Titel: Kellermann's Anleitung zum Färben der Knochen.
Autor: Kellermann, Johann Christoph
Fundstelle: 1851, Band 120, Nr. XCVI. (S. 438–450)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj120/ar120096

XCVI. Anleitung zum Färben der Knochen; von Professor Johann Christoph Kellermann in Nürnberg.

Durch den hiesigen Gewerbeverein wurde im Spätherbste des Jahres 1849 die Einführung eines sichern Verfahrens, verschiedenen Kunstproducten aus Knochen und Elfenbein eine schöne rothe Farbe zu geben, als eine dem Beindrechsler-Gewerbe nützliche Sache wiederholt bezeichnet.

Ich hatte damals eine Methode, eine schöne Scharlachfarbe auf Gegenstände aus Knochen zu fixiren, zwar schon aufgefunden, doch schien sie mir wegen der Umsicht, mit welcher gearbeitet werden mußte, wenn ein guter Erfolg erzielt werden sollte, zur Einführung bei den Gewerben noch nicht reif zu seyn. Deßhalb nahm ich die durch eine andere Arbeit unterbrochenen Versuche wieder auf, und fand dabei einen Weg, der zuverlässig und schnell zum Ziele führt.

Einige hiesige, ihr Geschäft schwunghaft betreibende Drechslermeister, denen ich dieß Verfahren mittheilte und welche die ersten Versuche unter meiner Anleitung anstellten, liefern nun seit Anfang des vorigen Jahres prachtvoll scharlachgefärbte Schachspiele zu Hunderten in den Handel.

Zuerst werde ich, die allgemeinen Grundsätze der Färberei bezüglich des Verhältnisses, in welches Farbstoffe und Beizen (Befestigungsmittel) zu der organischen Faser beim Färben treten, als bekannt übergehend, das Wesentliche der Theorie der Knochenfärbung, sowie die Beschreibung der anzuwendenden Befestigungsmittel und Farbstoffe, der Mittheilung des praktischen Verfahrens beim Rothfärben vorausschicken. Am Schlusse wird noch die Application anderer Farben besprochen werden.

Zur Befestigung der Beizen auf die organische Faser sind folgende Verfahrungsarten die üblicheren:

1) man taucht den zu färbenden Gegenstand in das kalte oder erwärmte Beizbad, bevor man ihn in die Färbeflüssigkeit bringt;

2) man vermischt die Beize mit der Färbeflüssigkeit und taucht den Gegenstand ein- oder mehreremale ein.

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Beim Knochenfärben fand ich die getrennte Behandlung, nämlich das Beizen dem Ausfärben vorausgehen zu lassen, für sicherer, namentlich für die Application von zartem Scharlachroth.

Eine wesentliche Manipulation bei der Knochenfärberei besteht darin, daß die aus den entfetteten Knochen gedrehten, geschliffenen, aber noch nicht polirten Gegenstände, vor dem Auftragen der Beize und Farbe mit verdünnter kalter Salpetersäure (Scheidewasser), oder mit reinem, kochendem Essig in einem Gefäße von gutem Porzellan oder Glas (die Glasur der Töpferwaaren, gewöhnlich viel Bleiglätte enthaltend, würde durch diese Säuren angegriffen) kurze Zeit behandelt werden.

Die Knochen sind bekanntlich aus zwei wesentlich verschiedenen Hauptbestandtheilen zusammengesetzt, nämlich aus einem organischen Gewebe (dem Knorpel und den Gefäßen) und aus einem unorganischen Theile (der Knochenerde).

Nach Berzelius enthalten 100 Gewichtstheile Ochsenknochen

Gewichtstheile
a) an organischer Substanz (Knorpel und Gefäße) 33,30
b) an unorganischen Bestandtheilen und zwar an basisch phosphorsaurer Kalkerde mit etwas Fluorcalcium
an kohlensaurer Kalkerde
an phosphorsaurer Magnesia
an Natron und sehr wenig Chlornatrium
57,35
3,85
2,05
3,45
66,70
––––––––––––––––––––––––––
a und b zusammen 100,00

Hieraus ist ersichtlich, daß ungefähr ⅔ der Knochenmasse aus unorganischer Materie, die sich durch einen überwiegenden Gehalt an Kalksalzen (61,20 Proc.) auszeichnet, und nur ⅓ derselben aus organischer Substanz besteht, welches Verhältniß jedoch bei verschiedenen Knochen desselben Thieres und bei verschiedenen Thierclassen veränderlich ist.86

Diese verhältnißmäßig große Quantität unorganischer Stoffe aber, welche die Knochen der verschiedenen Thierclassen enthalten, erschwert |440| die Befestigung der Farbstoffe auf Knochen und Elfenbein. Denn daß bloß die organische Masse der Knochen ihre leichte Färbung bedingt, kann nicht bezweifelt werden. Behandelt man daher die fertigen und geschliffenen Waaren aus Knochen mit einer solchen verdünnten Säure, welche die Knochenerde, insbesondere den phosphorsauren Kalk, leicht auflöst und welche mit Kalk eine in Wasser leicht lösliche Verbindung gibt, so wird auf der nach Außen zu bloßgelegten Knorpelsubstanz Beize und Farbe sich fixiren können. Nicht minder ist der dadurch bewirkten Entfernung des vielen Kalks (der mit den Farbstoffen, selbst wenn sie im Ueberschusse vorhanden sind, nie glanzvolle, sondern matte [todte] Farben gibt) von der äußersten Schicht der Knochenoberfläche, der Glanz und die Lebhaftigkeit der Farben zuzuschreiben, welche der bloßgelegte organische Theil der Knochen, gleich der Seide und Wolle, als sehr wenig erdige Theile haltender thierischer Faserstoff, bei der Färbung erhält.

Die verdünnte Salpetersäure, mit etwas Weinsteinsäure versetzt, habe ich zu diesem Anbeizen im Allgemeinen am zweckdienlichsten gefunden. Sie muß aber in solcher Verdünnung angewendet werden, daß sie auf der Zunge nur etwa den Eindruck eines scharfen Essigs hervorbringt; auch ist zu hohe Temperatur zu vermeiden, weil sonst auch thierische Materie aufgelöst würde.

Sind nun die zu färbenden Gegenstände aus Knochengebilden so weit zubereitet (angebeizt), so werden sie mit einem der nun zu beschreibenden Beizmittel behandelt.

Als Beizmittel wenden wir an:

1) das salzsaure Zinnoxydul oder krystallisirte Zinnchlorür (im Handel unter dem Namen Zinnsalz vorkommend). Dieses Salz, an der Luft schon feucht werdend, ist sehr löslich in Wasser, wird aber bei seiner Auflösung in Wasser zersetzt in saures lösliches und in basisches unlösliches Salz, welches sowohl zur Faser, als zu den Farbstoffen eine starke Anziehung äußert und weiß von Farbe ist. Die trübe (milchichte) Auflösung wird durch Zusatz von etwas Salzsäure geklärt.

Obgleich dieses Salz im Handel gewöhnlich ziemlich rein vorkommt, so werde ich für diejenigen, welche mit Sicherheit jedesmal ein günstiges Resultat erlangen wollen, ein Verfahren zur Bereitung des von mir angewendeten Zinnsalzes in flüssiger Form angeben:

In einen gläsernen Kolben, mehr als hinreichend groß, bringe man etwa 4 Loth (1 Loth bayer. = 17½ Grammen) feines englisches |441| Zinn (möglichst zerkleinert) und 12–15 Loth eisenfreie Salzsäure87 von circa 1,15 spec. Gewichte; erwärme den Kolben im Sand- oder Wasserbade so lange, bis das Metall von der Säure nicht mehr angegriffen wird (keine Bläschen mehr aufsteigen). Dann setze man zur erkalteten Auflösung etwa 1½ Schoppen (1 Schoppen bayerisch = ¼ Liter reichlich) weiches Wasser, filtrire nun durch ungeleimtes Papier (Filtrirpapier) und bewahre die filtrirte Flüssigkeit in einem gut verschlossenen Glase zum Gebrauche auf. Man thut wohl, in das Glas noch ein Stückchen Zinn zu bringen.

2) Die schwefelsalzsaure Zinnauflösung ist dem Zinnsalz vorzuziehen, da sie keine ätzenden Einwirkungen auf den thierischen Theil der Knochen zeigt, in Berührung mit der organischen Faser sich sehr leicht zersetzt und den Farben mehr Lüstre ertheilt, und dieß unstreitig deßhalb, weil die auf der Oberfläche der Knochen durch das Anbeizen mit Salpetersäure hergestellte dünne äußerste Schicht von thierischer Substanz durch die erste Einwirkung dieser Beize nicht vergrößert wird (indem die leicht sich bildende, selbst in vielem und reinem Wasser spärlich sich auflösende Verbindung der Schwefelsäure mit dem Kalke der Knochenerde von der Oberfläche der Knochen nur langsam in die verdünnte Beize übergeht) und somit nach dem Färben ihr Volumen durch Eintrocknen (Zusammenziehen) nicht in dem Grade vermindern kann, daß die in ihr sitzenden Farbetheilchen, welche bei günstigen Umständen dem Auge als eine volle feurige Farbe sich darbieten, durch Verdichtung eine dunkle, oft bis ins Schwarze gehende Farbe zeigen würden.

Sie entsteht, wenn man in einem geräumigen gläsernen Kolben (in Ermangelung eines solchen kann ein Gefäß aus Porzellan oder Steinzeug dazu genommen werden) 4 Loth fein gekörntes, reines Zinn mit 6 Loth eisenfreier, gewöhnlicher Salzsäure übergießt und etwa nach einer Stunde 3 Loth concentrirte Schwefelsäure in kleinen Portionen zusetzt. Es wird Wärme erzeugt, und das Zinn löst sich anfangs mit Heftigkeit auf; da aber die Einwirkung der Säuren auf noch ungelöstes Zinn mit zunehmender Concentration der Auflösung abnehmen würde, so erwärmt man die Flüssigkeit so |442| lange im Sandbade, bis keine Gasblasen mehr entwickelt werden. Man läßt nun das Ganze abkühlen, versetzt es dann mit etwas Wasser (ungefähr mit 6 Loth — 6 Eßlöffel voll —), gießt die Auflösung von dem Bodensatze ab und verdünnt sie noch mit 20 Loth oder 1¼ Schoppen Wasser. Diese Auflösung wird ebenfalls in einem gut verschlossenen Glase zum Gebrauche aufbewahrt.

3) Den Alaun bringen wir beim Rothfärben der Knochen nur insofern in Anwendung, als wir ihn mit Weinstein versetzt dem Cochenille-Auszuge in sehr geringer Quantität zur Veränderung des Pigments beifügen. Die Bereitungsart der aus beiden Salzen zusammengesetzten Flüssigkeit aber ist folgende:

Man löse ein halbes Loth eisenfreien gewöhnlichen Alaun in einem halben Schoppen und ein Quint feinzerstoßenen Weinstein (Cremor tartari) in einem Schoppen siedenden Wassers auf, gieße beide Auflösungen zusammen und filtrire die heiße Mischung. Diese wird in verschlossenem Glase aufbewahrt und nach unten folgender Anweisung gebraucht.

Zur Fixirung einer schönen beständigen Scharlachfarbe, d. i. einer Mischung (Verbindung) von Roth und Gelb mit schwachgelblichem Blick, auf Knochen und Elfenbein haben sich mir für die Anwendung im Großen nach mehreren Versuchen folgende Farbematerialien am besten bewährt, und zwar

A. Zu Gelb:

1) Der Wau (Reseda luteola, Wauresede). Man kocht den Wau so lange (etwa eine Stunde) in weichem Wasser, bis er zu Boden fällt, und seiht die Flüssigkeit durch Leinwand. Es ist nicht vortheilhaft, wenn die Abkochung des Wau bei warmer Temperatur längere Zeit mit der Luft in Berührung bleibt, da sich auf Kosten des gelben Farbstoffs eine im Wau schon fertig gebildete röthliche Substanz noch vermehrt. Man halte sich daher keinen Vorrath von Wauabsud. Wau gibt der mit Zinnchlorür oder Alaun gebeizten organischen Faser nicht nur sehr schöne (citronengelbe), sondern auch dauerhaftere Farben, als Gelbholz, Quercitronrinde u. a. Wau wurde früher viel gebraucht, aber jetzt, nachdem die Quercitronrinde in Gebrauch gekommen ist, findet er fast nur noch in der Seidenfärberei Anwendung.

2) Das Gelbholz aus Brasilien, jetzt noch zuweilen Brasilienholz und alter Fustik (junger Fustik oder Fisetholz heißt das ungarische Gelbholz) genannt, von dem in Westindien und Brasilien wachsenden Färbermaulbeerbaum (Morus tinctoria). Eine Abkochung |443| von Gelbholz (ja Gelbholz selbst) wird unter Einwirkung von Luft und Wärme sehr. leicht ins Rothe verändert und muß deßhalb, wie der Wau, bald nach der Abkochung zum Färben verwendet werden. Das Gelbholz enthält mehr Farbstoff als der Wau, dagegen gibt es nicht das liebliche Gelb wie dieser, sondern die Farbe spielt mehr ins Orange und ist weniger lebhaft. Zur Erzeugung des gelben Grundes habe ich dessenungeachtet die Gelbholzabkochung sehr brauchbar gefunden; sie deckt sehr gut und verbindet sich schnell mit dem Farbstoffe der Cochenille zu einer recht hübschen Nüance von Scharlach, welche der mittelst Wau erhaltenen wenig nachsteht. Da nun überdieß Gelbholz billiger ist als Wau, so wird es wenigstens bei der Färbung von Waaren mittleren Werthes dem Wau vorzuziehen seyn. Ein Absud von 1 Theil Wau und 1 Theil Gelbholz möchte übrigens in jeder Beziehung entsprechen.

B. Zu Roth:

1) Die Cochenille (Coccus cacti). Der rothe Farbstoff der Cochenille in Verbindung mit thierischer Substanz wird gewöhnlich durch siedendes, aber auch manchmal und zwar mit Vortheil durch kaltes Wasser nach und nach ausgezogen. Kalkhaltige Wasser sind hierbei zu vermeiden, da der Kalk wegen seiner Verwandtschaft zum Farbstoffe der Cochenille sich zum Theil mit diesem verbinden und dadurch die Quantität und Qualität des färbenden Elements vermindern würde.

2) Der rothe Carmin, ein Handelsproduct aus der Cochenille. Er ist eine Verbindung aus dem Farbstoffe dieses Insects, aus thierischer Materie und einer zur Fällung angewandten Säure nebst etwas Thonerde. Dieses Färbematerial gibt nach der unten zu beschreibenden Anwendungsweise das feurigste, dauerhafteste und glänzendste Scharlachroth. „Aber das ist ein viel zu theures Material!“ wird man sagen. Ich bemerke hierzu zweierlei:

1. Seine Ergiebigkeit und die Sicherheit und Einfachheit mit der mit ihm im Vergleiche zur Anwendung der Cochenille gefärbt werden kann, reduciren seinen allerdings hohen Preis um Bedeutendes und

2. Jeder, der vergleichende Versuche anstellt und alle Umstände mit in Rechnung bringt, wird am Ende zu einem unvermuthet günstigen Resultate gelangen. Man nehme gerade vom feinsten Carmin, der ein brennendes Roth zeigt und sich ohne merklichen Rückstand in Ammoniak leicht auflöst. Die feinen Sorten sind |444| gewöhnlich nicht verfälscht. Zur Verfälschung sollen übrigens Weizenstärke, Zinnober, Bleiweiß verwendet werden.

Das praktische Verfahren der Färbung nun selbst betreffend, so ist zu bemerken, daß dasselbe in vier aufeinander folgenden Operationen besteht (wir wollen sie durch Anbeizen, Beizen, Grundiren und Ausfärben bezeichnen), welche, wenn Beize und Farbebäder in Bereitschaft sind, ohne Unterbrechung binnen einer Stunde in unten bezeichneter Ordnung nach einander vorgenommen werden können, gleichviel ob die zu färbenden Objecte in größerer oder geringerer Quantität vorhanden sind.

I. Das Anbeizen.

Man lege die gut geschliffenen Gegenstände 20–25 Minuten in ein Gefäß von Porzellan oder Glas, welches etwa bis zur Hälfte mit sehr verdünnter Salpetersäure angefüllt ist, oder: man erhitze ½ Loth Salpetersäure88 (mit 4 Loth Wasser verdünnt) und ½ Quint krystallisirte Weinsteinsäure so lange, bis diese sich vollständig aufgelöst hat, verdünne das Ganze mit so viel Wasser (es wird ungefähr eine halbe Maaß nöthig seyn), daß es die Schärfe eines starken Essigs besitzt, und behandle in dieser Flüssigkeit die zu färbende Waare etwa 20 Minuten.

II. Das eigentliche Beizen.

Man läßt sodann die Waare in einem reinen Weidenkörbchen etwas abtropfen und behandelt sie hierauf mit einem von den auf Seite 440 bis 442 beschriebenen Beizmitteln. Zu dem Behufe kommt in ein anderes passendes Gefäß 1½ bis 2 Schoppen Wasser und dazu entweder

a) ein Minimum des käuflichen Zinnsalzes (ungefähr ein linsengroßes Stückchen), oder

b) 8–12 Tropfen von dem salzsauren Zinnoxydul in flüssiger Form, oder

c) 8–12 Tropfen von der schwefelsalzsauren Zinnauflösung (S. 441 Ziffer 2).

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Man rührt schnell um und bringt die Gegenstände in die kalte Beize, worin sie 10–15 Minuten bleiben. Manchmal, namentlich wenn die zu färbende Waare nicht gut vorbereitet ist, wird es nöthig seyn, die Beize mit den Gegenständen über schwachem Feuer zu erhitzen.

Die gebeizten Gegenstände läßt man wiederum in einem Körbchen abtropfen. War die angewandte Beize nicht dünn genug, so ist es gut, das Körbchen mit der Waare schnell in eine Schüssel mit Wasser zu tauchen, damit das mechanisch anhängende, eine gleichmäßige Färbung verhindernde Zinnoxyd weggewaschen wird.

III. Das Grundiren.

Hierauf gibt man die gebeizte Waare in eine filtrirte heiße Abkochung von Wau oder Gelbholz, oder von beiden zu gleichen Theilen. Auf 1½ Schoppen Wasser wird ½ Loth Wau, oder ½ Loth Gelbholz, oder ¼ Loth Wau mit ¼ Loth Gelbholz hinreichen. Die gelbe Färbung kommt in kurzer Zeit zu Stande, und nun folgt

IV. das Ausfärben.

Die gelb gefärbten Gegenstände werden jetzt in eines der schon zubereiteten Rothbäder — siehe unten lit. a und b — gebracht.

Die Zubereitung und Anwendung derselben geschieht wie folgt:

a) Ungefähr 21 Gran (circa ⅓ Quint) feinzerriebene Cochenille Mesteque wird mit 1–1½ Schoppen Wasser entweder einige Minuten gekocht, oder, was besser ist, nach und nach mit derselben Quantität kalten Wassers ausgezogen (man gießt nämlich zuerst ein Viertel des Wassers zu dem Pulver, rührt um, läßt es 6–12 Stunden stehen, gießt die ausgezogene Farbe in ein reines Gefäß ab, gießt wieder Wasser zu u. s. f.). Der Cochenille-Auszug wird nun in jedem Falle durch ein leinenes Tuch geseiht, bis zum Kochen erhitzt und dann mit 3 Tropfen der Beize aus Alaun und Weinstein, Seite 442 Ziff. 3, versetzt. Das Cochenille-Pigment, wahrscheinlich in verschieden gefärbten Oxydationsstufen in dem Thiere vorhanden, gibt durch Aufgießen mit Wasser eine carmoisinrothe Farbe (Roth mit bläulichem Stich), welche aber mittelst der Weinsteinsäure des angegebenen Zusatzes, indem diese Säure die dunkleren Oxydationsstufen des Pigments zerstört, alsbald in eine |446| gelblichrothe Nüance übergeführt wird.89 In diesen veränderten, noch fast siedenden Extract der Cochenille taucht man nun die aus der heißen gelben Farbe kommenden Gegenstände und beobachtet den Moment, in welchem die rechte Schattirung von Roth sich gebildet hat. Um diese Beobachtung mit Leichtigkeit anstellen zu können, bediene man sich eines sogenannten Durchschlags, d. i. eines Gefäßes (Schüssel) mit seiherartigem Boden, welches in ein anderes, ähnliches, das die rothe Farbe enthält, leicht eingesetzt werden kann. Beide Gefäße dürfen aus ordinärem Töpferzeug, mit guter Glasur versehen, gefertigt seyn. Sollte bei der Ausfärbung eine Nüance mit vorherrschendem Roth entstehen, so tauche man die Waare noch einmal kurze Zeit in das heiße gelbe Bad, oder man lege sie einige Minuten in sehr verdünnte kalte Weinsteinsäure.

b) Ein Messerspitze voll käuflichen Carmins (ungefähr 2 Gran) von feinster Sorte wird unter Umrühren in einem Abrauchschälchen mit 6–8 Tropfen Ammoniak aufgelöst, dann 6 Loth (Eßlöffel voll) weiches Wasser zugegeben, die Mischung einige Minuten gekocht und hierauf mit 1 Schoppen Wasser verdünnt. Die gelbgefärbten Gegenstände werden nun in dieser verdünnten Carminlösung bis zum Kochen der Flüssigkeit erhitzt und so lange darin bei Siedehitze behandelt, bis einzelne herausgenommene sich mit dem rothen Farbstoff zu decken beginnen. Man nimmt nun das Gefäß vom Feuer, läßt das Ganze abkühlen und wird die Waare vollständig und schön gefärbt finden. Will man diese aber nicht bis zur Erkaltung der Flüssigkeit in dem Gefäße liegen lassen, so darf man nur das Kochen länger unterhalten.

Bei der Anwendung des Carmins zum Rothbade kommt Alles darauf an, nicht zu viel von seinem Auflösungsmittel zu verwenden, da sich sonst der rothe Farbstoff schwierig auf die zu färbenden Objecte niederschlägt. Die Ursache von manchmal zu schwach erfolgender Färbung ist fast jedesmal in einem Ueberschuß des Lösungsmittels zu suchen.

Um sicher zu gehen, kann man die Lösung des Carmins in Ammoniak, von welchem letzteren man gewöhnlich zu viel hinzubringt, |447| etwas (ja fast bis zur Trockne) abdampfen, oder einige Zeit stehen lassen und dann erst die oben bezeichnete Quantität Wasser zugeben. Auch ein Zusatz von einem oder einigen Tropfen schwacher Weinsteinsäure kann bewirken, daß die Farbe leichter anfällt. Werden keine groben Fehler gemacht, so gelingt die Arbeit ganz sicher, und es wird diese Art der Ausfärbung, dessen bin ich gewiß, Jedem, der Versuche anstellt, als die brauchbarste sich herausstellen. Es würde daher überflüssig seyn, wollte ich noch weiter anführen, wie zu verfahren ist, wenn man mit gemischten Färbeflotten ausfärben will; man würde dadurch nur einige kurze Manipulationen ersparen, dagegen die Sicherheit in der Erzeugung jedesmal schöner, feuriger Nüancen opfern.

Ehe ich diesen Gegenstand verlasse, bemerke ich noch nachträglich, daß ein sehr brillantes Roth auf Knochen und Elfenbein befestigt werden kann, wenn man bei gehöriger Ausführung der oben bezeichneten vier Operationen, sub Ziffer I, II, III und IV, b, als Beizmittel phosphorsaure Zinnauflösung anwendet. (In anderer Absicht als zu dieser Anwendung hatte ich mir eine solche dadurch bereitet, daß ich aus einer Zinnchlorürlösung mit metallischem Zink das Zinn fällte, es gut auswusch und dieses feinzertheilte Zinn mit kochender, concentrirter Phosphorsäure behandelte u. s. w.)

Carminauflösung, in welcher kein Ueberschuß des Lösungsmittels enthalten ist, gibt, mit weichem Wasser verdünnt, mittelst Zinnbeizen auf den nicht gelbgefärbten Gegenständen aus Knochengebilden ein recht hübsches, lebhaftes Hochroth.

Zum Schlusse dieser Abhandlung will ich nur noch Weniges über die Application einiger anderen begehrten Farben beifügen, da hierüber die chemisch-technische Literatur (namentlich Prechtl's technologische Encyklopädie) Anhaltspunkte darbietet, welche ich bei den hier folgenden Mittheilungen nicht außer Acht gelassen habe.

1) Was Roth betrifft, so wird zu dessen Fixirung ein Decoct von Brasilien (Fernambuk)-Holz mit Cochenille-Zusatz empfohlen. Die erhaltene (rosenrothe) Färbung ist aber nichts weniger als dauerhaft, da mit dem Farbstoff des Brasilienholzes keine licht- und luftbeständigen Farben aufgetragen werden können, und wegen ihres bläulichen Stichs, der von dem nichtmodificirten, ins Carmoisin spielenden Farbstoffe der Cochenille herrührt, gar nicht mehr beliebt. Aeltere Abkochungen von Brasilienholz verdienen übrigens den frisch bereiteten vorgezogen zu werden.

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2) Schwarz können Gegenstände aus Knochen und Elfenbein sehr einfach und mit wenig Kosten auf folgende Weisen gefärbt werden:

a. Das Anbeizen und Beizen geschieht durch eine einzige Operation und zwar entweder mit sehr verdünnter kalter Salpetersäure (hierzu wird die beim Scharlachfärben schon abgestumpfte und mit Kalksalzen verunreinigte Säure, welche nach Umständen etwas angeschärft werden muß, mit Vortheil noch einmal benützt), oder mit siedend heißem scharfem Essig, denen man sehr wenig Alaun und einige rostige eiserne Nägel etwa eine Stunde vorher zugesetzt hat; die zu färbende Waare bleibt in dieser Beize 25 bis 30 Minuten liegen und wird nach dem Herausnehmen mit kochend heißem, etwas concentrirtem Blauholz (Campecheholz)-Absud übergossen.

b. Man behandelt zuerst die zu färbenden Gegenstände mit verdünnter Salpetersäure 25–30 Minuten, legt sie dann mehrere Stunden in eine Auflösung des gelben chromsauren Kali und bringt sie endlich in eine heiße Blauholzabkochung. Dieses Verfahren, wobei das Blauholzpigment durch höhere Oxydation vermittelst der Chromsäure, ohne Gegenwart von Eisen, ein tiefes Schwarz erzeugt, ist sehr einfach, wenig kostspielig und verdient besondere Beachtung.

c. Alles wie bei b, nur wird statt des chromsauren Kali eine Auflösung von schwefelsaurem Kupferoxyd (Kupfervitriol), besser heiß als kalt, genommen.

Nach Prechtl's Encyklopädie kocht man die zu färbende Waare zuerst in einem durch Leinwand geseihten Blauholzabsude und dann in Eisenvitriollösung. Ich brachte auf diesem Wege, wobei das Anbeizen umgangen ist, (wie wohl vorauszusehen war) keine Färbung zu Stande.

3) Gelb:

a Man beizt Knochen oder Elfenbein mit verdünnter Salpetersäure an, legt sie 25–30 Minuten in eine Auflösung von Zinnsalz, oder von schwefelsalzsaurer Zinnauflösung, oder von Alaun, und bringt sie in einen kochend heißen, durch Leinwand geseihten, concentrirten Absud von Wau. Nach kurzer Zeit ist auf der Waare ein sehr schönes, liebliches Gelb befestigt, welches an Beständigkeit nichts zu wünschen übrig läßt.

b. Die angebeizten Gegenstände legt man einige Zeit in eine siedend heiße Auflösung des essigsauren Bleioxyds (Bleizuckers) und dann in eine concentrirte Lösung des gelben chromsauren Kali.

|449|

Nach Prechtl's Encyklopädie werden diese Operationen in umgekehrter Ordnung und unter Kochen vorgenommen; ohne vorausgehendes Anbeizen, welches auch hierbei nicht vorgeschrieben ist, erfolgt die Färbung langsam.

c. Um eine schöne hellgelbe Farbe hervorzubringen, reicht es auch schon hin, Knochen und Elfenbein ungefähr 24 Stunden in eine concentrirte Auflösung des chromsauren Kali zu legen.

4) Blau:

Die Application von schönem Blau auf Knochen und Elfenbein gelang mir nur mittelst des Indigcarmin (blauen Carmin), dessen Bereitung, da er im Handel gut und billig zu haben ist, ich übergehe.

Das Anbeizen, welches hierbei ebenfalls nöthig ist, wenn eine Färbung erfolgen soll, geschieht in diesem Falle besser mit verdünnter reiner Salzsäure, da Salpetersäure, wenn sie nicht verdünnt genug angewendet wurde, die Färbung leicht grün nüancirt. Die angebeizten Gegenstände können nun sogleich in einer wenig concentrirten kalten Auflösung des Indigcarmin in reinem Wasser, ohne Anwendung einer Beize, ausgefärbt werden. Gleichmäßiger färbt sich gewöhnlich die Waare, wenn man sie vor dem Ausfärben mit einem Beizmittel behandelt.

Nachtrag.

Um dem ausführlich und mit Modificationen beschriebenen Verfahren des Rothfärbens der Knochen (Seite 444–447 unter Beiziehung von Seite 440 und 441) auch bei den mit chemischen Operationen wenig Vertrauten und selbst bei denen, die noch gar keine Färbeversuche angestellt haben, Beachtung und Eingang zu verschaffen und ihnen den Anfang zu erleichtern, will ich hier noch in Form einer zusammenhängenden gedrängten Vorschrift diejenige Behandlungsweise anfügen, welche ohne alle Umstände und ganz sicher und leicht von Jedem ausgeführt werden kann, nämlich:

1) Man versetze in einem passenden Gefäße von Glas oder Porzellan ½ Maaß bayerisch (½ Liter reichlich) weiches Wasser mit ¾ Loth bayerisch (circa 13 Grammen) Salpetersäure, bringe die gut geschliffenen Gegenstände (die Quantitäten der anzuwendenden Materialien sind für eine zu färbende Oberfläche berechnet, welche der eines halben Schachspiels ungefähr gleich ist) in diese Flüssigkeit und lasse das Ganze 20 bis 25 Minuten, bei mäßiger Erwärmung |450| aber, weil dadurch die Einwirkung beschleunigt wird, nur 10 bis 15 Minuten stehen.

2) Sodann bringe man die Gegenstände in ein anderes Gefäß, übergieße sie mit ½ Maaß bayer. reinem Wasser, setze dazu unter schnellem Umrühren ein sehr geringes Quantum (etwa von der Größe eines Reiskorns) Zinnsalz (Zinnchlorür) und behandle dieselben 20 bis 30 Minuten in dieser (milchichten) Flüssigkeit.

3) Nach Verfluß dieser Zeit kommen die Gegenstände in eine noch fast siedendheiße und durch Leinwand filtrirte Abkochung von ¼ Loth bayer. (4 2/5 Gramm.) Wau und ¼ Loth Gelbholz aus Brasilien (beide zusammen) in ½ Maaß Wasser. Darin bleiben sie nur so lange, bis sie eine hellgelbe Farbe angenommen haben, welches schon nach 2 bis 5 Minuten der Fall ist.

Hierauf folgt

4) das Ausfärben im Rothbade. Man löst nämlich eine Messerspitze voll käuflichen rothen Carmin (ungefähr 2 Gran) von feinster Sorte in 6 bis 8 Tropfen Salmiakgeist (Aetzammoniak) auf, läßt die Auflösung entweder 1 Stunde offen stehen90, oder erwärmt sie sogleich ein wenig, damit ein etwaiger Ueberschuß des Lösungsmittels sich verflüchtige, setzt sodann ¼ Maaß Wasser hinzu, erhitzt diese verdünnte Carminlösung bis zum Sieden, behandelt darin die gelbgefärbten Gegenstände (bei fortwährender Siedehitze) so lange, bis sie sich mit dem rothen Farbstoffe zu decken beginnen. Nun wird das Ganze noch einige Minuten in Siedehitze erhalten, oder — was besser ist — es werden die Gegenstände 1 bis 2 Minuten in die Anfangs schon gebrauchte verdünnte Salpetersäure und gleich darauf wieder in die noch siedende rothe Färbeflotte gebracht. Nach wenigen Minuten erfolgt eine vollkommene Färbung der Gegenstände, welche man dann sogleich aus dem Gefäße herausnimmt und an der Luft trocknen läßt.

Anmerkung. Aus Theilen zusammengesetzte Gegenstände, wie z. B. Nadelbüchschen, müssen ganz (geschlossen) in den verschiedenen Flüssigkeiten behandelt werden, weil sonst die Zusammenfügung (der Schluß) ungenau wird.

|439|

Die Zähne und das Hirschhorn enthalten dieselben Bestandtheile wie die Knochen. Erstere jedoch, als sehr harte Knochengebilde, sind reicher an Knochenerde. Daß dieses — wie in einigen schätzbaren Werken angenommen wird — auch bei Elfenbein, der Substanz der Zähne, vornehmlich der Stoßzähne des Elephanten, der Fall ist, dem scheint durch die Erfahrung, daß Elfenbein wegen geringerer Härte besser zu bearbeiten ist und mit den Farbstoffen und Beizen sich leichter verbindet, widersprochen zu werden. Nach einer Stelle in dem Handbuche der angewandten Chemie von Dumas würde dieser Widerspruch gehoben; dieselbe lautet: „Auffallend wenig, nämlich nur 53,27 bis 58,95 Proc. Knochenerde wurde in den Stoßzähnen des Elephanten gefunden.“

|441|

Um zu finden ob Eisen in der Säure (aufgelöst) enthalten sey, übersättige man ein wenig von derselben mit Ammoniak (Salmiakgeist); fallen braune Flocken (Eisenoxydhydrat) nieder, so enthält die Säure Eisenchlorid.

|444|

Die unter Ziffer IIV bezeichneten Mengen werden für eine zu färbende Oberfläche, welche der eines halben Schachspiels von mittlerer Größe ungefähr gleichkommt, mehr als hinreichend seyn, so daß sie wahrscheinlich öfter als einmal benützt werden können.

|446|

Zinnsolutionen mit Weinstein können ebenfalls zur Herstellung der gewünschten Nüance gebraucht werden; sie erzeugen jedoch leicht einen Niederschlag, der aus einem Theile des Pigments, welches dann unbenützt verloren geht, in Verbindung mit dem basischen Salze besteht. Freie Weinsteinsäure anzuwenden ist nicht rathsam, da man sehr leicht zu viel hinzubringt.

|450|

Um hier nicht warten zu müssen, löst man den Carmin gleich anfangs auf, d. i. vor der Behandlung der zu färbenden Waare mit verdünnter Salpetersäure.

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