Titel: Ueber das Krystallinisch- und Sprödewerden des Schmiedeisens durch fortgesetzte Erschütterungen; von Prof. Bolley.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1851, Band 120/Miszelle 6 (S. 75–77)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj120/mi120mi01_6

Ueber das Krystallinisch- und Sprödewerden des Schmiedeisens durch fortgesetzte Erschütterungen; von Prof. Bolley.

Daß das Stabeisen in zwei verschiedenen Texturzuständen vorkomme, ist jedem Gisenarbeiter bekannt. Es gibt krystallinisch-körniges Eisen, d. h. solches, welches |76| mehr einen kurzen stahlartigen Bruch hat, und zackiges, sehniges Eisen. Es scheint, daß die sehnige Textur und mit derselben die größere Zähigkeit des Eisens sicherer erreicht werde durch Walzen des Frischeisens, als durch Schmieden desselben. Wenigstens sprechen neben der oft gehörten Stimme der Praktiker dafür die nach unserer Meinung sehr sorgfältig ausgeführten Versuche von Malberg, welche er in den Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen im Jahre 1845 S. 58 veröffentlichte. Der natürliche Zustand des Schmiedeisens ist das krystallinische, mehr körnige Gefüge; dieses wird ihm erst genommen durch Auseinanderziehen oder Breitdrücken der Krystalle vermittelst des Hammers oder Walzwerks in angemessener Temperatur. Dieß Sehnigmachen wird aber nur zu Stande gebracht, wenn die Temperatur die passende ist, und im Ganzen ist hierüber zu sagen, daß wenigstens bei der letzten Ueberarbeitung eines eisernen Werkstückes jede Ueberhitzung vermieden werden muß, wenn man nicht Gefahr laufen will, krystallinisches kurzbrüchiges Eisen zu bekommen.

Es soll nach zuverlässigen Angaben möglich seyn, ein durch Ueberhitzung körnig gewordenes Eisen in einer nachfolgenden Operation durch Ueberhämmern bei ordentlicher Schweißhitze wieder sehnig zu machen.

Diese Verhältnisse scheinen im Ganzen mehr aufgehellt, als das folgende, worüber bis in die neueste Zeit die Controverse schwebte, durch welche einer unserer Correspondenten aufmerksam gemacht, uns die nachstehende Notiz zusandte: Es wird nämlich von einer Seite behauptet, das sehnige Schmiedeisen werde beim Gebrauch, wenn es lange fortdauernden Erschütterungen ausgesetzt wurde, allmählich krystallinisch, körnig, spröde. Dieser Behauptung stellt sich eine große Autorität entgegen: Stephenson, welcher, auf seine eigenen, jedenfalls sehr zahlreichen Erfahrungen sich stützend, in Zweifel zieht daß die Angaben von Greener, schmiedeiserne Wagenachsen würden oft spröde, richtig seyen. Wir haben nicht eigene ganz untrügliche Beobachtungen über diesen Gegenstand zu machen Gelegenheit gehabt, und beschränken uns darum auf Mittheilungen von Thatsachen, welche die Möglichkeit einer Textur-Umwandlung des Eisens zu bestätigen scheinen.

Feldzeugmeister Augustin zeigte in der Versammlung der Freunde der Naturwissenschaften in Wien Stücke von Gewehrläufen vor, die lange in Gebrauch gewesen waren, und welche auf ihren Bruchflächen förmlich deutliche Würfel erkennen ließen.

Die andere, uns von Hrn. Stoker, Schmied in Buron im Kanton Luzern, mitgetheilte Beobachtung lautet, wie folgt: „Die alten Mahlmühlen haben eine Vorrichtung, welche Beutelkölble heißt und die Bewegung vom Mühleisen aus nach dem Beutel vermittelt. Dieser Theil wurde früher von Holz, jetzt von Eisen gemacht. Zwei Blätter von einem 4 bis 5 Zoll breiten, ¾ Zoll dicken Stab (das eine mit zwei Zapfen, die oben und unten in Lagern laufen) werden mit drei ¾ Zoll starken Schrauben zusammengeschraubt, um den eingeschobenen Streichstecken festzuhalten. Nach einigen Wochen Gebrauch springt die eine oder die andere dieser starken Schrauben entzwei, so daß die sehr häufig werdenden Reparaturen schon zu heftigen Auftritten zwischen Schmied und Müller Veranlassung gaben. Letztere behaupten, es sey schlechtes Eisen genommen worden, da es wie Scherben breche, erstere behaupten das Gegentheil. Und wirklich bin ich genau überzeugt worden, daß solche Schrauben vom weichsten Alpbrugger oder Galafinger Eisen, welches im kalten Zustand nach gemachtem Einschnitt kaum zu brechen ist, in ein Paar Monaten des Gebrauchs sich so veränderten, daß es sehr leicht bricht, und zwar mit einem Bruch, wie der feinste englische Stahl. Ich bin erbötig, Muster des blätterigen, so wie des krystallinisch gewordenen Eisens vorzulegen.“

Wenn, wie Eingangs bemerkt worden, die krystallinische Textur des Eisens von zu hohem Hitzegrad bewirkt werden kann, und wenn, wie bei Flintenläufen, theilweise auch bei Wagen- und Locomotivachsen die Hitze vielleicht auch beim Gebrauch neben Erschütterungen ändernd einwirkt; wenn ferner, wie Greener angibt, starke elektrische Ströme den sehnigen Eisendraht in kurzbrüchigen zu verwandeln vermögen (er nimmt auch Elektricitätserzeugung bei den Wagenachsen als Erklärungsgrund zu Hülfe, was nicht genugsam nachgewiesen ist), so ist der letztere von uns gemeldete Fall ein solcher, in welchem von bedeutenden Hitzegraden kaum die Rede seyn kann, denn schwerlich wird das Mühleisen durch das Futter des Bodensteins hindurch von diesem aus eigentlich heiß werden.

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Die Sache ist für den forschenden Physiker sowohl, als für den Praktiker von solcher Wichtigkeit, daß zuverlässige Beobachtungen genau zu sammeln Aufgabe der rationellen Technologie ist. Wir werden solche, die uns mitgetheilt werden, unsern Lesern gern zur Kenntniß bringen. (Schweizerisches Gewerbeblatt, 1850 Nr. 5.)

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