Titel: Die großen Westminster-Gaswerke und die Konsumtion des Leuchtgases in England.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1850, Band 118/Miszelle 4 (S. 431–432)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj118/mi118mi06_4

Die großen Westminster-Gaswerke und die Konsumtion des Leuchtgases in England.

Die Besichtigung der großen Westminster-Gaswerke wurde mir durch die Gefälligkeit des Hrn. G. Löwe, Director derselben, gestattet, und der ebenso unterrichtete als gefällige Ingenieur Hr. H. Gore opferte mir viele Stunden und ließ nichts unversucht, um mich mit allen Details dieses vortrefflich eingerichteten Etablissements bekannt zu machen. In demselben werden nicht weniger als 2 Mill. engl. Kubikfuß Gas (1,792,794 W. Kubikf.) täglich erzeugt, für welche 18 Gasbehälter (Gasometer) vorhanden sind, die jedoch zusammen nur 1,100,000 Kubikf. Gas (98,603 W. Kub. Fuß) fassen, da das übrige während des Füllens verbraucht wird. Einige dieser Gasometer fassen nicht weniger als 259,000 Kub. Fuß (232,167 W. Kub. Fuß.). Die Oefen sind für 500 Retorten eingerichtet, deren jede um Mittel 1 1/4 Tonne (23 W. Centr.) wiegt und 5 Pf. St. kostet. Die Reinigung des Gases wie jetzt allgemein |432| durch Kalkhydrat bewerkstelligt, von dem 1 Bushel (0591 Wien. Metzen) für 12,000 Kub. Fuß (10,757 W. Kub. Fuß) Gas ausreicht.

Zwischen dem zum Kühlen und Absetzen des Theers bestimmten Röhrensysteme und den Kalkgefäßen ist eine Luftpumpe (Exhaustor) angebracht, welche durch eine Dampfmaschine in Bewegung gesetzt wird, und dazu dient, das Gas in die Gasometer zu pumpen und so den Druck desselben auf die Retorten zu vermindern, damit es bei den unvermeidlichen Fugen derselben nicht entweiche. Nachdem das Gas aus den großen Gasmessern austritt, muß es durch einen wenigstens vier Klafter hohen Cylinder gehen, der Kohks enthält, die mit kohlensaurem Ammoniak getränkt sind, was ein sehr wirksames Mittel ist, die letzten Spuren von Verunreinigung zu entfernen. Auch ist bei den Kästen, in welchen sich der Kalk befindet, ein durch die Dampfmaschine in Bewegung gesetzter Saugapparat angebracht, mittelst welchem die atmosphärische Luft nach abwärts auf den Kalk gedrängt wird, was für die Arbeiter, welche das Wechseln des Kalks zu besorgen haben, eine außerordentliche Erleichterung ist.

Aus den sämmtlichen Gasometern strömt das Gas in sehr sinnreich eingerichtete, selbstregistrirende Apparate, durch welche die Vertheilung regulirt und controlirt wird.

Bis zu welchem Grade die Consumtion des Leuchtgases in England gestiegen ist, kann man daraus sehen, daß nach Hrn. Lowe in London allein jährlich in 22 daselbst bestehenden Gasfabriken 500,000 Tonnen (9,071,750 W. Centr.) Kohlen zu diesem Behufe verbraucht werden. Die Menge des jährlich daselbst erzeugten Leuchtgases beträgt 4500 Millionen Kub. Fuß (nahe an 4034 Mill. W. K. F.), es strömen also täglich nicht weniger als zwölf und eine halbe Million K. F. (11 Mill. und 200,000 N. K. F.) Leuchtgas durch etwas mehr als eine halbe Million Brenner aus, und das Röhrensystem, in welchem dieses Gas circulirt, hat in London allein eine Länge von 1800 engl. oder nahe 450 deutschen Meilen. Das durch diesen Industriezweig in London allein in Bewegung gesetzte Capital beträgt 4 Millionen Pfund Sterling.53) Die Menge der in den gesammten Gaswerken Londons gewonnenen Kohks beträgt 500,000 Chaldrons (etwas über 10 1/2 Millionen W. Metzen), von denen 125,000 (etwas über 2 1/2 Millionen Metzen) in den Gaswerken selbst verbraucht werden, die übrigen kommen als gesuchtes Brennmaterial in den Handel. Es gibt jetzt in England keine Stadt von mehr als 4000 Einwohnern die keine Gasbeleuchtung besitzt, dafür beträgt aber auch die Menge von Steinkohlen, welche zur Gaserzeugung verbraucht werden, 6 Millionen Tonnen, und das zur Erzeugung des Gases dienende Capital übertrifft 15 Millionen Pfund Sterling. Bei allen diesen Angaben ist jedoch noch nicht gerechnet, daß, wie ich mehrfach zu sehen Gelegenheit hatte, in vielen Fabriken das Gas zum eigenen Gebrauche selbst erzeugt wird, da glücklicherweise in England keinerlei Art von Monopol in dieser Beziehung besteht. Prof. Schrötter. (Aus dessen Bericht über seine Reife nach England, durch die Zeitschrift des niederösterreichischen Gewerbvereines, 1850 Nr. 48.)

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100 englische Kubik-Fuß Gas kosten in London 36 kr. C. M., während bei uns je nach der Größe des Verbrauches 36–43 kr. für dieselbe Menge bezahlt werden.

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