Titel: Ueber Ausbildung der Galvanographie.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1851, Band 120/Miszelle 3 (S. 234–236)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj120/mi120mi03_3

Ueber Ausbildung der Galvanographie.

Wie innerhalb des Weichbildes der Stadt München die ersten Versuche der Lithographie auftauchten, so ist diese Metropole wiederholt die Geburtsstätte einer neuen Erfindung geworden — der Galvanographie. Ein ausgezeichnetes galvanographisches Blatt, welches der Münchener Kunstverein seinen Mitgliedern als Geschenk für 1850 bietet, nach einem Bilde aus der Meisterhand des Directors Ruben in Prag, führt uns den welthistorischen Moment vor, da Columbus des Festlandes von Amerika ansichtig wird, und ist nach dieser neuen technischen Methode von Lithograph Hanfstängel ebenso meisterhaft ausgeführt. Bekanntlich legte schon im März 1840 |235| Professor v. Kobell der bayerischen Akademie der Wissenschaften die von ihm angestellten Versuche galvanoplastischer und zum Abdrucke geeigneter Nachbildungen von Gemälden in Tuschmanier vor. Diese Versuche hatten sich darauf beschränkt, das auf eine Kupferplatte mit consistenter Firnißfarbe aufgetragene Bildchen galvanoplastisch zu copiren, und sofort eine Matrize zu erhalten welche — da die Zeichnung in derselben vertieft erschien — wie jeder andere Kupferstich abgezogen werden konnte. Trotz der fortgesetzten Experimente gelang es nicht dieser glücklichen Idee eine praktische Geltung zu verschaffen. Bei aller technischen Fertigkeit des Künstlers blieb die Reinheit gleicher Töne, Korn und Tiefe unerreichbar, und die Anwendung von Grabstichel oder Radirnadel zu den Conturen vermehrte gegenüber der sonstigen Behandlung mit dem Pinsel die Harmonie der Zeichnung keineswegs. Aber dieß einseitige Mißlingen benahm der Kobell'schen Erfindung die Lebensfähigkeit nicht, und es galt nur den Entschluß die bisherige Technik völlig aufzugeben und zu einer andern zu greifen. Zwei jungen Münchener Künstlern, Schöninger und Freimann. welche, unbeirrt von den mißglückten Erfolgen, diesen Neubruch im Gebiete künstlerischer Thätigkeit fruchtbringend machen wollten. verdanken wir eine neuerfundene technische Behandlung, welche sich nunmehr durch ein entsprechendes Resultat belohnt sieht. Im allgemeinen hat Professor v. Kobell in seiner Broschüre über Galvanographie (München 1846) die ihm hierüber gemachten Mittheilungen veröffentlicht, und nebenbei auch die Bemerkung nicht unterlassen, daß Schöninger die bezeichnete Methode zuerst angewendet habe. Wir wollen aber den ganzen Verlauf der Sache dem kunstfreundlichen Publicum zum Besten geben.

Die unüberwindliche Schwierigkeit welche der Gebrauch des Pinsels und der Farbe bot, ließ auf die Benützung der chemischen Kreide verfallen. Eine analoge Anwendung derselben sollte zu einem ähnlichen Resultate führen wie die Lithographie. Nun galt es vorerst einen körnigen Grund gleich jenem der Lithographiesteine zu gewinnen. Zu dem Ende wurde die zur Zeichnung zu benützende Kupferplatte mit einer durch Terpenthin verdünnten Oelfarbe gleichmäßig tamponirt, auf den trockenen rauhen Grund mit Kreide gezeichnet und die galvanoplastische Copie zum Drucke verwendet. Im Jahre 1843 erschien der erste derartige Versuch, ein Porträt Titians. War aber hiemit auch eine principielle Schwierigkeit, die Erhaltung des Korns, überwunden, so bewies doch ein weiterer Versuch (Christus am Kreuze nach Tintoretto) daß namentlich für größere Gegenstände der Tampon zur Herstellung eines ebenmäßig körnigen Grundes nicht genüge. So verfiel man auf die Roulette. Eine Kupferplatte ward nach allen Seiten vollkommen regelmäßig roulettirt, und die galvanoplastische Copie hievon, auf welcher die Roulettepunkte als ein gleiches erhabenes Korn erschienen, zur Herstellung der Kreidezeichnung verwendet, deren Benützung nunmehr mit der vollendetsten künstlerischen Freiheit geschehen konnte. Je tiefer der Künstler in den Schatten geht, eine desto höhere Kreideschichte lagert sich auf der rauhen Platte ab, und eine desto stärkere Vertiefung erhält die galvanoplastische Copie, welche dann wieder nach Art eines Kupferstiches beim Drucke behandelt wird. Vorher läßt aber die Matrize noch jede Ausbesserung und Vervollkommnung durch Radirnadel, Grabstichel und Polirstahl zu, so daß wir in dieser Methode geradezu die glücklichste Verbindung der Kupferstecher- und Lithographenkunst erkennen, dic beider Vortheile und Schönheiten in sich vereint und überdieß die größte Vervielfältigung zuläßt. Denn jede galvanoplastische Copie erleidet mehr als vierhundert Abdrücke, und ist zur Herstellung einer beliebigen Anzahl von Matrizen geeignet, durch welche eine unendliche Anzahl gleich trefflicher Abdrücke erzielt werden kann. Aber auch noch andere praktische Vortheile gewährt diese Methode. Nicht nur daß der Kreidestrich — unähnlich dem Kupferstiche — schwarz auf der Platte erscheint und im Effect allsogleich beurtheilt werden kann, so hat auch der Künstler keine verfehlte Wirkung durch die verkehrte Uebertragung des Bildes zu gewärtigen.

Noch im gleichen Jahre (1843) erschienen die ersten derartigen Versuche — Raphaels heilige Katharine nach dem Kupferstich von Desnoyers, und dessen Madonna della Sedia — und gaben bei aller sonstigen Unvollkommenheit eine entschiedene Gewährleistung der praktischen Ausführbarkeit dieser Erfindung. Dagegen genossen die Künstler selbst bei all ihrer unsäglichen Mühe und Aufopferung nur eine geringe Unterstützung. Melch. Boisserée war in den letzten Jahren seines Aufenthaltes zu München der einzige der ihnen bei ihren zeitraubenden kostspieligen Versuchen unter |236| die Arme griff. Es galt zur letzten Vollendung zu schreiten — da schien das Unternehmen an der Apathie des Publicums zu erlahmen. Boisserée verließ München; Maler Freimann — den drückendsten Verhältnissen erliegend — endete am Sterbebett den traurigen Roman einer verkümmerten Jugend; nur Schöninger arbeitete in der Stille rastlos fort, und ließ sich's vorläufig an kleinen Bestellungen im Porträtfache genügen, bis endlich im Jahre 1847 der Münchener Kunstverein — nicht ohne viele vorausgegangene Kämpfe — den Künstler durch Zuweisung des Kunstvereinsgeschenkes im größern Maaßstabe unterstützte. So erschien die erste bedeutende Platte nach einem Genrebild von Schön. Wir bescheiden uns bei der hier vorgebrachten Replik daß auch diese noch viel zu wünschen übrig gelassen habe; aber die Technik war bereits zu einem Grad der Vollkommenheit gediehen, welcher das Beste erwarten ließ. Die neueste Zeit rechtfertigte diese Erwartungen. Die von Schöninger angefertigten und herausgegebenen Bildnisse des Königs und der Königin von Bayern, der Grafin v. Bassenheim und zuletzt des jungen österreichischen Monarchen — sämmtlich in Lebensgröße — waren die würdigen Vorläufer des trefflichen Blattes dessen wir oben Erwähnung thaten. Seit dem Jahre 1849 arbeitet Schöninger gemeinsam mit Hanfstängel, welchen er in seine Geheimnisse und Vortheile einweihte. Der Name dieses ausgezeichneten Künstlers und dessen Mittel stellen die möglichste Vollendung und Ausbreitung dieses neuen Kunstzweiges in Aussicht. (Allgem. Zeitung, 1851 Nr. 124.)

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