Titel: Der Häuserbau ohne Steine, ohne Mörtel, ohne Holz; von Joh. Carl Leuchs in Nürnberg.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1851, Band 121/Miszelle 1 (S. 153–157)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj121/mi121mi02_1

Der Häuserbau ohne Steine, ohne Mörtel, ohne Holz; von Joh. Carl Leuchs in Nürnberg.

In einer Nürnberger Zeitung liest man nachstehendes: „Der Brand von Traunstein beingt es in lebhafte Erinnerung. welche Vortheile für den Nationalwohlstand und die Brandversicherungscassen entstehen würden, wenn die auf der Bleiche zur weißen Au hier schon seit Jahren ausgeführte Bauart mit künstlichem |154| Stein allgemeiner würde. Nicht nur daß dadurch drei Viertheile der Kosten erspart werden könuen, ist dieselbe auch feuersicher, besonders wenn die Bedachung mit Theer und Sand mitverbunden ist, da dann dem Feuer jeder Angriff von außen abgeschnitten ist, so wie fast jede Mittheilung nach außen, folglich ein allgemeiner Brand, der eine ganze Stadt in wenig Stunden verzehrt, kaum möglich ist. Wenn niemand — da der, wenn auch falsch verstandene Eigennutz der Bauleute dieser wohlfeilen Bauart entgegen ist — sollten die Brandversicherungskassen durch Prämien zu ihr aufmuntern.

Wir benutzen diese Gelegenheit, um auf diesen schon einigemal besprochenen Gegenstand zurückzukommen, und bemerken nur, daß wir absichtlich denselben so lange unberührt ließen, um die Erfahrung über einige bezweifelte Punkte entscheiden zu lassen. Die bis 1848 in dieser Bauart gefundenen Verbesserungen sind in der Schrift: „Darstellung der Kitte, Mörtel, künstlichen Steine und wohlfeilster Bau von Häusern, Brücken. Wasserbehältern, Dächern etc. Von I. C. Leuchs. Preis 1½ fl. Nürnberg 1848“, beschrieben. Die seitdem gemachten, welche dieselbe einfacher, sicherer und in manchen Fällen den Kalk ganz entbehrlich machen, indem als Bindungsmittel ein anderer Körper angewandt wird, sind noch nirgends beschrieben. Bei den Gebäuden auf der Bleiche zur weißen Au sind übrigens auch alle einzelnen Theile der Gebäude, nämlich: das Fundament, der Keller, die Thür- und Fensteröffnungen, Gewölbe, Brunnen, Schornsteine oder Rauchfänge, Wasserbehälter, Dunggruben und auf dem Dache stehenden unbeschützten Verzierungssäulen aus künstlichem Stein und im Ganzen gearbeitet, das heißt ohne Fugen und Bindungsmittel.

Für den Sachverständigen bedurfte es zwar keines Beweises, daß eine Steinbildung, bei welcher der Gang der Natur nachgeahmt ist, dauerhaft seyn muß. Die alten Felsen verwittern, da sie die Perioden ihres Wachsthums durchgemacht haben. Ein neu gebildeter oder sich bildender Stein erhärtet aber in den ersten Jahrhunderten seiner Entstehung immer mehr. eben weil er erst im Werden ist, nicht bereits im Untergehen.

Auch dieser künstliche Sandstein zeigt in den nun vier bis fünf Jahren seines Bestehens a) im Trocknen, b) in stehendem, c) in fließendem Wasser, d) in Mistjauche, e) im Frost und Wetter, allem Einflusse des deutschen, unbeständigen Klimas ausgesetzt, eine fortwährende Zunahme der Erhärtung, und hat allen diesen schädlichen Einflüssen vollkommen widerstanden. Selbst die frei im Wetter, der Sonne, dem Regen, dem Glatteis, dem Schnee, dem Thauwetter ausgesetzten Dachsteine halten sich vollkommen und besser als natürliche Sandsteine aus (alten) Steinbrüchen sich unter ähnlichen Umständen halten würden.

Der Keller, welcher ganz aus solchem künstlichen Sandstein gebildet ist, und für den man am ersten besorgt seyn könnte, da bei der Feuchtigkeit des Erdreiches das anfängliche Austrocknen, das zur Bildnng des künstlichen Steines mittelst Kalk unter gewissen Umständen nöthig erscheint, nicht gut stattfinden kann, hatte in Folge seiner Tiefe und der beiden letzten regnerischen Jahre häufig 1 bis 2 Fuß Wasser; aber auch dieses schadet der Festigkeit der Mauern nicht, was nebst dem ebenfalls hergestellten Brückenbogen den Beweis liefert, daß auch Feuchtigkeit diesen künstlichen Steinen nicht schadet, wenn die Bedingungen zu ihrer Entstehung gehörig eingehalten werden.

Als diese Bedingungen sind vor allem zu betrachten:

1) Fernhalten aller organischen, namentlich aller Humustheile aus der Mischung, da nur Stein mit Stein haltbar sich einigt, nur Erde mit Erde, nicht Stein oder Erde mit Humus.

2) Möglichst geringe Anwendung des Bindemittels nach dem Vorgang der Natur, welche die Sandsteinkörner im Sandstein mit so wenig Bindemittel vereinigt, daß man das Bindemittel kaum erkennt. (Das Uebermaß des Bindungsmittels ist die Hauptursache der geringen Festigkeit unseres Kalkmörtels.)

3) Möglichst geringe Anwendung von Wasser, da das Wasser an sich den Stein nicht fest macht, sondern nur dazu dient, die auch ohne dasselbe stattfindende Anziehung der sich verbindenden Sand- oder Erdtheile zu beschleunigen.

Diese geringe Anwendung von Wasser, dessen größerer Theil ohnedem chemisch gebunden, also fest wird, ergibt einen großen Vorzug der Gebäude dieser Art, |155| nämlich ihre Trockenheit und ihre geringe Wärmeleitung. Die natürlichen Sandsteine sind an sich feucht, weil sie durch und durch mit Feuchtigkeit geschwängert sind. Sie und die Backsteingebäude erhalten beim Bauen durch die bedeutende Anwendung von Mörtel noch eine Unmasse von Feuchtigkeit. Sie bleiben daher lange, oft immer feucht, während eine Mauer mit künstlichem Stein sogleich trocken ist, und es auch bleibt. Die natürlichen Steine sind an sich gute Wärmeleiter und werden es noch mehr, so lange Feuchtigkeit in ihnen ist. Die Mauern von künstlichem Stein dagegen leiten die Wärme ungleich weniger, da sie aus an sich trockenem und durch die Wasserbindung noch trockener werdenden Material gebildet sind, und da sie keines dicken Ueberzugs mit Mörtel bedürfen. Dieser Vorzug ist in unsern Klimaten so wichtig, daß er allein dem Bau mit künstlichem Stein den Vorzug geben sollte, auch wenn dieser eben so viel Auslagen verursachen würde, und nicht, wie es in der That der Fall ist, eine Ersparung von 75 bis 80 Proc. gewährte.

Uebrigens ist an der oben erwähnten Haltbarkeit der künstlichen Steine um so weniger zu zweifeln, da die Pyramide des Ninus, das Gewölbe des Pantheons, das Kreuzgewölbe in den Bädern Diocletians, der Tempel der Minerva und der Venus in Rom, die Dämme am Arno, mehrere ein Jahrtausend alte Häuser in Toscana, das 84 Fuß weite Gewölbe der Peterskirche in Rom, mehrere römische Wasserleitungen, Brücken, Triumphbogen in Frankreich, Italien, Nordafrika, Kleinasien auf ähnliche Art. wenn gleich nicht ganz so vollkommen, das heißt mit nicht voller Erkenntniß der Bedingungen, worauf es ankommt, gebaut, und nun schon Jahrtausende stehen, während viele aus natürlichem Stein gebaute Denkmäler in ihrer Nähe verwitterten, oder von den Nachkommen zu anderen Bauten abgetragen wurden, was bei jenem aus einem Stück bestehenden, daher nicht in Quadern abspreng- oder zerlegbaren Stein nicht anging.

Aber wird man fragen: Wenn schon vor Jahrtausenden auf ähnliche Art gebaut wurde, warum ist diese Bauart nicht beibehalten worden, warum hat sie sich nicht verbreitet? Wir könnten darauf ganz kurz antworten: weil die Mehrzahl der Menschen blind am Alten kleben, das sie gelernt haben und das sie daher ohne Mühe und Anstrengung „als etwas Gewohntes“ ausüben können.

Wir könnten auch eine andere Frage entgegenstellen. Artesische Brunnen — und ihren hohen Werth wird niemand verkennen — haben die alten Aegypter, die Chinesen, die Nordafrikaner vor und seit vielen Jahrtausenden gebaut, Cassini beschrieb sie 1671, Ramazini 1717; damals bestanden schon viele in Modena und in demselben Jahre wurde einer in Westphalen gebohrt, der noch eine Mühle treibt. Und doch ahmte sie niemand nach. Ist dieser Umstand nun ein Beweis, daß die artesischen Brunnen keinen Werth haben? Oder ist es nicht vielmehr einer, daß die meisten Leute, am Alten klebend, das Neue nicht unterstützen, weil es zufällig nicht von ihnen ausgeht, weil es nicht in ihren Alltagskram paßt, weil es ihre Bequemlichkeit stört.

Indessen gibt es auch noch eine andere Erklärungsart. Die Bauart mit künstlichen Steinmassen war vor Jahrtausenden gekannt, aber nicht bekannt. Die Wenigen welche sie ausführten, waren über die Grundlagen, worauf sie beruht, selbst nicht im klaren, und konnten diese Bauart daher nicht mit Sicherheit ausführen, oder wenn die Praxis ihnen auch das Richtige gelehrt hatte, so hielten sie es nach damaliger Sitte geheim, und ihre Nachfolger und Zeitgenossen wandten sich daher, besonders wenn Versuche die sie machten, mißglückten, stets lieber der keiner weitern Kenntnisse erfordernden, wenn auch theurern und mangelhaften Bauart mit fertigen Steinen zu. Bei der neuen Bauart hätten sie dafür sorgen müssen, daß die Mischung genau und gehörig gemacht wird — und die Grundlagen, worauf diese Mischung beruht, wodurch sie ihren Werth erhält, waren ihnen nicht einmal bekannt — bei jener reichten sie mit bloßem Zuschauen aus, denn es genügte die fertigen Steine durch Arbeiter aufeinander legen zu lassen!

Wir können auch noch eine andere Thatsache entgegenstellen. Der Bau mit hydraulischem Kalk ist ein Forschritt — wenn er gleich unvollkommen ausgeführt wird, denn warum den theuern hydraulischen Kalk in Massen nehmen, wo man mit demselben als Zwischenglied ausreicht? er ist ein solcher Fortschritt, daß er Brücken und andere Bauten ausführbar machte, die außerdem der Kosten oder der Oertlichkeit |156| wegen unausführbar gewesen wären; daß er in Frankreich allein die wenigen Jahre, welche er nun von Seite der Regierung angewandt wird, 270 Millionen Franken erspart hat — und doch bedurfte es eines dreißigjährigen Kampfes, ehe die Baubehörden sich für ihn erklärten.

Uebrigens hat eine Bauart, die so einfach ist, daß der Bauer ohne Beihülfe eines Zimmermanns, eines Maurers, daß jeder gewöhnliche Taglöhner sie in dem sechsten Theil der Zeit, den ein anderer Bau erfordert, ausführen kann, allerdings einen Fehler in den Augen der Leute von Fach. Sie macht sie und ihre Kunst entbehrlich, sie scheint ihnen als Bauunternehmer, da sie nur 1/5 so viel kostet, ungleich weniger Gelegenheit zu Gewinn zu geben. Aber dieser Fehler ist nur scheinbar, diese Furcht ist ungegründet. Die Wohlfeilheit vermehrt den Verbrauch, sie vermehrt ihn nicht nur im Verhältniß des Herabgehens der Preise, sondern ungleich mehr. Wohlfeilere, gesundere, geräumigere Wohnungen werden daher das Bauen nicht vermindern, sondern im Gegentheil sehr vermehren und es werden bei den wohlfeilen und schnelleren Bauten ungleich mehr Leute beschäftigt seyn, als bei den bisherigen theuern und langsamen; es werden, wenn auch einzelne die Leute von Fach umgehen, hundert andere sie doch benützen, da auch das Einfachste Zeit und Geschick erfordert und gekannt seyn muß; das Volk aber wird namentlich auf dem Lande, nicht mehr in engen ungesunden Wohnungen verbutten, wird nicht mehr nöthig haben Geräthschaften, Holz unter allen Einflüssen der Witterung verderben zu lassen; die Regierungen werden nicht mehr z. B. für die Eisenbahnwärter theure und doch kleine und enge Hütten bauen, in denen ihnen schon in zehn Jahren das mehrverbrannte Holz zweimal mehr kostet, als ein geräumiges, wärmehaltendes Haus an sich kosten wird; endlich muß der steigende Wohlstand selbst, eine nothwendige Folge des am Bauen ersparten Capitals und des durch die verminderten Brände nicht für immer und unwiederbringlich zerstörten, das Bauen vermehren.

Wenn man in Anschlag bringt, wie viele Millionen Gulden nicht nur an Gebäuden, sondern auch an anderen Werthen, jährlich in Deutschland durch Brandunglück zerstört werden, so ergibt sich die Wichtigkeit einer Bauart, welche die Möglichkeit dieses Unglückes auf ein Minimum zurückführt, von selbst. Wenn die Mauern der Häuser ganz aus unbrennbarem Material gebaut sind, so können bloß die hölzernen Fußböden und Vertäfelungen oder aufgehäuften brennbaren Vorräthe dem Feuer Nahrung geben, und wie leicht ist hier ein Brand im Entstehen zu löschen. Wenn die Dächer in ihrer Hauptmasse unbrennbar sind — der fürchterliche Brand von Hamburg fand erst an den flachen mit Theer und Sand gedeckten Dächern die Gränze seiner Verbreitung — so kann sich das Feuer kaum von Haus zu Haus verbreiten, und das Abbrennen ganzer Städte ist unmöglich. Die Assecuranzgesellschaften werden daher, so wie diese Bauart eingeführt wird, ihre Prämien vermindern können und ungleich weniger Verlust haben.

Den Werth der Sache glauben wir durch obiges hinlänglich erläutert zu haben. Nur noch einige Worte über ihre Ein und Ausführung.

Das Schlimmste für alles Neue ist, daß häufig Niemand da ist, der sich desselben speciell annimmt und daß die wenigen Nachahmer ungeschickt oder kenntnißlos sind, und daher die Sache selbst in Verruf bringen, ehe sie noch in Gang gekommen und erstarkt ist. Wer die neue Bauart allgemein machen will, wird dazu kaum die jetzigen Baumeister nehmen können. Ihr Fachstolz wird nicht von den „schön zugehauenen Quadern“ abgehen wollen; ihre zünftige oder büreaukratische Erstarrung nicht zugeben können, daß es eine wohlfeilere und bessere Bauart gibt als die welche sie bisher ausgeführt haben. Es muß daher nothwendig eine Classe von Bauleuten geschaffen werden, die sich bloß der neuen Bauart widmen. Es muß ein Cursus errichtet werden, wo diese praktisch gelehrt wird, damit Sicherheit für richtige Ausführung gegeben ist, damit die Sache nicht schon im Keime verdorben wird.

Es muß eine höhere Unterstützung da seyn; wollen aber auch die Regierungen nichts thun, so sollten doch die Assecuranzgesellschaften jetzt schon Prämien für diejenigen aussetzen, die — namentlich in Gegenden, wo bisher mit Holz gebaut wurde — Gebäude von bestimmter Größe auf die neue Art herstellen, oder auch Gehalte für diejenigen, welche sich ihrer Einführung widmen. Das was ihnen diese kosten, wird |157| ihnen zehn- und hundertfach wieder einkommen. (Aus Leuchs' polytechn. Zeitung, 1851 Nr. 21.)

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