Titel: Ueber Gillard's Anwendung des reinen Wasserstoffgases zur Beleuchtung; von J. W. Hodgetts in Manchester.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1850, Band 118/Miszelle 4 (S. 155–157)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj118/mi118mi02_4
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Ueber Gillard's Anwendung des reinen Wasserstoffgases zur Beleuchtung; von J. W. Hodgetts in Manchester.

Das nach Gillard's (im polytechn. Journal Bd. CXVI. S. 222 beschriebener) Methode bereitete Wasserstoffgas liefert ein sanftes angenehmes Licht (von intensiver Hitze begleitet), wenn man es durch einen Argand'schen Brenner leitet, welcher mit einer Art Gehäuse (Docht) aus feinem Platindraht versehen ist, das noch ein wenig über die Spitze der Flamme hinaufreicht. Sobald man das Gas angezündet hat, wird das Platin glänzend weißglühend. Ob jedoch das schöne Licht, welches man nach diesem sinnreichen Verfahren erhält, mit Vortheil zur allgemeinen Beleuchtung angewandt werden kann, dieß hängt von zwei Umständen ab, nämlich von seinen Gestehungskosten und seiner Leuchtkraft.

Die Gestehungskosten des Gases sind offenbar zu groß. Der Apparat zur Gewinnung desselben besteht 1) aus einem Dampfkessel und 2) aus einer gewöhnlichen Gasretorte von 12 Zoll Durchmesser und 5 Fuß Länge; beide müssen natürlich einzeln geheizt werden. Den Boden der Retorte belegt man mit Holzkohlenpulver und einige Zolle über demselben wird durch die Retorte ein Dampfrohr von 3/4 Zoll Durchmesser geführt, welches an der unteren Seite mit mehreren Reihen sehr feiner Löcher versehen ist. Nachdem das Kohlenpulver intensiv erhizt ist, läßt man den Wasserdampf eintreten, welcher zersetzt wird, wobei Kohlensäure und Wasserstoff entstehen. Gillard behauptet daß kein Kohlenoxydgas gebildet wird, so lange der Wasserdampf in Ueberschuß vorhanden ist. Dieses zugegeben, erhält man auf 1 Raumtheil kohlensauren Gases 2 Raumtheile reines Wasserstoffgas; auf je 2 Gewichtstheile Wasserstoff müssen daher 22 Gewichtstheile Kohlensäure in den Reinigungsapparat übergehen, welche 28 Theile reinen Kalk zu ihrer Absorption erfordern. Zur Erzeugung dieses Gases muß man also zwei Feuer unterhalten und da ein Drittel seines ganzen Volums oder eilf Zwölftel seines Gewichtes aus Kohlensäure bestehen, so müssen diese durch mehr als ihr eigenes Gewicht gebrannten Kalk neutralisirt werden. Dieses Verfahren ist jedenfalls kostspielig, weil man weder Kohks noch einen sonstigen verkäuflichen Rückstand erhält. Hr. Wilson, Direktor der chemischen Fabrik des Hrn. Kurtz (in Manchester) versichert mich, daß er 400 Kubikfuß Gas in einer Stunde von 7 1/2 Pfd. Kohlenpulver erhalten kann. Aus den Retorten zieht das Gas durch die gewöhnlichen Condensatoren und die Reinigungsapparate mit trockenem Kalkhydrat in den Gasometer.

Ich komme nun auf die Leuchtkraft des Gases. In der Wohnung des Hrn. Kurtz hängt in der Mitte eines Gesellschaftszimmers von 30 Fuß Länge auf 12 Fuß Breite ein Armleuchter mit drei Argand'schen Brennern und an einem Ende des Zimmers noch ein solcher mit zwei Brennern; jeder Brenner verzehrt stündlich 6 1/2 Kubikfuß Wasserstoffgas. Dieses Zimmer ist keineswegs gut beleuchtet und der allgemeine Eindruck der Beleuchtung sowie die Schwierigkeit kleinen Druck zu lesen, machten es mir höchst wahrscheinlich, daß jeder Brenner weniger Licht gibt als eine gewöhnliche Manchester flache Gasflamme welche nur halb so viel Kohlengas verzehrt. Bei einen zweiten Besuch verglich ich mit Beihülfe des Hrn. Wilson den Schatten des Gases, welches mit einer Geschwindigkeit von 6 4/10 Kubikfuß per Stunde durch den Gasmesser ging, mit dem Schatten einer Compositionskerze wovon sechs 1 Pfund wiegen. Dieser Vergleich war aber schwierig mit Genauigkeit anzustellen, weil die Schatten in der Farbe außerordentlich verschieden sind. Unsere Resultate ergaben eine Entfernung welche von 2 Fuß 9 Zoll bis 3 Fuß differirte, während das Gaslicht 6 Fuß 6 Zoll vom Gegenstand entfernt blieb. Nimmt man als Mittel dieser Beobachtungen 34 1/2 Zoll gegen 78 Zoll an und quadrirt diese Zahlen, so findet man daß ein Gillard'sches Licht, welches 6 1/2 Kubikfuß Wasserstoffgas per Stunde (nach der Angabe des Gasmessers) verzehrt, dem Licht von 5 1/3 Compositionskerzen gleich kommt, oder ziemlich genau demjenigen der gewöhnlichen flachen Gasflamme von Manchester oder Salford, welche stündlich 3 Kubikfuß Cannelkohle-Gas verzehrt. Da also vom Wasserstoffgas das doppelte Volum des Cannelkohle-Gases verbraucht werden muß, um dieselbe Lichtstärke zu erzielen, so muß man für Gillard's Beleuchtungssystem den Gasometern und Straßenröhren auch die doppelte Capacität der bisherigen geben; Hr. Gillard müßte folglich beweisen können, daß er sein Gas, von welchem ein Drittel im Kalkreiniger verdichtet werden muß, um so niedrigen Preis zu produciren |157| vermag, daß dadurch die Auslagen für Gasometer und Leitungsröhren des doppelten Inhalts ausgeglichen werden, (Journal of Gas lighting, Oktober 1850, Nr. 21.)

Die Gewinnung des Wasserstoffgases nach Gillard's Methode dürfte in Zukunft verschiedene technische Anwendungen finden (z.B. als Reduktionsmittel), wenigstens unter Umständen (z.B. auf Hüttenwerken), wo die entweichenden Verbrennungsproducte von Oefen zum kostenfreien Heizen des Dampfkessels und der Retorten, sowie zum wiederholten Brennen des zur Absorption der Kohlensäure verwendeten Kalks benutzt werden können.

Als Anhaltspunkte zur Berechnung der Gestehungskosten des Wasserstoffgases unter gewöhnlichen Umständen, theilen wir aus einem lithographirten Circular von Gillard folgende Daten mit:

Mit zehn gußeisernen Retorten, welche in einer Gasanstalt in 24 Stunden 800 bis 900 Kubikmeter Kohlengas liefern, kann man in demselben Zeitraum 1300 bis 1400 Kubikmeter Wasserstoffgas erzeugen. Jede solche Kohlengas-Retorte verbraucht 6 Hektoliter Steinkohlen, die in Kohks verwandelt, von denen aber über 2/5 zum Heizen des Ofens verwendet werden, daher nur 3/5 zum Verkauf übrig bleiben. Es reichen dagegen 15 bis 16 Hektoliter Kohks zum Heizen der zehn Retorten (für Wasserstoffgas) und beiläufig dieselbe Menge Kohlenpulver als Zersetzungsmittel des Wasserdampfs hin, um wenigstens 1300 Kubikmeter Wasserstoffgas zu produciren. Der Druck im Dampfkessel muß auf 3 Atmosphären gesteigert werden, so daß der Dampf eine Temperatur von beiläufig 112° R. erlangt (es wäre offenbar zweckmäßig den Dampf nach seinem Austritt aus dem Kessel zu überhitzen, um das von ihm mitgerissene Wasser zu verdampfen); um 10 Kubikmeter Gas erzeugen zu können, muß der Kessel 9 bis 10 Kil. Wasser verdampfen. Aus dem Dampfkessel leitet man den Dampf mittelst eines kupfernen Rohrs in die Retorte; aus einem durch die ganze Länge der Retorte sich erstreckenden gußeisernen, unten durchlöcherten Rohr strömt der Dampf dann auf das weißglühende Kohlenpulver aus. Durch Absperren des Hahns am Dampfrohr zunächst der Retorte kann man die Operation jeden Augenblick unterbrechen. ∆

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