Titel: Brockedon, über einige Eigenschaften des Kautschuks.
Autor: Brockedon, William
Fundstelle: 1851, Band 121, Nr. XLIV. (S. 191–194)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj121/ar121044

XLIV. Ueber einige Eigenschaften des Kautschuks und deren Anwendungen; von Hrn. Brockedon.18

Aus dem Edinburgh new philosophical Journal, April — Juli 1851, S. 67.

Die Bäume welche am meisten Kautschuk erzeugen, sind Siphonia Caoutschouc, Urceola elastica, Ficus elastica etc.; unter diesen ist die Siphonia Caoutschouc über einen großen District im mittleren Amerika verbreitet und das Product dieses Baumes ist das geeignetste für Kautschukfabricate. Die Ficus elastica wächst zahlreich auf mehr als 10,000 engl. Quadratmeilen in Assam. Die Urceola elastica ist auf den Inseln des indischen Archipelagus sehr verbreitet; sie wächst so schnell, daß sie in fünf Jahren eine Höhe von 200 Fuß und eine Dicke von 20 bis 30 Zoll erreicht; dieser Baum kann, ohne benachtheiligt zu werden, durch Anzapfen in einer Jahreszeit 50 bis 60 Pfd. Kautschuk liefern.

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Einen merkwürdigen Contrast bildet das langsame Wachsthum des Baumes von welchem man die Gutta-percha erhält, welcher erst nach 80 bis 120 Jahren zu seiner Blüthe gelangt; um die Guttapercha zu erhalten, muß man diesen Baum auch opfern; man findet sie im festen Zustande zwischen der Rinde und dem Holz, nachdem man den Baum gefällt hat.

Wenn der Saft der Bäume welche Kautschuk liefern, durch Abdampfen oder Umrühren geronnen ist, so trennt sich das Federharz von dem wässerigen Theil des Safts; beide können dann nicht wieder vereinigt werden, so wenig als die Butter sich mit der Milch vermischen kann, von welcher sie sich abgesondert hat. Während einige Sorten Kautschuk härter als Gutta-percha sind, können andere niemals fest werden, sondern behalten die Consistenz von Vogelleim oder Syrup.

Das sogenannte Vulcanisiren des Kautschuks wurde von Thomas Hancock im Jahr 1843 entdeckt. Taucht man nämlich ein Kautschukblatt in geschmolzenen Schwefel, so absorbirt es einen Theil desselben und der Kautschuk erleidet sogleich einige wichtige Veränderungen in vielen seiner charakteristischen Eigenschaften; der vulcanisirte Kautschuk wird nämlich in der Kälte nicht mehr hart, und kann jedem Wärmegrad, welcher ihn nicht zerstört, ausgesetzt werden ohne zu erweichen; er ist überdieß in den Auflösungsmitteln des gewöhnlichen Kautschuks unauflöslich, während seine Elasticität eine viel größere und eine bleibende ist.

Man erzielt dasselbe Resultat, wenn man mittelst kräftiger Walzen Schwefel in den Kautschuk knetet; oder man kann in den gewöhnlichen Auflösungsmitteln, Steinöl und Terpenthinöl, die hinreichende Menge Schwefel auflösen bevor man sie zum Auflösen des Kautschuks verwendet. Aus dem so behandelten Kautschuk kann man Gegenstände von jeder gewünschten Form anfertigen, um sie dann erst der Temperatur auszusetzen, welche erforderlich ist um die erwähnten Veränderungen in den Eigenschaften des Kautschuks hervorzurufen, nur muß man besorgt seyn daß die Gegenstände während des Erhitzens ihre Gestalt beibehalten. — Eine massive Kugel aus vulcanisirtem Kautschuk von 2½ Zoll Durchmesser nahm ihre ursprüngliche Gestalt vollkommen wieder an, nachdem man sie zwischen zwei Walzen hindurchgezwängt hatte, welche ¼ Zoll von einander entfernt waren. In der That besitzt nur der vulcanisirte Kautschuk die Eigenschaft jede ihm verliehene Form beizubehalten und diese Form auch wieder anzunehmen, nachdem die Gewalt beseitigt ist, welche ihn aus derselben brachte.

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Der Kautschuk hat die Eigenschaft sich bei den Temperaturveränderungen in schwachem Grade auszudehnen und zusammenzuziehen; durch Druck kann er auch verdichtet werden. Ein Kautschukcylinder von 2¼ Zoll comprimirte sich unter einer Belastung von 200 Tonnen um 1/10 und es entwickelte sich dabei viel Wärme.

Hr. Brockedon erhöhte die Temperatur einer Unze Wasser in beiläufig 15 Minuten um 2 Fahrenheit'sche Grade dadurch, daß er die Wärme sammelte welche beim Ausdehnen eines Kautschukfadens frei wurde. Die Wärme-Entbindung beim Ausdehnen des Kautschuks schreibt er der Veränderung im specifischen Gewichte der Substanz zu; von der Reibung kann sie nicht herrühren, weil bei der Zusammenziehung des Kautschuks ebenso viel Reibung wie bei seiner Ausdehnung verursacht werden muß, durch diese Zusammenziehung der Kautschuk aber auf seine anfängliche Temperatur herabsinkt.

Die neuesten Anwendungen der Elasticität des Kautschuks sind folgende:

1) Hr. E. Smith benutzt Röhren von vulcanisirtem Kautschuk als Torsionsfedern für Roll-Jalousien, sowohl für die schwersten Jalousien außerhalb der Häuser, als für die zartesten Kutschen-Jalousien; mit solchen Federn werden auch Uhren und andere Apparate getrieben.19

2) Hr. Hodges hat den vulcanisirten Kautschuk zum Heben von Lasten benutzt; kurze Kautschukstreifen (vulcanized powerpurchases genannt) werden nach einander von einem unbeweglichen Lager herabgezogen und an einer zu hebenden Last befestigt; nachdem eine hinreichende Anzahl dieser Streifen an der Last befestigt ist, wird ihre vereinigte Elasticität letztere vom Boden heben. So heben zehn Streifen, deren jeder eine elastische Kraft von 50 Pfd. hat, 500 Pfd.; jeder Streifen ist sechs Zoll lang und enthält beiläufig 1½ Unzen vulcanistrten Kautschuk; bis zu ihrer Elasticitätsgränze (nicht ihrer Cohäsionsgränze) ausgespannt, werden diese zehn Streifen 650 Pfd. heben.

Diese neue mechanische Kraft — die Anhäufung von Spannkraft — hat man auch mit Vortheil bei Bougsirbooten benutzt, besonders |194| um die Anstrengung der Taue zu verringern, wo mehrere Boote ein Schiff bugsiren.

3) Gespannte Kautschukfedern wurden auch als Wurfkraft benutzt.20 So hat man die Spannkraft des vulcanisirten Kautschuks beim Handbogenschießen angewandt, indem man bloß die Sehne des Bogens elastisch machte; ein solcher Bogen treibt einen 30zölligen Pfeil 170 Yards weit.

Ferner hat man den Kautschuk benutzt, um scheu werdende Pferde im Zaum zu halten — zu Hängebändern für Pferde deren Glieder gebrochen sind — um bettlagerige Personen in Stand zu setzen sich selbst zu helfen etc.

Auszug einer der Royal Institution im März d. I. vorgetragenen Abhandlung.

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Smith's Uhr, welche durch eine Kautschukfeder getrieben wird, im polytechn. Journal Bd. CXVI S. 20.

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Shaw's Windbüchse mit Kautschukfeder, im polytechn. Journal Bd. CXVII S. 349.

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