahndienst wie für alle anderen Zwecke, und wobei es nicht unbedingt nöthig ist, in allen Fällen, an allen Stationen, besondere einstudirte Beamte anzustellen.

Es konnten daher auch hier nur solche Apparate in Anwendung kommen, mit welchen jeder der lesen und schreiben kann, zu telegraphiren im Stande ist, und deren Einrichtung die größte Leichtigkeit der Handhabung und Ueberwachung zuläßt.

Die Einrichtung der Batterien ist ebenfalls der Art, daß dieselben Jahre lang ihre Dienste verrichten ohne weitere Aufsicht und Kosten, als ein gelegentliches Auffüllen mit Wasser, während, wie bekannt, andere Batterien für diesen Zweck mit Säuren und kostspieligen Salzen gespeist, öfters gereinigt und unter beständige Aufsicht gestellt werden müssen.

Bei der bald zu erwartenden Vollendung der Bahn bis Paris können Privaten binnen wenigen Minuten eine Nachricht dorthin geben und zurück erhalten, ja sogar bis London correspondiren, wenn der unterseeische Telegraph zwischen Frankreich und England gelingen sollte. W. Fardely. (Eisenbahn-Zeitung, 1850 Nr. 35.)

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